Tote Grenze oder lebendige Nachbarschaft? Österreichisch-slowakische Beziehungen 1945-1968

Tote Grenze oder lebendige Nachbarschaft? Österreichisch-slowakische Beziehungen 1945-1968

Zum Referenten

David Schriffl studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Rudolphina-Universität Wien. Bereits während seines Doktoratsstudiums war er als Mitarbeiter beim Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus und als Dissertant an der Historischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Nach seiner 2009 mit Auszeichnung abgeschlossenen Promotion „Tote Grenze oder lebendige Nachbarschaft? Österreichisch-Slowakische Beziehungen 1945-1968“[1] war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Historischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt, seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW. Schriffl ist einer der wenigen Experten zur Slowakei im deutschsprachigen Raum, was sich in zahlreichen Editionen niedergeschlagen hat, etwa zu den deutsch-slowakischen Beziehungen 1938-1941, d. h., in den Jahren der Entstehung des slowakischen Staates oder zu den deutsch-slowakischen Beziehungen in den Jahren des Kriegs gegen die UdSSR bis zum Untergang der Slowakischen Republik im Jahr 1945.[2] Jüngst legte er in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern den Band „Heimliche Freunde. Die Beziehungen Österreichs zu den Diktaturen Südeuropas nach 1945: Spanien, Portugal, Griechenland“ [3] vor. Schriffl ist Mitglied der Ständigen Konferenz tschechischer und österreichischer Historiker (SKÖTH) und im Editorial Board des Politologické fórum/Political Science Forum.

 

Zum Vortrag

Die aktuelle Flüchtlingsdebatte, so Schriffls These zu Beginn seines Vortrags, lasse die Linie des ehemaligen Eisernen Vorhangs auch als Grenze der vielzitierten „Willkommenskultur“ deutlich werden. Es scheint, als wirkten Erfahrungen und eine erfolgte oder unterbliebene Auseinandersetzung mit dem Geschehenen dies- und jenseits der ehemaligen Grenze bis heute nach und äußerten sich in Form eines unterschiedlichen politischen Verhaltens. Sie kann damit als sei ein Spiegel angesehen werden, der die Verwerfungen in Politik und Gesellschaft sichtbar macht.

Um die unterschiedlichen Traditionen zu verdeutlichen, die in der Gegenwart erneut wirkmächtig werden, wirft Schriffl zunächst einen Blick in die slowakische Geschichte. Das Gebiet der heutigen Slowakei ist über tausend Jahre Teil des ungarischen Königreichs. Seine wichtige Rolle – etwa als Geldquelle durch seinen Bergbau – zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass Preßburg zwischen 1536-1830 ungarische Krönungsstadt ist. Im Zuge eines durch die deutsche Romantik beeinflussten Sprachnationalismus bildet sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch auch hier ein slawischer, tschechoslowakischer bzw. slowakischer Sprachnationalismus heraus, der die Loyalität zum ungarischen Staat in Frage stellt und zunehmend Konflikte aufwirft.

Vor allem der Konflikt zwischen Slowaken und Tschechen zeitigt in der Folge entscheidende Wirkungen. Nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn 1918 wird die Zugehörigkeit der Slowakei zur Tschechoslowakei unter Militäreinsatz erzwungen. Die Slowaken, die sich einen eigenen Staat, die Separation oder zumindest mehr Autonomie wünschen, orientieren sich in den Dreißiger Jahren politisch und ideologisch zunehmend am Deutschen Reich. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im Jahr 1938 wird die Slowakei dessen Nachbar, was neue Einflussmöglichkeiten ermöglicht. Von Wien aus wird nationalsozialistische Propaganda in der Slowakei – ab 1938 als autonomer, autoritärer Teilstaat Tschecho-Slowakei – verbreitet, wobei der Reichsstatthalter in Wien, Arthur Seyß-Inquart und der Sicherheitsdienst der SS bedeutende Rollen spielen. Wien hat fast unbegrenzten Einfluss auf Presseerzeugnisse, ab 1938 war die Gleichschaltung weitgehend erfolgt. Ein weiteres wichtiges Instrument zur propagandistischen Einflussnahme ist der Reichssender Wien. 1933 errichtet und mit einer großen Sendereichweite ausgestattet, sendet er ab 1938 täglich Nachrichten in tschechischer und slowakischer Sprache. Sein Programm zielt auf die Bildung einer Slowakei unter deutscher faschistischer Patronanz, wie sie als Slowakische Republik 1939 tatsächlich entsteht. Nach Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945 bricht auch der Satellitenstaat Slowakische Republik zusammen und die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit wird wieder hergestellt. Das Recht der Slowakei auf Mitgestaltung innerhalb des gemeinsamen Staates mit den Tschechen erweist sich jedoch als rein formal und wird bald ausgehöhlt.

