Angst und Verunsicherung im Umgang mit Missbrauch / Fachkräfte fortbilden und Kinder stärken

Montag, 29. September 2014 um 08:43 Uhr

Missbrauchsfälle in Internaten, kirchlichen Einrichtungen und in der Kinder- und Jugendarbeit haben die Öffentlichkeit erschüttert. Forscherinnen und Forscher der Uni Hildesheim fordern, das Thema stärker in der Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften zu verankern. Niedersachsen hat als erstes Bundesland vor zwei Jahren eine Anlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs und Diskriminierungen in Schulen eingerichtet. Betroffene müssten vor Ort in regionalen Beratungsstellen schnell ihre Fragen und Sorgen in einem geschützten Rahmen mitteilen können, sagt Professorin Meike Baader.

Professorin Meike Baader hat in der Ethikkommission „Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen“ mitgewirkt und bietet an der Universität Hildesheim Lehrveranstaltungen zum Thema an. Foto: Julia Moras

Der Umgang mit sexuellem Missbrauch werde nach wie vor zu wenig in der Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften thematisiert,  kritisiert Meike Sophia Baader, Professorin für Erziehungswissenschaft. Seit 2010 bietet sie an der Universität Hildesheim regelmäßig Lehrveranstaltungen zum Thema an. „Sexualisierte Gewalt war in pädagogischen Einrichtungen bis zum öffentlichen Bekanntwerden von Missbrauchsvorfällen in pädagogischen Institutionen 2010 mit einem Tabu versehen. Derzeit ist es eher mit Angst und Verunsicherung verbunden, wie Forschungsergebnisse zum Umgang von pädagogischen Einrichtungen mit der Thematik zeigen“, sagt Baader.

Einige pädagogische Organisationen und Institutionen übernehmen eine Verantwortung für das Thema. Sie entwickeln Schutzkonzepte, die Verfahrensregeln enthalten, wie Lehr- und andere pädagogische Fachkräfte bei Verdachtsfällen vorgehen, an welche Expertinnen und Experten sie sich wenden, wer vor Ort Ansprechpartner für Betroffene ist und wie und wann das Lehrerkollegium, Fachkräfte, Eltern sowie Mitschüler und Mitschülerinnen informiert werden sollten. Doch ein solches Vorgehen ist bislang kaum flächendeckend der Fall, sagt Professorin Baader.

Ergebnisse aus einer Recherche zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in pädagogischen Einrichtungen zeigen, dass vor allem Schulen sich schwer tun, während das Thema in Kindertageseinrichtungen und Heimen eher angekommen ist. „In den Schulen wird das Thema gerne an die Sozialpädagogik delegiert“, so Baader. Sie hat in der Ethikkommission „Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft mitgewirkt, die 2010 eingerichtet wurde.

Lehrveranstaltungen, die das Institut für Erziehungswissenschaft an der Hildesheimer Universität zur sexualisierten Gewalt durchführt, werden von Studierenden stark nachgefragt. Mehrere Forschungsarbeiten entstehen. So hat die Studentin Lisa Quasthoff in ihrer erziehungswissenschaftlichen Master-Abschlussarbeit aktuelle Vorfälle in pädagogischen Institutionen und die Bedingungen in zwei Internatsschulen miteinander verglichen. Pauline Karch hat präventive Projekte in Kindertageseinrichtungen untersucht. „Prävention beginnt im Erziehungsalltag. Kinder müssen darin gestärkt werden, Nein zu sagen und lernen, was Geheimnisse und Grenzen sind und wo sie sofort Hilfe erhalten. Ein einmaliges Projekt nur für Kinder reicht nicht, kein Kind kann sich selber schützen. Die Erwachsenen müssen mit ins Boot geholt werden“, sagt Karch. Claudia Bowe-Traeger befasste sich damit, wie die katholischen Kirche mit dem Thema umgeht und Henrike Niedermeyer fragt in ihrer Bachelor-Arbeit nach den Anforderungen an pädagogische Professionalität. Außerdem sind mehrere Promotionen entstanden. Julia Gebrande, inzwischen Professorin an der Hochschule Esslingen, hat ihre Promotion „Handlungskompetenz zur Unterstützung von Kindern mit sexualisierter Gewalterfahrung. Bedarfsanalyse von pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen“ abgeschlossen. Christin Sager, Mitarbeiterin in der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft hat eine Dissertation zur „Geschichte der Sexualaufklärung“ verfasst. Derzeit entsteht eine weitere Dissertation zu „Schutzkonzepten und Frühen Hilfen“ von Anne-Kathrin Grebenstein.

