Neue Welterfahrungen. Karl V. und die Hildesheimer Stiftsfehde

Neue Welterfahrungen. Karl V. und die Hildesheimer Stiftsfehde

Zum Referenten: Alfred Kohler studierte Geschichte und Geographie an der Universität Wien, wo er 1967 promovierte und anschließend als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte tätig war. 1980 habilitierte er sich zum Thema „Antihabsburgische Politik in der Epoche Karls V.: die reichsständische Opposition gegen die Wahl Ferdinands I. zum römischen König und gegen die Anerkennung seines Königtums (1524-1534)“. Seit 1992 ist Alfred Kohler Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien. 2010 wurde er mit dem Wilhelm-Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet.

Für weitere Informationen siehe: www.univie.ac.at/Geschichte/htdocs/site/arti.php/90299

Der Vortrag  fand aus Anlass der 1200-Jahr-Feier des Bistums Hildesheim in Kooperation mit dem Hildesheimer Heimat- und Geschichtsverein statt.

Alfred Kohler bezieht sich in seinem Vortrag auf sein jüngstes Buch „Neue Welterfahrungen: Eine Geschichte des 16. Jahrhunderts“, Münster, Aschendorff 2014

Es ist noch immer eine Selbstverständlichkeit, den Blick allein auf die Geschichte Europas zu richten, was in Anbetracht der heutigen globalisierten Weltsituation erstaunlich ist. Ich habe in den letzten Jahren meinen Blick für diese Diskrepanz geschärft, zumal ich mich schon seit den 1960er Jahren für Außereuropa interessiert und dabei auf die frühneuzeitliche Geschichte spezialisiert habe. Bei der Überlegung, dieser Zeit eine neuartige Darstellung zu widmen, entschied ich mich für eine globalisierte Geschichte des 16. Jahrhunderts, denn in den letzten Jahren haben mich zwei Tatsachen immer wieder irritiert: erstens eurozentrische Zugangsweisen, die von flüchtigen Einbeziehungen anderer Kontinente geprägt sind, indem meist ein kurzer Blick auf die Ergebnisse der europäischen Expansion des 16. und 17. Jahrhunderts geworfen wird. Anhängsel-Problematik könnte man dieses Phänomen nennen, durch das eine Abwertung der außereuropäischen Weltregionen erfolgt. Zweitens die Konzentrierung auf Wirtschaft und Handel in globalgeschichtlichen Darstellungen, ohne ausführlichen Rückbezug auf die politische Geschichte und das Eigenprofil der Kontinente.

Mit der Sicht von außen relativiert sich die europäische Betrachtungsweise. Die Kartenmitte unserer Atlanten bestimmt noch immer die Weltsicht der Europäer. Europa und Afrika liegen in der Mitte der Weltkarte, was schon die Perspektive der antiken Geographie war, so bei Ptolemäus. Die Relativität der geographischen Betrachtungsperspektiven ist mir vor Jahren in Australien bewusst geworden, als ich in einem Geschäft in Sydney Weltkarten entdeckte, die Australien und Asien zum Mittelpunkt hatten. Karten sind kein objektives Abbild der Welt, sondern Konstrukte des Raumes.

Der Titel meines neuen Buches soll zum Ausdruck bringen, dass es im 16. Jahrhundert um neue Welterfahrungen - ich lege Wert auf den Plural - ging, und zwar nicht nur für die Europäer, sondern auch für Afrika, Asien und Amerika. Im Einzelnen geht es um folgende thematische Schwerpunkte: Erstens um die Suche nach Reichtümern in Asien seit dem Spätmittelalter. Marco Polo war in China und brachte viel Wissen aus dem 13. Jahrhundert nach Europa. Anhand dieses veralteten Bildes hat sich Columbus über Asien informiert. In Kapitel zwei und drei gehe ich auf die kontinentalen Räume ein und analysiere die politisch-sozialen Entwicklungen in einzelnen Kontinenten. Viertens geht es um weltweite Handels- und Wirtschaftssysteme, fünftens um Herrschaftssysteme, Imperien und Staaten, sechstens um Religionen, Konfessionen und Politik im globalen Vergleich, siebtens um Elitenbildung, Medien und Wissenschaften im globalen Vergleich, und zuletzt ziehe ich eine Bilanz bis heute und gebe einen kurzen Ausblick.