Die Forschung, so Schriffl, habe in der Folge Aspekte wie beispielsweise Fragen der Nachbarschaft nur als gesamtstaatlich tschechoslowakischem Blickwinkel untersucht. Ergiebig sei es jedoch, auch die Frage nach den spezifisch slowakischen Belangen zu beleuchten bzw. die österreichisch-tschechischen mit den österreichisch-slowakischen Beziehungen zu vergleichen. Hier ließen sich, so der Vortragende, wesentlich umfangreichere Beziehungen ausmachen als bisher angenommen, so dass die Beziehungsgeschichte neu geschrieben werden könne.

Die Unterschiede in den politisch-diplomatischen Beziehungen untersucht Schriffl in  Folge am Beispiel des österreichischen Generalkonsulats in Pressburg. Eine österreichische Vertretung war in der Auseinandersetzung um die Behandlung der österreichischen Staatsbürger notwendig geworden. Schriffl zeigt anhand verschiedener Sitzungsprotokolle und Beschlüsse auf, wie verbale Versprechen der Slowakei in Richtung Österreich in deutlichem Gegensatz zum politischen Handeln stehen. Während Prag die Zusage gegeben hatte, Österreicher nicht wie Deutsche zu behandeln, trifft die slowakische Politik deutlich striktere Entscheidungen und entscheidet im Gegensatz zur Prager Linie sogar in vertraulichen Dokumenten eine Behandlung der Österreicher wie Deutsche.

Die durch Abschiebung deutlich geschrumpfte Zahl an Österreichern von etwa 3.000 im Jahr 1938 auf etwa 300 im Jahr 1948 bewirkt auch einen Wandel der Tätigkeit des Pressburger Generalkonsulats: Seit der kommunistischen Machtübernahme 1948 hatte sich der Eiserne Vorhang an March und Donau zwischen Wien und Bratislava gesenkt und dadurch den Fluss an Handelsware, aber auch an Menschen und Informationen stark eingeschränkt. Das Generalkonsulat – seit 1951 die einzige diplomatische Vertretung eines westlichen Staates in der Slowakei – dient zunehmend als Informationsquelle über herrschende Zustände. So zeigt beispielsweise eine 1950 geheim durchgeführte Umfrage über das politische System und die Beurteilung der Staatsform die Stimmungslage in der Slowakei auf. Auch wenn aufgrund der Art der Umfrage die Ergebnisse mit Vorsicht zu deuten sind, wird in ihr – erst zwei Jahre nach Installation des kommunistischen Regimes – die große Abneigung weiter Bevölkerungskreise gegen die herrschende Staatsform und der Wunsch nach einem eigenen slowakischen Staat deutlich.

Ab 1958 wird als weiteres Mittel zur Informationsbeschaffung mit amerikanischen Mitteln ein Horchposten zum Abhören des sowjetischen Funkverkehrs auf der Königswarte, einem Berg an der Grenze zur Slowakei, errichtet, der bis tief in den Warschauer Pakt hinein aktiv ist.

 Am Beispiel der sogenannten „Überlandgrundstücke“ zeigt Schriffl im Folgenden ein erstaunliches „Mikroklima der Kooperation“ an der österreichisch-slowakischen Grenze, das sich erheblich von den Zuständen an der österreichisch-böhmisch-mährischen Grenze unterscheidet. Er zeigt auf, dass Österreichern gehörende Felder auf slowakischem Boden problemlos bebaubar waren, obgleich die Österreicher nach tschechoslowakischer Regelung ja als Deutsche angesehen wurden und eine Enteignung zu erwarten gewesen wäre. Im Gegensatz zur österreichisch-böhmisch-mährischen Grenze, wo die Lokalbehörden eine Bebauung der Felder teils mit Waffengewalt verhindern, werden im österreichisch-slowakischen Gebiet wenige Monate nach der offiziellen Schließung des Grenzverkehrs und unter Umgehung des Prager Außenministeriums gar neue Regelungen für einen „kleinen Grenzverkehr“ auf der Basis eines 1929 geschlossenen zwischenstaatlichen Vertrags über einen lokalen Grenzverkehr getroffen.

