PROJEKTLEITUNG: Dr. Jan-Henrik Friedrichs

PROJEKTLAUFZEIT: 1.11.2019 – 31.10.2022

 

Am 28. Januar 1972 beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder zusammen mit Bundeskanzler Brandt den sogenannten Radikalenerlass, um „Extremisten“ vom öffentlichen Dienst fernzuhalten. Kommunistische Lehrer*innen waren hiervon am häufigsten betroffen. Während sich Befürworter*innen dieses Vorgehens auf das Konzept der „wehrhaften Demokratie“ beriefen, deuteten dessen Gegner*innen es als Angriff auf Grundrechte und beklagten zunehmende Fälle von (Selbst-)Disziplinierung. Im Gegensatz zu seiner immensen zeitgenössischen Bedeutung ist der Erlass kaum Gegenstand historiographischer Arbeiten geworden. Zwar werden Fragen nach seiner Genese diskutiert, die gesellschaftlichen und individuellen Effekte stellen jedoch ein Desiderat dar.

Zwischen Erziehungs- und Geschichtswissenschaft angesiedelt fragt das Projekt am Beispiel der Schule danach, wie sich der „Lange Marsch in die Institutionen“ konkret gestaltete und welche Folgen der Radikalenerlass für Subjekte, Institutionen und Gesellschaft hatte. Der Schule kommt dabei insofern besondere Bedeutung zu, als mit der befürchteten Indoktrinierung der Jugend auch die Zukunft der Nation auf dem Spiel zu stehen schien. Umgekehrt galt jungen, linken Lehrer*innen die Erziehung zur Kritikfähigkeit als elementare Voraussetzung demokratischer Bildung. Vor dem Hintergrund des Erlasses stritten Lehrer*innen, Eltern, Schüler*innen, Schulaufsicht, Medien und Politik darum, was (Erziehung zur) Demokratie auszeichne. Dem Begriff des (politischen und didaktischen) Engagements kam dabei eine Schlüsselrolle zu.

Basierend auf Interviews mit Betroffenen, ehemaligen Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen, archivarischen Quellen sowie erziehungswissenschaftlichen Diskursen sollen diese Konflikte und ihre nachträglichen Deutungen rekonstruiert werden. Diese Rekonstruktion wird in einen weiten bildungs- und zeithistorischen Kontext eingebettet, von den Bildungsreformen der 1960er Jahre über die „K-Gruppen“ bis zum Beutelsbacher Konsens und dem alternativen Milieu der 1980er Jahre. Im Rahmen einer Dispositivanalyse werden dabei die produktiven gegenüber den repressiven Aspekten betont: Statt allein disziplinierend zu wirken, verstärkte der Erlass, so die These, die Politisierung der Bildung, diente unterschiedlichen Gruppen als „Anreizung zum Diskurs“ und Möglichkeit, auf Bildungsprozesse Einfluss zu nehmen. In der Folge veränderten sich Vorstellungen von Demokratie und Reform, vom Generationenverhältnis und von politischer Bildung.

Das Forschungsprojekt knüpft an aktuelle Debatten um die Bedeutung der 1970er Jahre für die Zeitgeschichtsforschung an. Der Fokus auf das Feld Schule betont die zentrale Rolle von Bildungsfragen für die gesellschaftlichen Aufbrüche seit den 1960er Jahren. Die Frage nach den nachträglichen Sinngebungen trägt darüber hinaus zu unserem Verständnis von „1968“ als Generationszusammenhang sowie von Narrativierungen politischen Protests bei.

 

The contending democracy. The impact of the Radikalenerlass on society and subjects. The example of the institution school, 1967-1989

On January 28, 1972, the prime ministers of the Bundesländer, together with Chancellor Brandt, passed the so-called Radikalenerlass (decree against radicals) to keep "extremists" out of the public service. Communist teachers were the most affected. While advocates of this approach relied on the concept of "militant democracy," its opponents interpreted it as an attack on civil rights and lamented increasing forms of (self-)discipline. In stark contrast to its enormous contemporary significance, the decree against radicals has hardly been the subject of historiography. Although questions about its genesis are discussed, its social and individual effects are a desideratum of research.

Located between science of education and history, the project explores how the "Long March into the Institutions" was shaped in concrete terms and how subjects, institutions and society changed vis-à-vis the Radikalenerlass. The school is of particular importance in that, with the feared indoctrination of the youth, the future of the nation seemed to be at stake. Conversely, young, left-wing teachers considered it an elementary prerequisite of democratic education to help pupils develop their critical faculties. Against the background of the decree, teachers, parents, pupils, school supervisors, the media and politicians argued over what (education for) democracy actually meant. The concept of (political and didactic) engagement played a key role here.

Based on interviews with those affected, former pupils, parents and colleagues, archival sources and educational discourses, these conflicts and their subsequent interpretations are to be reconstructed. This reconstruction is embedded in a broad educational and historical context, from the education reforms of the 1960s to the maoist K-Gruppen to the Beutelsbach consensus and the alternative milieu of the 1980s. Within a Dispositivanalyse, the productive versus the repressive aspects are emphasized: instead of acting solely disciplining, the decree increased the politicization of education, served different groups as an "incitement to discourse" and an opportunity to influence educational processes. As a result, ideas of democracy and reform, generational relations and political education changed.

The research project contributes to current historiographical debates about the significance of the 1970s. The focus on the institution school emphasizes the central role of educational issues for social change since the 1960s. The question of their subsequent framing also contributes to our understanding of "1968" in a generational context and of the different modes to narrate political protest.

 

PUBLIKATIONEN:

„‚Was verstehen Sie unter Klassenkampf?‘ Wissensproduktion und Disziplinierung im Kontext des ‚Radikalenerlasses‘“, Sozial.Geschichte Online 24 (2019), S. 67-102.

„Herrschaft als soziale Praxis zwischen 'Radikalenerlass' und 'Deutschem Herbst' – Der Skandal um die Behandlung eines Fried-Gedichts im Bremer Schulunterricht 1977“, Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens im 19. und 20. Jahrhundert, Nr. 18 (2006), S. 58-80.

Universität Hildesheim

Fachbereich 1: Erziehungs- und Sozialwissenschaften

Institut für Erziehungswissenschaft/ Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft

Universitätsplatz 1
31141 Hildesheim

Projektleitung:

Dr. Jan-Henrik Friedrichs

E-Mail: friedri(at)uni-hildesheim.de
Tel.: +49 (0) 5121-883-10140
Fax: +49 (0) 5121-883-10141