Gemeinsam Familien erreichen und Bildungschancen verbessern

Montag, 03. August 2015 um 09:20 Uhr

Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen lernen im Team: Die Universität, die Volkshochschule und Asyl e.V. kooperieren, um Kinder und Jugendliche in Hildesheim beim Aufwachsen und Lernen zu unterstützen. Sie wollen Bildungschancen verbessern. Eine Hürde: viele Eltern haben Scheu, Anträge zu stellen, etwa um Gelder aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zu beantragen.

Wer in einer Suchmaschine „Bildungs- und Teilhabepaket“ (BUT) eingibt, der gelangt zu zahlreichen Informationsseiten im Internet, Flyern in deutscher, russischer, arabischer und türkischer Sprache, FAQ-Listen. Die Flyer geben Antworten: Hinter „Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben“ verbirgt sich der Zugang zu Sport- und Musikunterricht, der Begriff „Lernförderung“ fasst in diesen Infomaterialien zusammen, dass manche Kinder Unterstützung brauchen, „um die Lernziele in der Schule zu erreichen“. Familien erfahren hier, wie und wo sie Gelder aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beantragen können.

Doch Informationsbroschüren reichen nicht aus, der Verein Asyl e.V., die Volkshochschule (VHS) und die Universität in Hildesheim setzen auf persönliche Beratung: Natalya Surzhik hält Kontakt zu Familien in Stadt und Landkreis Hildesheim, sie berät Eltern, deren Kinder sich für eine Lernförderung anmelden möchten und die dafür einen „BUT-Antrag“ stellen müssen. „Wir bemühen uns, einen Überblick zu schaffen. Die Eltern bauen Vertrauen auf. Ein Flyer reicht nicht aus, die Eltern brauchen persönliche Unterstützung, die Antragstellung ist kompliziert“, sagt Surzhik.

Die Zusammenarbeit der drei Partner steht unter dem Dach „Bildungschancen verbessern" (PDF). Familien, deren Kinder Unterstützung in der Schule brauchen, etwa in Deutsch, Mathematik und Englisch, können ihre Kinder für die Lernförderung anmelden. Der Förderunterricht findet in Gruppen oder einzeln außerhalb der Schulzeit statt, in der Schule, in der Stadtbibliothek. Das Migrationszentrum Asyl e.V. verfüge über vielfältige Erfahrungen und ist mit Sprach- und Kulturvermittlern vernetzt, sagt dessen Leiter Uwe Wedekind. Die VHS verfolgt mit dem Projekt „Lernförderung“ seit längerem das Ziel „Familien dabei zu unterstützen, Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket in Anspruch zu nehmen“, sagt Alexey Ponomarev von der Volkshochschule. Die Universität erreicht seit 2006 mit dem Förderprojekt „LernKU(H)LT“ Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen und verbindet dies mit der Lehrerausbildung. Statt, wie bei der Nachhilfe, kurzfristig zu denken, etwa mit dem Ziel, die nächste Klassenarbeit zu bewältigen, setzen die drei Partner dabei an, Kinder darauf vorzubereiten, selbstständig zu lernen. Das Förderangebot der Verbundpartner ist nicht kommerziell.

Durch die Zusammenarbeit wollen sie die Antragsverfahren vereinfachen, die Anmeldung bündeln und gemeinsam Familien beraten. Sie wollen möglichst wenige Hürden aufstellen, gemeinsam haben sie einen Flyer und einen Elternbrief entwickelt. Natalya Surzhik geht in Schulen, informiert über die Lernförderung. „Schulen sind ein Schlüssel, sie können auf Förderangebote aufmerksam machen, wir stellen unsere Angebote bei Schulsozialarbeitern vor.“ Eltern erhalten, meist über die Schule, einen Elternbrief, sie füllen ein Voranmeldeformular aus. „Das Kind unterschreibt das Formular und teilt mit, welche Uhrzeiten für eine Förderung möglich sind. Ich stelle so fest, ob Familien schon einen BUT-Antrag gestellt haben, frage bei der Schule an. Eltern müssen auch eine Bestätigung der Schule einreichen, dass ihr Kind eine Lernförderung benötigt“, schildert Natalya Surzhik das komplexe Verfahren, um einen Erstantrag zu stellen. „Eltern erhalten dann einen Gutschein, den sie einlösen können, nach einem halben Jahr stellen sie einen Folgeantrag, ich telefoniere hinterher.“

Doch die Kooperationspartner wollen nicht „ausfischen“ und nur Kinder fördern, die BUT-berechtigt sind. Regionale Stiftungen unterstützen das Anliegen, so kann die Universität ihr Angebot weiter öffnen. Denn von der Lernförderung im Bildungs- und Teilhabepaket kann nur ein kleiner Kreis profitieren. Antragsberechtigt sind Familien, die Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld erhalten und Asylbewerber, ihre Kinder müssen außerdem versetzungsgefährdet sein, also Noten im Bereich 4 bis 5 nachweisen.

„Da fallen viele Kinder raus. Wir möchten auch Kinder unterstützen, die ihren Leistungsstand halten wollen oder einen höheren Schulabschluss anstreben“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Yvonne Rechter, die das LernKU(H)LT-Projekt gemeinsam mit Michaela Büdcher an der Universität vorantreibt. Nur durch die Unterstützung von Stiftungen könne man auch weitere Kinder erreichen – die Niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung hat eine zweijährige Projektförderung über 40.000 Euro zugesagt, auch die Bürgerstiftung Hildesheim und die Nina Dieckmann Stiftung sind im Boot. So können auch Kinder erreicht werden, deren Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert sind, und Familien, die über wenig Geld verfügen, die aber keinen Anspruch auf BUT-Gelder haben.

