Geschichte der Kindheit

Freitag, 12. Dezember 2014 um 18:57 Uhr

Wie viele Seiten wohl täglich in Hildesheim verfasst werden? Die neue Serie „Wortwörtlich" gibt Einblicke in wissenschaftliche Publikationen. Diesmal: Aufwachsen in der Großstadt, in Institutionen und außerhalb der Heimat – die Geschichte der Kindheit. Ein umfassender Überblick über moderne Kindheiten seit 1800 in Europa.

Was wir Kindheit und Familie nennen, habe es nicht immer gegeben, davon geht der französische Historiker Philippe Ariès aus. Diese Gedanken sind über 50 Jahre her. Seitdem ist keine große Geschichte der Kindheit mehr erschienen.

50 Jahre nach Ariès bahnbrechender Studie „L᾿enfant et la vie familiale sous l᾿Ancien régime" erzählen Soziologen, Historiker und Erziehungswissenschaftler auf 500 Seiten die Geschichte der Kindheit noch einmal. Zum Herausgeberteam gehören neben Meike Sophia Baader, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim, auch die Sozialpädagogen Professor Wolfgang Schröer und Florian Eßer. Im Buch „Kindheiten in der Moderne” erzählen sie eine „Geschichte der Sorge". Der Leser taucht ein, etwa in die bürgerliche, die verwissenschaftlichte, die wohlfahrtsstaatliche, die transnationale Kindheit und erfährt mehr über das Aufwachsen in sozialen Bewegungen und Großstädten und nationalsozialistischen Konzentrationslagern (letzterer ist ein Beitrag der Hildesheimer Doktorandin Wiebke Hiemesch).

„Die vorliegende Kindheitsgeschichte konzentriert sich auf die europäische Moderne. Ausgangspunkt bildet die These, dass sich in den jeweiligen Diskursen über Kindheit charakteristische Elemente der jeweiligen Epochen der Moderne wie in einem Brennglas spiegeln. Ob das Kind zum Beispiel als 'heilig', als 'Künstler' oder als 'Turbo-Lerner' und 'Unternehmer seiner Selbst' imaginiert und beschrieben wird, hat wesentlich mit den Grundzügen und Themen der jeweiligen Epochen und den dazugehörigen Leitbildern zu tun“, schreibt das Herausgeberteam der Universität Hildesheim.

Textpassagen aus dem Buch

Um 1900: Die Straßen der Stadt sind die Schule

Die großstädtische Kindheit, Hakan Forsell (Seite 190ff):

„Es gab Kinder, die zwischen mehr oder minder befristeten Aufgaben (Zeitungsjungen, Schuhputzer, Botenjungen), kriminellen oder semikriminellen Aktivitäten (Taschendiebstahl, oder Beschäftigungen im Bereich Varieté und Bordellen) und Betteln hin- und herwechselten. Im Untergrund existierte eine informelle urbane Wirtschaft, die scheinbar völlig jenseits der Aufsicht durch Eltern und die Gesellschaft lag. Einige dieser Kinder besuchten eine Schule und manche hatten sogar einen überdachten Schlafplatz, doch dauerte es bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, bis in größerem Umfang freiwillige und öffentliche Aktionen organisiert wurden, um gegen die soziale Verwundbarkeit dieser Kinder anzugehen.

Tatsächlich war es um 1900 in europäischen Städten en vogue, die Straßen der Stadt als eine Art Schule zu begreifen, als natürliche Heimat für Kinder aus der Arbeiterklasse. In Berlin veröffentlichte der Lehrer Charles Grazza ein Tagebuch über seine 'pädagogischen Expeditionen' zu talentierten Schülern aus den Arbeiterfamilien der Stadt. Pädagogen und Journalisten entdeckten, dass Kinder auf der Straße Dinge lernten, die ihnen keine Schule beibringen konnte. Der Berliner Fotograf Willy Römer porträtierte ihre physische Präsenz, ihre Körperlichkeit und Aufmerksamkeit, den Zusammenhalt und die Überlebenskompetenz. Die Kinder waren überall und sahen und wussten alles, was in ihrer direkten Umgebung geschah."

Eine Kinderkultur entstand, mit Spielplätzen und Kindertheater

Die reflexive Kindheit, Meike Baader (Seite 414 ff):

„Reflexive Kindheit wird durch eine Institutionalisierung der Lebensphase Kindheit bestimmt, die unter anderem in einem Zuwachs an Bildungs- und Freizeitinstitutionen gründet und von Professionalisierungsprozessen der zuständigen Fachkräfte flankiert wird. In den 1970er-Jahren bildete sich verstärkt eine eigene Kinderkultur im öffentlichen Raum – etwa in Form von Spielplätzen, Kindertheatern und Kinderzentren – heraus. Es entstanden jugendkulturelle Räume, die primär geschlechtergemischt waren.

Elterninitiativen protestierten gegen autozentrierte Innenstädte, forderten Spiel- statt Parkplätze und versuchten so, den städtischen Raum für Kinder attraktiver zu gestalten. Die neue Selbstständigkeit der Kinder wurde für immer mehr Eltern zum wichtigsten Erziehungsziel.

