Italien und die deutsche Einheit 1989-1990

Deborah Cuccia: Italien und die deutsche Einheit 1989-1990



Vita

Deborah Cuccia studierte Geschichte und Fremdsprachen an der Universität in Florenz.

Als Nachwuchswissenschaftlerin decken ihre akademischen Interessen ein weites Feld ab und umfassen die Geschichte der internationalen Beziehungen, den europäischen Integrationsprozess unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands oder auch die Geschichte der Sowjetunion in den 80er Jahren. In weiteren Studien hat sich Deborah Cuccia mit Fragen der Identität, Region, Heimat, Nationalität beschäftigt, die vor allem in Italien eine erhebliche Rolle spielen bzw. den Wandel verschiedener Staaten hin zur Demokratie – etwa Spaniens – in den Blick genommen und die Rolle des Konfuzianismus in der chinesischen Außenpolitik und den sino-japanischen Beziehungen beleuchtet. Im Rahmen ihres Masterstudiums forschte Cuccia über die Rolle der deutsch-sowjetisch und deutsch-russischen Beziehungen vor und nach der deutschen Einheit und legte dabei einen Fokus auf die deutsche Ostpolitik. Deborah Cuccia forscht derzeit als Stipendiatin der Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Universität in Hildesheim und recherchiert in zahlreichen deutschen Archiven für eine neue Studie, die von der italienischen Wissenschaftlerin Eleonora Guasconi von der Universität Genua betreut wird.



Kurzzusammenfassung


Am 9. November 1989 begann der deutsch-deutsche Einigungsprozess, der aus deutscher Innensicht wie aus der Außensicht Frankreichs oder Großbritanniens sehr gut erforscht ist. Eine Forschungslücke besteht aber noch in der Darstellung der Wahrnehmungen und Reaktionen der kleineren und mittleren Nachbarstaaten, vor allem auch der Rolle Italiens. Deborah Cuccia beantwortet in Ihrem Vortrag in einer multiperspektivischen Analyse die Fragen nach den Akteuren und den Spannungen in Italien ebenso, wie nach den Befürchtungen, Erwartungen und Hoffnungen, die der deutsch-deutsche Transformationsprozess dort auslöst. Dabei nimmt sie nicht nur Reaktionen der Politik und Diplomatie, sondern auch diejenigen von Medien, Wirtschaft und Gesellschaft in den Blick und eröffnet damit zugleich neue Einblicke in die Ambivalenz der Endphase des Kalten Kriegs und der deutsch-italienischen Beziehungen. Abschließend beleuchtet sie den Prozess der Beziehungen bis heute und diskutiert die These der „schleichenden Entfremdung“ zwischen beiden Ländern.


Vortrag

Eine Haltung Italiens zu Deutschland zu beschreiben, ist stets von der Schwierigkeit geprägt, dass von einer einheitlichen Meinung selten bis nie die Rede sein kann. Wie Cuccia darstellt, ist es aufgrund historischer, sozialer und ökonomischer Entwicklungslinien des Landes vielmehr immer notwendig, von Reaktionen der „verschiedenen Italien“ innerhalb und außerhalb des politischen Spektrums zu sprechen.

Die Deutschlandperzeption Italiens verändert sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs erheblich – dieser Prozess verläuft jedoch langsam und keineswegs linear: Positive wie negative Phasen wechseln einander ab, wobei das Ende der 70er Jahre gemeinhin als Höhepunkt der Phase der Verschlechterung angesehen wird. Seit den achtziger Jahren lässt sich ein differenziertes Bild Deutschlands in der italienischen Wahrnehmung erkennen, in welchem die Skepsis und die Angst vor der deutschen Vergangenheit zunehmend in den Hintergrund rücken.

Schon in den 80er Jahren intensiviert sich vor allem der Kulturaustausch stark. Die beispielsweise in den Goethe-Instituten oder in dem deutsch-italienischen Tagungszentrum Villa Vigoni stattfindenden Diskurse über die Bedeutung von „Heimat“ oder „nationaler Identität“ bzw. zur zeitgenössischen Geschichte und der jüngeren Vergangenheit werden auch von italienischer Seite interessiert rezipiert – dies jedoch stets der emotionalen Mischung aus Angst und Bewunderung, die kennzeichnend für die Beziehung der Italiener zu der sogenannten „deutschen Frage“ ist.


Der Fall der Berliner Mauer löst eine deutlich differenziertere Reaktion aus, als die bekannte Reaktion des Außenministers Giulio Andreotti vermuten lässt: Trotz einiger Besorgnis artikulieren die Pressereaktionen weniger ein Gefühl der Angst denn das einer „kollektiven Umarmung“ und machen damit das Ausmaß der positiven Veränderung in der italienischen Darstellung Deutschlands deutlich. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die italienische Zeitungslandschaft einen elitären Charakter hat und die Zahl der Zeitungsleser deutlich geringer ist als in anderen Ländern Europas.

Auch die politischen Kreise (in denen eine deutsche Wiedervereinigung noch Mitte des Jahres 1989 für nicht aktuell gehalten wird), reagieren unterschiedlich: Je nach Parteizugehörigkeit lassen sich dabei verschiedenartige Vereinnahmungen für eigene politische und nationale Ziele ausmachen: Während beispielsweise die Einigung der deutschen Staaten für die Kommunistische Partei die Chance bot, sich ihrem Ziel eines stärkeren Bündnisses mit der SPD anzunähern, bot sie für die Sozialistische Partei die Möglichkeit einer nationalen und europäischen Profilierung und wird infolgedessen Ende 1989 von Vizepremier Minister Martelli als positiv bewertet. Die Christlich-demokratische Partei hingegen macht den Anschein, als habe sie den Fall der Mauer unvorbereitet mitverfolgt.

