Kann der Fußball europäische Erinnerungsorte schaffen?

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim

21.10.2013 – Wolfram Pyta: Kann der Fußball europäische Erinnerungsorte schaffen?
(Stuttgart)

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Prof. Dr. Wolfram Pyta, geboren am 27. Oktober 1960 in Dortmund, ist seit 1999 Professor und leitet die Abteilung für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Seit 2001 ist Prof. Dr. Pyta auch Direktor der Forschungsstelle Ludwigsburg, die in Kooperation mit dem Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg, die Unterlagen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen zur Verfügung halten, sie sichern und für die historische Forschung erschließen soll. Nach seinem Studium in Bonn und Köln war Prof. Dr. Pyta von 1988 bis 1994 Assistent an der Universität zu Köln. Sein Lehrer war Eberhard Kolb, Historiker und Spezialist für die Weimarer Republik. In Köln promovierte Prof. Dr. Pyta mit einer Arbeit über die deutsche Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und habilitierte sich 1994 mit einer Arbeit über Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933. In der Folge nahm er Lehraufträge in Tübingen und Bonn wahr. Prof. Dr. Pyta war auch Forschungsstipendiat am Historischen Kolleg in München und Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1995-1999. Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind die Strukturgeschichte des europäischen Mächtekonzertes zwischen 1814 und 1914, die Geschichte des ländlichen Raumes in Deutschland, sowie die Geschichte der Weimarer Republik, wobei hier sein Interesse vor allem Paul von Hindenburg galt. Seine Forschungsaktivitäten, die Politik- und Kulturgeschichte miteinander zu verbinden und Formen der Transformation in den Blick zu nehmen, zeigt sich auch beim Fußball als Kulturphänomen. Seine Forschungsaktivitäten decken den Zeitraum vom frühen 19. Jahrhundert bis zur aktuellen Zeitgeschichte ab. In methodischer Hinsicht zielen seine Forschungsschwerpunkte darauf ab, Politik- und Kulturgeschichte systematisch zu verkoppeln, um auf diese Weise die Transformation kulturell-symbolischen Kapitals in politisches Entscheidungshandeln in den Blick zu nehmen. Diese Verknüpfung von Herrschaftsanspruch und symbolischen Repräsentationsleistungen ist auch Gegenstand einer Studie über die Herrschaft Hindenburgs von 1914 bis 1934, die im September 2007 als Monographie erschienen ist und für die er 2008 den Forschungspreis für Grundlagenforschung des Landes Baden-Württemberg erhalten hat.

Weitere Informationen zu verschiedenen Publikationen finden sich unter folgendem Link:

www.uni-stuttgart.de/hing/mitarbeiter/pyta/publikationen.html

Kontaktdaten, Forschungsschwerpunkte und aktuelle Projekte von Prof. Dr. Pyta entnehmen sie den folgendem Link:

www.uni-stuttgart.de/hing/forschung/ludwigsburg/mitarbeiter/pyta/index.html

 

I. Zum Vortrag

 

Zum Wintersemester 2013/2014 beginnt der Referent seinen Vortrag in der Veranstaltungsreihe Europagespräche mit dem Hinweis, dass auch der Fußballsport ein ernsthafter geschichtlicher Gegenstand der Geschichtswissenschaft sei. Der Referent visualisiert eindrücklich Zeugnisse und stellt einen Bezug zu geschichtlichen Fußball-Ereignissen her. Pyta stellte fest, dass das Berner Wankdorfstadion kein europäischer, sondern ein deutscher Erinnerungsort ist. Der Begriff Erinnerungsort geht auf den französischen Historiker Pierre Nora zurück. Wirkliche Räume und Orte sind auch imaginierte Räume und Orte, an denen sich wie in einem Brennglas identitätsstiftende und gemeinschaftsbildende Faktoren bündeln.

Insofern fällt das Berner Wankdorfstadion in diese Kategorie, v. a. wenn man nach nationalen, deutschen Erinnerungsorten sucht. In einem Band über deutsche Erinnerungsorte darf daher die deutsche Bundesliga nicht fehlen. In Autorenwerken über europäische Erinnerungsorte gibt es inhaltlich keine Hinweise über den Fußball bzw. den Sport. Kann daraus gefolgert werden, dass die heutige Fragestellung ein Themenverfehlung ist? Dem ist nicht so.

