Europa und der Islam

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim

 

 

4.11.2013 – Felix Hinz: Europa und der Islam – unvereinbare Gegenkonzepte?

 

Zum Referenten: Dr. phil. habil. Felix Hinz hat derzeit eine Vertretungsprofessur für Geschichte und ihre Didaktik am Institut für Politik- und Geschichtswissenschaft der PH Freiburg inne. Er studierte Geschichte, Deutsch und Englisch (Lehramt) in Köln und Sevilla. Forschungen in Mexiko und einer Tätigkeit am Institut für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte folgte die Promotion zum Thema „‚Hispanisierung’ in Neuspanien 1519-1568“. Nach Referendariat und Tätigkeit als LfbA für Geschichtsdidaktik an der Universität Kassel war er vom WiSe 2009 bis zum SoSe 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter Prof. Dr. Michael Gehlers am Institut für Geschichte der Universität Hildesheim. 2013 legte er seine Habilitationsschrift zum Thema „Mythos Kreuzzüge. Selbst- und Fremdbilder in historischen Romanen, 1786-2012“ vor. Der folgende Vortrag war zugleich Felix Hinz’ Antrittsvorlesung.

 

Der Referent gliederte seinen Vortrag in fünf Abschnitte:

  1. Der Islam als Korrektur des Christentums
  2. Das christliche Abendland als defensives Gegenkonzept zum Islam
  3. 1498-1918: Das Abendland dominiert die islamische Welt
  4. Der Untergang des Abendlandes – Geburt Europas
  5. Der Islam in Europa: ein inkompatibler Fremdkörper?

 

1. Der Islam als Korrektur des Christentums

Nach Entstehung des Islams 622 (Hidschra) entstand ein arabisches Reich, das u.a. weite Teile des ehemaligem Römischen Reiches umfasste und die Muslime vor die Frage stellte, wie sie dieses Erbe annehmen sollten. Der Islam verstand sich als Fortentwicklung des Judentums und Korrektur des Christentums, in dessen Trinitätsdogma er eine Abkehr vom Monotheismus sah. Dennoch blieb der Islam vielfach auf das (koptisch-syrische und griechisch-orthodoxe) Christentum bezogen: Der Felsendom entstand 692 als Gegenentwurf zur Grabeskirche, die Blaue Moschee 1616 als Gegenkonzept zur Hagia Sophia. Es bleibt aber zu bedenken: Den Islam gibt es nicht.

 

2. Das christliche Abendland als defensives Gegenkonzept zum Islam

Der Konflikt zwischen dem (römisch-germanisch-christlichen) Abendland und Asien ist alt und konstitutiv: Griechen gegen Perser, Römer gegen Parther, Römer und Germanen gegen die Hunnen, später gegen die Araber, die 642 den europäischen Kontinent in Dagestan erreichten, 711 dann auf die Iberische Halbinsel – ein einschneidendes Ereignis, das als Epochengrenze zu diskutieren wäre. Das „Trauma Araber“ war im Mittealter omnipräsent. Zwar fanden Christen und Muslime in Spanien, der Levante und auf Sizilien zu einem modus vivendi, doch gab es im Zusammenleben nichts zu beschönigen. Stets war klar, wer das Sagen hatte; die vielgepriesene Toleranz in Andalusien ist weitgehend ein der modernen political correctness geschuldeter Mythos. Christen durften kein Pferd reiten, keinen öffentlichen Gottesdienst halten und mussten Kopfsteuer zahlen; Letzteres war die eigentliche Ursache der „Toleranz“, die keine religiöse Toleranz im modernen Sinn, sondern Pragmatismus war.

Die Entstehung des Abendlands war auch eine Antwort auf den Islam. Das karolingische Frankenreich als ideeller Kern Europas vereinte christlich-germanische und römische Wurzeln. Von seinem Territorium ging nach 1945 die erneute Einigung Europas aus (Länder der Montanunion, Karlspreis Aachen). Auch Karl der Große hatte Berührungen mit dem Islam, v.a. während des Spanienfeldzugs 778, der im Mittelalter als Vorspiel der Kreuzzüge galt. Der durch christliche Basken getötete Graf Roland wurde zum Märtyrer im Sarazenen-Kampf. Karl der Große, dem man auch einen Kreuzzug nach Jerusalem andichtete, der dann als der erste galt, wurde zur identitätsstiftenden Gründungsfigur des christlichen Abendlands. 797/801 nahm Karl Kontakt zum Kalifen von Bagdad, Harun ar-Raschid, auf. Man vereinbarte vertraglich, den jeweils anderen Glauben im eigenen Herrschaftsbereich zu dulden. Aus erwogenen politischen Bündnissen wurde nichts, stattdessen wurde der Islam dem Abendland zum „abstoßenden Pol“ (J. Le Goff), wie eine lange Liste mit den Hauptkonflikten belegt.

