Theologieprofessor René Dausner: Privataudienz beim Papst

Montag, 29. April 2019 um 17:19 Uhr

Im Frühjahr hat der Papst den Theologen Professor René Dausner zur Privataudienz empfangen. Der Universitätsprofessor für Katholische Theologie und Religionspädagogik überreichte dem Kirchenoberhaupt aktuelle theologische Publikationen. Im Interview spricht Dausner über die Begegnung mit dem Papst.

Audienz beim Papst: Der Theologe René Dausner von der Universität Hildesheim überreichte Papst Franziskus im Frühjahr 2019 seine Habilitationsschrift. Foto: Servizio Fotografico/Vatican Media

Prof. Dr. René Dausner forscht und lehrt als Universitätsprofessor für Katholische Theologie und Religionspädagogik mit dem Schwerpunkt Systematische Theologie an der Universität Hildesheim. Zu den Forschungsschwerpunkten des 42-Jährigen zählen der jüdisch-christliche Dialog, die Phänomenologie, Theologie und Literatur.

Herr Professor Dausner, warum hat der Papst Sie zur Privataudienz empfangen?

Im November 2018 habe ich am Cardinal Bea Centre for Judaic Studies der Universität Gregoriana einen Vortrag über die „Zukunft von Nostra aetate“ gehalten. Durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) vor etwas mehr als fünfzig Jahren erhielt der jüdisch-christliche Dialog entscheidende Impulse. „Nostra aetate" gilt zu Recht als einer der weltweit am intensivsten rezipierten Texte des Konzils. Der jüdisch-christliche Dialog zählt seit Jahren zu einem meiner zentralen Forschungsschwerpunkte. In diesem Kontext führte ich auch ein Interview mit Vatican News. Der Vortrag selbst fand statt im Rahmen der jährlichen Brenninkmeijer-Werhahn-Lectures, die in diesem Jahr dem Promotor des jüdisch-christlichen Dialogs August Kardinal Bea gewidmet ist. Kardinal Bea, der das Zweite Vatikanische Konzil und insbesondere die Erklärung „Nostra aetate" über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, allen voran das Judentum, maßgeblich geprägt hat, starb im November 1968. Anlässlich seines 50. Todestages finden und fanden Veranstaltungen in Rom statt. Ende Februar 2019 nahm ich an der dritten Vortragsreihe zum 50. Todestag von Kardinal Bea teil und wurde im Anschluss gemeinsam mit dem Cardinal Bea Centre for Judaic Studies zu einer Audienz eingeladen. Papst Franziskus hat eine Rede gehalten und das Wirken von Kardinal Bea charakterisiert (Rede des Papstes zum Nachhören).

Wie haben Sie die Privataudienz beim Papst erlebt?

Papst Franziskus betonte die Bedeutung Kardinal Beas für ein positives Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum. Entscheidend sei neben dem, was Kardinal Bea tat, auch, wie er es tat. In seiner Ansprache hob Papst Franziskus drei Grundhaltungen hervor, mit denen Kardinal Bea einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung der Menschen geleistet habe:

  • ein Verständnis mit Blick auf die Anderen / la comprensione verso gli altri;

  • Güte und Humanität / la bontà e l’umanità, d.h. die Fähigkeit, Freundschaft zu stiften; und

  • Mut bzw. ein Temperament der Entschlossenheit / un temperamento coraggioso.

Die Rede war eine Ermutigung für all diejenigen, die sich um eine Verbesserung des jüdisch-christlichen Dialogs bemühen. Die Audienz, die übrigens im selben Raum stattfand, in dem Papst Benedikt XVI. seinen Amtsverzicht bekanntgegeben hat, dauerte insgesamt 45 Minuten. Bei der Audienz waren unter anderem auch der Direktor des Cardinal Bea Centre for Judaic Studies in Rom, Pater Prof. Dr. Etienne Vetö, der Direktor des Center for the Study of Christianity an der Hebrew University Jerusalem, Prof. Dr. Oded Irshai sowie Frau Aldegonde Brenninkmeijer-Werhahn, die gemeinsam mit ihrem Mann die beiden Centren gegründet und aufgebaut hat.

Sie haben dem Papst Publikationen überreicht. Sie forschen und lehren am Institut für Katholische Theologie in Hildesheim, mit welchen Themen befassen Sie sich gerade die katholische Kirche und den Papst betreffend?