Europäische Erinnerungsorte sind Orte, wo europäische Diskurs stattfinden. Es geht nicht darum, sich dabei nur den Nationen, Regionen oder Städten zu vergewissern, sondern auch anderen Orten, die Europa ein Gesicht geben. Das Europa der Integration handelt von Technokraten auf institutioneller Ebene. Europa leidet heute darunter, dass es nicht die Herzen der Bürger wärmt. Ursache hierfür ist nicht nur ein Mangel an Symbolen. Es existieren keine bewegenden Geschichten und kuscheligen Gründungsmythen. Hat Europa keine Gründungsorte? Ist nicht gerade der Fußball als täglich gelebte soziale Praxis viel mehr im Stande, integrative Formen zu entwickeln statt von Beamten und Technokraten konzipierte Richtlinien und Verordnungen? Die Suche nach einem genuin europäischen Selbstverständigungsort kann an Beispielen des Fussballs verdeutlicht werden.

 

1. Der nordirische Fußballstar George Best mit interessanter Vita bietet einen Fall, der aber nicht über den Status eines „local hero“ hinausgekommen ist. Außerhalb von Großbritannien war er ein „no name“. Sein Leben ist in Großbritannien überaus bekannt und sein Schicksal wurde von der Bevölkerung über die Medien verfolgt.

 

2. Am 18.5.1960 fand das Endspiel im Europapokal der Landesmeister zwischen Eintracht Frankfurt und Real Madrid im schottischen Glasgow statt. Um ein Ereignis von historischer Bedeutung zu sein, musste es zu einem transnationalen Medienereignis werden. In ganz Europa wurde dieses Spiel übertragen. Das britische Fernsehen zeigte zum ersten Mal ein Endspiel „live“. Weitere zwölf Fernsehanstalten berichteten von diesem Ereignis. Ohne die mediale Unterstützung im Rahmen dieses europäischen „public space“ kann man nicht von einem genuin europäischen Diskurs sprechen. Im Stadion Hampden Park fanden sich über 127.000 Zuschauer ein. Mehr als 90% der Zuschauer waren Schotten. Die Neugierde auf den kontinental-europäischen Fußball war spürbar. Es handelte sich fast um eine Art europäischer Entwicklungshilfe für britische Fussballclubs. Mittels Video-Präsentation stellte Pyta fest, dass der britische Fernsehreporter sehr oft die Spieler namentlich nannte und dabei ihre Positionen genau beschrieb. Das diente als Hinweis dafür, dass das Wissen über den europäischen Fußball auf der Insel nicht vorausgesetzt werden konnte. Europa diente als Vorbild für Eleganz und Professionalisierung mit perfekt ausgebildeten Fußball-Lehrern und Expertentum.

 

3. Auf der Suche nach einem genuin europäischen Fußball-Clubs nennt Pyta Real Madrid. Warum ein spanischer Verein? Spanien litt unter der Diktatur Francisco Francos an seinem schlechten internationalen Image. Das Land stand unter politischer Quarantäne. Erst Ende der 1950er Jahre öffnete sich Spanien zaghaft dem Tourismus. Der Fußball diente als  Vehikel, um sich anders zu präsentieren und zu europäisieren. Präsident Bernabeu stieß mit dem Verein ein spezifisch europäisches Projekt, verbunden mit einem gigantischen Stadionneubau mit Fassungsvermögen von 120.000 Zuschauern an. Das war und ist das größte Stadion auf dem Kontinent. Gibt es einen europäischen Weg der Stadion-Architektur? Spiegelt sich in Europadiskursen wider, dass die europäischen Fussballstadien unverwechselbare Identitäten bilden? Sind diese eine europäische Erfindung?

