Hitler, Beneš und Tito: eine Konflikt- und Kriegsgeschichte

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim

 

10.6.2014 Professor Dr. Arnold Suppan: Hitler, Beneš und Tito: eine Konflikt- und Kriegsgeschichte

 

Zum Referenten: Arnold Suppan, geboren 1945 in Kärnten, war bis 2011 Professor an der Universität Wien und bis 2013 Vizepräsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Suppan studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Wien. Er promovierte bei R.G. Plaschka und E. Zöllner und war anschließend Assistent am Institut für Osteuropäische Geschichte. Im Jahr 1984 habilitierte er sich für Osteuropäische Geschichte und wurde 1994 außerordentlicher, 2000 ordentlicher Professor am selben Institut. 2001 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. 2002 bis 2008 war er Vorstand des Instituts. Er war Gastprofessor an mehreren Universitäten in Europa (Fribourg, Leiden, Budapest) und den USA (Stanford). Seit 1998 ist er Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und wirkte von 2003 bis 2011 als Obmann der Historischen Kommission der Akademie. 2009 wurde er Generalsekretär, 2011 Vizepräsident der Akademie. Seine Forschungsschwerpunkte, zu denen zahlreiche Veröffentlichungen gehören, sind: der Zerfall Österreich-Ungarns, Kroatien im 19. und 20. Jh., die österreichischen Volksgruppen im 20. Jh., der Nationalismus in Osteuropa, Jugoslawien von den Anfängen bis zur Auflösung sowie die Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen seit der Frühen Neuzeit. Aktuell forscht Suppan zur Geschichte der Tschechoslowakei und Jugoslawiens in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Für weitere Informationen: www.oeaw.ac.at

 

Arnold Suppan bezieht sich in seinem Vortrag auf seine Monographie „Hitler-Beneš-Tito – Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel- und Südosteuropa“.

Noch heute wirken in Mittel- und Osteuropa die Ereignisse aus der ersten Hälfte des 20. Jh.s nach. Vor allem zwischen 1938 und 1948 wurde ein Jahrhunderte langes Neben- und Miteinanderleben von Deutschen und Österreichern einerseits, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Serben und Bosniaken andererseits so nachhaltig zerstört, dass erst wieder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein ersprießliches Zusammenleben möglich wurde.

 

Der Referent nennt zunächst die im Folgenden ausgeführten Aspekte seines Vortrags:

- die nationale Konfliktgemeinschaften in der Habsburger Monarchie vor dem I. Weltkrieg

- die nationalen und internationalen Konfliktgeschichten vor allem in der Tschechoslowakei und Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit

- die nationalsozialistische Herrschaft in der Tschechoslowakei und Jugoslawien

- Rache, Vergeltung und Strafe am Ende des II. Weltkrieges

- Vertreibung, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberungen zwischen 1944 und 1948

- Fragen der Kollektivschuld, Enteignung und Entrechtung

- der bis heute schwierige Umgang mit der Erinnerung an die gewaltsamen Ereignisse

 

Arnold Suppan beginnt mit Überlegungen zu den drei Protagonisten seiner Arbeit: Hitler, Beneš und Tito. Alle drei waren Kinder Österreich-Ungarns, die zwischen 1848 und 1892 geboren und römisch-katholisch getauft wurden; während Beneš und Tito am Ende des I. Weltkrieges aus der Kirche ausgetreten sind, zahlte Hitler bis April 1945 seine Kirchensteuer. Alle drei verfügten über gute Kenntnisse der deutschen Sprache und gehörten zur Kriegsgeneration 1914/18, Hitler und Tito als dekorierte Soldaten, Beneš als Emigrationspolitiker. Alle entwickelten antihabsburgische, antiösterreichische und antikatholische Haltungen. Nach 1918 repräsentierten sie unterschiedliche politische Typen: Hitler den diktatorischen Parteiführer und propagandistischen Einpeitscher, Beneš den nationalistischen Diplomaten und Politbürokraten, Tito den kommunistischen Revolutions- und Partisanenführer. Während Hitler spätestens seit 1919 ein unbedingter Verfechter des Rassen-Antisemitismus war, hatten sowohl Beneš als auch Tito Juden unter ihren engsten Mitarbeitern. Alle drei hatten völlig unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Neuordnung nach dem Krieg. Hitler verurteilte die Friedensverträge, vor allem die Hauptschuld Deutschlands und seiner Verbündeten am I. Weltkrieg, Beneš verteidigte die Ergebnisse der Friedensverhandlungen und Tito versuchte im Rahmen der Komintern eine weltrevolutionäre Umgestaltung, zumindest in Jugoslawien. Alle drei waren hingegen trotz negativer Kriegserfahrungen nicht gegen einen weiteren Krieg.

