Japan - das Land der aufgehenden Sonne als auferstehende Macht?

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim

8.12.2014 - Botschafter Dr. Michael Reiterer, Brüssel, im Riedelsaal der Volkshochschule Hildesheim


Japan - das Land der aufgehenden Sonne als auferstehende Macht?

Dozent Dr. Michael Reiterer promovierte 1978 an der Universität Innsbruck, erwarb anschließend je ein Diplom in internationalen Beziehungen an der Johns Hopkins Universität/Bologna Center, sowie am Universitätsinstitut für höhere internationale Studien in Genf. 2005 habilitierte er sich an der Universität Innsbruck für internationale Politik. Nach einer Karriere im Außenwirtschaftsdienst (Côte d’Ivoire, Japan) und der Integrationsabteilung der Wirtschaftskammer Österreich (1981-1997) wechselte er in die Europäische Kommission, wo er nach vier Jahren als ASEM (Asia Europe Meeting) Counsellor von 2002 bis 2006 als stellvertretender Leiter der Delegation der Europäischen Kommission in Japan arbeitete. Von 2007-2011 war er als Botschafter der Europäischen Union in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein akkreditiert. Seit Beginn 2012 ist er Principal Advisor‘, Hauptberater, im Asien-Pazifik Department des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EDA) in Brüssel.
Dozent Reiterer unterrichtete zeitweise an der Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Innsbruck, als Gastprofessor an der Keio Universität Tokio (2008) und Kobe (2015), im Masterlehrgang aus internationalen Beziehungen an der Donau Universität Krems (2010, 2012, 2014), an der Universität Svizzera Italiana in Lugano (Sommersemester 2010- 2013) und an der Hochschule St. Gallen (2011-2015). Bis 2002 war er auch Universitätslektor an der Universität Linz, wo er im Rahmen des Europarechtslehrganges vortrug. Seine intensive Lehr- und Vortragstätigkeit u.a. an der Verwaltungsakademie des Bundes/Wien, Diplomatischen Akademie/Wien, Webster University/Wien, dem europarechtlichen Hochschullehrgängen der Landesakademie Vorarlberg-Schloss Hofen, am MBA-Kurs und der Fachhochschule Eisenstadt, am Management Center Innsbruck, am Royal Institute for International Affairs – Chatham House (London), den Wilton Park Konferenzen (UK), dem Institut Universitaire des Hautes Études Internationales, Genf, den Universitäten Bern, Lausanne, Genf, St. Gallen, Freiburg, Winterthur, Luzern, Europainstitut Basel; World Economic Forum (WEF) Davos - Open Forum; Universität Löwen, College of Europe/Brügge, Belgien; Universität von Maastricht; Johns Hopkins University-Bologna Center und SAIS Washington; European Institute Florence, den Universitäten Fudan/Shanghai, Singapore, Keio, Waseda, Tokyo University for Foreign Studies, University of Tokyo, International Christian University (Tokio), Fukuoka, Kobe, Osaka, Kwansei (Osaka), Kyoto University, Doshisha (Kyoto), Ritsumekan (Kyoto), Kanawa, Oita, Okinawa; Singapore Institute for International Affairs, Institute of Southeast Asian Studies (IEAS-Singapore); EU-Esst Asia Think Tank Dialogues; schlägt sich in zwei Monografien (The Protection of Refugees by Their State of Asylum; Asia - Europe: Do They Meet?) sowie mehr als 130 Publikationen über internationale Beziehungen und internationales Recht nieder. Mitgliedschaften sind gegeben im Kuratorium des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), der Jean Monnet Stiftung in Lausanne, im wissenschafltichen Beirat der Universität Kobe, in der Österreichischen Gesellschaft für Außenpolitik u. internationale Beziehungen, Gesellschaft für Europarecht, Teilnehmer und Vortragender am Österreichischen Völkerrechtstag; vormaliger Vize-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik.

Der Referent beginnt seinen Vortrag mit dem aktuellen Hinweis, dass das japanische Parlament trotz einer 2/3-Mehrheit für die Regierungspartei LDP aufgelöst wurde und am 14.12.2014 neue Wahlen stattfinden, wobei er Ministerpräsident Shinzo Abe (Liberaldemokratische Partei) die größten Chancen zu einem überwältigenden Sieg einräumt. Er rechnet mit einer 2/3 Mehrheit.