Diese Fragen sind auch in Bezug auf das Londoner Wembley Stadion zu stellen. Es wird als ein heiliger Ort empfunden. Reserviert nur für das englische Cupfinale und Länderspiele bedient Wembley besonders exklusive Vorstellungen. Pyta stellt die These auf, dass Wembley zu einem europäischen Erinnerungsort wurde, weil bedeutsamste mit Mythen durchtränkte Spiele anderer Nationen dort stattfanden und europäische Erinnerungsgeschichte mit diesem Ort verbunden ist. England verlor 1953 dort zum ersten Mal in der Geschichte gegen Ungarn. 1972 gewann Deutschland gegen England 3:1. Im Jahr 1973 spielte Polen 1:1 gegen England und qualifizierte sich damit im Unterschied zu den Briten für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Das sind alles Beispiele, die Pyta anführt, womit sich europäische Geschichten mit Stadien in Europa verbinden können.

 

4. Ein weiteres Beispiel liefert das Endspiel des Europapokals der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Borussia Mönchengladbach am 25. Mai 1977 in Rom. Betrachtet wird dabei besonders der britische Kommentar. In dem Videoausschnitt bezeichnet der Reporter immer wieder die Worte „the Germans“ und „the German players“. Nach einem Tor für Gladbach spricht er von „german flags“ im Publikum, obwohl die Gladbacher Fans in der Kurve die Vereinsfahnen schwenkten. Nach Pyta war das kein Unwissen, sondern eine bewusste nationale Zuordnung. Es handelt sich dabei nicht um die Kreierung eines europäischen Diskurses, sondern um eine Nationalisierung eines europäischen Fussballereignisses. Fast alle Spieler dieses Finales waren deutscher bzw. britischer Nationalität. Heute dagegen ist der Fußball Ausdruck eines globalisierten Marktes.

 

5. Europas Fussball im Zeichen der Globalisierung: Pyta nennt die Mannschaftsaufstellungen vom Endspiel 1999 in Barcelona, als Bayern München gegen Manchester United spielte, und vom Endspiel 2013 Im Londoner Wembley-Stadion als Borussia Dortmund gegen Bayern München antrat. Haben die personellen Veränderungen in den Teams dazu geführt, einen supra- bzw. übernationalen Sinn zu stiften? Kann sich eine globalisierte Dimension in multinationalen Realitäten der Fussballspieler-Gesellschaft widerspiegeln? Wäre das eine erfolgreiche Integrationsgeschichte? Das sind Zukunftsfragen für die Forschung. Die öffentliche Wahrnehmung der drei Dortmunder Spieler polnischer Nationalität konnte als Ausdruck eines mitteleuropäischen Vergemeinschaftungsdiskurses aufgefasst werden. Im Länderspiel Polen gegen Dänemark am 14. 8. 2013 in Danzig waren es genau diese drei Spieler, die als Aushängeschild Polens dienten und Werbung für dessen Fussball fungierten. Die Internationalisierung und Europäisierung der Fussballkader regt Pyta zu erforschen an.

 

6. Fussball als Spiegel von Länderrivalität und Nationalismus: Vorsicht ist seiner Auffassung nach aber bei der Postulierung einer europäischen Erfolgsgeschichte durch den Fussball geboten. Der Fussball-Europapokal schuf nicht automatisch einen europäischen Diskurs und die Funktionäre der UEFA waren auch nicht die heimlichen Baumeister eines neuen Europas. Bei den Europameisterschaften ist das laut Pyta so, dass der Fußball im EM-Rahmen vielfach zum Ausdruck nationaler Diskurse wird. Als krasses Beispiel zeigt der Referent in einer weiteren Ausschnittssequenz die niederländische Reportersicht im EM-Spiel gegen Deutschland. Emotionalität und Nationalismus waren bei Spielern und Reportern festzustellen. Im Spiel zwischen Deutschland und den Niederlanden am 21. Juni 1988 in Hamburg gab es Verbalattacken der Spieler, wobei die Rivalität mit Deutschland, v. a. auf Seiten der Niederländer deutlich zum Vorschein kam. Der niederländische Spieler Ronald Koeman nahm nach dem Schlusspfiff ein deutsches Spielertrikot zu sich und wischte sich damit seinen Allerwertesten ab, was auf Fotos festgehalten wurde. Die großen Spiele der Europameisterschaften können laut Pyta fast nur national zugeordnet werden, so beispielsweise als Dänemark im Jahre 1992 die Europameisterschaft gegen Deutschland gewann. Mit "Danish Dynamite" - vom Nachrücker zum Champion - wurde ein skandinavisches Fussballmärchen wahr.

