Stellungnahme der Abt. Allgemeine Erziehungswissenschaft zu den Vorfällen um die Preisverleihung an die BIPOC-Gruppe

Montag, 15. Juli 2019 um 07:17 Uhr

Seitens der BIPOC-Gruppe der Hochschule sind wir aufgefordert worden, uns zu den Vorfällen rund um die Verleihung des Preises an die Gruppe zu positionieren. Die Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft hat über den offenen Brief der BIPOC-Hochschulgruppe und die Antwort des Präsidenten diskutiert.

Da niemand von uns bei der Preisverleihung dabei war, wollen und können wir zum konkreten Vor- und Hergang rund um die Preisverleihung, zu dem, was genau von wem, in welcher Form und mit welcher Performanz gesagt wurde, nicht Stellung nehmen und nicht der Logik des Pro oder Contra folgen. Wozu wir etwas sagen können und wollen, ist, dass es sich bei der Rede von „alten weissen Männern“ um einen breiteren aktuellen Diskurs handelt, zu dem es entsprechende Publikationen und Bestseller gibt, die sich, durchaus auch in ironischer Form, mit diesem Deutungsmuster befassen. Jeder Verweis auf den Topos ist also bereits Teil eines Diskurses und damit nicht primär als persönlicher Angriff zu lesen. Sophie Passmann, die sich in ihrem aktuellen Bestseller „Alte weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch“ (2019) mit „weissen alten Männern“ aus sehr unterschiedlichen Kontexten, vom Bild-Zeitungsredakteur (Kai Diekmann) bis zum Spitzenkoch (Tim Raue), zu Gesprächen getroffen hat, schreibt in ihrem Vorwort. „Diese Reise ist der Versuch einer Annäherung an Männlichkeit im 21. Jahrhundert, die sich zum ersten Mal mit dem Umstand konfrontiert sieht, nicht mehr das Monopol auf die Menschheit auszuüben“ (Passman, S. 10).

Alle, die sich in diesem Diskurs, wie auch immer, positionieren sind zugleich dessen Teil und nehmen keine vordiskursive Stellung in einem Außerhalb ein. Dies gilt auch für die Debatte um Rassismus und Rassismuskritik. Es gibt keine „reine“ und externe Position. „Rassismus bildet“, argumentiert Paul Mecheril. Dass dies kein Argument für eine Nichteinmischung bei rassistischen Praktiken sein darf, ist klar, klar ist aber auch, dass die Auseinandersetzungen mit der eigenen Verwobenheit in rassistische Strukturen komplex sind und uns in unterschiedlichen Kontexten auf personaler, historischer, epistemischer und institutioneller Ebene herausfordern. Handlungsfähigkeit zu bewahren und Unterscheidungen vorzunehmen, ist eine Leitidee des Selbstverständnisses unserer Abteilung. In unseren Studiengängen beziehen wir uns auf diskursrelevante Wissensformen und Forschungen, auf Werkzeugkisten und Analyseinstrumentarien, um sich kontextuell, kritisch, argumentationsgestützt und professionell positionieren zu können. Forschungen in diesem Zusammenhang nicht nur zu rezipieren, sondern auch selbst voranzutreiben, ist uns ein großes Anliegen. Dabei handelt es sich stets um einen unabgeschlossenen Prozess. Dem Dilemma, auch rassismusproduzierende und Geschlechterstereotypen reifizierende Wissensformen zu reproduzieren, ist nicht immer zu entkommen, aber dies kann und muss mindestens identifiziert und reflektiert werden.     

Die Unmöglichkeit einer Position außerhalb ist das Gemeinsame zwischen den beiden wirkmächtigen Diskurssträngen von Rassismus und Geschlecht. Zudem handelt es sich bei der Frage nach mit Geschlecht argumentierenden Auf- und Abwertungsformen und solchen gegenüber People of Color um Ordnungsmuster, Zuschreibungen und Erfahrungen, die sich über Generationen ziehen und den Subjekten tief eingeschrieben sind, ohne dass sie sich dessen immer bewusst sein müssen. Wir sind immer alle schon verstrickt, gleichwohl können und müssen wir Positionen beziehen, aber komplett rassismusfreie Räume gibt es aufgrund der Geschichte nicht.    

Da wir in unserem Studiengang mit dem Schwerpunkt „Diversity Education“ Fragen des Umgangs mit Diversität, Geschlecht, Rassismus und Antifeminismus zum Gegenstand haben, ist es uns wichtig, uns in dieser Form zur Debatte an unserer Universität zu äußern. Da das, was uns hier an der Universität verbindet und verbinden sollte, die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Positionen, Argumenten, Studien und Debatten und mit entsprechenden Veröffentlichungen ist, schlagen wir eine hochschulöffentliche Veranstaltung vor, die in Kooperation mit dem ZBI (Zentrum für Bildungsintegration) stattfindet. Zu dieser könnten wir etwa Sophie Passmann als Autorin des Buches über „Alte weisse Männer“ (2019), Reni Eddo-Lodge als Autorin des Buches „Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche“ (dt. 2019), Paul Mecheril als Ko-Autor des Buches „Rassismus bildet“ (Broden/Mecheril 2010) und Rolf Pohl als Verfasser der Studie „Feindbild Frau“ (2019) einladen, um gemeinsam zu diskutieren. Schließlich ist auch das „Feindbild Frau“ tief in die Kultur und symbolische Ordnung eingeschrieben, dieses war lange so etwas wie eine kulturelle Selbstverständlichkeit.

Mit der vorgeschlagenen Form der auf Expertise basierenden Auseinandersetzungen würden wir der Hochschule als Ort wissenschaftlicher und informierter Diskussionen und unserem Studiengang mit dem Schwerpunkt „Diversity Education“ gerecht werden wollen.