Reiterer führt fort, dass Japan als Land der aufgehenden Sonne gilt, womit ein Klischee bedient wird. Man kann nur auferstehen, wenn man untergegangen ist. Das impliziert auch der Vortragstitel. Ein Präsentationsbild erscheint - ein Schrein zur Verdeutlichung des Stereotyps. Shinto ist die japanische Staatsphilosophie und keine Religion, die für die japanische Politik bis heute gilt, auch wenn Staat und Religion offiziell getrennt sind. Diese hat Ministerpräsident Abe wieder populär eingebracht. Abe besuchte mehrfach, davon einmal als Ministerpräsident den in Tokio gelegenen Yasukuni-Schrein. Diese lösten insbesondere in China und Südkorea heftige Proteste aus.

Folgende Gliederung wählte Reiterer für seinen Vortrag:

  1. Der Weg Japans in die Moderne Meiji-Restauration 1868

  2. Die Zuwendung zum Imperialismus 1918

  3. Untergang und Neuanfang 1945

  4. Der Schock 3/11, 2011

  5. Auferstehung 14.12.2014

Die Kenntnis der Geschichte von Japan ist für das Verständnis seiner Gegenwart unerlässlich. Die Stellung Japans in Asien ist der Wirkmächtigkeit der Vergangenheit geschuldet. Reiterer zeigt in einem Schaubild die statistischen Daten Japans im Vergleich zu Deutschland auf:

Japan

Deutschland


Größe: 378.000 km²

357.000 Km²

6.852 Inseln

20 größere Inseln

126 Millionen Einwohner/innen

80 Millionen Einwohner/innen

Dichte Einwohner: 337/km²

Dichte Einwohner: 226/km²

BSP/Kopf: 37.683 $

BSP/Kopf: 37.897 $


Die Bevölkerungszahl trügt jedoch. Japan ist sehr dicht besiedelt. Allein zwischen Tokio und Osaka, die ca. 700 km auseinanderliegen, wohnt die Mehrheit der Japaner auf einem durch Berge und Meer begrenzten Raum.

Die LDP ist die seit Jahrzehnten mit kurzen Unterbrechungen die regierende Partei, die zwei starke Klientel, die Agrar- und die Bau Lobby, bedient. Brücken und Straßen sind oft unsinnig gebaut worden und führen ins „Nichts“, der Agrarsektor zeigt – wie auch in anderen Staaten – großes Beharrungsvermögen. Reis und Reisanbau spielen vor dem Hintergrund des Shinto eine Sonderrolle.

Der Vergleich des BSP ist mit Vorsicht zu genießen: nimmt man zum Vergleich zwischen Japan und Deutschland noch China mit 9.900 $, so sieht man, dass im Prokopf-Vergleich zwar Japan und Deutschland vergleichbar sind, China sich jedoch auf dem Niveau von Bulgarien bzw. Rumänien in Europa bewegt. Dies ist mir Japan nicht vergleichbar. Das wird oft missverständlich publiziert in dem nur von der Gesamtgrösse des BSP gesprochen wird.

In der Geschichte war Japan Jahrhunderte ein relativ geschlossenes Land, wobei die einzige bestehende Verbindung über Dejima in Nagasaki funktionierte. Auf dieser Insel waren niederländische Kaufleute autorisiert zu leben. Das Verlassen dieses Gebiets war nicht möglich. Die ersten Einwanderer in Japan waren jedoch die missionarisch tätigen Portugiesen gewesen. Die erste Zäsur in Japan ist mit dem 8. Juli 1853 verbunden, als die „Schwarzen Schiffe“, Mississippi, Plymouth, Saratoga und Susquehanna im Hafen von Uraga nahe Edo, dem heutigem Tokio, von US-Commodore Matthew Calbraith Perry eintrafen und eine eindeutige Botschaft brachten: Wir möchten mit Euch Japanern in Geschäftsbeziehungen treten. Die Japaner sahen die Überlegenheit der modern ausgerüsteten amerikanischen Schiffe und trafen die Entscheidung, Verbindung aufzunehmen nach dem Motto: Widerstand ist zwecklos. Zweites Motto: Wenn die Amerikaner nicht zu bekämpfen sind, dann ist es besser sich auf sie einzulassen mit dem Ziel, sie zu übertreffen. Reiterer verwies dabei auf das Film-Epos „Last Samurai“, das in dieser Zeit spielt.