7. Prominente Vereinsfussballer auf der europäischen Bühne: Pytas Blickrichtung galt dann vermehrt Vereinskickern, die eine Geschichte mit europäischem Sinnmuster aufwiesen. Er zog europäische Spielerpersönlichen als Beispiele heran, die Ruhm in Europa erlangten, wozu es noch keine genaueren Forschungen gibt: Die niederländische Spieler- und Trainerlegende Johan Cruyff, der beim CF Barcelona spielte, sowie der französische Superstar Michel Platini, der auch für Juventus Turin antrat.

 

8. Fussball und Kapitalismus: Es bedarf heute auch im europäischen Fussball mutiger Reformer wie Platini, so Pyta, wobei immer stärker kapitalistische Tendenzen zu bemerken sind: Katar kauft sich z. B. beim Fussballclub Paris Saint Germain ein. Manchester United ist nur noch ein Finanzinvestment. In Deutschland sind solche Auswüchse hingegen nicht möglich. Der DFB lizenziert die Vereine und droht mit Lizenzentzug. Es gilt der Wettbewerb, allerdings mit fairen Regeln und einer Solidarität mit den schwächeren Clubs.

 

9. Britische Hooligans erzeugen einen europäischen Diskurs über die Schattenseiten des Fussballs: Als sich Mitte der 1980er Jahre die hässlichste Fratze des Fußballs zeigte, entstand ein spezifischer europäischer Diskurs. Eine Massenpanik im Rahmen des Endspiels des Fußball-Europapokals der Landesmeister war der Ausgangspunkt. Sie ereignete sich am 29. Mai 1985 unmittelbar vor der Begegnung zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin im Heysel-Stadion in Brüssel. Als Anhänger Liverpools in einen neutralen Sektor stürmten, brach Panik aus und eine Wand stürzte ein. 39 Menschen wurden getötet und 454 verletzt. Das geplante Fest des Fußballs endete in einer Katastrophe. Eine gesamteuropäische Debatte folgte, die sich an diesem tragischen Ereignis entzündete. Das deutsche Fernsehen weigerte sich, die Übertragung fortzuführen, da durch die Toten das Ereignis entweiht war. Allerdings übertrug das belgische Fernsehen das Spiel weiterhin „live“. In der Öffentlichkeit entstanden unterschiedliche Diskurse. In England wurden die Hooligans auf Phänomene der „lower class“ reduziert. Der europäische Diskurs in den Leitmedien der Fußballnationen galt den Ausschreitungen, die als eine anti-europäische Barbarei empfunden wurden, ja als ein Anschlag auf die zivilisatorische Mission Europas. Der Auftrag des Fußballs bestünde Friedensstiftung, Gewaltfreiheit und Völkerverständigung. Infolge dieses erschütternden Ereignisses wurden die Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien europaweit verschärft. Es sollten friedliche und gewaltfreie Orte sein und bleiben.

 

Bei Pytas Vortrag handelte es sich um erste Ergebnisse eines Projektes. Vorsicht sei geboten, bei Fussball in Europa allzu rasch das Etikett Europa anzubringen. Erkenntnisreich kann es sein, europäisch-sinnstiftendenden Elemente im Fußball auszumachen und diesen nachzugehen. In der Geschichte der Europapokale seit 1950 ist europäisches Potential vorhanden.

 

II. Diskussion

 

Dass König Fußball und Fratze Fußball ein sehr ambivalentes Verhältnis aufweisen, zeigte die anschließende Diskussion am Beispiel folgender Fragen:

 

1. Ist der Europäische Gerichtshof in Luxemburg ein europäischer Erinnerungsort? Als Bosman-Entscheidung (auch als Bosman-Urteil bezeichnet) wurde eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) aus dem Jahr 1995 bekannt. Damit können Profi-Fußballspieler in der Europäischen Union nach Ende des Vertrages ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln. Das Gerichtsurteil hat dazu geführt, dass die Kommerzialisierung stark vorangetrieben wurde. Europa ist der Kontinent, wo mit dem Fußball am meisten Geld verdient wird. Der EuGH ist zwar von institutionellem Wert, aber nicht für den europäischen Fußball sinnstiftend, wo Mehrwerte generiert werden.