Nach den offiziellen Reden habe ich Papst Franziskus zwei Bücher überreichen können: Zum einen den Stadtführer meiner Geburtsstadt Boppard – aus zwei Gründen: einerseits hat Papst Franziskus in Boppard im Goethe-Institut deutsch gelernt und daher einen Bezug zu meiner Heimatstadt, andererseits ist der Stadtführer in unserem familieneigenen Verlag (Dausner Verlag) erschienen, in den ich mich in meiner Studienzeit aktiv eingebracht habe, übrigens auch im Rahmen eines Buches mit dem Titel „Achthundert Jahre Juden in Boppard“. Und zum anderen habe ich dem Papst meine Habilitationsschrift mit dem Titel „Christologie in messianischer Perspektive“ überreicht. Mir geht es in dem Buch darum, die christliche Interpretation Jesu mit jüdischem Denken ins Gespräch zu bringen. Bezeichnenderweise wurde die Philosophie des 20. Jahrhunderts wesentlich durch Denkerinnen und Denker jüdischer Provenienz geprägt. Ich nenne nur einige Namen: Edmund Husserl, Franz Rosenzweig, Martin Buber, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, die in der Tradition des deutschen Judentums stehen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen bedeutende Denker aus anderen Sprachräumen hinzu, etwa Emmanuel Levinas oder Jacques Derrida. Aus christlicher Perspektive eine Deutung der Person Jesu geben zu wollen, gelingt überzeugend nur dann, wenn dieser jüdische Denkhorizont konstruktiv und produktiv einbezogen wird. Und ein weiterer Aspekt kommt hinzu: in jüngerer Zeit haben jüdische Forscherinnen und Forscher weltweit sich aus jüdischer Perspektive mit Jesus von Nazareth auseinandergesetzt. An diesem Austausch bin ich interessiert und daran beteilige ich mich aktiv.

Welche Forschungsfrage steht momentan im Fokus Ihrer Arbeit?

Ich forsche unter anderem über das Verständnis des Messianischen; gemeinhin ist der aramäisch-hebräische Begriff „Messias“ eher bekannt in der latinisierten Form des griechischen Terminus „Christus". Es geht also um ein Grundverständnis des Christentums und des Christlichen angesichts insbesondere des heutigen jüdischen Denkens. Der Begriff des Messianischen betrifft zum einen die Frage nach dem Subjekt. Mit Blick auf Jesus heißt die Frage, der ich in meinem Buch nachgehe: Wer ist dieser Jesus? Eine Frage, die übrigens schon von den Jüngern Jesu überliefert ist; um zu verstehen, wer Jesus ist, erzählt beispielsweise das Markus-Evangelium die Geschichte, in der Jesus mit seinen Jüngern auf dem See ist. Plötzlich kommt ein Sturm auf, die Jünger haben Angst und fürchten, mit dem Schiff zu kentern. Als Jesus dem Sturm gebietet, still zu sein und zu schweigen, kehrt Ruhe ein. Die Jünger sind erstaunt und stellen dann die Frage: Wer ist dieser? Was mich an dieser Geschichte immer wieder fasziniert, ist das Narrativ: Um das Erstaunen über die Person Jesu bildhaft darzustellen, wird die Wirkmächtigkeit seines Wortes erzählt. Es geht dabei also nicht um meterologische Fragen, sondern darum, dass hier jemand auftritt, der sein Wort gibt und mit diesem Wort Realität verändern kann. Die Person Jesus von Nazareth wird also als schöpferisch dargestellt, gleichsam als das Schöpferwort Gottes in Person. Neues entsteht, wenn er spricht und handelt. Diese Erfahrungen stehen im Hintergrund, wenn die Frage, wer dieser Jesus sei, gestellt wird. Und diese Frage betrifft auch jeden von uns: Wer bin ich? Oder allgemeiner: Wer ist der Mensch? Mich interessiert diese subjektive Wendung, die nicht nach dem Was des Menschen, sondern nach dem Wer fragt. Daher lautet auch meine theologische Frage: Wer ist Gott? Es geht um konkrete Beziehungsdimensionen. Und diese Fragen treiben mich um.

Die Fragen stellte Isa Lange.