Japan war ein feudaler Staat, der mit europäischen Verhältnissen bis zu einem gewissen Maß vergleichbar war. Es hatte einen Kaiser sowie eine Lehenspyramide von Fürsten und Herzögen. Familienmitglieder mussten an den kaiserlichen Hof als Sicherheitsleistung delegiert werden. Dieses System verselbständigte sich. Der Kaiser verlor seine Macht und der Schogun regierte an seiner Stelle. Auf dieses System traf Commodore Perry. Eine Gruppe von lokalen Fürsten aus der ländlichen Provinz Yamaguchi, aus der übrigens auch PM Abe abstammt, nahm die Staatsgeschäfte mit dem Ziel in die Hand, den Staat zu modernisieren. Das waren die Wurzeln der Meiji-Restauration. Restauration heißt, für den Kaiser die an den Shogun verlorene Macht formell wieder zurück zu erobern, um in Japan ein europäisches System einzuführen und das Land in das damals geltende imperialistische internationale System einzugliedern.

Die Iwakura Mission 1871 wurde als Spähtruppe berühmt, die nach Amerika und Europa ausschwärmte, um auf jedem Kontinent das Beste auszukundschaften. Diese „Spione“ studierten die jeweiligen Wirtschafts- und Staatssystem und verwendeten die so gewonnen Erkenntnisse zu Hause zur Meiji-Restauration. Aus Deutschland brachten sie militärische und medizinische Kenntnisse, Wissen aus Stahltechnik und das Zivilrecht mit. Dieser Umbau des japanischen Staates gelang in kürzester Zeit.

Im Sinne einer imperialistischen Politik griff das erstarkte Japan sodann 1894 das geschwächte China in einem Konflikt um Korea an und verleibte sich Taiwan ein. Damit knüpfte Japan an die Politik der Briten an, die durch die Opium-Kriege China die ungleichen Verträge aufzwangen, sich Hongkong und Macao einverleibt hatten.

Reiterer erzählt in diesem Zusammenhang von seinen zahlreichen Reisen nach China, wo er die Erfahrung macht, dass China diese traumatische Erfahrung bis heute mit sich trägt und den Europäern vorwirft, beim Bestehen auf dem internationalen Recht zu übersehen, dass unter diesem Motto China im 19. Jahrhundert diese ungleichen Verträge aufgezwungen wurden. China hatte an der Entstehung dieses Völkerrechts keinen Anteil, das müsse Europa heute akzeptieren. Heute ist China eine der wichtigsten aufstrebenden Mächte, seine Mitarbeit an der Reform und Gestaltung der bestehenden Ordnung ist unumgänglich. China hat daran durchaus Interesse, denn es war China möglich, in diesem System zu wachsen, daher könne es auch aus chinesischer Sicht nicht so schlecht sein.

Gleichzeitig mahnte er: Der US-Kongress sollte möglichst rasch die 2009 vereinbarte Erhöhung der Stimmrechte der Volksrepublik China im Internationalen Währungsfonds ratifizieren, ansonsten werde man China nicht bei der Stange bzw. im System halten können. Die Europäer müssten sich auch bewusst sein, dass Europa in der Weltbank und im Währungsfonds überrepräsentiert sind, das bedeutet, dass Rechte aufgegeben werden müssen - 2014 sei eben nicht mehr 1945. Das bestehende internationale System könne nur dann bewahrt werden, wenn es angepasst werde.

Japan schaffte den Einstieg in das internationale System 1904/05, indem es erstmals eine europäische Macht, Russland, im russisch-japanischen Krieg besiegte. Das war die Eintrittskarte in die imperiale Politik, die 1902 vorbereitet worden war, indem Japan und das britische Japan als Hauptmacht Asiens anerkannte. Darauf gestützt erklärte Japan, dem Zarenreich den Krieg und besiegte als erste asiatische Macht eine europäische. In Anerkenntnis seiner neuen Stellung nahm Japan auch an den Pariser Friedensverträgen 1919/20 teil und erhielt einige deutsche Kolonialbesitztümer zugesprochen. In den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich Japan parallel zu Europa – Militarisierung, Aufrüstung und Wandlung des politischen Systems zu einem autoritären.