Anders stellt sich die Situation auf dem grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt dar: Der traditionelle Arbeitskräfteüberschuss in der Slowakei, der vormals dem österreichischen Saison-Arbeitsmarkt zur Verfügung gestanden hatte, wird durch Umsiedlungen von Slowaken, aber auch Roma in die Grenzgebiete Böhmens und Mährens verringert. Durch Ausweisung eines Teils der ungarischen Minderheit aus der Slowakei verringert sich die Zahl an Arbeitsmigranten zusätzlich, so dass in der Slowakei selbst Arbeitskräftemangel zu herrschen beginnt. Es vergeht fast ein halbes Jahrhundert, bis sich erneut ein regionaler Arbeitsmarkt zwischen Österreich und der Slowakei entwickeln kann.

Am Beispiel eines Großprojekts mit Auswirkungen auf die internationale Politik zeigt Schriffl ein Beispiel für eine wirtschaftliche Kooperation ganz anderer Art auf: Bereits in den 50er Jahren gibt es unterschiedliche Pläne sowohl der Tschechoslowakei aber auch Österreichs, im Dreiländereck Österreich-Ungarn-Tschechoslowakei die Wasserkraft der Donau zur Energiegewinnung zu nutzen. Nach langwierigen Vorverhandlungen wird auf österreichischen Wunsch hin Wolfsthal als Standort in den Blick gefasst, da Österreich einen Verlust an nutzbarer Wasserkraft am unteren Verlauf der Donaustrecke durch den Bau eines anderen Stauprojekts verhindern will und dafür sogar in Kauf nimmt, dass die USA von Beginn an die Zustimmung für Finanzmittel versagt.

Wie Schriffl aufzeigt, sind die Gründe, warum von slowakischer Seite aus viele Jahre ergebnislos mit Österreich verhandelt wurde, obgleich eine „ungarische Lösung“ in Form einer Staustufe bei Gabčikovo energietechnisch weit günstiger gewesen wäre, in der Geopolitik zu suchen: Auf russischen Auftrag hin soll Österreich – wenige Wochen nach Unterzeichnung des Staatsvertrags – von seiner Rolle als freiwillig neutraler Staat profitieren. So bleibt auf russischen Wunsch Österreich lange Zeit in das Verhandlungsspiel integriert, obgleich es bereits in den 60er Jahren eine eigene – rein österreichische – Staustufe bei Hainburg hätte realisieren können. Letztlich wird keines der geplanten Wasserkraftwerke umgesetzt.

Auch die Situation an der Grenze zwischen Österreich und der Slowakei erweist sich anders, als gemeinhin vorgestellt. Zwar wird ab Februar 1948 mit der Errichtung von Sperren begonnen, der Aufbau verläuft aber nicht stetig. Die grüne Grenze wird erst im Juli 1951 mit einem Stacheldraht abgesperrt, entlang der March sogar nur entlang der Dörfer technische Sperren angebracht. Während in anderen Grenzabschnitten – etwa an der Grenze zum heutigen Tschechien – der Grenzschutz und die Arbeit an den Aufbauten betont wird, lässt sich im slowakischen Gebiet in der Entspannungsphase des Kalten Kriegs gar ein Rückbau der Stacheldrahtkonstruktionen feststellen. Es werden gar persönliche Kontakte gepflegt. Die Statistik der Todesfälle bei Grenzzwischenfällen bestätigt diese unterschiedliche Grenzpolitik. Diese Liberalisierungstendenzen haben auch Auswirkungen auf den Reiseverkehr: Die Grenzübergängen zwischen Wien und Pressburg werden ab Oktober 1963 quasi Testgebiet für den Reiseverkehr mit den nun auch leichter zu erhaltenden Visa, bevor die Regelungen auch für Böhmen und Mähren gelten. Grund der Erleichterungen sind vor allem die Hoffnungen der Slowakei auf höhere Deviseneinnahmen. Die Zahl der Visa-Anträge zur Reise in die Slowakei wächst rasant und stellt die österreichische Vertretung bald vor Kapazitätsprobleme. Es fahren jedoch nicht nur Österreicher in die Slowakei, sondern auch viele Slowaken nach Wien. Mit dem gewaltsamen Ende des „Prager Frühlings“ 1968 finden diese Reiseerleichterungen jedoch ein jähes Ende.

Wie Schriffl aufzeigt, lassen sich auch im Bereich des Rundfunks und des Fernsehens Lücken in der Abschottung der slowakischen Bevölkerung vom Westen feststellen. Vor allem der österreichische ORF wird zu einer der wichtigsten unzensierten Informationsquellen. Die Maßnahmen der Partei, den Empfang des Senders zu verhindern, bleiben ohne Erfolg. In der Phase der Liberalisierung werden auch kulturelle Kontakte wie Übersetzungen moderner österreichischer Literatur oder Gastspiele österreichischer Ensembles intensiv gepflegt. Auch diese Bemühungen finden nach 1968 ein jähes Ende.

Die Zeit nach 1968 lässt sich als Rückzug ins Private kennzeichnen. Kritik am tschechoslowakischen Regime – etwas durch die Dissidenten der Charta 77 – erhält breite Unterstützung aus Österreich, kann sich aber zunächst nicht durchsetzen. Auf die „Samtene Revolution“ im November 1989 folgt ein Hochgefühl in den gegenseitigen Beziehungen, das jedoch nicht von Dauer ist. Die nun wieder durchlässige Grenze und die neue Reisefreiheit führt zu österreichischen Ängsten, so dass die Regierung Soldaten an die Grenze verlegt und diese sogar noch sichert, als die Slowakei 2007 Schengen-Mitglied wird. Die autoritäre Regierung Vladimír Meçiars erschwert eine Annäherung zusätzlich. Österreich, selber 1995 in die EU eingetreten, nimmt beim Beitritt der Slowakei im Jahr 2004 eine Art Mentorenrolle ein. Eine im Jahr 2000 durchgeführte Studie zeigt das Verhältnis der Nachbarn als ein asymmetrisches: Während die Slowaken die Österreicher zwar als arrogant, insgesamt aber als positiv bewerten, lässt sich in Österreich eine Wiederbelebung des Vorurteils vom ungebildeten Ostler konstatieren. Dass die Kenntnis der deutschen Sprache in der Slowakei rückläufig ist, bestärkt diese Tendenzen.

Trotz recht positiver Ausblicke betont Schriffl zum Ende seines Vortrags erneut die eingangs geäußerte Meinung: Der Umgang mit der Flüchtlingskrise heute zeige – trotz aller Kontakte und Gemeinsamkeiten – die Auswirkungen jahrzehntelanger unterschiedlicher gesellschaftlich-ideologischer Erfahrungen. Dies mache einen Teil des Grabens aus, der Europa momentan spalte.

 

Diskussion

Frage:

Ich habe zwei Fragen, wobei die erste Frage den Assistenzeinsatz von Soldaten betrifft. Es gibt die Darstellung von österreichischen Soldaten der Führungsebene, die behaupten, der Assistenzeinsatz hätte die dort eingesetzten Soldaten der jeweiligen Region nähergebracht. Das würde auch Ihre Argumentation unterstreichen, dass es in den 50er Jahren durchaus Kooperationen zwischen beiden Grenzorganen gegeben hat. Inwieweit ist Ihnen bekannt, ob diese einen besonderen Blick auf die Slowakei hatten bzw. ob sie die Slowakei bzw. die Grenzregion besonders schätzen gelernt haben? Und haben Sie Kenntnisse darüber, wie man über die Grenze gesprochen hat? Wird sie nach der Abschottung 1968 eher als Bedrohung wahrgenommen?

Schriffl:

Der Einsatz der österreichischen Soldaten an der Grenze war dem sogenannten subjektiven Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung geschuldet – das war der entscheidende Faktor. Es ist interessant zu sehen, dass die Soldaten von der österreichischen grenznahen Bevölkerung sehr wertgeschätzt wurden – und das nicht nur aus sicherheitspolitischen Gründen, sondern auch, weil grenznahe Städte und vor allem Gasthäuser von deren Aufenthalt auch finanziell profitierten. Ein Näherkommen dem Nachbarn ist mir nicht bekannt. Auf der anderen Seite hat es durchaus das Gefühl der Absurdität gegeben, dass in der EU nun Soldaten an der Grenze wachen. Eine Kritik wurde allerdings gar nicht oder nur dezent geäußert.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Phase vor und nach 1968: Die Grenzgebiete wurden mental etwas aufgegeben. Vor allem an der Nordgrenze, aber auch im Osten war es so, dass man es als „tote Grenze“ wahrgenommen hat und dass viele nicht mehr wussten oder wissen wollten und konnten, was dahinter ist. Es gab sozusagen ein „Ende des Interesses“.

Frage:

Mich hat in Ihren Ausführungen gewundert, dass ab 1956 die Grenzanlagen zu Österreich abgebaut wurden, obwohl parallel dazu ja in Ungarn der Aufstand gewesen ist. Hat es da keinerlei Auswirkungen gegeben? Sie haben erwähnt, dass die Todesfälle an der Grenze 1956/57 hauptsächlich an der tschechischen Grenze zu verzeichnen waren.

Schriffl:

Es ist interessant zu sehen, dass an der ungarischen Grenze davor und danach Minengürtel angelegt worden sind, was an der österreichisch-slowakischen Grenze nie passiert ist. Anhand der Dokumente ist es nur möglich darzustellen, welche technischen Maßnahmen es gegeben hat und welche aufgehoben worden sind. Das hängt sicherlich auch mit der Entspannung nach dem 20. Parteitag des KPDSU zusammen. Die Ängste der Partei in der Tschechoslowakei nach dem Aufstand haben sich auf Ungarn bezogen und nicht auf Österreich. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass die Bedürfnisse, die Grenze zu Österreich wegen des ungarischen Aufstandes weiter abzuschotten, in den Dokumenten weniger nachzuweisen sind. Es bestand vielmehr die Angst, der Aufstand könne auf die Tschechoslowakei übergreifen und so gab es sogar Überlegungen der Regierung, die Grenze zu Ungarn zu befestigen.

Frage:

War es nicht so, dass von ungarischer Seite auch an der österreichisch-ungarischen Grenze ein Abbau des „Eisernen Vorhang“ schon vor dem Volksaufstand in der ersten Hälfte 1956 eingesetzt hatte und dann im Grunde der Aufstand und dessen blutige Niederwerfung diesen Vorgang dann abrupt gestoppt hat? Lassen sich Parallelitäten zwischen der österreichisch-ungarischen und der österreichisch-slowakischen Grenze feststellen?

Schriffl:

Im Zuge der Entspannungspolitik gibt es in der Tat Parallelen, man muss jedoch festhalten, dass die technischen Maßnahmen an der ungarischen Grenze deutlich massiver waren, als sie jemals an der slowakischen oder auch tschechoslowakischen Grenze bestanden haben. Eine Parallelität gibt es auch insofern, als die Entspannungsphase des Kalten Kriegs ihre Auswirkung auf alle Satellitenstaaten hatte und nach dem Aufstand wieder zurückgenommen wurden. Es gibt Berichte der Grenztruppen, in denen die Stimmung der Bevölkerung an der Grenze beobachtet wird. Dort wird offensichtlich, dass der 20. Parteitag der KPDSU tatsächlich auch Auswirkungen auf die Individuen gehabt hat. Die angebliche „geheime Rede“ von Nikita Chruschtschow ist von westlichen Radiostationen in den Osten gesendet worden, es wurden Flugblätter abgeworfen, da die US-Regierung wollte, dass die „Abrechnung“ mit Stalin auch wirklich bei den Leuten ankommt, um eine kritische Haltung zu befördern. So entstand bei z. B. bei den slowakischen Grenztruppen die Meinung, eine Abschottung sei zu diesem Moment der Bevölkerung nicht verständlich zu machen. Teilweise waren die Grenztruppen selber in ihrer Disziplin und Loyalität betroffen – die Führung hatte Sorge, dass die Grenztruppen die Entspannung so weit verstehen würden, dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr nachkämen.

Frage:

Hatte sich der Zustand der Grenzsicherung auch in der DDR herumgesprochen? Sind die Versuche einer Flucht in den Westen über diese Grenze unternommen worden?

Schriffl:

Die Details der Grenzsicherung waren sicherlich nicht sehr weithin bekannt und das Thema ist in der Forschung wenig beachtet. Womit Sie Recht haben ist, dass die Liberalisierung des Grenz- und Reiseverkehrs zu einer vermehrten Fluchtbewegung geführt hat. Vereinfacht gesagt sind DDR-Bürger nicht in die Slowakei gefahren, um dort nach Wien zu flüchten, weil der Grenzzaun lückenhaft war, sondern weil sie wußten, dass der Verkehr sich dort verstärkt hatte und es mit dem herrschenden Grenzregime einfacher war, sich dort durchzuschmuggeln. Es spielte sich also weniger an der grünen Grenze ab, sondern eher auf der Straße. An der March in Rumänien oder Bulgarien sind weitaus mehr Menschen bei Fluchtversuchen erschossen worden.

Eine Besonderheit wäre noch zu erwähnen: Laut einem alten Grenzvertrag war die Mitte der March die Grenze. Der Fluss hat aber diverse Schlingen und ist immer wieder reguliert und begradigt worden. So ergab es sich, dass österreichische Gebietsteile jenseits der March oder slowakische westlich der March gelegen waren, weil der Vertrag nicht angepasst wurde und immer noch die alte Linie galt. Nordwestlich von Bratislava gab es einen Grenzwachturm, der auf österreichischem Gebiet stand. Von dem aus sind Anfang der 60er Jahre Flüchtlinge erschossen worden, was zu einer großen Krise der Beziehungen geführt hat.

Frage:

1989 haben die bewegten Bilder und die Schilderungen der DDR-Flüchtlinge über die Grenze nach Österreich und dann nach Deutschland enorme Effekte gehabt. Wie viele bewegten Bilder gab es eigentlich von der österreichisch-ungarischen oder österreichisch-slowakischen Grenze in den 50/60er Jahren?

Schriffl:

So gut wie keine.

Frage:

Bis 1968 gab es somit keine rückwärtige Grenzraumsicherung Richtung Osten, während danach die Grenze massiv gesichert wurde. Eine Flucht über die Slowakei war nicht mehr möglich und bei der Flucht über Rumänien oder Bulgarien sind viele Menschen umgekommen. Habe ich das richtig verstanden?

Schriffl:

Das ist im Wesentlichen richtig. Es gab eine Grenzzone, die an der österreichisch-slowakischen Grenze wesentlich anders war als an der böhmisch-mährischen: Dort wurde sie entvölkert, ein Stop mit dem Auto war während der Durchfahrt verboten. Das hat es an der slowakischen Grenze theoretisch auch gegeben, die Zone war aber viel schmaler.  Was vor allem entscheidend war: In ihr lag die slowakische Hauptstadt, die ja mehr oder weniger an die Grenze reicht. Eine vollständige Absicherung war also nicht möglich. Ein schönes Beispiel ist das Strombad in der Donau bei Bratislava. Die Menschen sind hier sozusagen ein paar Meter neben der Grenze geschwommen. Natürlich hat es Überlegungen gegeben, wie das abzusichern sei – es war aber nicht möglich. Nach 1968 sind alle diese Sperren aber ziemlich massiv ausgebaut worden.

Frage:

Sie haben das unterschiedliche Verhältnis zwischen Wien-Prag und Wien-Bratislava angesprochen und am Beispiel des kleinen Grenzverkehrs und des Einsatzes von Gewalt verdeutlicht. Wie ist dieses unterschiedliche Verhältnis zu erklären? Spielen Faktoren des 19. Jahrhunderts auch eine Rolle oder was sind Ihrer Meinung nach die Gründe? Umfragen zufolge haben ja auch heute noch Österreicher weit mehr Vorbehalte gegenüber Tschechen als gegenüber Slowaken. Wie erklären Sie sich das? Umgekehrt lässt sich dies ja auch feststellen.

Schriffl:

Ein wesentlicher Punkt ist sicher die jeweils gemeinsame oder nicht-gemeinsame Geschichte. Zwischen Tschechien und Österreich haben sich viel mehr Vorurteile bilden und verfestigen können. Ein zweiter Faktor ist aber auch, dass die slowakische politische Elite versucht hat, eine gewissen Eigenständigkeit innerhalb des tschechoslowakischen Staates zu behalten und ihr Weg war es, dafür in irgendeiner Weise auch mit dem Ausland in Verbindung zu treten. Man war zum Beispiel stolz darauf, Konsulate in Preßburg zu haben und hat eine Einladungspolitik betrieben, um eigene Staatlichkeit zu simulieren. Das hat also nicht nur mit Österreich und der Slowakei zu tun, sondern auch mit dem Selbstverständnis, das man als eine Art Selbstermächtigung bezeichnen kann.

Die Frage der Vertreibungsgeschichte der Sudetendeutschen und Karpatendeutschen ist ein weiterer Faktor, der bis in die Gegenwart hineinspielt. Aus Böhmen und Mähren sind weit mehr Menschen vertrieben worden, es hat mehr Tote gegeben und daher gab es mehr Anlass zum Konflikt. Die slowakische deutsche Minderheit war hingegen zum größten Teil schon 1944 durch die Deutschen evakuiert worden, so dass eine deutlich geringere Zahl an Menschen – etwa 33.000 Personen – vertrieben wurde. Hier ist also deutlich weniger Konflikterinnerung vorhanden.

Unterschiede zeigen sich beispielsweise auch an den Beneš-Dekreten. Sie sind ein tschechoslowakischer Rechtsbestand und gleichermaßen in der tschechoslowakischen wie slowakischen Republik gültig. In den bilateralen Beziehungen sind sie aber ein Problem mit Tschechien, nicht mit der Slowakei. Obgleich die Dekrete gelten, gibt es eine Erklärung der Slowakei aus dem Jahr 2002, in dem sinngemäß erklärt wird, die Slowakei habe vor 1945 nie ein Problem mit der deutschen Minderheit gehabt. Dies soll den Druck aus den angespannten Beziehungen nehmen. Von der Tschechoslowakei ist eine ähnliche Erklärung nicht zu erwarten. Hier herrscht auch ein ganz anderes Verhältnis auch zu solchen Rechtsfragen.

Frage:

Eine Ergänzung: Der Name Beneš, der den Dekreten den Namen gegeben hat, steht auch für die Verletzung der Minderheitenrechte der nicht-tschechischen Bevölkerung in der tschechoslowakischen Republik und er steht für gezielte und bewusste Planung von Vertreibung. Beneš steht damit stellvertretend in vielen Augen für „den Tschechen“ und wird mit diesem Verbrechen identifiziert. Das ist der große Unterschied zur Slowakei.

Sie haben kurz die nachrichten- und geheimdienstliche Dimension und auch von amerikanischer Seite finanzierte Horchposten erwähnt. Was haben deren Informationen zum Thema beizutragen? Sind diese Quellen zugänglich, aufschlussreich und haben Sie sie untersuchen können? Inwieweit waren diese Informationen nützlich und inwieweit hat man sich des neutralen Österreichs bedient, um Informationen zu erhalten, die man von der BRD nicht bekommen konnte, da sie keine Vertreter dort hatte?

Schriffl:

Man hat natürlich Österreich benutzt. Österreich selber hat eine relativ bequeme Position eingenommen, indem es nicht selbst aktiv tätig war, aber auch nichts dagegen unternommen hat, dass es passiert ist. Österreichische Berichten gingen beispielsweise an den Heiligen Stuhl und an andere Stellen gegangen und an internen Papieren kann man ablesen, dass man sich darüber bewusst war, dass diese Berichte in den Westen gelangen. Die Geheimumfrage etwa wurde als so brisant eingestuft, dass sie nicht an die Vertreter der nahen Ostblockstaaten versandt wurde, sondern die jeweiligen Vertreter darüber nur mündlich unterrichtet wurden. Der Horchposten auf der Königswarte war extrem wichtig und hat der NATO die Möglichkeit eröffnet, teilweise bis in sowjetisches Gebiet hinein den Funkverkehr abzuhören. Für mich ist es überraschend, dass dieser so offensichtliche Neutralitätsbruch nie thematisiert worden ist. Es hat in Österreich US-amerikanische Waffenlager gegeben, damit sich das Land im Ernstfall gegen den Warschauer Pakt hätte verteidigen können – die waren aber geheim und sind teilweise erst in den 90er Jahren entdeckt worden. Dass das nie thematisiert wurde und ein neutrales Land einen von Bratislava aus sichtbaren Horchposten installiert, der einer Großmacht würdig wäre, ist bislang nicht untersucht worden.

Frage:

Man denke ja auch an den Marshallplan, der zum Beispiel auch dafür gesorgt hat, dass der österreichische Tourismus wiederbelebt wurde. Welche Rolle spielt der Tourismus allgemein für die Region und beeinflusst er auch aktuell die österreichisch-slowakischen Beziehungen?

Schriffl:

Der Marshallplan war extrem wichtig. Österreich hat pro Kopf ein Vielfaches mehr an Marshallplan-Hilfe bekommen als Deutschland, das ist vielleicht nicht so bekannt. Mit dem Geld wurden allerdings überwiegend Speicher- und Wasserkraftwerke finanziert. Der Tourismus war in dieser Phase hauptsächlich Devisenbringer für die kommunistischen Regimes. Für Wien waren die slowakischen Touristen kein nennenswerter Faktor. Wichtiger war es umgekehrt: Die slowakische Infrastruktur wurden durch den Tourismus ausgebaut und man versuchte beispielsweise dem Gastronomie-Personal deutsch beizubringen. Die Verbindung zwischen Marshall-Pan und Tourismus würde ich nicht unbedingt herstellen. Das spielt eher für Westösterreich eine Rolle.

Frage:

Ein häufig vernachlässigter Punkt für Zeithistoriker ist der Faktor Kirche. Wie wir gehört haben, hatte der Heilige Stuhl Interesse an den Berichten aus Wien. In Wien gibt es einen Erzbischof, das war erst Kardinal Innitzer, später dann Kardinal König. Welchem Stellenwert ist dem Faktor katholische Kirche zuzumessen und wie beurteilen Sie ihre Rolle? Wie weit spielen im österreichisch-slowakischen Verhältnis Konfessionen eine Rolle? Vielleicht auch die Rolle von Jozef Tiso?