Wie prägend die Selbstidentifizierung mit der societas Christiana war, belegen noch heute europäische Nationalfahnen mit Kreuz, von Island bis Griechenland. Die gemeinsamen Kreuzzugserfahrungen seit 1096 bis zum Ende des Mittelalters können für das damals aufkommende Bewusstsein, einer abendländischen Wertegemeinschaft anzugehören, nicht überschätzt werden. Das ganze Mittelalter und die Frühe Neuzeit waren geprägt vom Ausfechten der Grenzen zwischen dem Christentum und dem Islam: Als Schlaglichter mögen hier die Schlacht von Tours und Poitiers 732, die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer 1099, die Belagerungen Wiens durch die Osmanen 1529 und 1683 und die Schlacht von Lepanto 1571 dienen. Nach Bekanntwerden des katholischen Siegs bei Lepanto tanzten selbst im anglikanischen London die Menschen auf den Straßen; die damals beteiligten Adelsfamilien treffen sich bis heute am Jahrestag der Schlacht im Vatikan.

Spätestens seit 1453 verbreitete sich die „Türkenangst“ bis Mitteleuropa, besonders bei den Belagerungen Wiens. Der Referent argumentiert mit Thomas Kaufmann, dass die Protestanten es ihrer stets versicherten Bereitschaft, im Notfall gegen die Türken mit zu kämpfen, verdankten, dass die Kaiserlichen nicht mit letzter Konsequenz gegen sie vorgingen (Luthers Schrift „Heerpredigt wider die Türken“, ähnlich der katholische Prediger Abraham á Santa Clara „Auch eine Heerpredigt wider den Türken“).

Gleichwohl gab es auch spektakuläre Tabubrüche eines Paktes zwischen christlichen und muslimischen Herrschern. Beispiele: 1244 Schlacht der christlichen Ritterorden und des Königreichs Jerusalem verbündet mit mehreren muslimischen Herrschern gegen den Sultan von Kairo; 1536 Franz I. von Frankreich verbündet mit Süleymann dem Prächtigen gegen Kaiser Karl V.; Wilhelm II. (der bereits während seiner Reise durch das Hl. Land zur Irritation der Zeitgenossen Saladin und der islamischen Welt seine Referenz erwies) und Franz Josef I. 1914 verbündet mit Mehmed V. An diese deutsch-türkische Waffenbrüderschaft wurde in den 1960ern bei der türkischen Arbeitsmigration in die Bundesrepublik angeknüpft.

 

3. 1498-1918: Das Abendland dominiert die islamische Welt

Noch vor dem Fall von Granada 1492 hatte Portugal sich auf die Suche nach dem Seeweg nach Indien um Afrika herum gemacht. Bald wurde der Indische Ozean zu einem portugiesischen Binnenmeer. Hier liegt der Beginn der Beherrschung muslimischer Gebiete durch das Abendland, das aus seiner Position der Stärke heraus den Islam nun als ungefährlich einschätzte. Diese behauptete Dominanz des Westens hat bei den Muslimen tiefe Spuren und ein Gefühl der Unterlegenheit hinterlassen, das z.T. zu einer Überbetonung der eigenen Identität führt, die nicht selten über die Religion definiert wurde.

Die neu errungene militärische Überlegenheit hatte eine Romantisierung des Islams in der abendländischen Vorstellung zur Folge (Orientalismus). 1772 wurde die erste Koranübersetzung direkt aus dem Arabischen von David Friedrich Mengerlin erstellt, der den Koran allerdings als Fabelbuch mit einigen interessanten Stellen sah. In derselben Zeit erfolgte die Übersetzung der Geschichten von 1001 Nacht.

Insgesamt gab es nur wenig Interesse an den Inhalten der jeweils anderen Religion; der Koran galt als „türkische“ oder „schlechtere Bibel“.