Reflexive Kindheit schließt eine Stärkung der Rechtsposition von Kindern ein und den Abbau eines stark hierarchisch konzipierten Generationenverhältnisses. Die Ablösung der 'elterlichen Gewalt' durch die 'elterliche Sorge' im Familienrecht ab 1980 sowie die Durchsetzung eines Rechts auf 'gewaltfreie Erziehung' im Jahre 2000 bringen dies exemplarisch zum Ausdruck. Die Stärkung der Rechtspositionen von Frauen und Kindern seit den 1970er-Jahren verändert die Generationen-, Geschlechter- und Familienverhältnisse fundamental. Die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung führt schließlich zur Möglichkeit der Planung von Kindern bzw. zur Frage 'Kinder oder keine und wann'."

Reisende Diplomatenkinder werden als kleine Weltbürger bezeichnet

Die transnationale Kindheit, Nicole Himmelsbach, Wolfgang Schröer (Seite 492ff):

„Wir finden vielfältige Initiativen, Politiken und Märkte, die gerechtere oder erfülltere Kindheiten versprechen. Seit vielen Jahren wird der grenzüberschreitende Aktionsradius von Kindern in ganz unterschiedlichen Kontexten beschrieben, die sogenannte Zirkulation von Kindern in Afrika und Lateinamerika, Migrationsbewegungen arbeitender Kinder und Kinderflüchtlinge. Reisende Kinder von Diplomaten oder Geschäftsleuten werden als kleine Weltbürger bezeichnet. Kinder, die zum Beispiel nationale Grenzen überschreiten, um zu arbeiten oder zu flüchten, bezeichnet man dagegen weniger als Weltbürger, sondern eher als Opfer ihrer Lebensumstände. Je nach Alter und Lebensweise werden sie zuweilen auch als Gefahr für die nationale öffentliche Sicherheit wahrgenommen. Mädchen in einem Heim einer kolumbianischen Grenzstadt nennen Gesundheit, Arbeit und Schulbildung als die wesentlichen Bestandteile einer 'guten Kindheit'. Der Großteil der Mädchen kommt aus den umliegenden Dörfern nahe der Grenze. Einige habe in fremden Haushalten oder auf der Straße gearbeitet und bezeichnen sich selbst nicht als Kinder: 'Wir machen nicht das was Kinder machen. Also spielen und so.' Mädchen, die als Prostituierte in der Grenzregion arbeiteten haben ihre Kindheit mit dem ersten sexuellen Kontakt für beendet erklärt.

Zweifelsohne bedeutet Kindheit heute für eine Mehrheit der Kinder weltweit 'Schulkindheit' – wenn auch für einen unterschiedlichen Zeitraum. Auch lebt die Mehrheit der Kinder weltweit in Familien, wobei die Definition dessen, was Familie bedeutet, sehr unterschiedlich ist. Darüber hinaus ist Kindheit in vielen Teilen der Erde aber auch Arbeitskindheit, Kriegskindheit und insgesamt 'eine gesundheitsgefährdende Lebensphase'."

Die kindliche Natur ergründen

Die verwissenschaftlichte Kindheit, Florian Eßer (Seite 124ff):

„1890 beschrieb ein Leipziger Pädagoge mehr als 300 'Kinderfehler' – die Liste reichte von 'Ängstlichkeit' über 'Denkfaul' bis hin zu 'Zwangshandlungen'. Die Idee, die kindliche Natur ergründen zu wollen, löste eine rege Forschungstätigkeit aus, die bis heute nie wirklich abebben sollte. Die Geschichte der Verwissenschaftlichung von Kindheit handelt von der Child Study, die, von Nordamerika ausgehend, den europäischen Kontinent erreichte und ein immenses Forschungsinteresse rund um die Natur des Kindes auslöste. Forschungseinrichtungen, Vereine und Organisationen wurden gegründet, so besuchten etwa 700 Teilnehmer den Kongress für Kinderforschung und Jugendfürsorge 1907 in Berlin.

Väter aus dem bürgerlichen Milieu hielten in Journalen fest, wie ihre Kinder in körperlicher, geistiger und moralischer Hinsicht Fortschritte machten. In fertig zu kaufenden Kindertagebüchern sollten Eltern anhand vorgegebener Beobachtungskategorien systematisch die 'Fortschritte' ihrer Kinder vermerken. Schülerinnen und Schüler mussten ständig beobachtet und auf der Grundlage von Verfahren der Notengebung bewertet werden. Intelligenzmessungsverfahren kamen dem Bedürfnis der Lehrerinnen und Lehrer entgegen, Ursachen für die Leistungsunterschiede zwischen den Kindern zu finden. Mit Hilfe des wissenschaftlichen Wissens ließen sich der Grad der Gesundheit, Intelligenz und Kompetenz jedes einzelnen Kindes bestimmen. Die Verfeinerung von Instrumenten führten zu flächendeckenden Messungen an Kindern. Im Hier und Jetzt ließ sich prognostizieren, was aus den Kindern morgen werden würde."

Der Geschichte der Kindheit auf der Spur. Fotos: Buchcover Campus-Verlag (Collage)

Angaben zum Buch, diesmal entdeckt:

Meike Sophia Baader, Florian Eßer, Wolfgang Schröer (Hg.): Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, 2014, 514 Seiten, Campus-Verlag

Ein Buch zum Entdecken?

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Lesetipp:

Lesen Sie diesen Beitrag im aktuellen Uni-Journal (pdf)

DIE ZEIT, „Goldene Jahre auf der Straße / Wie hat sich die Kindheit verändert, uns was bedeutet das für die heutige Bildungspolitik", Interview mit Meike Baader, 14.08.2014 (print, online)

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange