Die Rheinkrise 1840/41 und das System des Wiener Kongresses

Miroslav Šedivý: Die Rheinkrise 1840/41 und das System des Wiener Kongresses


Zum Referenten:

Miroslav Šedivý studierte an der Karl-Universität Prag und setzte nach seinem Magister seine Forschungen mit einer Promotion fort. Studien- und Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Newcastle, nach Wien an das Institut für osteuropäische Geschichte und an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München und er studierte unter anderen bei Arnold Suppan und Wolfram Siemann.

Miroslav Šedivý legte seine Habilitationsschrift mit dem Titel Metternich, the Great Powers and the Eastern Question an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag vor.1 Seine Studie vermittelt „höchst differenzierte und teilweise vollkommen neue Einblicke in die Dynamik der Mächtebeziehungen während der 1820er- und 1830er-Jahre.2Šedivý ist derzeit an der Philosophischen Fakultät der Westböhmischen Universität Pilsen tätig.



Inhalt des Vortrags ist die Rheinkrise des Jahres 1840 und ihre Rolle in der Geschichte des Systems des Wiener Kongresses. Šedivý weist anhand der Darstellung der Geschichte der Krise nach, dass das „System des Wiener Kongresses“ von der Mehrzahl der Historiker und politischer Wissenschaftler deutlich zu positiv beurteilt wird. Der fast formelhaft verwendete Begriff des „Systems des Wiener Kongresses“ meint den Wiederaufbau des europäischen Staatensystems durch internationale Verträge in den Jahren 1814-15 und steht meist synonym für eine „goldene Epoche“ der europäischen Politik, in welcher die Nationen sich kooperationswillig um Frieden bemühen und alle rechtlichen Vereinbarungen achten. Nach Šedivý offenbart die Rheinkrise jedoch die erheblichen Schwächen des Systems des Wiener Kongresses und verstärkt das Misstrauen der europäischen Staaten in Hinblick auf dessen Funktionsfähigkeit, seiner Stabilität und europäischer Gerechtigkeit.


Die Rheinkrise gilt als eine Folge der zweiten türkisch-ägyptischen Krise („Orientalische Krise“, 1839-1841), der kriegerischen Auseinandersetzung von Ägypten unter dem Pascha Muhammad Ali und des Osmanischen Reiches unter dem Sultan Mahmud II. Einer Konvention vom 15. Juli 1840 folgend, greifen Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen an der Seite des Sultans militärisch in den Krieg ein, was zur Niederlage Ägyptens führt. Die Krise beschränkt sich jedoch nicht auf den Orient, sondern beeinflusst auch die Situation in Europa selber. Vor allem Frankreich, das die Juli-Konvention nicht unterzeichnet, sondern an der Seite Muhammad Alis gestanden hatte, geht aus dem Konflikt beschädigt hervor. Die diplomatische Niederlage bewegen den französischen Premierminister Adolphe Thiers und den König Louis Philippe zur Aufrüstung, um die Signatarmächte der Londoner Konvention zu Zugeständnissen zu Gunsten Muhammad Alis zu zwingen. Frankreich verfällt in ein regelrechtes Kriegsfieber und stellt, quasi als Wiedergutmachung seiner „verletzten Ehre“, Forderungen nach Wiederherstellung der „natürlichen Grenzen“ in den Alpen und am Rhein, das heißt, der Gebiete Belgiens, der Niederlande und des Deutschen Bundes. Auf deutscher Gegenseite erhitzt eine mögliche Verteidigung des „deutschen Rheins“ die Gemüter und führte zu erheblichen Protesten und politischer Agitation. Der Rhein wird so zum Symbol und Namensgeber der Krise.


Der Kriegsgefahr zum Trotz geben Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen dem französischen Druck nicht nach, was Frankreich innenpolitisch zermürbt: Premierminister Adolphe Thiers und der König geraten in Konflikt, was zu einem Rücktritt von Thiers im Oktober führt. Die eigentlich schon hier beendete Rheinkrise wird durch die Zweite Londoner Konvention im Juli 1841 offiziell zwischen den Großmächten beigelegt.


In der Forschung gilt die Rheinkrise als wichtigste europäische Krise des Vormärz. Dass sich die Forschungsliteratur so gering ausnimmt (zum Beispiel fehlen französische oder englische Monographien vollständig) scheint sich daraus zu erklären, dass sie, so Šedivý, fälschlicherweise meist als rein deutsch-französische Auseinandersetzung betrachtet wird. „Europäisch“ wird die Krise jedoch allein schon durch ihre territoriale Ausdehnung, denn sie involviert nicht nur die Großmächte und den Deutschen Bund, sondern auch die italienischen Staaten, die Schweiz, Belgien, die Niederlande, Dänemark und Schweden. Die Kriegsfurcht all dieser Staaten stellt einen gewichtigen sozialen Aspekt der Krise dar: Sie bestimmt die teils überbordende Irrationalität der öffentlichen Debatten, der Zeitungen, Pamphlete oder politischen Lieder und macht sie zu einem Pulverfass.


Aber welche Sprengkraft kommt der „Rheinkrise“ wirklich zu? Šedivýs Antwort fällt deutlich aus: Eigentlich hätte es keinen Grund gegeben, ihr allzu großes Gewicht beizumessen – schließlich war anzunehmen, dass Frankreich einen Krieg gegen das restliche Europa nicht riskieren konnte und mit seinen Kriegsdrohungen im Grunde nur mit den anderen Großmächten pokerte. Ihre wirkliche Bedeutung liegt vielmehr darin, ein Ventil für zahlreiche Probleme innen- und außenpolitischer Art zu sein – etwa Animositäten zwischen Monarchen oder Staatsmännern, die Wirtschaftsprobleme, Arbeiterbewegungen oder Reformversuche. Sie legt die schwierigen politischen, sozialen und ökonomischen Probleme und die Fragilität des europäischen Staatensystems bloß und mündet in einem allgemeinen Misstrauen gegen das vom Wiener Kongress errichtete Staatensystem.


Dies verbreitete Misstrauen und das Gefühl der Unsicherheit der europäischen Staaten führt Šedivý am Beispiel des Britisch-Neapolitanischen Schwefelkriegs im Frühjahr 1840 aus.

Die Tatsache, dass Großbritannien seine auf keiner Rechtsgrundlage beruhenden Forderungen nach einer Aufhebung des Schwefelmonopols in Sizilien mittels Kriegsschiffen durchsetzt und keine Intervention anderer Mächte zugunsten Siziliens erfolgt, verstärkt – so Šedivý – die Zweifel an der Gerechtigkeit des europäischen Staatensystems, d. h., von einem ius publicum europeum geschützt zu sein.


Weitere Erinnerungen an Rechtsmissbräuche (wie zum Beispiel die Schlacht von Navarino (1827), die französische Expedition nach Algerien (1830), die russischen Feldzüge im Kaukasus oder der erste Opiumkrieg (1839-42)) lösen eine regelrechte „Pandemie des Misstrauens“ aus, die sich in der Rheinkrise noch einmal erheblich steigert, was Šedivý an diplomatischer und privater Korrespondenz, in Zeitungsartikeln, Pamphleten oder Tagebüchern festmachen kann. Ihm zufolge stellen sich den europäischen Zeitgenossen vor allem zwei Schlüsselfragen: Würden sich die vier Signatarmächte im Falle eines französischen Angriffs einig? Und wichtig für die kleineren europäischen Staaten: Würden die Großmächte ihre Neutralität im Falle einer Aggression achten? Auch hier zeigen die Quellen, wie wenig auf den Schutz des internationalen Rechts und auf die Einhaltung der Vertragsverpflichtungen vertraut wird. Auch Versuche, durch unterschiedliche Projekte – wie etwas Metternichs Friedensliga vom August 1840 – das System zu stärken und die Kriegsgefahr zu bannen, sind nicht von Erfolg gekrönt.

 

Das mangelnde Vertrauen in die Gerechtigkeit und Stabilität des Systems des Wiener Kongresses lässt sich für Deutschland besonders an der qualitativen und quantitativen Entwicklung des Nationalismus ablesen. Die historische Forschung führt übereinstimmend an, die drohende französische Annexion des linken Rheinufers habe eine Welle an aggressivem und chauvinistischem Nationalismus in Deutschland freigesetzt. Diese Behauptung – so Šedivý – lasse sich jedoch so pauschal nicht halten und fordert eine wissenschaftliche Revision dieser tradierten Meinung. Seine umfangreichen Recherchen in europäischen Archiven haben vielmehr erwiesen, dass der Wille, den Deutschen Bund gegen eine französische Aggression zu verteidigen nicht zwangsläufig eine Verbindung mit einem Nationalismus eingegangen sei. Auch ein bestehender Nationalismus sei nicht in jedem Falle von einer antifranzösischen Stimmung geprägt und schon gar nicht einheitlich gewesen: Es seien im Gegenteil stark differierende Meinungen in den nationalen Lagern auszumachen. Gemeinsam aber sei allen die Sorge – so Šedivý – aufgrund der geopolitischen Lage einer Bedrohung von Außen ausgesetzt zu sein – dies könnten aber ebenso Aggressionen Großbritanniens oder Russlands sein. Aus diesen Ängsten und diesem Bedrohungsgefühl heraus konstatiert Šedivý für Deutschland mehr den Wunsch nach Einigkeit (unity) als denjenigen nach einer nationalen Einheit (unification).


Die Rheinkrise ist laut Šedivý als starke Warnung anzusehen, die jedoch für die Zukunft keine positiven Folgen zeitigt. Dies zeigt nicht zuletzt der Krimkrieg der 1850er Jahre – vielleicht auch, weil die 1840 um Kompromisse bemühte Politikergeneration zu diesem Zeitpunkt von der Bühne des Weltgeschehens bereits abgetreten war.



Diskussion:

Warum engagiert sich Frankreich so stark für Ägypten?

Šedivý schätzt das Engagement 1840 eher als irrationales Verhalten ein. Die Wurzeln der französisch-ägyptischen Beziehungen liegen jedoch weiter zurück: Während der Zeit der Statthalterschaft Muhammad Alis zwischen 1805 und 1840 sind viele Franzosen in seinen Diensten. Zudem sehen die Franzosen Ali als Verbündeten gegen Großbritannien. Die Franzosen hatten starkes Interesse an der Einheit des Osmanischen Reiches, das sie ohne Ali gefährdet sahen.


Als zwei unterschiedliche Wurzeln des deutschen Nationalismus werden der Deutsche Bund und die Einheit Deutschlands unter einer Führung ausgemacht. Wie weit sind diese Spuren spürbar wirksam?

Statt „Nationalismus“ wäre die Begrifflichkeit „Nationalbewegung“ angebrachter. Eine kleindeutsche Lösung schien lange untypisch für Deutschland zu sein, angestrebt wurde stets die große Einheit. Diese Hoffnungen zerschlugen sich 1848 jedoch, die Gedanken lebten jedoch nachhaltig weiter.


Wer prägte den Begriff „europäisches Konzert“ und ist er historisch belegt?

Šedivý leitet den Begriff vom französischen „en concert“ (= gemeinsam agieren) her. Der Begriff „europäisches Konzert“ ist jedoch nicht historisch belegt, sondern eine spätere Setzung. Metternich beispielsweise spricht stets von Allianz.


Wie ist die Rolle Metternichs 1848-50 zu beurteilen? Was ändert sich danach?

Metternich ist zum Defensivkrieg bereit, setzt aber seine Bemühungen daran, den Frieden zu wahren. Die nachfolgende Politikergeneration wird als deutlich kriegsbereiter eingeschätzt.


Ist die rheinische Herkunft Metternichs von Bedeutung?

Šedivý hält die Frage der Herkunft im Falle Metternichs für nicht bedeutsam. Seiner Meinung nach hätte er ebenso gehandelt, würde er nicht von dort stammen.


Pokerte Louis Philippe zu hoch und war dies der Grund seines späteren Sturzes?

In Frankreich hatte sich vor allem in der jungen Generation eine Kriegslust verbreitet, die die Napoleonischen Kriege glorifizierte. Auf Louis Philippe wird am 15.10. 1848 einen Mordanschlag verübt, da er die allgemeine Erwartung, einen Krieg zu führen, nicht zu erfüllen scheint. Die Konflikte mit Thiers führen zusätzlich zu Spannungen. Sein Rücktritt noch im Oktober sichern Louis Philippe aber zunächst noch den Machterhalt.


Ist „Neutralität“ ein Thema der Forschung? Beispielsweise bleiben Belgien und die Niederlande 1840 neutral.

In der Zeit der Rheinkrise wird Neutralität stets so hoch geschätzt, wie es für die jeweilige Großmacht vorteilhaft ist. Während die Neutralität der Schweiz beispielsweise als vorteilhaft betrachtet wird, gilt dies nicht für Belgien, dem pro-französische Neigungen nachgesagt werden. In diesem Falle benutzen – man könnte auch sagen: missbrauchen – die Großmächte diese Neutralität, da es ihnen damit gelingt, Kriegsvorbereitungen zu verhindern.


Wenn Bismarck von „Europa“ als eine „Lüge“ spricht (siehe das Europagespräch von M. Gehler) – war dann auch das „europäische Konzert“ eine Lüge?

In der Forschung wird das „europäische Konzert“ als zu positiv gewertet. In der Krise stellt es sich als unfähig heraus, eine Lösung zu entwickeln. Der Konflikt wird letztlich allein durch die Nachgiebigkeit Frankreichs beendet.

 

1 Link zum Habilitationsgutachten, verfasst von Prof. Dr. W. Siemann: http://www.ff.cuni.cz/wp-content/uploads/2014/06/posudek_sedivy_siemann_2.pdf(04.06.2014).

2Siehe Rezension der Studie: http://www.sehepunkte.de/2014/06/23608.html [Stand: 09.11.2015].

 

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