Jonas Kaiser

Akademischer Werdegang

2012-2016: B.A. Geschichte und Japanologie Universität Trier

2014 - : Zusatzzertifikat Deutsch als Fremdsprache/ Deutsch als Zweitsprache Universität Trier

2015-2016: Erasmusaufenthalt an der Università Ca´Foscari Venezia, Italien

2016-2019: M.A. Geschichte und Japanologie Universität Trier

2016-2020: M.Sc. Digital Humanities Universität Trier

seit 2020: Wissenschaflicher Mitarbeiter an der Universität Hildesheim (DFG-Projekt Von Stockholm nach Wien: Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen und das KSE-Mandat)

Stipendien

2015-2016: Erasmus+-Stipendium für einen Auslandsaufenthalt an der Università Ca´Foscari Venezia

2019: DAAD-Stipendium für ein Praktikum am Deutschen Historischen Institut Rom

Forschungsschwerpunkte

  • Internationale Beziehungen (v.a. KSZE-Prozess)
  • Kalter Krieg
  • Abrüstungs-, Friedens- und Sicherheitspolitik
  • Kultur- und Sozialgeschichte
  • Italienische Geschichte
  • Geschichtsrezeption (v.a. Mittelalterrezeption)
  • Japanologie
  • Digital Humanities (v.a. Digital History)

Publikationen

Tagungsbericht: Dreißig Jahre Zwei-Plus-Vier-Vertrag: Die Internationale Gründungsgeschichte der Berliner Republik, 05.10.2020 – 06.10.2020 Berlin, in: H-Soz-Kult, 18.11.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8823>.

Vorträge

15. Juli 2021: Dissidents and the trust-building process of the Viennna CSCE-follow-up meeting 1986-89, im Rahmen des Online-Workshops Dissidents as figures of truth (since the 1970s), Programm

26. Juni 2021: Session, Schnell mal 'nen Text lesen: Eine Einführung in computerbasierte Textanalyseverfahren mittels Voyant, im Rahmen des Barcamps Recherche, 25.-26.Juni 2021, Stiftung Universität Hildesheim

25. Juni 2021: Session, Back-to-the basics-Grundlagen des Recherchierens an der Uni Hildesheim, mit Fokus auf den Hilkat, im Rahmen des Barcamps Recherche, 25.-26.Juni 2021, Stiftung Universität Hildesheim

27. Januar 2021: Abrüstung und Sicherheit im Rahmen des Wiener KSZE-Nachfolgetreffen 1989-89, im Rahmen des Forschungskolloquiums des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim in Kooperation mit dem Institut für Katholische Theologie

05. Januar 2021: Einführung in die Sicherheitsgeschichte, im Rahmen des Seminars "Einführung in die Zeitgeschichte: Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg" von Severin Cramm und Dr. Philipp Strobl (Universität Hildesheim)

16. Dezember 2020: Sicherheit und Vertrauensbildung im Rahmen des KSZE-Prozesses am Beispiel des Wiener Folgetreffens (WFT) 1986-1989, im Rahmen des Jean Monnet-Seminars "Krieg und Frieden - Sicherheit und Verteidigung: Globale Herausforderungen und Antworten Europas" von Prof. Dr. Michael Gehler, Dr. Deborah Cuccia und Dr. Philipp Strobl (Universität Hildesheim)

Dissertationsvorhaben

Teilprojekt 1: Von Stockholm nach Wien: Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen und das KSE-Mandat

Am 19. Januar 1989 endete in Wien das dritte Folgetreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Bereits unter Zeitgenossen wurde dieses als deutlich erfolgreicher wahrgenommen als die beiden Vorgängertreffen in Belgrad (1977-1979) und Madrid (1980-1983), welche nur mit Mühe mit einem Schlussdokument zu Ende gebracht werden konnten. Neben Fortschritten im Bereich der menschlichen Dimension der KSZE wurden bemerkenswerte Erfolge in militärischen und sicherheitspolitischen Fragen erzielt, insbesondere bei den weiteren Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) und dem Mandat für Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (VKSE), auf welche ein besonderer Fokus im Promotionsvorhaben gelegt wird.