Teilnahme am Pazifischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg in der Region hieß, in einem Bündnis mit Deutschland und Italien im Interesse Asiens wie man dies unter dem Slogan der Koprosperitätszone zu verkaufen suchte, war die nahezu logische Folge. Als rohstoffarmer Inselstaat waren Energie und natürliche Ressourcen für seine Industrie essentiell, daher reagierte Japan auf amerikanische Energieblockaden und eingefrorene Konten in den USA mit dem Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941.

Japan war in Burma (Indochina), in Indonesien, Neuguinea und sogar in Australien, Darwin (Northern Territory) präsent. Vor der japanischen Gefahr wurde weltweit gewarnt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die größte Ausdehnung des japanischen Kaiserreiches gegeben. Dann folgte 1945 der militärische Untergang durch die territoriale Überdehnung sowie den Kriegseintritt der USA in Reaktion auf Pearl Harbour mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Der japanische Kaiser (Tenno) sprach zum ersten Mal im Radio zu seinem Volk und forderte es auf, sich dem Unausweichlichen zu stellen, der bedingungslosen Kapitulation. Japan war besiegt, durch die USA und nicht durch asiatische Staaten, wie bis heute von einigen betont wird.

Die beiden Atombomben waren bereits die zweite Prüfung für Japan. Ein bereits zwei Jahre zuvor erfolgter und international weniger bekannter Brandbombenangriff auf Tokio und andere Städte hatte mehr Tote gefordert als die beiden Atombomben. Der japanische Überlebenswille war jedoch sehr stark, fanatisch und für Europäer kaum nachvollziehbar. Diese Kriegserfahrungen, so Reiterer, seien bis heute sehr stark in der Psyche der Japaner verankert, gepaart mit einer überraschenden Offenheit gegenüber den amerikanischen amerikanischen Siegern.

Japan und die USA verbündeten sich fortan und starteten einen Neuanfang. Grundlage hierfür waren amerikanische Sicherheitsgarantien für Japan im Kalten Krieg, was für die Sowjetunion und China nicht unerheblich war. Japan konnte sich somit auf den wirtschaftlichen Aufbau konzentrieren. Von der Besatzungsmacht bekam es eine Verfassung vorgeschrieben, die bis heute unverändert gilt. Es braucht eine Zwei-Drittel-Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments sowie eine Zwei-Drittel-Mehrheitsvolksabstimmung, um sie zu ändern. Sie ist damit wohl die einzige Verfassung der Welt, die nicht modifiziert oder novelliert wurde. Der Friedensartikel 9, in dem Japan sowohl auf Krieg als Mittel der Politik verzichtet als auch eine Armee spielt bis heute eine wichtige Rolle in der Innenpolitik.

Die Vereinigten Staaten planten die Besetzung Japans schon während des Zweiten Weltkriegs. Der Kaiser wurde nicht vor das Tokio-Tribunal – dem asiatischen Pendant zum Nürnberger Kriegsgericht - gestellt. Die maßgeblichen Strukturen wie grosse Handelsfirmen wurden nicht zerschlagen sondern weiter aufgebaut.

All das, was seitens der Amerikaner in Japan unternommen wurde, sollte im Irak unterbleiben. Reiterer spricht von einem "grauenhaften Schlamassel im Irak". Es handelt sich um zwei grundverschiedene Zugänge durch eine andere US-Politiker-Generation. Der Neuanfang in Japan entwickelte sich zu einer großartigen Erfolgsgeschichte. In den 1970er und 1980er Jahren war Japan die führende Nation in Asien. Reiterer zeichnet das Bild fliegender Gänse. Vorneweg fliegt Japan, dahinter die anderen Tigerstaaten wie Malaysiern, Singapur, Thailand, Indonesiern usw., die sich im Windschatten Japans zu erfolgreichen Industriestaaten entwickelten und zu „Tigerstaaten“ mutierten. Organisationstalent und starke soziale Kohäsion waren die Voraussetzungen für Japans Aufstieg. Dabei konnte Japan Tradition und Moderne miteinander verbinden. Beispiel Kyoto, das nicht nur als vormalige Kaiserstadt die Hochburg des Tourismus ist, sondern auch der Entstehungsort weltweiter Feinkeramik mit Kyocera als führender Hightech-Firma. Das Zusammenspiel von Tradition, Hightech und Tourismus ist weitgehend gelungen.