Nur ein Jahrhundert darzustellen hat den Vorteil der höheren Konzentration auf die Phänomene aber zugleich den Nachteil auf längerfristige Entwicklungen nur verweisen zu können. Im Kern geht es um eine europäische Geschichte des 16. Jahrhunderts im globalen Kontext, mit Analysen anderer Kontinente und vergleichenden Untersuchungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Die große Bedeutung der Handels- und Wirtschaftsgeschichte des 16. Jahrhunderts steht außer Zweifel, doch darf die Konzentration auf diesen Aspekt nicht dazu führen die Bedeutung der politischen Geschichte zu unterschätzen, denn Wirtschaft und Politik, sind eng aufeinander verwiesen. Herrschafts- und Staatengeschichte, die Geschichte der internationalen Beziehungen sowie die Geschichte von Staat und Kirche, wie dies die Geschichte der Reformation deutlich macht, sind in diesem Kontext vor allem zu nennen.

Das führt mich zu einem mikrohistorischen Aspekt: der Hildesheimer Stiftsfehde. In diesem Jahr sind 1200 Jahre vergangen, dass das Bistum Hildesheim von Ludwig dem Frommen gegründet wurde. Im Lauf des Mittelalters bildete sich ein ausgedehntes Gebiet des Hochstifts aus. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zu einer entscheidenden Veränderung der politischen Landschaft, die in die Regierungszeit Kaiser Karls V. fällt. Es geht um die sogenannte Hildesheimer Stiftsfehde seit 1519, ausgetragen zwischen dem Hildesheimer Hochstift beziehungsweise seinen Bischöfen Johann IV. von Sachsen-Lauenburg, Balthasar Merklin, Otto IV. von Holstein-Schaumburg sowie Valentin von Teteleben und den weltlichen Fürstentümern Braunschweig-Wolfenbüttel und Braunschweig-Calenberg. Es war eine Fehde - nach dem Fehdeverbot von 1495 -, die mit der lutherischen Reformation zunächst nichts zu tun hatte. Vielmehr handelte es sich um einen Konflikt um Teile des Hochstifts, der mit der Inbesitznahme des größten Teils des Hildesheimer Stiftsguts durch die Braunschweiger Herzöge endete. Die Restitution der verlorenen Gebiete  machte von Teteleben lange vor seinem Episkopat (1537-1551) zu seinem wichtigsten geopolitischen Anliegen. Von Papst Hadrian VI. erwirkte er im Oktober 1522, dass ein päpstlicher Kommissar die Herzöge Heinrich d.J. und Heinrich von Braunschweig vorladen und vernehmen sollte. Diese Aufgabe fiel Teteleben selbst zu. Er sollte auf dem Nürnberger Reichstag gütliche Verhandlungen über das Stiftsgut und eine Verständigung mit den Braunschweiger Herzögen, den Stiftsständen und der Stadt Hildesheim versuchen, was misslang. Auf dem Augsburger Reichstag 1530 belehnte Karl V. die Braunschweiger Herzöge mit dem Hildesheimer Stiftsgut. In seinem Reichstagsprotokoll spricht Teteleben wörtlich von einer „perversa investitura“. Hier taucht der Gegensatz zwischen dem vom Kaiser in Anspruch genommenen Lehnrecht und dem vom Papst vertretenen Kirchenrecht auf. Karl V. belehnte die Herzöge mit okkupiertem Kirchengut. 1537 übernahm Teteleben ein nahezu mittelloses Bistum Hildesheim.

Die Hildesheimer Querelen machen auch deutlich, dass der Norden Deutschlands keineswegs, wie oft behauptet, eine kaiserferne Region war. Das kommt insbesondere in dem 1528 in Burgos in Spanien ausgestellten Wappenprivileg für die Stadt Hildesheim zum Ausdruck. Neu an diesem Wappen war der halbe schwarze einköpfige Reichsadlers, wie er typisch für die Reichsstädte war. Allerdings hatten die einen ganzen einfachen Adler; den Doppeladler beanspruchte der Kaiser für sich. Hildesheim hat also nicht den Status einer Reichsstadt, aber auch nicht den einer einfachen Landstadt. Es gab einen rührigen Bürgermeister, Hans Wildefüer, der sich für diese Wappenverleihung beim Kaiser eingesetzt hat. Darin sehe ich auch einen Schritt gegen die Interessen der Hildesheimer Bischöfe. Karl V. war ein Vertreter des Katholizismus, aber hier hat er sich gegen die Bischöfe gewendet. Dann kommt 1542 der Übertritt der Stadt Hildesheim zum Luthertum, und damit war die Sache erledigt.

