Grußwort zur Eröffnung des Bühler-Campus am 10.11.2010

Donnerstag, 11. November 2010 um 23:36 Uhr

Stephan Wolff, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik

Zunächst möchte ich im Namen des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik den Verantwortlichen Dank sagen für dieses gelungene Gebäude, aber auch für die Art und Weise seiner Fertigstellung. Entstanden sind nicht nur schöne und funktionale Arbeits- und Lehrräume, sondern auch Orte und Möglichkeiten der Begegnung und Vernetzung für Personen, Ideen und Projekte. Räumliche Nähe und räumliche Zugänglichkeit sind im Zeitalter des Internet ja keineswegs obsolet geworden – im Gegenteil. Hervorzuheben in diesem Zusammenhang ist natürlich die Campuseigene Mensa als Ort der körperlichen Reproduktion wie der sozialen Kontaktpflege.
Besondere Anerkennung verdient die zügige Planung und Abwicklung der Baumaßnahme durch Sie, Herrn Hanold und Ihre, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Firmen. Besonders zu schätzen wissen wir Ihrer aller Gesprächsbereitschaft, Freundlichkeit und Rücksichtnahme, welche selbst die bei einem solchen Vorhaben unvermeidlichen Störungen des Lehr- und Institutsbetriebs erträglich gemacht haben.
Die Institute des Fachbereichs III und jene des Fachbereichs I verbindet traditionell die gemeinsame Arbeit im Rahmen der Lehramtsausbildung. Die „Wohngemeinschaft“ zwischen dem Fachbereich III und dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik kam dagegen überraschend. Bei der Gründung dieser „Wohngemeinschaft“ ist es darum auch nicht immer ganz so romantisch zugegangen, wie im Fall unsere Namenspatronen Karl und Charlotte Bühler.

Die Fama weiß zu berichten, dass Charlotte auf die Arbeiten Karls 1914 in der Berliner Universitätsbibliothek aufmerksam geworden war. Einer Freundin sagte sie damals, dieser Mann wolle genau dasselbe wie sie, und sie wüsste gerne, wo er sei. Im Herbst 1915 reiste sie dann für Studien zu ihrer geplanten Dissertation über Denkprozesse nach München. Charlotte ahnte zu jener Zeit nicht, dass Karl Assistent ihres Münchener Lehrers Oswald Külpe am Psychologischen Institut war, zumal dieser auch gerade als Stabsarzt an der Front diente. Nach dem plötzlichen Tod eines anderen Professors am Institut wurde Karl Bühler am 30. Dezember 1915 nach München zurückberufen. Dort übernahm er kommissarisch die Leitung des Instituts, schaute sich unter den neuen Studierenden um und interessierte sich gleich sehr für Charlottes Arbeit – und Person. Bereits zwei Wochen nach seiner Rückkehr hielt der 37-jährige Professor Karl Bühler auf dem Weg durch den Englischen Garten in München um die Hand der 22 Jahre alten Studentin Charlotte Malachowski (wie sie damals hieß) an. Er blieb an einem großen Baum stehen, stellte die Milchkannen, die er trug, auf die Erde, und erklärte, sie sei genau jene, auf die er gewartet habe: eine Frau, die mit ihm seine Interessen teilen könne und die ihn als Mensch anzöge. Am 4. April 1916 feierten Charlotte und Karl Hochzeit. Danach bezogen beide eine Wohnung in Schwabing und stellten dort ihre beiden Schreibtische im Wohnzimmer nebeneinander.
Wie Sprachwissenschaftler und Organisationspädagogen wissen, sind Namen keineswegs Schall und Rauch. Namen sind wesentliche Bezugspunkte der Außen- und Selbstwahrnehmung wie auch der organisatorischen Sinnstiftung und Positionierung. Prozesse der Namensfindung sind daher für gewöhnlich umkämpft und gerade unter relativ fremden und in mancher Hinsicht ungleichen Partnern keineswegs trivial. Von daher ist die relative Kürze und Einvernehmlichkeit in unserem Fall ebenso bemerkenswert wie erfreulich. Offenbar haben sich alle Beteiligte in den beiden Bühlers wiederfinden können.