 

In 12 Punkten stellt der Referent die wesentlichen Ergebnisse seiner Arbeit vor.

1. Das Zusammen- und Nebeneinanderleben der elf Nationalitäten im Habsburgerreich funktionierte im Wesentlichen konfliktfrei. In der österreichischen Reichshälfte herrschte seit 1867 Gleichberechtigung aller Volksstämme, in Ungarn bestanden die politischen Führer darauf, dass es nur eine unteilbare ungarische Nation gebe, die alle Nationalitäten umfasse. Relativ problemlos lebten auch sieben größere Religionsgemeinschaften nebeneinander: die römisch-katholische, die griechisch-katholische, die griechisch-orthodoxe, die reformierte, die lutherische sowie Juden und Muslime (in Bosnien-Herzegowina). Erstaunlicherweise gab es keinen „Clash of Civilizations“, das es seit Joseph II. die offizielle Anerkennung gab, die 1912 sogar auf die Muslime ausgedehnt wurde. Nationalpolitische Rivalitäten entstanden allerdings unter den Bildungseliten. Der Bezugsrahmen der Gesamtmonarchie mit den Parlamenten und Regierungen in Wien und Budapest und gemeinsamer Außen-, Zoll-, Handels-, Finanz- und Militärpolitik, war durchaus modern, zusammengehalten auch durch einen Gemeinsamen Ministerrat. Das Schulwesen war auf allen Ebenen international konkurrenzfähig und stand allen Nationalitäten und Konfessionen offen. Den Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit setzte man im Habsburgerreich eher die Trias Pax, Securitas und Justitia entgegen. Vor allem Wien hielt am Ausgleich zwischen den Nationalitäten fest, trotz der zunehmend nationalistischen Forderungen aus allen Ethnien.

 

2. Zu Beginn des I. Weltkriegs verschärfte sich das nationale Klima mit gegenseitigen Vorwürfen des Panslawismus, Panserbismus und Panrussismus. Die Folge waren tausende Anzeigen, viele Hochverratsprozesse und hunderte Verurteilungen, auch Todesurteile, die bis zum Tode Kaiser Franz Josephs im November 1916 auch exekutiert wurden. Der zunehmende Hunger und Probleme mit der Versorgung der Soldaten führten zu weiterem Unmut, Streiks, Hungerdemonstrationen und Desertionen. Durch die Oktoberevolution schwappten revolutionäre Überlegungen in die Habsburgermonarchie herüber, vor allem verbreitet von Heimkehrern aus russischer Kriegsgefangenschaft. Wesentlicher für ihren Untergang war aber die außenpolitische Entwicklung im Frühjahr 1918. Es begann mit der „Sixtus-Affäre“: Kaiser Karl war um Frieden mit der Entente bemüht und schickte als Vermittler seinen Schwager Sixtus von Bourbon-Parma nach Paris. In den Verhandlungen ging es u.a. darum, dass Karl die Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich unterstützen sollte. Als dies vom französischen Ministerpräsidenten Clemenceau bekannt gemacht wurde, musste Karl sich bei Kaiser Wilhelm entschuldigen und neue Bündnisverträge zwecks engerer Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich unterschreiben. Auf Grund dieser noch stärkeren Bindung der Habsburgermonarchie an das Deutsche Reich wurde auf Seite der Entente entschieden, die Habsburger Monarchie als Imperium auszulöschen. Diesem ersten Todesurteil folgte Ende Oktober 1918 das zweite, als alle Nationalitäten ihre Selbständigkeit erklärten, auch die Deutsch-Österreicher und die Ungarn.