Kehren wir zurück zu meiner Monographie. Die Geschichte Europas ist nicht nur durch Interaktionsprozesse bestimmt, sondern auch durch die Eigenentwicklung der Regionen. Die Expansion ist nur ein Teil davon, wenn sie auch im 16. Jahrhundert in einer bis dahin nicht bekannten Intensität stattfindet, was erst im historischen Rückblick erkennbar ist. Ein großer Teil der Zeitgenossen hat diese Entwicklung kaum oder gar nicht zur Kenntnis nehmen können. Es waren im Grunde nur die Eliten, die sie erfuhren. Aber die Folgewirkungen der expansiven Geschichte Europas sind unbestritten. Historikerinnen und Historiker sprechen heute von Protoglobalisierung oder erster Globalisierung. Daher bin ich jedes Mal verwundert, wenn versucht wird Christoph Columbus zu relativieren und zu meinen, Amerika sei schon vor ihm bekannt gewesen. Die Wikinger waren kurz in Neufundland, dann sind sie gescheitert, und die Karibik ist schon etwas anderes als Neufundland.

Das Wesentliche für die Europäer war die Suche nach Reichtümern für das damals arme Europa. Reichtum bedeutete Gewürze, Seide, Gold, und diese Produkte fanden sich vor der Entdeckung Amerikas in Asien und Afrika.

Umgekehrt ist zu fragen, ob die Chinesen den Atlantik oder Amerika kannten und schon vor Columbus deswegen die Ozeane durchquerten, wo doch die Reichtümer im Lande selbst oder vor der Haustür lagen. Es ist ein kurzer Weg von China nach Indonesien zu den Gewürzinseln. In der chinesischen Geschichtswissenschaft, auch der kommunistischen, wird der Kapitän Zheng He erwähnt, der vier Mal mit großen Flotten in den Indischen Ozean gefahren ist. Er war ein Muslim, den man bewusst ausgesucht hatte, weil er die Sprache dort verstand. Er kam bis Ostafrika, wo es auch kleine chinesische Kolonien gab. Aber der chinesische Kaiser hat diese Fahrten aufgegeben. Der Ming Dynastie ging es vielmehr um eine Abwehr der Mongolen. Hinzu kommt, dass China eine Landmacht ist, und wie gesagt: die Reichtümer lagen vor der Haustür.

Auf welchen Ertrag kann eine vergleichende Perspektive zwischen Europa, Asien, Afrika und Amerika verweisen? Entscheidend ist, was als tertium comparationis zu betrachten ist. Ist es der Begriff der Moderne im europäisch westlichen Sinn, der zum Vergleich taugt? Die europäische Entwicklung orientiert sich am Nationalstaat und dessen Bürokratie, an der Gesetzgebung etc., in ökonomischer Hinsicht an der Industrialisierung, am Kapitalismus oder Frühkapitalismus im 16. Jahrhundert, an Wirtschaftswachstum und dem Schutz der individuellen Besitzrechte im 18. Jahrhundert, in kultureller Hinsicht an der Trennung von Religion und Staat, an Alphabetisierung und gemeinsamer Identität, Herkunft Nation und Sprache. Gewiss ist dieser Begriff der Moderne sehr wichtig, es ist aber immer zu überprüfen, was das für die einzelnen Regionen oder Kontinente bedeutet und da kommen wir doch zu Differenzen. Ich halte im Übrigen einen radikalen globalgeschichtlichen Relativismus für illusorisch, zumal es prinzipiell schwierig sein dürfte, seine eigene Identität je nach Notwendigkeit der Darstellung, zu wechseln, einmal Europäer, einmal Chinese usw. Ich bin aber für etwas, was einer der wichtigsten Globalisierungshistoriker, Jürgen Osterhammel, für seinen Ansatz reklamiert hat: für eine Relativität von Sichtweisen.