 

Seit der Neuzeit fühlt man sich als Teil eines besseren Europas, das die mittelalterliche „Finsternis“ und religiöse „Verblendung“ hinter sich gelassen habe. Dem entspricht auf der anderen Seite eine Identitätskrise der muslimischen Welt, die sich lange über eine politische Herrschaft des Islam definierte.

 

4. Der Untergang des Abendlandes – Geburt Europas

Das neuzeitliche Europa wurde mit Napoleon aus der Taufe gehoben. Die Revolutionen beendeten schrittweise den Absolutismus und damit auch das Gottesgnadentum. Das „ex oriente lux“ gilt vornehmlich für den religiösen Bereich – die rationalisierte Erleuchtung kam als Gegenkraft zur Allmacht der Religion aus dem Okzident. Hier brachten die Aufklärung die Emanzipation von den Kirchen, die Revolutionen die Freiheit, die rechtliche Gleichheit und die Menschenrechte und damit ein neues Selbstbewusstsein Europas, ein neues säkulares Glaubensbekenntnis und eine neue, global durchzusetzende Mission.

Gleichwohl gibt es auch in Deutschland und Europa noch immer keine klare Trennung von Staat und Kirche, trotz Bismarcks Kulturkampf, der auf eine politische Entmachtung des Papstes in Deutschland zielte. Während des Ersten Weltkriegs erfolgte die letzte „Invocatio Dei“ für Politik und Krieg in Europa; alle Kriegsparteien beriefen sich auf Gott. Erst die Abdankungen Wilhelms II. und Franz Josefs führten zu einer nachhaltigen Trennung von Kirche und Staat, nachdem in Russland bereits die Revolution von 1917 das Ende des Gottesgnadentums gebracht hatte.

Die These, dass dem Monotheismus die Gewalt inhärent sei (Jan Assmann), ist jedoch abzulehnen. Diese Gewalt äußert sich nur, wenn die geistliche und die weltliche Sphäre miteinander verbunden sind, da mit einer konsequent friedlichen Religion kein Staat zu machen ist. Dies galt seit Konstantin und bis 1918 – dann wurde das Christentum pazifistisch.

Wie steht es um die Verbindung von Staat und Kirche in Deutschland heute? Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 brachte die Auflösung der Reichskirche und gleichzeitig Dotationsvereinbarungen. Bis heute leistet die Bundesrepublik der Kirche jährlich anfallende Entschädigungszahlungen für die entgangenen Einnahmen aus den Enteignungen von 1803. Der Staat zieht Kirchensteuern ein (eine Diskriminierung anderer Religionsgemeinschaften), deren Höhe die Kirchen selbst bestimmen, und subventioniert die Kirchen stark. Eine klare Trennung von Kirche und Staat gibt es bis heute nicht. Wenn das Grundgesetz in seiner Präambel Bezug auf Gott nimmt („im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott…“) ist das zwar nicht explizit christlich formuliert, legt eine solche Auslegung aber nahe. Gleichwohl haben die Kirchen zur Etablierung der freiheitlichen und demokratischen Grundordnung nicht geholfen. Demokratie und Menschenrechte wurden katholischerseits erst 1965 beim Zweiten Vatikanischen Konzil anerkannt. Und erst der hier ausgesprochene Verzicht des Papstes auf weltliche Macht hat es ermöglicht, dass die Römische Kirche seit Johannes Paul II. zur „moralischen Supermacht“ werden konnte.

Vor diesem Hintergrund konnte der Auftritt Papst Benedikts XVI. im Bundestag ebenso für Diskussionsstoff sorgen wie die Frage im NSU-Prozess, ob das Kreuz im Gerichtssaal mit Rücksicht aus die muslimischen Prozessbeteiligten abgehängt werden müsse, wogegen sich die CSU, unter Berufung auf die christliche Tradition, aussprach.

Ein Blick auf andere europäische Staaten zeigt ähnliche Zusammenhänge wie in Deutschland: Die griechisch-orthodoxe Lehre ist in Griechenland nach wie vor Grundlage der Staatsideologie und auf Zypern Trägerin des griechischen Nationalismus. England, Schottland und Schweden haben Staatskirchen. Europa ist, trotz Aufklärung, nicht völlig säkular.

Auch bei den europäischen Einigungsbestrebungen ist der Gottesbezug vorhanden. Die älteste europäische Einigungsbewegung ist die Paneuropa-Union, die unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs 1922 von Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi gegründet wurde und illustre ehemalige Mitglieder verzeichnet: Einstein, Thomas Mann, Briand u.a. In ihrem Programm heißt es, das Christentum sei die Seele Europas; dementsprechend strebt sie eine Einigung Europas auf der Basis der christlichen Wertegemeinschaft an, eine „Abendland-Union“, wie man sie nennen könnte.