Reiterer berichtet von seinem Aufenthalt von 1985 bis 1988 in Japan und von den zahlreichen Besuchern aus Österreich, die das japanische Erfolgsmodell studierten. Erfolge verzeichnete Sony mit dem Walkman und Toyota mit der Just-in-time Produktion. Damals gab es die Befürchtung, dass zur Jahrtausendwende Japan die Welt regieren könnte. Am meisten fürchteten sich die USA vor der ökonomischen Stärke der Japaner. Von einem Hang zum Größenwahn bzw. ein „nouveau rich“ Verhalten zeugten die Aufkäufe von Hollywood Studios, des Empire State Buildings in New York oder ein Bild der Sonnenblume von Vincent van Gogh durch eine Versicherung.

Reiterer mahnte einmal mehr Wissenschaft und Forschung: Schreibe nie Trends fort. Es gebe keine lineare Entwicklung, das möge man sich auch bei der heutigen Einschätzung von China vor Augen halten. 1989 platzte die japanische Immobilienblase. Damals war der Kaiserpalast im Herzen Tokios fiktiv so viel wert wie 1/3 Kaliforniens. Es handelte sich allerdings nur um Buchwerte, die dann nicht realisiert werden konnten.

Seit damals befindet sich Japan in einer Form von Dauerdepression und Krise, allerdings auf sehr hohem Niveau. Japan musste dabei zahlreiche Niederlagen einstecken. Der Referent präsentiert dem Publikum ein Schaubild mit "Verlusten" Japans:

Im Jahre 1971 gab es den Nixon Schock: Beim Treffen mit Mao Zedong kündigte US-Präsident Nixon eine neuen China-Kurs an, ohne den Verbündeten Japan konsultiert zu haben. 1989 erfolgte das Platzen der Immobilienblase. 1993 beteiligte sich Japan aufgrund seiner Verfassung nicht am Irakkrieg, übergab jedoch solidarisch einen Scheck von 14 Milliarden Dollar und wartet bis heute auf das Dankesschreiben. 1996 ging die OECD-Vormachtstellung verloren, die vormalige Kolonie Korea wurde aufgenommen: Japan war stolz darauf als erstes und bis dahin einziges Land Mitglied in der OECD zu sein und damit wirtschaftlich Teil des Westens zu sein, auch wenn es geographisch zu Asien gehört. Das schuf eine Doppelidentität und die damit verbundene identitätiellen Spannungen. Im Jahre 1999 werden die G7/G8- zu G20-Gipfeln: In der G7/8 war Japan das einzige asiatische Land gewesen, in der G20 sind China, Korea und Indonesien mit von der Partie. Chinas Aufstieg drohte zu einer G2 China-US-Kombination zu werden, eine Vorstellung die Japan beunruhigte, das sich zunehmend in politischer und wirtschaftlicher Konkurrenz zu China sah. Auch die EU hätte keine Freude mit einer G2, doch die Entwicklung geht in Richtung mehrerer funktioneller Machtzentren.


3/11, 2011 bedeutete einen dreifachen Schock für Japan: Das Erbeben, der Tsunami und der Super-Gau mit Fukushima. Die japanische Seele wurde dadurch schwer getroffen. Unerschütterliches wurde erschüttert. Der Glaube an die Machbarkeit des technischen Fortschritts wurde massiv in Frage gestellt. Das war die Grundlage und die Motivation, von einem armen Agrarland zu einer Weltwirtschaftsmacht aufzusteigen. Darauf hatten die Japaner gebaut. Teil des Machbarkeitsdenkens war die Regierung, die paternalistisch agierte. Es gab eine Art Sozialpakt, die Regierung von der LDP gestellt sorgt für Fortschritt, beschützt das Volk. Im Gegenzug wird die Regierungspartei nahezu ununterbrochen bestätigt. Das Krisenmanagement war jedoch schwach - die Rettungsmaßnahmen und die Informationspolitik Japans wurden weltweit als ungenügend angesehen. Der Technikglaube wurde erschüttert, bisher überzeugte Nuklearenergieanhänger dachten mit einem Mal um. Obwohl Japan ein Drittel seines Energiebedarfs aus Nuklearenergie bezieht wurden nach den Reaktorunfällen alle Kraftwerke abgeschaltet, Alternativen mussten gefunden werden: Gas aus Russland, Kohle aus Australien, doch diese belasten die Umwelt und sind teurer als der Atomstrom. Überraschenderweise machten die Japaner die Erfahrung, dass es auch ohne Nuklearenergie gehe. Premierminister Abe will jedoch die Nuklearkraftwerke wieder hochfahren, obwohl gemäß von Umfragen eine Mehrheit der Bevölkerung dagegen ist und sich auch wehrt – es gab Demonstrationen gegen die Nuklearenergie. Das war ein Novum. Die Wahlen vom 14.11.2014 dienen auch als Referendum für die Aktivierung der Kraftwerke und für Abes Position.