Im Hinblick auf die Globalisierung stand das 16. Jahrhundert noch am Anfang der Entwicklung. Damals gab es noch nicht die gegenwärtigen Finanzmärkte, worin einer der grundlegenden Unterschiede besteht. Europa war noch nicht in der gesamten Welt präsent, doch lief seit damals die Inbesitznahme europäischer Gebiete immer nach dem gleichen Muster ab. Man nimmt Land in Besitz, egal ob viele oder wenige Menschen da sind, setzt sein Zeichen und sagt das Land gehört dem König. Die Einheimischen verstehen das Zeremoniell überhaupt nicht. Das ging so bis ins 20. Jahrhundert. Aber im 16. Jahrhundert war auf europäischer Seite die Sache auch von Neugierde und Optimismus geprägt. Dahinter stand eine neue Erfahrung, die es zu nützen und zu reflektieren galt.

Im Zuge der spanischen und portugiesischen Herrschaft in Amerika wurde das von europäischen Mächten beherrschte Handelsnetz erweitert. Hinzu kommt die Verfügbarkeit über das amerikanische Silber, das nicht nur für die Kriege, für die Entwicklung des Hofes und die Prachtentfaltung wichtig war, sondern auch den Zugang zu den asiatischen Märkten erleichterte. Man konnte dort nur mit Silber zahlen. Von ungleich größerem Erfolg war die nach Asien exportierte Technologie der Feuerwaffen. Japan war am Ende des 16. Jahrhunderts der größte Produzent an Feuerwaffen, abgesehen von Kanonen, deren Herstellung die Portugiesen ihnen nicht zeigten. In dem tief zerstrittenen Land mit einem schwachen Tenno benutzten die einzelnen Fürsten nun gegeneinander Feuerwaffen.

Die Reiche Asiens waren durch ein weitgespanntes Handelsnetz verbunden, in das Portugal am Ende des 15. Jahrhundert als maritime Macht eintrat, ohne es monopolisieren zu können. Es gab gut organisierte Großreiche, auch militärisch effizient. Dazu gehörten das Osmanische Reich, das persische Safawidenreich - da haben sie den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten -, das muslimische indische Mogulreich, Thailand, China, Japan und die Handelsmetropolen und Gewürzinseln im malaiischen Archipel. Wichtig war, dass die Portugiesen Malakka erobert haben. Wie gut die asiatischen Reiche organisiert waren, wie bürokratisch und wie schnell sie die Zentrale zu Hilfe rufen konnten, sieht man an einem Versuch der Portugiesen in der Nähe von Macao auf dem chinesischen Festland Fuß zu fassen. Es wurde sofort nach Peking gemeldet, die Portugiesen wurden hinausgeworfen und hatten dann 30  bis 40 Jahre Mühe Macao für sich zu sichern und Handel mit China zu betreiben. Die Politik Chinas schwankte zwischen Öffnung und Abschließung. Damit erhöhte sich für die europäischen Staaten wie Portugal und später die Niederlande die Ungewissheit. Im Fall Japans konnten sie die jahrzehntelangen inneren Herrschaftskonflikte nutzen. Daraus erklären sich auch die großen Erfolge der Jesuitenmission seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Es gab dort etwa 250 000 Christen.

Afrika war ein stark auf sich bezogener Kontinent und abgesehen von den Küsten den Europäern ziemlich unbekannt. Seit dem 15. Jahrhundert wurden durch Portugal an der Kongoküste Sklaven rekrutiert. Neues Wissen kam mit al-Hasan, bekannt unter dem Namen Leo Africanus. Er war ein marokkanischer Diplomat, der im Sommer 1518 von spanischen Piraten gefangen genommen wurde, die erkannten, dass er ein gebildeter Mann war. Der Kapitän des Kaperschiffes hatte Beziehungen zu Rom und er brachte al-Hasan dorthin. Man sah seine klassische Bildung, sein sprachliches Talent und den Experten der muslimischen Welt, den man in Europa brauchte. Die Voraussetzung für eine seinen Fähigkeiten angemessenen Position war die Taufe, die Papst Leo X. 1528 persönlich vornahm, daher der Name Leo Africanus. Er fertigte Übersetzungen an und arbeitete eine Kosmographie Afrikas aus. Das ist im Grunde die einzige rezente Quelle, was die afrikanische Geschichte des 16. Jahrhunderts betrifft. Das Werk in italienischer Sprache ist 1563 erschienen und bietet Einblicke in das arabisch geprägte Afrika und das von Schwarzen bewohnte Westafrika. Das Bild der Schwarzen ist ein sehr positives. Bis dahin kannte man Afrika nur durch die antike Naturalis historia Plinius‘ d.Ä.. Leo Africanus hat Tier- und Pflanzenwelt erörtert, die einzelnen Reiche beschrieben und auch manche Geschichte erzählt. So schreibt er, die Banane ist eine köstliche und süße Frucht von der Größe kleiner Gurken und die islamischen Gelehrten sagen, dies sei die Frucht, deren Genuss Gott Adam und Eva verboten habe.