Die realisierte EU ist das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte, aber sie ist recht technokratisch, ihr fehlt die Seele. Wo liegt das „Jerusalem“ der EU? Das Herz des Abendlandes schlägt noch immer in ihr, was zuweilen deutlich wird. 1955 wurde als Flagge Europas vom Europarat das Sternenbanner festgelegt, zwölf goldene Sterne im Kreis auf blauem Grund, das die EG 1986, später die EU übernahmen. Während der Diskussionen um die Flagge wurden alle Kreuzsymbole von den Sozialisten und der Türkei, die im Europarat vertreten war, abgelehnt. Favorisiert hatten die meisten Mitglieder die heutige Flagge der Paneuropa-Union: eine goldene Sonne (Aufklärung) und ein rotes Kreuz (Christentum oder allgemeiner Menschlichkeit) auf blauem Grund. (Als Symbol für das Abendland kann das rote Georgskreuz auf weißem Grund gelten.) Eine zwar nicht zu beweisende, sich aber hartnäckig haltende These entdeckt auch im Sternenbanner den religiösen Bezug: Zwölf ist die Zahl der Vollkommenheit. Einer der Gestalter der Flagge gestand, dass er sich von Offb. 12, 1 inspirieren ließ: Das apokalyptische Weib (Mutter der auserwählten Völker der Endzeit) trägt eine Krone von zwölf Sternen; blau ist die Farbe der Gottesmutter. Der Amsterdamer Vertrag Nr. 11 von 1999 legt auf Antrag der beiden großen Konfessionen Deutschlands den Status der Kirchen und weltanschaulichen Gemeinschaften fest, die geachtet und nicht beeinträchtigt werden sollen. Die Präambel der EU schließlich ist säkular, spricht allgemein von Kultur und Humanismus, bleibt dabei aber vage. Der Islam ist nicht explizit ausgeschlossen. Der Vatikan ist gemäß der Kopenhagener Bestimmungen zwar nicht beitrittsfähig zur EU, da es sich beim ihm um eine absolute Monarchie handelt, er darf jedoch Euro-Münzen prägen und hat dafür gesorgt, dass christliche Prinzipien in der EU-Verfassung gewahrt blieben. Alle christlichen Kirchen Europas unterhalten Lobbybüros in Brüssel.

 

6. Der Islam in Europa: ein inkompatibler Fremdkörper?

Oftmals wird die Integration der Muslime als unmöglich angesehen. Die großen Diskussionen darüber berühren den Kern Europas, sind jedoch geprägt von populistischen Vorurteilen und Unterstellungen, wie an vielen sehr emotionalen Buchtiteln abzulesen ist, die Europa noch immer mit dem Abendland gleichsetzen. Wie passt also der Islam ins europäische Haus ohne dass sich ein Akteur verleugnen muss?

Das offizielle Haupthindernis für seine Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts (wie die christlichen Kirchen) wie auch eines konfessionsgebundenen islamischen Religionsunterrichts ist die Vielfalt des Islams.

Die Trennung von geistlicher und weltlicher Sphäre ist dagegen auch im Islam bekannt: Neben dem (geistlichen) Kalifen gibt es den (weltlichen) Sultan, und einige Bereiche waren immer von der Scharia ausgenommen, so Gesetze zum Zoll- und Militärwesen. Der Slogan, der Islam sei Religion und Staat in einem, ist ideologisch und historisch betrachtet falsch. Richtig ist allerdings, dass der Islam eine Kulturreligion ist, in die man hineingeboren wird, dass er eng verflochten ist mit allen Bereichen der Kultur und des Alltags, aber auch, dass sich die Scharia stets weiterentwickelt hat. Der Angst vor Überfremdung ist entgegenzuhalten, dass der Islam eigentlich keinen Missionsauftrag wie das Christentum kennt.

Es gibt keinen einheitlichen Islam und es gibt Konfliktpunkte mit Europäern, wie zum Beispiel die Stellung der Frau, die jedoch nicht an ihrer Bekleidung abzulesen ist. Der europäischen Idee geht es nicht um Äußerlichkeiten, sondern um Gesinnung. Es ist aber daran zu erinnern, dass Frauen auch in Europa keineswegs gleichberechtigt sind und dass der Schleier im europäischen Mittelalter normal, Bräute (auch Bräute Christi) ihn bis heute tragen und das Kopftuch bis in die 1950er Jahre auch in Deutschland noch Mode war.

Der Islam ist in Europa kein neues Phänomen. In Südosteuropa sind Teile der slawischen Bevölkerung nach der osmanischen Eroberung muslimisch geworden. Albanien, Bosnien-Herzegowina und der Kosovo sind Staaten in Europa mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit (Albanien 1998: 56,7% Muslime). Wie viele Muslime in EU-Staaten leben, kann nur geschätzt werden, da seit 2001 angeblich keine exakten Zahlen vorliegen. Geschätzt leben heute in der EU etwa 16 Millionen Muslime, also 3,27% der Bevölkerung. In Deutschland 4,5 Millionen (5%), in Frankreich 6 Millionen (8,2%), in Bulgarien sind 12% der Einwohner Muslime, in den Niederlanden 5,7%, in Belgien 8%, in Griechenland 4,7%, im europäischen Teil der Türkei leben sechs Millionen Muslime, in Russland 19-22 Millionen (13-15%). Seit dem 19. Jahrhundert leben Muslime, in erster Linie wegen der Arbeitsmigration, weltweit in der Diaspora.

Im Gegensatz zu England und Frankreich (imperiale Tradition) kamen nach Deutschland keine Eliten aus den muslimischen Ländern, die am öffentlichen Diskurs partizipieren und mit Theologen und Intellektuellen auf Augenhöhe diskutieren konnten. Diese Eliten bilden sich erst jetzt. Mittlerweile gibt es mit dem Zentrum Köln eine Vielfalt an muslimischen Organisationen, die nach Vereinsrecht organisiert sind (z.B. Islamrat, Deutsche Muslimliga) und zum Teil europaweit aktiv sind (am bekanntesten: Milli Görüs).

Basam Tibi hat 1991 die Bezeichnung „Euro-Islam“ für einen Islam eingeführt, der versucht die Pflichten des Muslims mit den Werten der europäischen Kultur zu kombinieren und auf den Glaubenskampf und die Scharia zu verzichten. Basam Tibi unterscheidet ihn vom „Ghetto-Islam“ mit seinem unkalkulierbaren Gewaltpotenzial. Eine ähnliche Richtung vertritt Tariq Ramadan, der aber nicht gänzlich auf die Scharia verzichten will, was ihm den Vorwurf eingebracht hat, ein Extremist zu sein.

Diese reformwilligen Ansätze müssen von der EU aktiv unterstützt werden, wozu es erste Ansätze gibt, z.B. seit 2006 mit der Islamkonferenz und vor allem mit der Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie seit 2002. Das dortige Studium ist nun Voraussetzung für angehende Imame und muslimische Religionslehrer in Deutschland. Die Stiftung Mercator und sieben Universitäten haben zudem 2011 ein Graduiertenkolleg für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Bereich Islamische Theologie eingerichtet. Die Unterstellung von Heinz Halm, hier handele es sich um neokoloniale Intentionen, ist abzulehnen, meint Hinz. Denn wem gehört eine Religion? Wie Muslime Europa mitgestalten, können auch muslimische Europäer den Islam mitgestalten und ihn in einer Form entwickeln, die nicht für alle Muslime gelten muss, aber nach Europa passt. Selbst Kritiker des Euro-Islam schätzen die westliche Meinungsfreiheit, in deren Rahmen religiöse Ideen weiterentwickelt werden, die allgemein die islamische Religionswissenschaft neu beleben können. Der Islam hat sich in der Vergangenheit als wandelbar erwiesen und wird weiter wandelbar bleiben.

 

Fazit:

-          Der Islam entstand als Gegenkonzept zu Judentum und Christentum.

-          Das christliche Abendland definierte sich gegen die islamische Expansion.

-          Dies wirkt im europäischen Bewusstsein bis heute durch eine weit verbreitete Ablehnung des Islams nach.

-          Historische Erfahrungen zeigen: Eine friedliche Einigung Europas kann nur als Wertegemeinschaft auf säkularer Basis gelingen.

-          Auch EU-Europa muss sich noch konsequenter säkularisieren, um den die Grundsätze der EU annehmenden Muslimen Chancengleichheit zu bieten.

-          Der „Euro-Islam“ ist kein neokolonialer Ansatz.