Ziel des Promotionsprojekts ist es, diese abrüstungs-, sicherheits- und friedenspolitischen Dimensionen im Kontext des Wiener Nachfolgetreffens zu analysieren. Dabei wird das Wiener Folgetreffen als integraler Bestandteil des sicherheitspolitischen KSZE-Prozesses während der Endphase des Kalten Krieges begriffen. Den Ausgangspunkt der Untersuchungen des Promotionsvorhabens bildet die dem Wiener Treffen vorangehende Stockholmer Konferenz über Sicherheits- und Vertrauensbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (KVAE) 1984-1986, während das KSZE-Gipfeltreffen in Paris vom 19. bis zum 21. November 1990 den Endpunkt des Untersuchungszeitraums markiert. Ein dezidierter Fokus liegt hierbei auf den nach Abschluss des Wiener Folgetreffens ebenfalls in Wien stattgefundenen, jedoch separat geführten, weiterführenden VSBM- und KSE-Verhandlungen.

Zu diesem Zweck sollen einzelne Akteure, primär Diplomaten und Staaten, aber auch Fachpolitiker, Journalisten sowie NGOS und ihre Positionen, Strategien und Motive identifiziert werden. Anhand dieser Standpunkte werden die verschiedenen Streitfragen, Kompromissvorschläge und Konsensfindungswege herausgearbeitet, die zum Schlussdokument des Wiener Nachfolgetreffens, der Charta von Paris, sowie dem Wiener Dokument (VSBM) von 1990 als auch dem KSE-Vertrag führten. Auch externe Faktoren, wie der Wandel der Politik innerhalb der Sowjetunion (Gorbatschow-Faktor), parallele Rüstungskontrollverhandlungen (MBFR, INF) oder das Interesse der Zivilgesellschaft am KSZE-Prozess (Friedensbewegung, Helsinki-Gruppen, Dissidenten), und ihr Einfluss auf die Verhandlungsergebnisse werden in die Analyse mit einbezogen und kritisch hinterfragt. Als zentrale Analysepunkte finden dabei die vier Leitbegriffe „Frieden“, „Sicherheit“, „Abrüstung“ und „Vertrauen“ Anwendung.

Auf methodischer Ebene lässt sich das Promotionsvorhaben im Rahmen der Diplomatiegeschichte verorten, welche jedoch um einige Aspekte ergänzt wird, um den in den letzten Jahren aufgeworfenen Kritikpunkten an diesem Ansatz zu begegnen[1]. Hier bietet sich zum einen ein von Ursula Lehmkuhl dargelegter, kulturgeschichtlicher Ansatz[2] an, bei welchem kulturelle Faktoren internationaler Beziehungen hinterfragt werden und Bestandteil der Analyse sind. Dies ist für das Projekt insofern relevant, als dass so die bereits geschilderten externen Faktoren, aber auch der Blick auf die Handlungs- und Kommunikationsspielräume der Akteure vor Ort miteinbezogen werden. Bei einem Fokus auf die Diplomaten als Akteure erweist sich ein konstruktivistischer Ansatz ebenfalls als gewinnbringend. Bei diesem Ansatz kommt immateriellen Faktoren wie Normen, Werten, kommunikativem Handeln, aber auch Vertrauen und Sicherheit eine gewichtige Bedeutung bei der Analyse staatlichen Handelns und staatlicher Akteure zugute[3]. Die beiden Emotionen Vertrauen und Sicherheit sind nicht nur namensgebende Bestandteile der VSBM, sondern spielten auch bei den Verhandlungen selbst eine gewichtige, vielfältige Rolle. Während das Vorhandensein oder Fehlen von Vertrauen unter den Teilnehmerstaaten das Wiener Treffen und seine Ergebnisse beeinflussen konnten, war der Themenkomplex Sicherheit eines der inhärenten Ziele der KSZE. So ergaben sich während der Konferenzen vielfältige Prozesse zur Bildung von Vertrauen und Sicherheit, welche ebenfalls in die Untersuchungen inkludiert werden müssen. Somit stellen diese beiden Emotionen im Sinne des Sicherheitsparadigmas von Eckart Conze[4], einer Geschichte der Gefühle nach Ute Frevert[5] und nach William Reddys Konzept der „emotional regimes“[6] ein erkenntnisförderndes Instrument bei der Analyse der friedens-, sicherheits- und abrüstungspolitischen Fragen in der Endphase des Kalten Krieges dar.