Besonders positiv sind die ersten Reaktionen in der Presse von Staatspräsident Cossiga – einer der wenigen Politiker, der gute Kenntnisse der deutschen Kultur und Sprache besitzt und eine besondere Sensibilität in Bezug auf die deutsche politische innere Lage entwickelt hatte.Schwieriger stellt sich hingegen die Position des Premierministers Giulio Andreotti dar. Seine Äußerung, „es gebe zwei deutsche Staaten, und zwei müssten es bleiben“, hatten die bilateralen Beziehungen im September 1984negativ belastet. Auch Ende November 1989 zeichnet er sich in einem Gespräch noch durch eine zurückhaltende Haltung aus und negiert die deutsche Einigung in einem Gespräch mit Gorbatschow die Aktualität des Themas.Ein Treffen der regierenden christdemokratischen Parteivorsitzenden Europas einige Monate später und Kohls Garantie der unveränderten Grenzen scheint seine Meinung jedoch zu verändern: Andreotti mildert seine Vorbehalte gegenüber einer deutsch-deutschen Einigung ab. Die vorsichtige Haltung, die er dennoch in seinen Aussagen walten lässt, verbreitet sowohl in der italienischen Presse, wie auch im Ausland ein Gefühl von Starrheit und Tatenlosigkeit der Regierung.

Das italienische Außenministerium sieht sich angesichts der deutschen Entwicklungen gefordert, eine Strategie für eine Position Italiens auf europäischer, atlantischer und mitteleuropäischer Ebene auszuarbeiten, um die Bedingungen der deutschen Einigung innerhalb der EG, der NATO und der KSZE zu verhandeln. Als deutlich wird, dass der Rahmen der der Wiedervereinigung im 2+4-Format und nicht in der NATO verhandelt wird, Italien also nicht „part of the game“ sein werde, löst dies zweierlei aus: Einerseits lebt ein alter Minderwertigkeitskomplex der italienischen Politik wieder auf, in Europa als mittelgroße Staatsmacht nicht als ernstzunehmender Partner wahrgenommen zu werden. Andererseits bieten sich mit dem Öffnungsprozess der osteuropäischen Staaten die Möglichkeit, das schon länger verfolgte Ziel einer Vermittlerrolle zwischen Donauraum und Mittelmeer einzunehmen und durch die Erschließung neuer Märkte der nationalen Wirtschaft neue Absatzräume zu ermöglichen. In dieser Ausrichtung hatte sich Italien bereits in den achtziger Jahren in seiner diplomatischen Ausrichtung gen Osteuropa aktiv gezeigt, so dass es nach der Bundesrepublik Deutschland und nur knapp nach Österreich zum drittwichtigsten Handelspartner Ungarnsjenseits des „Eisernen Vorhangs“ wird.

Abgesehen von diesen Aspekten betont Cuccia die Notwendigkeit, auch aus einem wichtigen weiteren Grund Vorsicht bei der Beurteilung italienischer Aussagen gegenüber Deutschland walten zu lassen: Stets sollte die Tatsache berücksichtigt werden, dass die BRD mit mehr als 21% der italienischen Importe der wichtigste Wirtschaftspartner Italiens ist und daher den Tenor der Äußerungen prägt.


Deborah Cuccia beschließt ihren Vortrag mit einer Diskussion, ob die Zäsur des Mauerfalls in den deutsch-italienischen Beziehungen zu der von den Wissenschaftlern Enrico Rusconi, Thomas Schlemmer und Hans Woller propagierten „schleichenden Entfremdung“ zwischen Deutschland und Italien beigetragen habe.

Während die Stellungnahmen vor der deutsch-deutschen Einigung von Vorsicht und quasi eingefrorenen Stereotypen gekennzeichnet waren, so die umstrittene These, haben sich die Beziehungen nach dem Mauerfall deutlich abgekühlt, was Cuccia für die politische Ebene nachweisen und bestätigen kann. Die Erklärungsansätze für diese Entfremdung sieht Cuccia jedoch weniger in einem möglicherweise noch immer konfliktträchtigen bilateralen Verhältnis, sondern sie macht die Gründe vor allem im Inneren Italiens aus: In den 1990er-Jahren binden zunächst innenpolitische Skandale und dann weitreichende wirtschaftliche Reformen zur Einführung des Euro die politischen Kräfte. Der schwierige Prozess der Verwirklichung grundlegender innerer Reformen verhinderte einen Blick über die Alpen und verschlechtert nicht nur die Kooperation mit Deutschland, sondern auch mit anderen europäischen Partnern und selbst mit der Europäischen Union.

Eine gegenläufige Tendenz bewirkt in Teilen die zunehmende Regionalisierung: Beispielsweise wirkt sich die enge, vor allem wirtschaftliche Kooperation zwischen dem Nordosten Italiens und Bayern sowohl im lokalen kulturellen Austausch als auch in der Vertiefung von politischen Kontakten auf regionaler Ebene und im von den einheimischen Medien vermittelten Deutschlandbild positiv aus. Vor allem die traditionell verwendeten Stereotype seien hier durch neue Vorstellungen ersetzt worden.

Die These der „schleichenden Entfremdung“ wird von Cuccia daher allein für den Bereich der hohen Politik als möglicherweise valide erklärt, während sie auf kulturellem wie auf wirtschaftlichem Gebiet keine Verschlechterung, sondern eine stetige Verbesserung konstatiert. Abschließend stellt Cuccia daher der Behauptung Rusconis, Schlemmers und Wollers ihre These entgegen, statt einer Entfremdung zwischen Deutschland und Italien handele es sich vielmehr um eine verpasste Chance und um einen Dornröschenschlaf der Beziehungen zwischen Deutschland und Italien.

 

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