Dienstags und freitags lernen Mette und Omer mit einer Lehramtsstudentin der Uni. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Kurzinformation: Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen lernen im Team

Lehramtsstudierende der Universität Hildesheim fördern seit 2006 Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen im Team. Zweimal wöchentlich über mindestens ein halbes Jahr begleitet je ein Student eine Gruppe von drei bis fünf Kindern. Die Lehramtsstudierenden werden von Erziehungswissenschaftlerinnen unterstützt. „Ziel ist die schulische Situation von Erst- bis Zehntklässlern, vor allem mit Förderbedarf in der deutschen Sprache, in der Region Hildesheim zu verbessern“, sagt Yvonne Rechter, die das Projekt „LernKU(H)LT“ aufgebaut hat. Etwa 600 Kinder und Jugendliche aus der Region und 200 Studenten nahmen bisher teil. Derzeit laufen 18 Gruppen, drei davon in Hannover.

„Individuelle Förderung“ und „Diagnostik“ geht so leicht über die Lippen – was das wirklich bedeutet, erfahren die angehenden Lehrerinnen und Lehrer in der regelmäßigen Arbeit mit den Kindern. Das Projekt ist keine Hausaufgabenbetreuung, die Studierenden erfassen in einer Eingangsdiagnostik den Lernstand des Kindes und arbeiten für jedes Kind einen Förderplan aus, beschreibt die Projektkoordinatorin Michaela Büdcher. „Die studentischen Hilfskräfte arbeiten nicht allein wegen des Geldes hier, sondern wegen der Relevanz für ihren späteren Berufsalltag.“ Sie wollen auch das Gemeinschaftsgefühl stärken, erarbeiten zum Beispiel Musikstücke und Gedichte.

Im LernKU(H)LT-Projekt besuchen die Studierenden Familien, halten Kontakt zu den Eltern. Übersetzer von Asyl e.V. vermitteln bei sprachlichen Barrieren. Durch die praktischen Erfahrungen setzen sich die Lehramtsstudierenden intensiver mit theoretischen Inhalten aus dem Studienalltag auseinander, etwa mit dem Themenfeld „Unterricht in sprachlich und ethnisch-kulturell heterogenen Klassen«, „Zusammenarbeit mit Eltern“ und „Deutsch als Zweitsprache“. Madeleine Mäbert studiert Musik und Deutsch und fördert fünf Grundschüler, die in die erste, zweite, dritte und vierte Klasse gehen und neben Deutsch auch Arabisch, Bulgarisch, Russisch und Türkisch sprechen. Für sie sei das Projekt eine Chance, um „Theorie auch anzuwenden und die Entwicklung von Kindern zu beobachten“. Mit den Eltern ist sie per Brief, telefonisch und per SMS in Kontakt oder spricht mit ihnen nach der Förderstunde, so hat sie von einem Grundschüler auch die Oma kennen gelernt. „Für die Familien ist es teilweise schwer, zu sagen, was das Kind kann oder was ihm schwerfällt“, sagt Mäbert, die zuvor auch Realschüler beim Lernen unterstützt hat. „Was ich auch lerne? Geduld. Ich gehe auf einzelne Schüler ein, meine Einstellung hat sich verändert.“ Sie besucht Seminare zum Zweitspracherwerb und ein Seminar der Mathematikprofessorin Barbara Schmidt-Thieme und der Sprachwissenschaftlerin Christina Kellner: Wie viel Sprache steckt im Matheunterricht? In Textaufgaben steht „Fruchtsaftgetränk“ oder „Lohn“ – viele Grundschüler kennen die Begriffe nicht aus der Alltagssprache, sagt die Studentin.

Der Lernzuwachs in der Eins-zu-Eins-Situation sei enorm, sagen Studierende. Durch das Projekt lernen sie, dass eine Klasse mit 25 Schülern eben aus 25 Einzelnen besteht. Die Studentin Juliane Belling hat zum Beispiel zwei Jahre lang vier 16- und 17-Jährige gefördert. Weil das Studium praxisnah ist, kam sie aus Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen.

Die Universität arbeitet mit Schulen, Lehrkräften, Eltern und Asyl e.V. sowie nun auch mit der VHS zusammen, um die Lernförderung zu ermöglichen.

Lesen Sie mehr über das LernKU(H)LT-Projekt im aktuellen Uni-Magazin auf Seite 21, 25, 50, 86 und ab Seite 40 (zum epaper)

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


„Manchmal macht jeder etwas anderes", sagt Madeleine Mäbert. Die Erstklässler Hamza und Kristina, der Drittklässler Mette und der Viertklässler Omer „lernen aber dennoch gemeinsam, man muss auch auf die anderen achten", sagt die Lehramtsstudentin der Uni Hildesheim. Zweimal in der Woche arbeitet sie mit den Kindern in der kleinen Bibliothek einer Hildesheimer Grundschule. „Ich habe bisher noch nicht erlebt, dass Eltern das nicht wollen. Alle Lehramtsstudenten sollten das machen, damit sie wissen, was individuelle Förderung bedeutet und wie man mit Herausforderungen umgehen kann", so ihr Fazit nach zwei Jahren im „LernKU(H)LT"-Projekt. Unten: Die Projektpartner: Uwe Wedekind (Asyl e.V.), Michaela Büdcher, Yvonne Rechter und Universitätspräsident Wolfgang-Uwe Friedrich (Uni), Alexey Ponomarev und Margitta Rudolph (Volkshochschule, Foto: Paula Rathjen). Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim