Texturen eines Denkmals. Das Bozener Siegesdenkmal – ein europäischer Erinnerungsort?

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim


12.01.2015 – Hannes Obermair: Texturen eines Denkmals. Das Bozener Siegesdenkmal – ein europäischer Erinnerungsort?


Zum Referenten: Hannes Obermair, 1961 in Bozen (Südtirol, Italien) geboren, studierte Geschichte, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an den Universitäten Innsbruck und Wien. Nach der Promotion zum Dr. phil. im Jahr 1987 arbeitete er im Rahmen verschiedener Projekte in Wien und München u. a. am „Tiroler Urkundenbuch“ (II. Abteilung), einer großangelegten wissenschaftlichen Edition der früh- und hochmittel-alterlichen Geschichtsquellen des Alpenraumes. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes Südtirol (Abteilung Landesarchiv) und 2001 Research Fellow des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen. 2013/14 Lehrbeauftragter am Istituto Storico Italiano per il Medioevo in Rom, 2014/15 Lehrbeauftragter am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck. Seit 2009 ist er Direktor des Stadtarchivs Bozen sowie seit 2014 Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Geschichte und Region/Storia e regione“. Hannes Obermair beschäftigt sich im Rahmen seiner Forschungen mit Stadt- und Regionalgeschichte im alpinen Raum, Mediävistik, Historiografiegeschichte, Geschichte der Schriftlichkeit und Editionen unter besonderer Berücksichtigung von Akkulturationsvorgängen sowie mit zeitgeschichtlichen Thematiken, insbes. Faschismusfragen. Er ist Verfasser zahlreicher Arbeiten zu methodischen und materiellen Problemen der Geschichtswissenschaft.


Für weitere Informationen zum Referenten siehe: www. clio-online.de/forscherinnen=6771 sowie www.stadtarchiv-archiviostorico.gemeinde.bozen.it/

Zum Vortragsthema: www.siegesdenkmal.com


Der Vortrag fand in Kooperation des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim mit der Deutsch-italienischen Gesellschaft Hildesheim e. V. statt.

Der Referent berichtet über die kürzlich erfolgte Umwidmung des 1926-1928 auf Mussolinis Initiative hin errichteten faschistischen Siegesdenkmals in Bozen zu einem antifaschistischen Erinnerungsort und wirft dabei die Frage nach den europageschichtlichen Dimensionen des Themas auf. Hier zu seinen Ausführungen und zur anschließenden Diskussion:


Die Geschichte hat uns das Bozener Monument hinterlassen, und es gibt eine Reihe von Missverständnissen um dieses hoch-ideologisch belastete Denkmal, die wir aufarbeiten mussten, aber auch so zu verwenden versucht haben, dass das Denkmal nun gleichsam gegen sich selbst auftritt. Kern der Bemühungen war es, einen problematischen Ort produktiv zu nutzen, wo man wie selten sonst das System Faschismus begreifen kann. Wir fragten uns daher in erster Linie, was wollen wir mit diesem Objekt, was kann es leisten, was nicht. Wir haben hier einen Ort, der den Stadtraum auf eine extreme Weise mit Bedeutungen versehen wollte – zumindest in der Intention des Faschismus von 1928, also in seinem historischen Übergang von einer autoritären in eine totalitäre Phase. Das Bauwerk, dessen Auftraggeber Mussolini höchstpersönlich war, stammt von einem Stararchitekten des italienischen Faschismus, Marcello Piacentini – einer Art italienischer Albert Speer (der im Übrigen Piacentini zutiefst bewunderte). Piacentini hat einen markanten Gesellschaftsentwurf in Stein gekleidet, der in Bozen den Konstantinsbogen bzw. den Arc de Triomphe im liktorisch-faschistischen Sinne wiederholt und nacherfindet. Das Denkmal mit seiner Kantenlänge von 19 m ist ein anschauliches Beispiel dafür, was Architektursprache mit einem Stadtraum anstellen kann, der ohnehin nie neutral, sondern immer auch ein Ort von Bedeutungen ist, die eingeführt werden und auch wieder modifiziert bzw. beseitigt werden können. Nach 1945 wurde aber nur eine einzige, allzu obsolete Inschrift am Denkmal beseitigt: „Benito Mussolini Italiae Duce A. VI.“ (also: unter Mussolinis Herrschaft im 6. Jahr der faschistischen Zeitrechnung). Diese Zeittrechnung verkörperte am deutlichsten die utopistische Komponente des italienischen Faschismus, der einen neuen Menschentyp schaffen wollte, nämlich den total beherrschten und beherrschbaren reinen Funktionsträger – Orwells negative Vision!


Wir als Ausstellungsteam haben 2014 versucht, das Denkmal zu „recodieren“, ohne baulich Weiteres an ihm zu beseitigen. Dieses Unternehmen war auch abhängig von günstigen politischen Prämissen. Es gab 2013 ein unerwartetes Abkommen zwischen dem Staat Italien, dem Land Südtirol und der Stadtgemeinde Bozen, die eine fünfköpfige Historikerkommission einsetzten und ihr völlig freie Hand ließen. Das Denkmal hat aufgrund seines brachialen Charakters stets zu öffentlicher Auseinandersetzung Anlass gegeben, und jede Veränderung dort musste Gegenäußerungen hervorrufen. Ansichtskarten aus den 1970er Jahren zeigen das Siegesdenkmal noch wie selbstverständlich unter vielen anderen Ikonen der Stadt. Es gab eine eigenartige Normalität des Denkmals bis 2010/11, wenngleich immer wieder von Episoden des Streits und Zerwürfnisses begleitet.

Das Besondere an diesem Denkmal ist das enge Zusammenwirken zweier Faschismen, des italienischen und des deutschen. Das bedingt auch den Titel unserer Dokumentations-Ausstellung „BZ ’18-’45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen“. Beide Totalitarismen haben in Südtirol zusammengewirkt und ihre Spuren hinterlassen. Zeitlich und baulich sehr viel umfassender der italienische Faschismus – das sogenannte Ventennio, die gut 20 Jahre währende faschistische Herrschaft, mit dem Nachspiel der Repubblica di Salò –, sodann nicht minder gewaltförmig, ganz im Gegenteil, die Phase der NS-Besatzung von 1943 bis 1945, mit dem Kriegs- und Gewaltgeschehen auf seinem Höhepunkt. Dem war die sogenannte Option von 1939/40 vorausgegangen, ein von beiden Diktatoren beschlossener Bevölkerungsaustausch, der sich massiv in der Geschichte des Landes niedergeschlagen hat. Die Terrorherrschaft der Nazis mit Gestapo und Bozener Konzentrationslager konnte sich auf zahlreiche Formen der südtiroler Kollaboration stützen. Der Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus war hier insgesamt nur sehr schwach ausgeprägt, nicht unähnlich den österreichischen und deutschen Verhältnissen – man könnte dies durchaus die NS-Ökumene eines „Deutschtums“ der Mitläufer (und Täter) nennen, während des Kriegs und auch hernach.


Das Denkmal selbst heißt „Monumento alla Vittoria“, was eine frontal angebrachte Siegesgöttin (von Arturo Dazzi) versinnbildlicht. Das Motiv bezieht sich auf eine Dolchstoßlegende italienischer Art, den sog. „verstümmelten Sieg“. Die faschistische Bewegung nährte sich daraus, dass man zwar formell Sieger im I. Weltkrieg gewesen war – Südtirol war eine Kriegsbeute –, aber die entsprechenden weitreichenden Zugeständnisse der Alliierten ausgeblieben waren, was zum Revanchegedanken führte. Mussolini zimmerte vor diesem chauvinistisch-revanchistischen Hintergrund eine Bewegung zusammen, die das Herrschercharisma zur Geltung brachte und dann nicht nur politisch, sondern auch baulich realisierte, in ganz Italien unübersehbar bis zum heutigen Tag. Wegen der rasch einsetzenden Italienisierungsbestrebungen in Südtirol kam es sogar zum Konflikt mit der Weimarer Republik (Gustav Stresemann), die die Rechte der „Auslandsdeutschen“ verteidigte. Mussolini sprach daraufhin provozierend vom Recht des Siegers, in diesem Lande zu tun, was man wolle, und beschloss, in Bozen mit durchaus außenpolitischer Signalwirkung ein Siegesdenkmal zu errichten, was im Wesentlichen besagt: Hier sind wir und hier bleiben wir. Das Denkmal wurde an der Stelle eines unfertig gebliebenen österreichischen Denkmals für die gefallenen Kaiserjäger errichtet – eine materielle und symbolische Vernichtung von vorgefundener Memoria –, dessen Steine als Unterbau des neuen Denkmals fungierten, eine deutliche Geste der Verachtung und Demütigung des ehemaligen Erbfeindes Österreich-Ungarn. Die unübersehbare Position am innerstädtischen Flussübergang (Talferbrücke) denkmalpolitisch zu beherrschen war eine Kardinalfrage der italienischen Memorialpolitik. Eine solche „Invention of Tradition“ (Eric Hobsbawm) konnte nirgends unübersehbarer erfolgen als gerade hier, am wichtigsten stadträumlichen Scharnier.


Die bereits erwähnte, geflügelte Siegesgöttin, im weitesten Sinn nach der Nike von Samothrake gestaltet, befindet sich an der Frontseite, zur Stadt hin gerichtet. Hinzu kommt eine unübersehbare martialische Inschrift in ehernen gegossenen Lettern in römischer Capitalis. Dies Alles ruht auf übermannshohen Liktorenbündeln, ein ursprünglich zutiefst republikanisches, noch von der Französischen Revolution verwendetes Zeichen, das aber vom Faschismus gerade auch mit dem Bozener Denkmal popularisiert und von Mussolini zum zentralen Symbol des Regimes gemacht wird.

Die Inschrift lautet: „Hic patriae fines, siste signa“ (hier sind die Grenzen des neu gewonnenen Vaterlandes, setze die Feldzeichen), was semantisch auf die altrömische Militärsprache zurückgreift. Hier haben wir eine deutliche bellizistisch-militaristische und eine nationalistische Botschaft. Das Ganze gekleidet in eine „Pathosformel“ (Aby Warburg), denn Antikenbezug in Verbindung mit Latein suggeriert immerwährende Bedeutung.

Die eigentlich wichtige Zeile lautet: „Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus.“ (Von hier aus erzogen wir die Übrigen, mittels Sprache, Recht und Künsten). Im Grunde wird hier ein Zivilisationsauftrag formuliert, die italienische Form des Übermenschentums: Kraft unserer zivilisatorischen Überlegenheit sind wir befugt, es ist geradezu unser Auftrag, euch zu erziehen. Es handelt sich um die italische Variante des „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Es ist der (hohle) imperiale Gestus des Lateinertums gegenüber dem „Barbarentum“, also jener Welt, die noch nicht teilhaftig ist der römisch-italisch-mittelmeerischen Zivilisation. Im Grund auf alle Welt bis hin zum ehemaligen Limes gerichtet. Ein Auf- und Beladen von Orten mit hoheitsvoller Geschichte somit, so dass unfreiwillig wahr wird, dass Kultur nicht per se das Gegenteil von Barbarei ist, die beiden sogar Hand in Hand gehen können. Eine unfreiwillige Bestätigung von Horkheimers und Adornos These einer „Dialektik der Aufklärung“, also der Peripetie, des Umschlagens von hehren Motiven in ihre Negation.


Wir als Ausstellungsteam haben an diesem im Kern radikal reaktionären Außenbereich im Wesentlichen nichts verändert. Man muss das Belastende der nationalen Weihestätte – zumal sie auf uns überkommen und nach der Befreiung von 1945 nicht verräumt worden ist – weiterhin erfahren und unter demokratischen Bedingungen auch aushalten können. Es wurde an einer Säule nur ein Ring angebracht, mit einer gegen die ehernen dunklen Lettern deutlich ironisierend wirkenden umlaufenden Leuchtschrift: „BZ ´18-´45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen“, in vier Sprachen, deren Reihenfolge ständig wechselt. Es ist eine Gegenbotschaft, die aber nichts niederlegt, sondern einen demokratischen, zivilgesellschaftlichen Kommentar hinzufügt. Mit einem Augenzwinkern, gewissermaßen. Hier geht es zentral um Veränderung von Wahrnehmung: Seht, das ist ein Ort der Täter, aber wir haben ihn als solchen decouvriert.


Das Denkmal ist aber auch ein Ort der Kunst und der Kunstgeschichte, auch der Verführbarkeit der „schönen Künste“ und ihrer intellektuellen Exponenten. An der Denkmal-Austattung waren zahlreiche erstrangige Künstler ihrer Zeit beteiligt, zum Beispiel Adolfo Wildt, einer der großen expressionistischen Bildhauer Italiens, oder Libero Andreotti, der den auferstehenden Christus gestaltete, womöglich nach dem Vorbild von Piero della Francescos Fresko in Sansepolcro. Der Auferstandene scheint förmlich aus dem Denkmal hervorzuschreiten und transportiert natürlich auch das neorisorgimentale Motiv des wiederauferstehenden Italiens. Überhaupt ist der mittig platzierte Altar, 1928 vom Bischof von Trient geweiht, das wirkungsvollste Element für die Sakralisierung des Ortes. Er greift auf die nur wenige Monate später – im Jänner 1929 – abgeschlossenen Lateranverträge vor, die dem italienischen Faschismus die wichtigste Legitimationsbasis boten, zugleich die katholische Kirche zu einer Art Staatsreligion werden ließen. Das Denkmal ist also im Kern klerikal-faschistisch, es berührt sich hier mit dem Austrofaschismus und dem Franchismus. Nicht mit dem NS-Staat, in diesem Punkt, der bekanntlich völlig auf den Ersatz von traditioneller Religion durch pseudoreligiösen Führerkult und totalitäre Staatsreligion zurückgriff.


Der Ort ist mit vielen weiteren Bedeutungen durchzogen, er ist ein förmlicher Zeichenberg, den es ernst zu nehmen gilt und den man anschauen, einordnen und verstehen wollen muss. Da ist etwa der Toten- und Heldenkult; das Denkmal hat geradezu nekrophile Züge. Auch wenn keine Toten dort begraben sind, sind sie trotzdem präsent. Das zeigt die Büste von Cesare Battisti, einem Trentiner und Irredentisten. Er war Reichsratsabgeordneter in Wien, der bereits unter der österreichischen Herrschaft für die Rechte des Trentino kämpfte. Im Krieg beschloss er wie viele Trentiner, auf italienischer Seite zu kämpfen, wurde 1916 bei Kampfhandlungen von österreichischen Truppen gefangen genommen und nach einem Schnellverfahren ohne Verteidigung einen Tag darauf – am 12. Juli – trotz parlamentarischer Immunität am Würgegalgen exekutiert. Die barbarische Exekution und ihr Chauvinismus hat Karl Kraus als „mir-san-mir“-Mentalität des „triumphierenden Ölgötzen der befriedigten Gemütlichkeit“ apostrophiert. Zugleich wurde Battisti damit zum Märtyrer der italienischen Sache und als solcher vom Faschismus für dieses Denkmal in Anspruch genommen. Mussolini wollte es Battisti widmen, dessen Witwe Ernesta Bittanti sich aber auf sehr mutige Weise öffentlich gegen die Vereinnahmung durch den Faschismus, unter Hinweis auf die sozialistischen Ideale ihres Mannes, wehrte. Mussolini benannte zwar das Monument von Battisti-Denkmal zu Siegesdenkmal um, ließ es sich aber nicht nehmen, Battistis Büste aufstellen zu lassen.

Es gibt im Gegensatz zum Nationalsozialismus eine Art Staatskirchensystem italienisch-faschistischer Prägung, die Lateranverträge von 1928/29 sind Zeugnis dafür. Die Allianz von faschistischem Regime und katholischer Kirche, die nun plötzlich zur Staatskirche aufrückte, bot dem Faschismus eine kaum zu überbietende Legitimationsbasis. Dafür steht der Altar. Unter ihm liegt eine Krypta, in der sich ursprünglich in einem Gefäß „geheiligte“ Erde aus dem Schloss in Trient befand, wo Battisti hingerichtet wurde – man spürt den weihevollen Gestus. An den Wänden befinden sich martialische Inschriften aus Werken von Horaz und Cicero, an den Stirnseiten Fresken: die Wächterin der Geschichte bzw. des Vaterlandes von Guido Cadorin. In diesem absolut humorlosen Kontext des Denkmals fanden wir zu unserer klammheimlichen Freude auch gegenläufige Momente, ich würde schon sagen Fehler. Zum Beispiel sind auf der Rückseite des Altars sterbende Soldaten zu sehen. Einer wirft mit erhobener Hand eine Granate gegen Süden, also in die völlig falsche Richtung, gegen Italien. Auch ein auffallender, sinnentstellender Textfehler in der rückwärtigen Inschrift („aer“ statt „aes“, also Luft statt Erz) muss wohl als unwillkürliche, einen nicht-intendierten Sinn bewahrende Freudsche Fehlleistung aufgefasst werden.


Die Stadt Bozen wurde insgesamt zum Experimentierfeld faschistischer Stadtpolitik. Der Stadtleitplan von Marcello Piacentini zeigt das monumentale Ausmaß des Versuchs, in der nunmehr nördlichsten italienischen Stadt eine Art Entre-Billet des neuen faschistsichen Italiens zu schaffen. Axialität war bestimmend für diese Entwürfe, Magistralen wurden durch die Stadt gelegt, eine „Haussmannisierung“ der Stadt vor dem Hintergrund von militärischen Paraden und öffentlichen Inszenierungen vollzogen, eine Zurichtung der Stadt und ihrer Bewohner im Geiste des Faschismus planerisch auf den Weg gebracht. In den neuen Stadtvierteln rings um das Siegesdenkmal finden sich übermannsgroße Laubengänge, wie für Riesen gebaut und in denen der Einzelne ganz klein erscheint, gespickt mit antiken Zitaten und mit Bögen in M-Form, die das Mussolini-M seiner Unterschrift symbolisieren und noch in vielen Städten Italiens zu finden sind. Einige lateinische Zitate sind noch erhalten und zeigen eine sonderbare Antikenrezeption, wie zum Beispiel bei einem Vergil-Zitat aus der Aeneis, mit dem Herrschaftsauftrag, den der aus Troja geflohene Aeneas von seinem Vater empfängt: „Du, Römer, bist bestimmt dazu die Welt zu beherrschen.“ Dieses Herrschaftsprogramm wird von Mussolini auf beinahe ostentative Weise reaktiviert, es soll kulturell-imperiale Legitimität verschaffen. Interessant ist, dass auch im neuen 9/11-Memorial in New York (2014, also im selben Jahr wie die Bozener Dauerausstellung eröffnet) ebenfalls ein Vergil-Zitat aus der Aeneis zu finden ist: „No day shall erase you from the memory of time.“ Kein Faschismus, aber es ist doch ein problematischer Umgang mit der Antike und eine Form des bewussten Missverständnisses.

Galeazzo Ciano, der italienische Außenminister, schrieb 1938 in sein Tagebuch, in zehn Jahren oder früher (also längstens 1948) werde im neuen „Bolzano“ von dem alten österreichischen „Bozen“ nichts mehr zu erkennen sein. Das Ganze ist aber kriegsbedingt und dank des Sturzes des Faschismus letztlich Fragment geblieben.


Wir haben auch sehr auf Ironisierungen geachtet. Kurz vor Eröffnung der Ausstellung brachte die Südtiroler HochschülerInnenschaft ein Heft heraus mit dem à la Christo verhüllten Siegesdenkmal auf dem Titel. In Bozen scheiterte 2001 eine von der Mitte-Links-Stadtregierung gewollte Umbenennung des Sieges-Platzes in Friedensplatz an einem Referendum, das von den Rechtsparteien initiiert wurde. Der schon umbenannte Platz musste wieder rückbenannt werden, was aber auf der Namens-Tafel des Platzes dokumentiert wird: „Siegesplatz, ehemals Friedensplatz“. Hier werden die noch immer wirksamen Erinnerungskriege und ethnopolitischen Polarisierungen eines Grenzlandes spürbar. Ein originales Straßenschild mit der Friedensplatz-Benennung kündet nun im letzten Raum der Ausstellung von diesem in der Sache doch erstaunlichen Vorgang.


Die Ausstellung im weitläufigen Unterbau des Denkmals (ca. 700 m²) versucht, die Regionalgeschichte mit nationalen Thematiken und mit europäischen Dimensionen zu verknüpfen. Vor allem die Symmetrie der Aufarbeitung beider Faschismen war uns wichtig. Es ging uns auch – im Sinne des analytischen Potentials von Geschichtsforschung – um eine wirkungsvolle Dekonstruktion des Denkmals. Wir arbeiten mit Bild, Text, Audio, Video – ein Mix an Eindrücken. Intensiv beschäftigen wir uns auch mit dem NS-Lager Bozen; Video-Interviews mit ehemaligen Häftlingen vermitteln sehr eindrucksvolle Zeugnisse von dem Lageralltag.

Im Eingangsbereich, im Vorraum zur Krypta, besteht eine durchaus bedrückende Situation. An den Haken, die noch original erhalten sind, hingen ursprünglich die für die faschistischen Gedenkfeiern geflochtenen Kränze. Nun wurden eingravierte Wortkränze mit dem Vokabular der Diktaturen um diese Haken geflochten, das Ganze untermalt von einer avantgardistischen Soundinstallation, die auf Material der damaligen Zeit zurückgreift und es verfremdet. In der Krypta selbst haben wir die Inschriften (von Cicero und Horaz) belassen, aber sie sind immer nur kurz sichtbar und werden überspielt durch wandernde Laser-Inschriften, die demokratische Gegenzitate darüberschreiben, Zitate von Hannah Arendt („Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“), Bertholt Brecht („Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“), Thomas Paine, Titus Livius, Zitate, deren Gehalt ein Stück weit die Botschaft des Denkmals konterkariert, ohne das Denkmal in seinem Bestand zu zerstören.

In der eigentlichen Ausstellung werden auch übergreifende Fragen angesprochen: Was macht die Denkmalsprache des 19. und 20. Jahrhunderts aus, welche Darstellungskraft liegt in solchen Monumenten? Brauchen wir sie überhaupt? Was sollen und können wir mit ihnen heute noch anfangen? Welche Chancen bieten sie für gesellschaftlich-geschichtliche Selbstaufklärung? Darüber hinaus – das ist der Kern der Historisierung – werden den BesucherInnen eine helle und eine dunkle Erzählspur geboten: an den Innenwänden die Denkmalgeschichte im engeren Sinn, wobei auch die Geschichte des voraufgegangenen, beim Denkmalbau zerstörten Kaiserjäger-Memorials aufgearbeitet wird; dem gegenüber an den Außenwänden die übergeordneten landes- und europageschichtlichen Aspekte, um den historisch-politischen Kontext darzustellen. In der Erscheinungsform wurden kontrastive Farbgebung und Darstellungsweise gewählt, um einer autoritären eine demokratische Bildsprache plakativ entgegenzusetzen.


Alles mündet letztlich in die Frage: Ist es gut, dass wir ein solches Denkmal haben, einmal abgesehen davon, dass es unter striktem staatlichen Denkmalschutz steht? Wir jedenfalls wollten es auch dann nicht abreißen, wenn uns dies zugestanden wäre, sondern dachten vielmehr, es sei doch weit sinnvoller, aus Schwertern Pflugscharen zu schmieden. Natürlich könnte man mit Adorno einwenden, es gäbe keine wahres Leben im falschen. Doch kann man womöglich im Falschen das Falsche so hervortreten lassen, dass es quasi Zeugnis ablegt gegen sich selbst, seine urprünglichen Intentionen also verrät, Nemesis betreibt und an die Stelle von Hybris setzt? Blitzt dann vielleicht doch so etwas wie nicht-intentionale Wahrheit auf? Diese Dauerausstellung ermöglicht zum einen vielleicht eine reflexive Wahrnehmung von Eroberungsarchitektur – eine Wahrnehmung, die nicht möglich wäre, wenn es die Architektur nicht gäbe. Zum anderen ist es auch, erstaunlicher Weise zum ersten Mal in Italien überhaupt, im öffentlichen Raum eine Darstellung des Faschismus, die seinen Unrechts-Charakter in einer öffentlich finanzierten sowie allgemein und dauerhaft zugänglichen Ausstellung sichtbar macht und damit weit über den Anlassfall hinausweist.

Der immerwährende Bellizismus, die absolut humorlose Kampfsituation, die das Denkmal verkörpert, sie sind vielleicht durch die Ausstellung zu einem wissenden Lächeln geworden. Das war zumindest die Intention. In den sechs Monaten seit Eröffnung kamen bereits 24 000 BesucherInnen (Stand Jänner 2015; Stand Oktober 2015: 41.000), zusehends sind es Schulklassen. Ich würde mich freuen, wenn auch mal eine Hildesheimer Gruppe dabei wäre!

Diskussion

Diskussionsbeitrag: Was hat diese Ausstellung gekostet und wer trägt die Kosten?

Die sogenannte Liste Brandstätter ist nicht unter den Dokumenten. Darauf stehen die Namen von 328 mutigen Bozener, die sich 1926 dagegen gewehrt haben, Beiträge für diesen „Faschistentempel“ zu entrichten. Hat es eine Mehrheitsentscheidung der Kommission gegeben, dass dieses Dokument nicht ausgestellt wird und was waren die Gründe?

Hat sich diese Kommission auch einmal Gedanken gemacht, was zum Beispiel Angela Nikoletti, Dr. Noldin oder Franz Innerhofer zu diesem Denkmal sagen würden, und ob sie das, was man da heute geschaffen hat, gutheißen würden?


Antwort: Wir hatten für die Ausstellung an die 500 000 Euro, an sich ein sehr knappes Budget für das, was wir dort machen konnten, und wir mussten daher auch sehr reduktionistisch arbeiten. Hinzu kommen die jährlichen Fixkosten, wir haben dort ein Aufsichtsteam und einen Führungsdienst, das sind sicher Spesen von gut 100 000 Euro im Jahr, während die konservatorischen Eingriffe zur Erhaltung des Baus vom Staat getragen werden, der formeller Eigentümer des Denkmals ist. Die Kosten des Staates sind uns nicht genau bekannt.

Die Liste Brandstätter ist in der Ausstellung benannt. Sie nehmen Bezug auf eine Widerstandsaktion, deren Umstände noch nicht ganz klar sind. Es gibt eine Polizeiliste, eine Denunziationsliste, des Bozener Polizeikommandanten Karl Brandstätter, der 1926 über 300 Bozener Bürgerinnen und Bürger mit Adresse und Vermögensverhältnissen notiert hat, die sich weigerten, sich an Denkmalsspenden zu beteiligen. Wir haben trotz intensiver Nachforschungen die Originalliste nicht gefunden, haben aber den Sachverhalt sehr klar in den Texten des Denkmals öffentlich einsehbar dokumentiert. Das Thema ist also durchaus präsent, aber es bedarf noch historischer Nachforschungen. Der Charakter des Protests, der auch vor einem deutschnationalen Hintergrund erfolgt sein könnte, ist noch nicht ganz klar. Brandstätter war ursprünglich österreichischer Polizeihauptmann, rettete seine Position auch unter der faschistischen Administration und wurde dann eifrigster Spitzel der Geheimpolizei OVRA, war also ein echter Wendehals. Doch wir verdanken allein seiner Denunziation den Hinweis auf diese Form von Widerstand.

Was würden Noldin und Nikoletti dazu sagen? Das Denkmal stellt für viele nach wie vor eine Wunde dar. Allein schon seine Präsenz, sein Hiersein und dass man damit in einer irgendwie gearteten Weise „umgeht“. Was immer wir dort gemacht haben, ist für manche zu viel, für viele zu wenig, für andere nicht auszuhalten. Das ist auch vor einem generationellen Hintergrund zu sehen. Es gibt ein Aggressionspotential gegen das Denkmal, jenseits der Unmöglichkeit, es wirklich niederzulegen. Aber ich frage mich: Wie können Sie die Berliner Mauer erzählen ohne Berliner Mauer? Man hat in der Bernauer Straße einen Abschnitt mühsam wieder aufgebaut. Wie können Sie die Schreckenserfahrung der ost-westdeutschen Grenze erzählen ohne deren Relikte. Noldin und Nikoletti waren Opfer des Faschismus. Diesen Horizont kann ich nicht einnehmen, und das steht mir auch nicht zu.


Diskussionsbeitrag: Mich interessiert, ob es unterschiedliche Reaktionen bei der italienischen und der südtiroler Bevölkerung gegeben hat. Für die Südtiroler war der italienische Faschismus eine Fremdherrschaft, sie haben eine ganz andere Erinnerung als die Italiener. Ich denke, da gibt es nicht dieselben Geschichtsbilder. Inwiefern hat sich das in der Diskussion um das Denkmal ausgewirkt.


Antwort: Reaktionen auf Geschichtsbilder – eine gute Frage. Wir haben in Südtirol in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten eine Geschichtsschreibung, die vollkommen interethnisch ist. Sie hat Geschichtsbilder entworfen, die bis in die Schulbücher gelangten, die keine divergierenden Geschichtsbilder mehr beinhalten, oder kaum noch, sondern eine gemeinsame südtiroler Perspektive, die sich aus unterschiedlichen, deutschsprachigen, italienischsprachigen und österreichischen Erfahrungen speist. Es ist eine junge Generation südtiroler Historikerinnen und Historiker aller Sprachgruppen, die in den letzten 15 bis 20 Jahren ein entkrampftes, aber auch kritisches Geschichtsbild geschaffen hat, in Fortsetzung der Ansätze etwa von Claus Gatterer, Leopold Steurer und Angelo Ara. In diesem Punkt ist vielleicht die Geschichtsschreibung ein Stück weit gewissen Segmenten der Zivilgesellschaft voraus.


Diskussionsbeitrag: Was waren die Hürden, die Widerstände, die man überwinden musste, um überhaupt so weit zu kommen, so eine Historisierung, Kontextualisierung, Ironisierung zu erreichen?


Antwort: Die Hürden und Widerstände kamen vor allem von Rechtsgruppierungen. Dagegen gibt es eine durchgängig positive Rezeption von Deutschsprachigen, Italienischsprachigen, auch von Touristen – erstaunlich positiv, kaum Polemik, kaum Kontroversen. Es gab zwei Anzeigen von einer italienischen Rechtsgruppierung, Neofaschisten, die der Ring störte, die die Ausstellung störte, für sie war es Schändung eines nationalen Heiligtums. Und es gab Proteste deutschsprachiger Rechtsparteien, der Südtiroler Freiheit, von Schützenverbänden, die uns nicht verziehen haben, dass wir das Denkmal in seinem Bestand nicht angetastet haben, ja dass wir uns überhaupt damit abgegeben haben. Es gibt einen Zangenangriff von rechtsaußen, der für mich eher eine Bestätigung dafür darstellt, dass wir in Summe nicht ganz falsch gehandelt haben.


Diskussionsbeitrag: Ich bin häufiger in Tirol gewesen und habe mit Leuten und Hoteliers diskutiert, die sich beklagen. Sie haben bisher Deutsch gesprochen, doch nun leiden sie immer mehr unter der italienischen Administration, das Deutsche wird zurückgedrängt, sie werden gezwungen Anfragen etc. in Italienisch zu beantworten und nicht mehr in Deutsch, wie es wohl in den 1980er/90er Jahren noch der Fall war. Sehen Sie, dass die Vereinnahmung immer mehr wird, oder sehen sie auch, dass sich die Südtiroler noch wirklich wehren können, dass das Deutschtum dort erhalten bleibt?


Antwort: Ich bin ein Gegner dieser Opferhaltungen mancher Südtiroler, wie sie jetzt auch an Sie herangetragen wurden. Ich sehe die Situation eher umgekehrt, es geht den Südtiroler sehr gut. Sie haben alle staatsrechtlichen Möglichkeiten, schulpolitisch, bildungspolitisch, in der Medienlandschaft. Ich kann nicht erkennen, worauf die Klagen dieser Hoteliers beruhen mögen. Die 1950er und 60er Jahre, die Zeit vor der Autonomie, das waren Zeiten der Mühsal, der Dürftigkeit, der Abwanderung nach Deutschland aus Mangel an Arbeitsplätzen, der subtilen oder auch weniger subtilen Unterdrückung in einem demokratischen Staatswesen. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Es ist eher so, dass man heute in Südtirol die italienische Sprachgruppe schützen müsste. Es ist auch ein Bemühen dieser Ausstellung, beide Seiten anzuerkennen.


Diskussionsbeitrag: Hat es in der Zeit der deutschen Herrschaft nach 1943 Pläne gegeben, das Denkmal abzureißen, und hat es nach dem II. Weltkrieg Anschläge auf das Denkmal gegeben?


Antwort: Es gab unmittelbar nach der NS-Besetzung im Herbst 1943 Aktionen, die auf die Zerstörung des Denkmals zielten. So wurden die Büsten an Militärfahrzeugen durch die Stadt geschleift und schwer beschädigt. Dies änderte sich rasch, da Hitler seinen in Salò am Gardasee installierten Bündnispartner Mussolini nicht weiter reizen wollte. So kam es dazu, dass die örtlichen Südtiroler Nazis, die mit dem sog. SOD (Südtiroler Ordnungsdienst) über eine Art Polizeitruppe verfügten, das Denkmal bewachten, um es zu schützen. Deutschsprachige Südtiroler wachten über die Unversehrtheit des faschistischen Denkmals – wobei man dies nur schwer als ideologisches Missverständnis deuten kann. Nach dem Krieg haben allerdings auch die Alliierten die Siegesfeier vor dem Denkmal abgehalten – das war nun ein weit radikaleres Missverständnis. Während der Phase des Südtirolterrorismus der 1960er und 70er Jahre wurde das Denkmal vom italienischen Staat schwer bewacht, da man gerade hier Anschläge befürchtete. Dies hat wohl geplante Attentate zunächst verhindert; erst 1977/78 sind zwei Versuche von sezessionistischer Seite unternommen, aber auch sogleich vereitelt worden, was zur Absperrung der Anlage geführt hat, die erst seit der Ausstellungsinitiative von 2014, und eben im Zusammenhang mit dieser, wieder öffentlich zugänglich ist.


Diskussionsbeitrag: Wie weit ist die südtiroler Opfergeschichte bei der Historisierung, Kontextualisierung etc. berücksichtigt worden, das heißt die Jahre vor dem Bau des Denkmals? Es sind Namen gefallen wie Innerhofer, Noldin. Es war in Südtirol seinerzeit nicht mehr möglich, die deutsche Sprache an den Schulen zu lehren, das geschah in einem Untergrundunterricht, den sogenannten Katakomben. Einer der Rechtsanwälte aus Salurn, der Grenze des deutschen Sprachgebietes, Josef Noldin, hat eine der Lehrerinnen, die in ihrer Freizeit geheimerweise diesen Unterricht in deutscher Sprache gegeben habt, verteidigt. Noldin wurde verhaftet, kam auf eine Strafinsel und ist krankheitsbedingt an den Folgen der Haft gestorben. Also ein Märtyrer der deutschen Sache. Ist diese Geschichte, Südtirol unter dem Faschismus – so eine ältere, konventionellere Darstellung von Alfons Gruber – genug berücksichtigt worden, um möglicherweise Kritik aus der rechten Szene, Stichwort Schützen, entgegenzuwirken?

Eine ganz andere Frage: Warum geschieht das alles so spät, in einer Stadt, wo man meint, kommunalpolitisch sind die Dinge vielleicht eher mit einigermaßen vernünftigen Menschen zu klären?

Man verlangt ja immer wieder auch politische Gesten, ich sage jetzt nicht Demutsbezeugungen. Gibt es von italienischer staatlicher Seite ein klares Bekenntnis, dass dieses Denkmal ein Symbol des Unrechts war, der Repression, von welcher Seite auch immer, und so etwas wie ein Wort der Entschuldigung?


Antwort: Die Italienisierungspolitik des Faschismus in Südtirol wird breit dargestellt. Den Opfermythos haben wir allerdings etwas in Frage gestellt, auch auf der Basis des Forschungsstandes. Es kann keinerlei Zweifel über den Unrechtscharakter des Faschismus bestehen, das steht natürlich außer Streit. Aber es gab doch auch Formen der Kollaboration, Graubereiche, die gerade am Denkmal sichtbar werden. Besonders im Bereich von Intellektuellen und der Kirche, die beide dem Faschismus einerseits als einem die Künste aktiv fördernden Regime bzw. dessen Ordnungsparolen und insbesondere dessen Antisozialismus nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden. Dies wird im Konkordat überdeutlich, aber auch am Mitwirken von südtiroler Künstlern wie Ignaz Gabloner, Othmar Winkler, Anton Hofer und insbesondere Hans Piffrader an faschistischen Initiativen. Die katholische Kirche Südtirols profitierte unterm Strich vom Faschismus, ihre Presse war die einzige, die den Kahlschlag überlebte – eine Hypothek bis heute, im südtiroler Leitmedium „Dolomiten“ und ihrem Verlagshaus Athesia und dessen fortdauerndem Wirtschafts- und Interessensgeflecht verkörpert. Natürlich gab es auch Widerstand – Sie haben Noldin angesprochen –, doch er war nicht breit ausgeprägt, zumeist auf den privaten Bereich bezogen, natürlich auch unbewaffnet, vielfach deutschnational begründet. Und man warf sich ab 1933/34 dem Nationalsozialismus umso williger in die Arme, als man von ihm eine Art „Befreiung“ erhoffte, ein fürchterlicher Trugschluss.

Die Schützen – eine gute Frage. Südtiroler Schützenverbände, aber auch rechtspatriotische Bewegungen wie die Südtiroler Freiheit, haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder öffentlich gegen die „faschistischen Relikte“ protestiert, in besonderer Erinnerung sind martialische Fackelumzüge in militärischer Formation mit dumpfem Trommelwirbel geblieben. Der Hinweis der Schützen auf ihr Tun als „antifaschistisches“ Handeln überzeugt jedoch nicht wirklich. Ganz abgesehen davon, dass sich hier auch mancher Antiitalianismus im Gepäck befindet, vermeiden es die Schützten tunlichst, ihre eigene Verstrickung in den anderen Faschismus, den Nationalsozialismus, anzusprechen. Also ein hilfloser Antifaschismus sui generis, der sich hier darbietet. Wenn man es anspricht, wird man gut und gerne auf den entsprechenden Internet-Foren angegriffen und gebasht.

Ihre Frage nach dem späten Zeitpunkt der Historisierung ist voll und ganz berechtigt. Bozen bzw. Südtirol sind ja unglaublich spät dran. Es ist auch kein Trost zu wissen, dass mit dieser Dokumentations-Ausstellung erstmals für Italien von öffentlicher Seite eine klare Distanznahme zum Faschismus erfolgte, jenseits der längst verblassten Resistenza-Rhetorik. Hier haben die 20 Jahre Berlusconi geradezu verheerend gewirkt und dem Revisionismus Tür und Tor geöffnet, zahlreichen rechtsradikalen Gruppierungen wie etwa Casapound Auftrieb verliehen. Aber auch das offizielle Südtirol hat sich erst unter der neuen Landesadministration (Kabinett Arno Kompatscher) deutlich positioniert, etwa endlich die Rolle des Widerstands gewürdigt bzw. die immer noch bestehenden historischen Aufarbeitungsdefizite durch die Förderung entsprechender universitärer Initiativen anerkannt. Was eine „Entschuldigung“ von staatlicher Seite betrifft: Der bei der Eröffnung anwesende italienische Kulturminister Dario Franceschini hat sehr deutliche Worte für das Unrecht gefunden, die dieses Denkmal verkörpert, aber auch auf den Wert der historischen Aufarbeitung gerade hier hingewiesen, die die Substanz des Baues verändert, und dies nicht nur für Südtirol, sondern auch als Vorbild für Italien. Ich denke, das sollte man würdigen.

 

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