Über die sogenannten „Abenomics“ definierte er sich als Hoffnungsträger zur Beendigung der jahrzehntelangen Krise. „Abenomics“ ist ein Kunstwort aus dem Namen "Abe" und "Economics".

Der Premierminister will mit folgenden Maßnahmen Japan aus der Stagnation führen:

1. Notenpresse: Die japanische Notenbank sollte die Nachfrage durch eine Geldschwemme ankurbeln – „quantitative easing“.

2. Inflationsrate: Zielgrösse 2%.

3. Strukturreformen: Bei Realisierung der Punkte 1 und 2 Durchführung einer umfassenden Strukturreform der Wirtschaft.

Das Programm greift jedoch bisher nicht, die bisherigen Nutznießer sind auch begrenzt: Nur ein Fünftel der japanischen Bevölkerung, nämlich die Aktienbesitzer, profitiert davon. Das sind vor allem die Bonus-Empfänger der Unternehmen. Die restliche Bevölkerung stellt fest, dass ihr Einkommen seit Jahrzehnten stagnierte ohne dass die wenn auch bescheidene Inflation gesenkt wurde, sodass die Nettoeinkommen zurückgehen. Die Unternehmen investierten in die Finanzwirtschaft, nicht in die eigenen Unternehmen und stellen daher kaum zusätzliche Mitarbeiter ein. Die Arbeitslosenquote lag zwar bei niedrigen 3%, doch die jungen Menschen finden kaum oder keine adäquaten Arbeitsplätze. Unternehmen bevorzugen in erster Linie atypische Arbeitsverträge, das heißt befristete Verträge ohne Sozialversicherungsbestandteile. Ohne geregeltes und sicheres Einkommen ist die Familiengründung schwierig, Eheschließungen und Kinder gehen zurück, das demographische Problem der alternden Bevölkerung wird verstärkt. Japan könnte seine rückläufige Bevölkerungsentwicklung durch Einwanderung kompensieren, doch dies ist gesellschaftlich nicht anerkannt – man will die Homogenität der Bevölkerung wahren. Es gibt nur punktuelle Erleichterungen, beispielsweise durch Lockerung bei Dienstleistungen in der Altenbetreuung, wo Japan sehr eingeschränkt auf Mitarbeiter aus umliegenden Anrainerstaaten zurückgreift. Dies ist mit ein Grund für die Konzentration auf Automatisierung und den Forschungsschwerpunt Robotisierung, da man Roboter im Haushalt zur Unterstützung bei der älteren Bevölkerung zu Hause einsetzen möchte und daher alsbald in Serienproduktion gehen will.


Obwohl der Anteil von Ausländern nur bei 2,6% liegt, ist Einwanderung nicht hoffähig. Auch in Japan lebende Koreaner und Chinesen erhielten keine japanische Staatsangehörigkeit, obwohl insbesondere Koreaner seit Generationen in Japan verwurzelt sind – ihre Vorfahren kamen als Zwangsarbeiter in das Land. Rechnet man diese Langzeit Ausländer heraus, liegt der tatsächliche Ausländeranteil nur bei 0,3%.


PM Abe versucht daher Frauen, in den Produktionsprozess zurückzuholen. Voraussetzungen wären hierfür massive Veränderungen im Bereich der Arbeitsmarktgesetze.



Zur Sicherheit: Die Sicherheitslage in Japan und Gesamtasien unterscheidet sich grundsätzlich von der in Europa. Beispielhaft wird auf das Jahr 1989 verwiesen: Fall der Berliner Mauer in Europa, Tianamen in China!


Darüber hinaus gibt es zahlreiche Spannungsherde. Bei Streitigkeiten im ostchinesischen Meer um die Senkaku/Diayu Inseln bedrängen chinesische japanische Schiffe. Nach einer Teilnationalisierung von Inseln durch die japanische Regierung kam es zu anti-japanischen Ausschreitungen in Beijing, vor allem aber nicht nur japanische Autohersteller waren betroffen. Eine Eskalation würde den Weltfrieden auf eine harte Probe stellen.