Amerika wurde zum Kolonisations- und Siedlungsgebiet verschiedener europäischer Staaten. Am Phänomen der spanischen Conquista wird der Unterschied zur Herrschaftsentfaltung der Europäer in Asien deutlich, wo die europäische Mission auf das Wohlwollen der angestammten Herrschaftsträger angewiesen war. In Spanisch-Amerika waren Mission und militärische Durchdringung sowie die Sicherung der spanischen Herrschaft eng verknüpft.  

So gab es am Ende des 16. Jahrhunderts drei höchst verschiedene Herrschafts- und Einflussgebiete Europas: Mittel- und Südamerika mit Siedlungsgebieten und Förderzonen des Silbers, Afrika als Sklavenrekrutierungsgebiet und Asien als attraktives Handelsziel. Stellt man die Frage nach einer neuen Welterfahrung beziehungsweise einem neuen Erscheinungsbild der Europäer in Amerika, Afrika und Asien, so ergibt sich folgender Befund: Für die beiden nach außen abgeschlossenen Kontinente Amerika und Afrika war das Auftauchen von Europäern als Seefahrer, Conquistadoren und Sklavenhändler absolut neu. Daher die Unsicherheit im Aztekenreich gegenüber Cortez und im Inkareich gegenüber den Brüdern Pizarro. In der Einschätzung der Europäer war man hilflos und hat ihre Aggressivität und Hinterhältigkeit unterschätzt. In Asien hingegen waren die Erfahrungen mit den Europäern anders gelagert. Auch hier unterschätzte man die Aggressivität. Aber Portugal musste sich einordnen in das in Asien übliche Handelssystem. In den Häfen hatten die Portugiesen neben anderen Händlern ein Lager zur Verfügung und konnten nur parallel zu ihnen Handel treiben.

Zu den Leistungen der Europäer im Zuge dieses ersten Globalisierungsschubs gehört die Kompetenz nicht nur neue Länder zu entdecken, sondern diese neuen Erfahrungen geographisch und kartographisch umzusetzen und zu systematisieren. Es gibt die Praktiker, das sind die Seefahrer, und es gibt die Theoretiker an Land. Ein frühes Beispiel ist Martin Waldseemüller, der den Namen Amerika erfunden hat, das er auf seiner Weltkarte nach Amerigo Vespucci benannte, der einen sehr erfolgreichen Reisebericht veröffentlicht hatte. In den Jahrzehnten nach Waldseemüller erfolgte eine Erneuerung der Geographie und Kartographie in Westeuropa, genauer in den Niederlanden. Bekannt sind Gerhard Mercator, der allerdings in Duisburg wirkte, aber auch Beziehungen zu den Niederlanden hatte, und Abraham Ortelius, die um 1570 eng zusammenarbeiteten. Sie haben den Atlas erfunden, ein Kompendium systematisch angeordneter Karten, die die Verfügbarkeit des Wissens über die Welt dokumentieren. So etwas ist nur in Europa zustande gekommen. Zu bedenken ist auch die Rolle der Bilder, damals Holzschnitte und Kupferstiche, in denen die Kenntnisse der außereuropäischen Kontinente festgehalten wurden. Durch diese Bilder und den Buchdruck - eine parallele Entwicklung haben wir ab 1839 nach der Erfindung der Photographie - wurden sofort außereuropäische Regionen dokumentiert. In dieser Fülle des Wissens erkennt man das Desinteresse an Afrika, das es bis heute gibt, und ein Anderes, was mich immer beruhigt hat in Anbetracht der vielen Grausamkeiten der Spanier in Amerika. Es gab auch eine Reflexion darüber. So predigt zum Beispiel der Dominikaners Montesinos vor den Conquistadoren in Santo Domingo 1508 am dritten Adventssonntag und sagt ihnen, was ihr mit den Indios macht ist Unrecht. Es gibt eine Reflexion von Theologen und Juristen der Schule von Salamanca; Las Casas ist als frühester zu nennen. Später taucht die antispanische leyenda negra, die schwarze Legende über spanische Gräueltaten auf – dahinter steht sozusagen die Neid-Genossenschaft gegenüber einer Weltmacht.