-          Ein gelingendes Projekt würde Europas Einfluss auf die islamische Welt im positiven Sinn erheblich stärken.

 

Diskussion:

Diskussionsbeitrag: Der Euro-Islam ist eine gute Sache; zu diskutieren ist die Haltung zur Scharia, angesichts von Richtern in England und Süddeutschland, die nach der Scharia urteilen, oder der Anwendung etwa in muslimischen Familien. Das gilt auch für die Idee des Dschihad, der zur friedlichen Auseinandersetzung mit anderen Religionen werden muss.

Antwort: Ein Ghetto Islam oder Parallelstrukturen sind nicht wünschenswert. Beim Dschihad ist zwischen dem kleinen (aktiver Kampf) und großen Dschihad (Selbstüberwindung) zu unterscheiden. Es ist nicht die Frage, ob Europa und der Islam unvereinbare Gegensätze sind, sondern ob Europäer und Muslime eine Vereinbarkeit entstehen lassen wollen.

 

Diskussionsbeitrag: Das Trennende wird zu stark betont und den Islam gibt es nicht.

Antwort: Der „Clash of Civilizations“ wird zu sehr hervorgehoben, Gewalt ist dem Islam aber nicht inhärent, für die meisten Muslime ist es kein Problem, darauf zu verzichten. Wenn zur Begründung für Gewalt der Koran herangezogen wird, so sei daran erinnert, dass man auch mit der Bibel alles Mögliche begründen kann. Es gibt mehr Verbindendes als Trennendes, es geht ja auch um denselben Gott. Doch soll man sich nicht auf theologische Debatten einlassen, der Weg zur Einigung Europas läuft über die Säkularisierung.

 

Diskussionsbeitrag: Europa und der Islam markieren ein Spannungsfeld, in dem einiges kompatibel ist, anderes nicht; Rationalität steht Emotionalität und Glaube gegenüber. Sind der Islam und Europa nicht noch immer Gegenkonzepte oder ist die europäische Streitkultur so prägend, dass sie zu Kompromissen führen kann? Wenn man sich die Gründerväter der EU ansieht, so ist die EU ein rationales Projekt, dem die Seele fehlt. Wie lässt sich der Islam hier einpassen; Religionen sind mit Emotionen aufgeladen.

Antwort: Religion (letztlich alle Weltreligionen) und Rationalität/Aufklärung treffen sich in den Werten. Zudem hat aber auch die Rationalität ein emotionales Element (Französische Revolution) und wurde manchmal sogar zur Ersatzreligion. Das Projekt EU emotional zu den Menschen tragen – dazu muss man verstärkt auf den Aspekt der Wertegemeinschaft zurückgreifen.

 

Diskussionsbeitrag: Sind Lehrstühle für islamische Theologie angesichts der Trennung von Kirche und Staat nicht seltsam?

Antwort: Diese Lehrstühle sind das Zeichen der Zeit. Es geht darum, das Grundgerüst zu überdenken, um das Umdenken unter muslimischen Europäern voranzutreiben, aber auch, um der Religion des Islam eine neue Wertschätzung entgegenzubringen, statt sie als inkompatibel abzulehnen, was auf eine Verteufelung hinausliefe.

 

Diskussionsbeitrag: Gab es in Andalusien nicht doch eine Zusammenarbeit zwischen Islam und Christentum?

Antwort: Eine Kooperation auf Augenhöhe in Spanien ist zu bezweifeln. Bescheidene Rahmenbedingungen waren da, ein gewisser Austausch auch, aber keine Kooperation. Diese ist heute eher möglich – in einem anderen Rahmen, der EU, der dafür ein gewaltiges Potenzial bereithält.

 

Diskussionsbeitrag: Der türkische Ministerpräsident Erdogan sieht sich als politischer Vertreter eines Welt-Islam.

Antwort: Hier wird der Islam politisch instrumentalisiert. Er ist jedoch zu vielfältig, um von einer Person repräsentiert zu werden. Die Zeiten des türkischen Kalifats sind Geschichte.

 

Diskussionsbeitrag: Wird das Christentum in islamischen Ländern akzeptiert oder gar gefördert?

Antwort: In muslimischen Ländern ist der Umgang mit dem Christentum unterschiedlich. Doch man will heute in Europa ggf. nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Europa hat nach eigenem Verständnis im Gegensatz zu weiten Teilen der Welt den „heiligen Wahn“ überwunden und will vorleben, wie es besser gehen kann.

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