 

2. Wie ist die WM 2006 in Deutschland ausgehend der Betrachtungsweise der europäischen Mitgliedsstaaten einzuschätzen? Diese Frage kann leicht beantwortet werden. Der Image- und Reputationsgewinn war enorm, denn Deutschland hat sich mit seiner Freundlichkeit, Lockerheit und Unverkrampftheit sehr positiv präsentiert.

 

3. Europäisierung, Internationalisierung und Globalisierung des Fussballs? Wir können zwischen den global player, beispielsweise den englischen Clubs, wo fast keine Briten mehr spielen und der deutschen Bundesliga sehr gut vergleichen. Das deutsche Modell der Fußball-Clubs ist ein Modell der sozialen Marktwirtschaft. Hier sind die Vorstände nicht unmittelbar austauschbar und werden teilweise sogar noch als familienähnliche Unternehmen geführt. Die Bundesliga ist gut strukturiert und wird auch als Repräsentant und Spiegelbild der exportorientierten Gesellschaft Deutschlands im Ausland wahrgenommen. Andere Clubs sind neugierig auf deutsche Vereine, die die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen verfolgen. Sie sind regional verankert und im Heimatland etabliert. Auch die jahrzehntelange Investition in die Nachwuchsförderung ist erfolgreich.

 

4. Quellenstudium in den Archiven der UEFA und des DFB? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da fast nur Geschäftsunterlagen vorhanden sind. Es gibt Nachlässe von Trainern (wie z.B. einen von Sepp Herberger, dessen Nachlass im Archiv des DFB liegt). Über das Fanverhalten geben die DFB-Unterlagen kaum eine Auskunft. Der FC Bayern München hat in den 1980er Jahren als erster Verein Marktforschung betrieben. Fragen wurden gestellt wie Wer sind und woher kommen die Fans? Die Sensibilität für solche Themen war bisher nicht sehr ausgeprägt. Es müssen andere Wege in der Forschung beschritten werden. Es sind keine Nachlässe von Fußballern, Trainern und Funktionären vorhanden. Die Vereinsarchive müssen gesichtet werden. Ein Historiker ist kein Sozialwissenschaftler. Sie haben keine statistischen Daten, müssen sich auf eine qualitative repräsentative Analyse stützen und auf die Fokussierung bestimmter Fragenstellungen konzentrieren. Das ist ein methodisches Problem. Sinnofferten müssen untersucht werden. Das Problem besteht darin, dass die Kommentatoren Bilder interpretieren und der Zuschauer damit interpretierte Texte erhält. Deshalb müssen die Rezipienten die Texte selbst lesen, die Bilder selbst sehen und die Radiokommentare selbst hören. Kernprobleme sind also, dass wir die Ebene der Anbieter bedenken müssen.

 

5. Welche Rolle spielt die Gender-Thematik? Bei den größten Momenten der deutschen Fußballgeschichte steht auch der Frauen-Fußball hoch im Kurs. Dieser genießt eine hohe Anerkennung seitens des Deutschen Fußballverbandes. Medial ist die Aufmerksamkeit in den letzten Jahren stetig gestiegen. Gegenüber dem Herren-Fußball sind allerdings strukturelle, athletische und dynamische Nachteile gegeben sowie Defizite in Taktik und Schnelligkeit vorhanden. Damit erreicht der Frauen-Fußball nicht die Symbolkraft vom Herren-Fußball in Europa. Sie ist aber vorhanden, gleichwohl der Beitrag für Europa limitiert, aber nicht bedeutungslos ist.

 

6. Ohne eine Fan-Kultur geht es nicht! Die Fan-Kultur ist sehr wichtig. Hier treffen sich Menschen, die ihren Lebensrhythmus dem Fußballkalender anpassen. Sie besuchen andere Länder und bauen somit Vorurteile ab. Zwischenmenschliche Begegnungen wirken sich positiv aus und sind durch das Internet (Blogs, Facebook, usw.) nachweisbar. Grundsätzlich ist der Sport auch anfällig für das organisierte Verbrechen, doch ist der deutsche Fußball (Ausnahme Skandal 1971) ist relativ sauber. Heute begeistern sich Fans für einen Zweitverein. Das gab es früher nicht. Es fehlt an wissenschaftlichen Studien über die Fan-Kultur im Sport.

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