Weiters wurde durch China einseitig eine Flugkontrollzone eingerichtet, die auch umstrittene Gebiete einschließt, womit der Streit vom Wasser in die Luft verlagert wurde. Das Konfliktpotential wuchs stetig. Eine Annährung erfolgte immerhin auf dem APEC-Gipfel 2014 zwischen PM Abe und Präsident Xi, was zukünftige Fortschritte erwarten lässt.


Weitere Konfliktherde sind der Inselstreit zwischen Takeshima/Dokdo zwischen Japan und Korea sowie zwischen Japan und Russland wegen der Kurillen Inseln. Diese wurden von der Sowjetunion kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges annektiert. Aus diesem Grund wurde kein Friedensvertrag zwischen den beiden Staaten abgeschlossen, sie befinden sich bis heute technisch im Kriegszustand. Auch wenn nicht direkt mit Japan verbunden, die chinesischen Ansprüche auf den Großteil des Südchinesischen Meeres bringt China in Konflikt mit den

Philippinen, Malaysiern, Brunei und Vietnam, was die Gesamtsicherheitslage angesichts einer fehlenden asiatischen Sicherheitsstruktur belastet.


Japan reagierte mit einer neuen Sicherheitspolitik. Reiterer listet auf:

  • eine neue nationale Sicherheitsdoktrin

  • erstmals ein Nationaler Sicherheitsrat

  • der verstärkte Schutz von Information und Staatsgeheimnissen

  • die Erleichterung von Waffenexporten

  • Neuaufflammen der Diskussion der Verfassung und des Friedensartikles (Art. 9)

  • Erhöhung der Verteidigungsausgaben mit neuen Beschaffungsprioritäten

  • Truppen- und Materialverlegungen von Norden in den Süden.


Insbesondere weist Reiterer auf Artikel 9 der japanischen Verfassung hin, der eine japanische Armee und Waffeneinsatz verbietet. Die Wirklichkeit sehe jedoch anders aus:


Im Schaubild zum japanischen Militär wird folgendes sichtbar:


225.000 Soldaten: 1/3 der chinesischen bzw. 1/5 der nordkoreanischen Armee

Budget: ca. 1% des BSP

Armee: 170.000 Soldaten

Marine: 124 Schiffe, 16 U-Boote, 339 Flugzeuge

Luftwaffe: 796 Flugzeuge, davon 357 Kampflugzeuge



Zudem verweist Reiterer, dass Japan unter PM Abe eine neue, "aktive Diplomatie" entfaltet:

 

  • 49 Besuche von Abe im Ausland (aber nicht in China und Korea)

  • Sicherheitszusammenarbeit mit USA, AUS, UK, F

  • Ein Rahmenabkommen mit EU wird angestrebt, um die Teilnahme an Einsätzen im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu ermöglichen

  • Intensivierung der Kontakte mit der NATO

  • Internationale Einsätze der Armee: ATALANTA und UNMISS

  • Engagement in Afghanistan


Die nicht aufgearbeitete Geschichte steht diesen Bestrebungen jedoch entgegen, wobei dem Yasukuni Shrine eine besonders belastende Rolle zukommt, der im Herzen von Tokio steht. Die Shintopriester haben in diesen Schrein die Geister/Seelen von 16 nach dem Kriegsverbrecherprozess hingerichteten Politikern und Militärs aufgenommen. Der Besuch japanischer Ministerpräsidenten und insbesondere von PM Abe beim Schrein kommt vor allem in Südkorea und in China, sowie bei einem Teil der der japanischen Bevölkerung nicht gut an und belastet bis zum heutigen Tag die Beziehungen mit diesen Staaten, daher auch keine bilateralen Besuche.


Über die Trostfrauen bzw. Sexsklavinnen wird derzeit in Japan auch intern gestritten. Die japanische Armee hatte über 200.000 Frauen hauptsächlich aus Korea, aber auch China, Indonesien und den Niederlanden in Bordelle gezwungen, die den Soldaten während des Krieges zur Verfügung gestanden haben. Im Jahre 1992 entschuldigte sich bisher nur Außenminister Yohei Kono dafür und bot auch eine finanzielle Gutmachung, allerdings privat finanziert und damit nicht als Schuldanerkenntnis der japanischen Regierung deutbar, an. Daher blieben die Beziehungen weiter belastet, eine formelle Entschuldigung der japanischen Regierung steht noch aus. Jeden Mittwoch demonstrieren in Seoul gegenüber der japanischen Botschaft rund um ein Denkmal die noch lebenden Trostfrauen, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.