Schriffl:

Von hinten aufgerollt spielt es sicher insofern eine Rolle, als Kardinal König, Erzbischof in Wien, mit seiner Organisation „Pro oriente“ versucht hat, auf römischen Auftrag hin Informationskanäle in den Osten zu öffnen. Ich wage zu behaupten, dass er nicht nur gezielt in den Osten geschickt wurde, sondern auch gehalten war, Tipps zu geben, wie weiter vorgegangen werden solle. Die von mir präsentierte Umfrage ist im Wesentlichen von katholischen Kanälen durchgeführt worden. Dazu wurden Seminaristen eines Priesterseminars mit Fragebögen jeweils in ihre Heimatregionen geschickt und haben dort möglichst unterschiedliche Personen befragt. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sie gemeinsam mit den slowakischen Bischöfen abgeurteilt worden sind. In Hinblick auf Tiso würde ich nicht so weit gehen, Nachkriegsverbindungen in Verbindung mit der faschistischen Slowakei zu bringen. Allerdings muss man sagen, dass der gute Kontakt der Wiener nationalsozialistischen Stellen zu den slowakischen Autonomisten auch mit einem gemeinsamen ideologischen Hintergrund zu tun hat. Arthur Seyß-Inquart beispielsweise war in Wiener Kreisen als katholische Nationalsozialist verunglimpft. Nicht umsonst ist der Verfassungsentwurf für die Slowakei aus seinem Umkreis gekommen, er hatte einen guten Draht zu Tiso und der slowakischen Volkspartei, die aus dem katholischen Milieu entstanden ist. Die autonomistische slowakische Bewegung war von Anfang an eine, die den Unterschied zwischen den katholisch-gläubigen Slowaken und den atheistischen oder hussitischen Tschechen auch als politisches Instrument benutzt hat. Insofern gibt es da eine Dimension der Beziehung einer katholischen Linie von Österreich in die Slowakei.

Frage:

Die Frage ist ja die, ob der Katholizismus nicht im Grunde auch eine Klammer mit Blick auf den Antikommunismus war. Halten Sie das für überschätzt oder würden Sie das als eine Dimension ansehen, die zu gemeinsamen Vorstellungen und Bildern von der Sowjetunion zwischen Österreichern und Slowaken geführt hat?

Schriffl:

Es stellt sich die Frage, inwieweit der antikommunistische slowakische Widerstand ein katholischer war. Das würde ich nicht uneingeschränkt bejahen. Der Konnex zwischen slowakischem Katholizismus und slowakischen Bemühungen um Eigenstaatlichkeit und Autonomie ist evident, nicht aber der zum Antikommunismus. Die slowakische Nation definiert sich größtenteils über ihren Katholizismus und daher bis zu einem gewissen Grad als Antithese zu den Tschechen. Teilweise wurde dies in Antikommunismus umgemünzt, aber den Konnex zwischen einem katholischen Österreich und einer katholischen Slowakei und deren Antikommunismus würde ich so nicht ziehen.



[1]
                        [1] David Schriffl: Tote Grenze oder lebendige Nachbarschaft? Österreichisch-Slowakische Beziehungen 1945-1968“- Zentraleuropastudien 17, Wien 2012.

[2]
                [2] Zum Beispiel: Eduard Nižňanský, Jana Tulkisová, Igor Baka, Miloslav Čaplovič, Miroslav Fabricius, Ľudovit Hallon, Dušan Segeš, David Schriffl, Michal Schvarc (Hg.), Slovenskonemecké vzťahy 1938–1941 v dokumentoch I. Od Mníchova k vojne proti ZSSR. Slowakisch-deutsche Beziehungen 1938–1941 in Dokumenten I. Von München bis zum Krieg gegen die UdSSR. Universum, Prešov 2009 [erschienen 2011]; David Schriffl, Michal Schvarc und Martin Holák (Hg.), „Tretia ríša“ a vznik Slovenského Štátu. Dokumenty I. – Das „Dritte Reich“ und die Entstehung des Slowakischen Staates. Dokumente I. Ústav Pamäti Národa, Bratislava 2008; Eduard Nižňanský, Jana Tulkisová, Igor Baka, Miloslav Čaplovič, Miroslav Fabricius, Ľudovit Hallon, David Schriffl, Michal Schvarc (Hg.), Slovensko-nemecké vzťahy 1941 – 1945 v dokumentoch II. Od vojny proti ZSSR po zánik Slovenskej republiky v roku 1945. (Slowakisch-deutsche Beziehungen 1941 – 1945 in Dokumenten II. Vom Krieg gegen die UdSSR bis zum Untergang der Slowakischen Republik im Jahr 1945). Universum, Prešov 2011 [erschienen 2013].

[3]
                [3] Stefan A. Müller, David Schriffl, Adamantios T. Skordos: Heimliche Freunde. Die Beziehungen Österreichs zu den Diktaturen Südeuropas nach 1945: Spanien, Portugal, Griechenland. Wien: Böhlau, 2016.

 

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