Das Promotionsprojekt stützt sich primär auf archivalische Quellen. Mit dem Ablauf der 30-jährigen Aufbewahrungsfrist ist der Zugang zu den einschlägigen Archiven möglich, wie bspw. dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, dem Bundesarchiv, dem Österreichischen Staatsarchiv oder auch den Parteiarchiven. Der Quellenkorpus an sich ist sehr heterogen: Kommuniqués, Konferenzvorschläge, Protokolle, Gesprächsnotizen, Reden, Briefe, Konferenzberichte oder auch Sachstandanalysen, um nur einige prägnante Beispiele zu nennen. Des Weiteren werden mit relevanten Gesprächspartnern aus dem Umfeld des Wiener Nachfolgetreffens oder der KSZE allgemein mittels eines möglichst standardisierten Fragenkatalog Zeitzeugeninterviews geführt. Diese Gespräche sind ebenfalls Teil des Quellenkorpus und ergänzen das Promotionsvorhaben methodisch um eine Oral-History-Komponente.

Das Projekt ist Teil eines Verbundprojekts der Stiftung Universität Hildesheim, der Universität Innsbruck, des Graduate Institute of International and Development Studies Genf und des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Österreich) und vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert.

 

[1] Einen Überblick über solche Kritikpunkte mit Verweis auf mögliche Adaptionen bieten bspw.: Thomas Mergel, Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft, 28. (2002)., Heft 4, S. 574-606; Eckart Conze, Abschied von Staat und Politik? Überlegungen zur Geschichte der internationalen Politik, in: Geschichte der internationalen Beziehungen. Erneuerung und Erweiterung einer historischen Disziplin, hrsg. v. Eckart Conze/ Ulrich Lappenküper/ Guido Müller, Köln 2004, S. 15-44; Veronika Heyde, Frankreich im KSZE-Prozess, Berlin-Boston 2017, S. 13-18.

[2] Ursula Lehmkuhl, Diplomatiegeschichte als internationale Kulturgeschichte. Theoretische Ansätze und empirische Forschung zwischen Historischer Kulturwissenschaft und Soziologischem Institutionalismus, in: Geschichte und Gesellschaft, 27 (2001), Heft 3, S. 394-423.

[3] Folgende Beispiele zeigen die Anwendungsmöglichkeiten eines konstruktivistischen Ansatzes in der Diplomatiegeschichte mit direktem Bezug zur KSZE-Thematik: Yuliya von Saal, KSZE-Prozess und Perestroika in der Sowjetunion. Demokratisierung, Werteumbruch und Auflösung 1985-1991, 2014, S. 15-17; Matthias Peter, Die Bundesrepublik im KSZE-Prozess 1975-1983. Die Umkehrung der Diplomatie: Berlin 2015, S. 4-5.

[4] Eckart Conze, Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven, Göttingen 2017.

[5] Bspw. siehe: Ute Frevert, Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne, München 2013; Ute Frevert, Die Gefühle der Staaten: Völkerrecht und politische Praxis, in: Emotionen und internationale Beziehungen im Kalten Krieg, hrsg. v. Hélène Miard-Delacroix/ Andreas Wirsching, Berlin-Boston 2020, S. 25-44.

[6] William Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework for the History of Emotions, Cambridge 2001.