Gegenüber Nordkorea leidet Japan seinerseits. Das Schicksal der von Nordkorea nach Nordkorea entführten Japaner/innen, wo sie zu Sprachlehrern oder Dolmetschern für die Schulung von Spionen bzw. Dolmetscher ausgebildet wurden, ist grossteils ungeklärt. Premier Abe, der seine innenpolitische Karriere auf diesem Thema aufbaute insistiert auf einer Aufklärung.


Diskussion

1. Stimmt der Titel des Vortrags mit den Ausführungen überein?

Reiterer zeigte neben den Erfolgen auch die Rückschläge Japans auf, die das Land in der Vergangenheit immer gemeistert hat. Den neuen Herausforderungen insbesondere gegenüber China wird sich Japan ebenso stellen müssen. Dabei sind auch die wirtschaftlichen Investitionen Japans in China zu erwähnen. Aufgrund der Spannungen gab es einen Einbruch bei den Handels- und Investitionsbeziehungen. Die Vergangenheit lehrt: Wirtschaftliche Integration reicht nicht aus, um einen Krieg zu verhindern. Dabei verweist Reiterer auf den Beginn des Ersten Weltkrieges. Japan setzte auf den Dienstleistungssektor und auf soft power. Für Japans Zukunft ist Reiterer nicht pessimistisch. China müsse sich erst seinen inneren Herausforderungen stellen, d. h. ein Sozialsystem schaffen und den demographischen Wandel in den Griff bekommen.

2. Warum werden die Entschuldigungen von Japan bezüglich des „Yasukuni-Schreins“ nicht in den Anrainerstaaten akzeptiert?

Grundsätzlich handelt es sich dabei um ein vielschichtiges Problem. Die Japaner haben sich dafür bereits mehrfach entschuldigt. Die Wortwahl und auch das Handeln, die nicht immer übereinstimmen, sind für China und Korea das Problem. Dahinter steckt jedoch auch ein Machtspiel; China und Korea wollen Japan nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Japaner sollen das gleiche schlechte Gewissen haben wie die Deutschen, was eindeutig politisch instrumentalisiert wird. Japan erbrachte Reparationsleistungen in Form von Entwicklungshilfen. Fakt ist jedoch, es gibt den Yasukuni Schrein mit dem angeschlossenen Kriegsmuseum, welches mit der tatsächlichen Geschichtsdarstellung ein großes Problem hat. Die Begleittexte in Japanisch und Englisch differieren, letztere sind frisiert. Diskussionen über die Darstellung der Geschichte in den Schulbüchern sind im Gange. Diese Gemengelage schafft Raum für Anschuldigungen, und die Möglichkeit Japan weiterhin in der Pflicht zu halten. Rechtsnationalistische Kreise betragen in Japan zwar nur ca. 10%, schaffen sich aber immer wieder Gehör, auch lautstark mit eigenen Autos mit aufgesetzten Lautsprechern, obwohl die Mehrheit der Japaner/innen dieser Minderheit nichts abgewinnen können.

3. Wie stark ist die Präsenz der US-Amerikaner in Japan?

Die amerikanische Präsenz ist ca. 27.500 US-Soldaten, wobei es eine starke Konzentration im Gebiet von Okinawa ist sehr stark. Okinawa ist von 1945 bis 1972 von den Amerikanern besetzt gehalten worden und wurde 1972 an Japan zurückgegeben. Mehr als 60% der US-Soldaten sind hier aber noch stationiert. Wichtig für die Militärbasen ist die Nähe zu Seoul. Sollte die Stadt von Nordkorea angegriffen werden, ist das US-Militär innerhalb von 45 Minuten vor Ort. Das trainieren die Soldaten täglich. Dieser Umstand ist der geostrategischen Bedeutung geschuldet, der Nähe Chinas und die Situation auf der geteilten koreanischen Halbinsel. Japan bezahlt für die Anwesenheit der Truppen sowie für die Kosten der teilweisen Truppenverlegung nach Guam.

 

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