Die Bezugnahme auf Karl und Charlotte Bühler ist mehr als eine Referenz an bestimmte wissenschaftliche Inhalte oder Wurzeln. Sicherlich: Das Institut für Sozial- und Organisationspädagogik teilt Charlottes Perspektive auf den Lebenslauf als Ganzen - schließlich betreiben wir in verschiedenen Projekten Übergangsforschung und sind  im Hinblick auf Weiterbildung und lebenslanges Lernen mit „Organization Studies“ seit langem aktiv. Auch Charlottes Beiträge zur Etablierung einer Humanistischen Psychologie ebenso wie jene zur Biographieforschung sind für die Ausbildung sozialpädagogischer Handlungskompetenz wie für die Beratungspraxis relevant, die wir uns in Forschung und Lehre auf die Fahnen geschrieben haben. Und natürlich bildet Karls pragmatische Wendung der Sprachpsychologie für die am Institut seit langem beheimatete konversationsanalytische Forschung eine wichtige Traditionslinie.

Fast noch bedeutsamer, insbesondere was eine mögliche und anzustrebende „corporate identity“ des Bühler-Campus als ganzem angeht, erscheint mir aber der Stil, der die wissenschaftliche Praxis der Bühlers des Wiener Psychologischen Instituts, das beide zwischen 1922 und 1938 geleitet haben, auszeichnete.

Hervorstechende Kennzeichen dieser akademischen Lebenswelt waren:
das Bemühen um wissenschaftliche Exzellenz in der Forschung, insbesondere durch die Förderung und Einbindung einer Vielzahl begabter Nachwuchswissenschaftler. Unter den von den Bühlers Promovierten sind so illustre Namen wie Egon Brunswick , Else Frenkel, Hildegard Hetzer, Peter Hofstätter, Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Konrad Lorenz, Karl Popper, Hilde Spiel, Rene Spitz, Edward Tolman und Hans Zeisel.
Stilbildend war weiterhin die Aufgeschlossenheit für die Beiträge unterschiedlicher Disziplinen und methodischer/methodologischer Zugänge (so reichten die von ihnen eingesetzten bzw. akzeptierten Methoden von der Introspektion über Tagebücher, Verhaltensbeobachtung, Fragebögen bis zum Experiment)
Zum Stil des Instituts gehörte eine selbstverständliche Weltoffenheit und Internationalität. Dies zeigte sich insbesondere in dem außerordentlich hohen Anteil ausländischer Studierender (Charlotte berichtet, dass in einem Jahr Studenten aus 18 verschiedenen Ländern an ihren Kursen teilgenommen hätten).
Um schließlich ist da das Engagement für praktische Belange der Sozial- und Bildungspolitik. Besonders berühmt wurde die in mehrfacher Hinsicht bahnbrechende Studie über „die Arbeitslosen von Marienthal“.

Wenn ich nicht irre, sind die jetzigen Stärken, insbesondere aber die zukünftigen Perspektiven unserer „Wohngemeinschaft“ auf ganz ähnlichen Gebieten zu verorten: An Internationalität kann dem Fachbereich III wohl niemand das Wasser reichen. Auch wir im Institut für Sozial- und Organisationspädagogik bemühen uns thematisch wie institutionell um inter- bzw. transnationale Unterstützung und Vernetzung. Beide sind wir stark in der Promotionsförderung engagiert: sie haben das Promotionsprogramm „Interkulturalität“ initiiert, wir betreiben die Graduiertenkollegs „Transnationale soziale Unterstützung“ und „Soziale Dienste im Wandel“, beide gerahmt im Promotionsstudiengang “Sozial- und Organisationspädagogik“. Beide sind wir an Grundlagenforschung interessiert, setzen aber auch einen stark Akzent auf angewandter, problemlösender bzw. Problemlösung unterstützender Forschung. Und auch methodisch und methodologisch scheint es weder bei Ihnen noch bei uns unüberwindbare Voreingenommenheiten oder gar Grenzziehungen zu geben. Von daher sind die Chancen für ertragreiche Diskussionen und gemeinsame Projekte (zu denen es im Bereich von Veröffentlichungen vereinzelt ja schon gekommen ist) als ausgesprochen günstig zu bezeichnen.

Das Institut für Sozial- und Organisationspädagogik wird gemeinsam mit Ihnen daran arbeiten, dass der Bühler-Campus auch von diesem Bühler’schen Geist erfüllt ist. Wenn wir darin nicht nachlassen, ist es mir nicht bange, dass sich an diesem Ort etwas in Mengen einstellen wird, dem Karl Bühler den Namen gegeben und das er folgendermaßen definiert hat:
 „Ein eigenartiges im Denkverlauf auftretendes lustbetontes Erlebnis, das sich bei plötzlicher Einsicht in einen zuerst undurchsichtigen Zusammenhang einstellt.“
In diesem Sinne wünsche ich uns viele und viele gemeinsame „Aha-Erlebnisse“!