Niedersachsen hat als erstes Bundesland vor zwei Jahren (August 2012) eine Anlaufstelle für Opfer und Fragen sexuellen Missbrauchs und Diskriminierungen in Schulen eingerichtet, die telefonisch an vier Tagen in der Woche erreichbar ist (www.mk.niedersachsen.de). Die Anrufer, darunter Lehrer, Schüler und Eltern, hatten allgemeine Fragen zu sexuellem Missbrauch, Mobbing, Cybermobbing und Diskriminierung. Meike Baader unterstreicht die Bedeutung von regionalen Beratungsstellen. „Sie können für Betroffene vor Ort schnell und einfach erreichbare Anlaufstellen sein, wo sie ihre Fragen und Sorgen in einem geschützten Rahmen mitteilen können.“

Forschungs- und Handlungsbedarf sieht Baader in der Frage der Betroffenheit von Jungen durch sexualisierte Gewalt, aber auch in der Problematik eines „Generalverdachts“ gegen männliche Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Beratungseinrichtungen sind jedoch aufgrund ihrer historischen Entstehung häufig auf die Beratung von Mädchen und Frauen spezialisiert. Während Mädchen in der Familie und im persönlichen Nahraum stärker sexualisierte Gewalt erleiden, sind Jungen in den pädagogischen Einrichtungen stärker betroffen.

Weitere Forscher der Universität Hildesheim arbeiten in diesem Themenfeld, darunter ein Team um den Sozialpädagogen Professor Wolfgang Schröer. Was macht ein sicheres Umfeld aus? Derzeit läuft eine bundesweite Untersuchung: In dem dreijährigen Forschungsprojekt „Ich bin sicher! Schutzkonzepte aus der Sicht von Jugendlichen und Betreuungspersonen" befragen Wissenschaftler seit Sommer 2014 Kinder und Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren sowie Betreuungspersonen bundesweit. In dem Forschungsprojekt stehen die Bedürfnisse und Sichtweisen der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt. Die Forscher der Universität Hildesheim, der Hochschule Landshut und der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie fragen Jugendliche, was ein sicheres Leben in stationären Erziehungshilfen, Internaten und Kliniken ausmacht, was Einrichtungen hierfür tun können und wie sie ihre aktuelle Situation einschätzen. Von den Betreuungspersonen möchte das Forschungsteam erfahren, welche Voraussetzungen und Hinderungsgründe sie erleben und wie sie im Alltag handeln, um Kindern und Jugendlichen in ihren Einrichtungen ein sicheres Leben zu ermöglichen. „Wir wollen von den Kindern und Jugendlichen erfahren, wie Wohngruppen, Internate und Kliniken beschaffen sein müssen, damit sie sich dort zuhause, wohl und sicher fühlen", sagt Tanja Rusack, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Mithilfe der Ergebnisse will der Forschungsverbund zur Verbesserung von Schutzkonzepten in pädagogischen Organisationen beitragen. Das Forschungsprojekt wird mit 694.000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Förderlinie „Sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten“ unterstützt.
Der Forschungsverbund erhebt die Daten in Online-Befragungen und Gruppendiskussionen mit Fachkräften, Kindern und Jugendlichen. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren sowie Betreuungspersonen aus stationären Einrichtungen können bis Mitte November 2014 an der Online-Befragung teilnehmen (www.projekt-ichbinsicher.de). Die Daten im Online-Fragebogen werden anonym erhoben.

Konferenz „Entgrenzung“

40 Fachleute unter anderem aus den USA, Dänemark, Tschechien, Großbritannien und Deutschland tagen vom 29. September bis 1. Oktober 2014 an der Universität Hildesheim. Auf der internationalen Tagung „Zwischen notwendiger Enttabuisierung und problematischer Entgrenzung. Sexuelle Revolution und Kindheit im historischen Kontext der 1970/80er" geht es um historische Perspektiven, Recht, Politik und Medien, Kindheit, Sexualität und Erziehung; um Politik-, Erziehungs- und Zeitgeschichte. Veranstaltet wird die Konferenz von Forschern der Universitäten Hildesheim, Trier und Frankfurt am Main. Ansprechpartnerin bei Fragen ist Meike Sophia Baader, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Hildesheimer Universität. Die dreitägige Konferenz richtet sich an Fachleute und ist nicht öffentlich. Kooperationspartner ist das Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung.

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange

Professorin Meike Baader hat in der Ethikkommission „Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen“ mitgewirkt und bietet an der Universität Hildesheim Lehrveranstaltungen zum Thema an. Foto: Julia Moras