Ich denke, dass ich Ihnen etwas zeigen konnte wie wichtig diese neue Perspektive ist. Man sollte sich in Anbetracht der sich verändernden Bedeutung Europas sagen, je mehr man über Außereuropa weiß, desto besser. In Anbetracht der heutigen Weltsituation kann sich wohl niemand dieser Herausforderung verschließen, vor allem die Historikerinnen und Historiker nicht. Alle sind dazu angehalten tagtäglich Neues zu lernen.

 

Diskussion

Diskussionsbeitrag: Wer brachte die afrikanischen Sklaven an die guineische Küste? Waren das Europäer, Afrikaner oder Araber?

Antwort: Es waren einheimische afrikanische Häuptlinge, die vom Sklavenhandel gut lebten.

In den 1490er Jahren hatten die Portugiesen ein Missionsprojekt bei einem Kongoherrscher, dem sie sagten, Missionierung und Sklavenhandel, das geht nicht. Die Portugiesen hatten dann keine Chance mehr. Der arabische Sklavenhandel war viel intensiver, aber offenbar sahen die afrikanischen Sklavenhändler in den Europäern bessere Abnehmer; die haben mehr gezahlt. Zwischen 1492 und 1820 wurden acht Millionen Sklaven in die Karibik und nach Brasilien gebracht. In Kuba gab es sehr lange die Sklaverei und in Brasilien am längsten. Das Phänomen des Sklavenhandels ist sehr komplex und begleitet uns bis heute.

Diskussionsbeitrag: Sie sprachen im Hinblick auf Asien, vor allem Indien, von muslimischen Einflüssen. Woher kamen diese Einflüsse?

Antwort: Es gab in Indien das hinduistische Vijayanagar-Reich im Süden und das muslimische Mogulreich, das ständig gespeist wurde von Afghanistan. Akbar der Große, ein sehr bedeutender muslimischer Fürst, hatte ein sehr freundschaftliches, natürlich interessengeleitetes Verhältnis zu hinduistischen Eliten und hat Religionsgespräche veranstaltet. Das Mogulreich ist das was bestehen bleibt, das Vijayanagar-Reich geht unter.

Diskussionsbeitrag: Sie sagten, dass die Universalreichsidee Karls V. auch am einzelstaatlichen Pluralismus gescheitert sei. Nun war das Heilige Römische Reich der Prototyp des einzelstaatlichen Pluralismus. Kann man sagen, dass er am Heiligen Römischen Reich gescheitert ist?

Antwort: Ja, wenn man die Religionsfrage hinzu nimmt und dass er die Concordia nicht herstellen konnte, trotz verschiedener Versuche - siehe den Reichstag 1530 und die Confessio Augustana. Er hat dabei als Vogt der alten Kirche gesprochen; das haben ihm die Reichsstände zugestanden, mehr nicht. Die größten Gegner Karls waren die französischen Könige, Franz I. und Heinrich II., die stockkatholisch waren und aus politischen Gründen das Bündnis mit den protestantischen Fürsten eingingen. Karl war ein Verfechter der Einheit der Kirche und der Institution des Papsttums, obwohl er einzelne Päpste nicht mochte, weil sie pro-französisch waren – da gab es das Bonmot: die haben die französische Krankheit. Er hat aber die Institution geschützt. Im Zuge des Sacco di Roma, der großen Plünderung der Stadt 1527, gab es Einige, die das Papsttum abschaffen wollten. Karl V. hat das nicht getan.

Er scheitert an den protestantischen Fürsten, an  den französischen Königen und auch am englischen König. Die Eröffnung einer dritten Dynastie, ich denke an Philipp II. von Spanien und seine Ehe mit Maria von England, der Bloody Mary, ist gescheitert. Karl V. hatte so sehr genug von den Protestanten, dass er sich in eine urkatholische Gegend, in die Einöde von San Jerónimo de Yuste, zurückgezogen hat. Er wollte keine Ketzer mehr sehen und in Spanien sterben.

Diskussionsbeitrag: Welche Konsequenzen haben die neuen Erfahrungen und dass man nun mehr weiß über andere Kontinente? Sie haben ja mit Blick auf die Europäer davon gesprochen, dass man deren Aggressivität unterschätzt hat. Kann man aus dieser neuen Welterfahrungsgeschichte auch Verhaltensmuster für die weitere Entwicklung der Handelsbeziehungen und der militärischen Expansion ableiten?

Wir haben Karl V. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als den sehr wirkmächtigen Kaiser. Gibt es vergleichbare Figuren, Führungs- und Herrscherpersönlichkeiten in anderen Kontinenten?

Antwort: So viel war da nicht. Es gibt in Asien das Safawidenreich, das traditionell ein Feind des Osmanischen Reiches war. Man hat versucht mit ihm Beziehungen zu knüpfen, was scheiterte, und damit der Zweifrontenkrieg gegen die Osmanen.

Wie weit die Kriegführung auf Europa zurückgewirkt hat, da bin ich mir nicht sicher. Das Wesentliche ist, dass Amerika sukzessive erobert wurde, von den Spaniern, zum Teil auch den Portugiesen, die beide ihre Weltreiche nicht verteidigen konnten. Sir Francis Drake hatte schon gezeigt, dass das spanische Kolonialreich verwundbar ist. Die Europäer haben sich im Atlantik bekriegt, der zum europäischen Meer wurde, bis zum 19. Jahrhundert. Die enge Beziehung der USA und Kanadas zu Europa zeigt das bis fast in unsere Tage. Das war das größte Expansionsgebiet und das größte Missionsgebiet seit der Antike.

In Afrika, ist alles anders und Asien auch wieder anders. Das japanische Kaiserreich wird wieder stärker und wirft dann die Jesuiten hinaus, verfolgt die Christen und schließt sich ab bis 1867 die Amerikaner die Öffnung Japans herbeiführen.

Hat das alles auf die europäische Kriegführung eine Rückwirkung? Vielleicht eine: die spanischen Soldaten sind damals die besten Infanteriesoldaten, besser als die Schweizer Söldner.

Diskussionsbeitrag: Sie sagten, ein europäisches Spezifikum sei die Anfertigung von Spezialkarten. Nun werden diese Karten ja nicht nur aus Lust und Liebe, um neue Welterfahrungen zu machen, hergestellt, sondern auch um die Welt einzuteilen, sie Zugriffen verfügbar zu machen. Kann man hierin auch den Startschuss der großen europäischen Expansion sehen? Warum werden diese Spezialkarten angefertigt?

Antwort: Ptolemäus hat vorgegeben, das man aus seinen Positionsangaben einzelne Karten machen konnte. Es gibt, das ist schon zu bedenken, die Geheimhaltungsstrategie der Kolonialmächte Spanien und Portugal, diese Karten nicht unter die Leute zu bringen. Den Kapitänen wurde aber aufgetragen, alles Neue fleißig zu notieren und der Krone mitzuteilen. Auf der anderen Seite kursierte genug Wissen in Europa. Die Kartographie entwickelte sich gut und es war möglich, nicht nur die alten ptolemäischen Karten wiederherzustellen, sondern das Neue zu notieren. Wenn wir uns in den Niederlanden befinden sind wir ja damals auch noch im spanischen habsburgischen Machtbereich. Da gab es sehr gute Kartographen, die wussten wie man die Kenntnisse in Karten umsetzt und diese druckt. Es gab die Offizinen, die Druckerwerkstätten, die die Karten hergestellt haben und sie unter die europäischen Eliten brachten. Dass der einfache Zeitgenosse etwas davon mitbekommen hat, bezweifle ich sehr stark. Die Rezeption der europäischen Globalisierung, der Expansion besser gesagt, ist allerdings noch nicht hinreichend untersucht. Sicher waren die, die an der Küste saßen, gescheiter als die im Landesinneren.

 

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