 

3. Die Friedensordnung der Pariser Vorortverträge sollte friedensstiftend sein, was sie aber nicht wurde. Es gab während des Krieges abgeschlossene Geheimverträge (mit Italien und Rumänien) und Versprechen an Emigrationspolitiker, und das westliche Nationenkonzept unterschied sich deutlich von dem in Mittel- und Osteuropa. Im westlichen spielte das ethnische Denken eine viel geringere Rolle, was es den Siegern erleichterte, neue Staaten zu schaffen, ohne deren ethnische Struktur besonders zu berücksichtigen. Dabei wurden einmal bi- oder trinationale historische Landschaften beibehalten und geschlossen an einen Staat abgetreten (Böhmen, Mähren, Galizien, Siebenbürgen, die Bukowina, Istrien), das andere Mal solche bi- und trinationale Gebiete geteilt (Oberschlesien, der Banat, die Steiermark, Tirol) – was große Proteste hervorrief und in der Literatur bis heute unterschiedlich beurteilt wird. Die Friedensverträge schufen auch keine Äquivalente für das Zerreißen bestehender Wirtschafts- und Sozialeinheiten. Letzten Endes blieben im politischen und wirtschaftlichen Denken Freund-Feind-Überlegungen bestehen, sodass die Zwischenkriegszeit psychologisch eher eine Zeit eines Waffenstillstands wurde.

 

4. Die neuen Nationalitäten(!)-Staaten Polen, die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien verfolgten eine vergleichbare Politik der Entgermanisierung, Entösterreichisierung bzw. Entmagyarisierung. Die Auslegung der neuen, von den Westmächten eingeforderten Minderheitenrechte war oft nicht gesetzeskonform. Noch problematischer war das Denken in Sieger- und Verlierer-Nationen. So entwickelten die neuen nationalen Minderheiten kein Zugehörigkeitsgefühl zum jeweils neuen Staat, auch keine Loyalität als neue Staatsbürger.

Die Weltwirtschaftskrise beeinflusste das Verhältnis zwischen Deutschen und Österreichern einerseits und Tschechen, Slowaken und Südslawen andererseits ziemlich unterschiedlich. Zwischen den Sudetendeutschen und der tschechoslowakischen Regierung kam es zu einem weitgehenden Bruch, weil die Krise zu einem schweren Exporteinbruch der sudetendeutschen Konsumgüterindustrie führte und der Bädertourismus litt, was eine horrende Arbeitslosigkeit zur Folge hatte und junge Sudetendeutsche rasch in Richtung Nationalsozialismus trieb.

In Jugoslawien führte die Agrarkrise zur Suche nach einem neuen Absatzmarkt, den man in Deutschland fand. Gleich 1933 erfolgte die Annäherung Jugoslawiens an Hitlerdeutschland, die – auch unter dem Druck Mussolinis – immer stärker ausgebaut wurde. Frankreich hatte in Versailles 1919 versucht, einen cordon sanitaire in Ostmitteleuropa zu schaffen, um sich gegen den erwarteten Revisionismus Deutschlands und Sowjetrusslands zu wappnen, mit der wirtschaftlichen Schwächung Frankreichs in der Weltwirtschaftskrise war es aber immer weniger in der Lage, seine eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen.

 

5. Was war die Rolle der Minderheiten bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei und Jugoslawiens? Gab es eine Fünfte Kolonne? Im Fall der Sudetendeutschen ist das leider zu bejahen. Nachdem die Sudetendeutsche Partei im Mai 1935 siegreich aus den Parlamentswahlen hervorgegangen war, versicherte ihr Führer Konrad Henlein im November 1937 in einem geheimen Schreiben an Hitler, als Werkzeug zur Zerschlagung der Tschechoslowakei zur Verfügung zu stehen. Gegenüber britischen Kreisen sprach Henlein allerdings von Minderheitenproblemen, womit er auf Verständnis stieß. Nach dem „Anschluss“ Österreichs sprach er von Wiedergutmachung des den Sudetendeutschen 1919 zugefügten Unrechts. Auch Hitler sprach von Unterdrückung und Verfolgung der 3,5 Mio Deutschen – und Chamberlain, Daladier und Mussolini ließen sich im Münchner Abkommen auf die Abtretung aller mehrheitlich von Deutschen besiedelten Grenzgebiete der Tschechoslowakei ein. Das Münchner Abkommen wurde auch deshalb international akzeptiert, weil man wegen der Grenzfestlegungen von 1919 ein schlechtes Gewissen hatte. Tatsächlich haben die Westmächte Hitler etwas gegeben, was sie 1919 den demokratischen Regierungen in Wien und Berlin nicht zugestanden haben. Der tschechoslowakische Vorwurf des Verrats Frankreichs ist zutreffend, übersieht aber, dass es auch einen Betrug Hitlers gegenüber den Westmächten und der Tschechoslowakei gab und eine Wiedergutmachung der Siegermächte von 1919 an die Sudetendeutschen. Hitler brauchte jedoch den gesamten böhmisch-mährisch-schlesischen Raum mit seiner Industrie und Wirtschaftskraft, um seine auf Krieg ausgerichtete Rüstungswirtschaft fortführen zu können. Daher war er mit dem Ergebnis des Münchener Abkommens gar nicht zufrieden und nützte einen tschechisch-slowakischen Konflikt im März 1939 zum Einmarsch in Prag und zur Proklamation des „Protektorats Böhmen und Mähren“.

Jugoslawien dagegen sollte weiterhin bestehen bleiben als verbündeter Lieferant von wertvollen Lebensmitteln und Erzen. Freilich sollte es über den Dreimächte-Pakt stärker an Berlin gebunden werden. Die geringe Bedeutung, die Hitler den deutschen Minderheiten zumaß, machte er im Oktober 1939 deutlich, als er die Rückführung deutscher „Volkssplitter“ aus Ostmittel- und Südosteuropa ankündigte und dann sofort eine Reihe von Verträgen mit der Sowjetunion, den baltischen Staaten und Rumänien über die Rückführung von Volksdeutschen „heim ins Reich“ schließen ließ. Viele Minderheiten zitterten, ob auch sie gemeint sein könnten. Gemeint waren die Deutschen im Baltikum, Ostpolen, Ostgalizien, Bessarabien, der Bukowina und Südtirol sowie die Laibacher und Gottscher, nicht aber die Siebenbürger Sachsen, die Karpatendeutschen, die Donauschwaben und die Untersteirer.

 

6. War Hitler ein omnipotenter charismatischer Führer (Kershaw, Wehler, Thamer u.a.) oder ein schwacher Diktator (Hans Mommsen u.a.)?  Der ersten These ist unter Berücksichtigung vieler Entscheidungen Hitlers eindeutig der Vorzug zu geben. Hitlers Befehle haben zur Aufteilung der Tschechoslowakei und Jugoslawiens geführt, er setzte die Reichsprotektoren, Reichsstatthalter, Reichskommissare, Gauleiter usw. ein, die vor wesentlichen Entscheidungen auch immer wieder bei Hitler rückfragten. Es blieb Hitler und seinen Paladinen vorbehalten, die bestehenden deutsch-österreichisch-slawischen Konfliktlinien zu bündeln und mit der NS-Rassenideologie zu mörderischen Auseinandersetzungen zwischen ganzen Bevölkerungsgruppen zuzuspitzen. Hierbei unterstützte Hitler den slowakischen Priester-Präsidenten Jozef Tiso, auch den Povlanik Ante Pavelić und den Kommandanten der slowenischen „Heimatwehr“ Leon Rupnik, einen ehemaligen k.u.k. Offizier, während er den tschechischen Präsidenten Emil Hácha und den serbischen Ministerpräsidenten Milan Nedić geringschätzig behandelte.

 

7. Die NS-Besatzungspolitik hat vor allem in der Vorbereitung zum Unternehmen „Barbarossa“ mit Ausnahmebestimmungen zum internationalen Kriegsrecht Festlegungen getroffen, die oft auch in anderen Besatzungsgebieten angewendet wurden. So lautete ein mit Hitler abgestimmter Befehl des Generalfeldmarschalls Keitel, dass für jeden zu Tode gekommenen deutschen Soldaten eine Sühnequote von bis zu 1 zu 100 anzuordnen sei, was vor allem in Serbien tatsächlich umgesetzt wurde, d.h. für einen toten deutschen Soldaten wurden 100 Geiseln erschossen, so in Kraljevo und Kragujevac.

Im Protektorat Böhmen und Mähren gab es drei Terrorwellen, zunächst gegen die tschechischen Studenten im Oktober/November 1939, dann zunehmend gegen Angehörige des früheren Establishments (Offiziere, Beamte, Professoren, Diplomaten etc.). Als im September 1941 der SS-General Reinhard Heydrich Stellvertretender Reichsprotektor wurde, befahl er sofort Massenverhaftungen und –erschießungen. Nach dem von Beneš angeordneten und von Fallschirmagenten durchgeführten Attentat auf Heydrich wurden als Strafmaßnahmen die Dörfer Lidice und Ležáky mit ihrer männlichen und einem Teil der weiblichen Bevölkerung ausgelöscht und über 1300 Personen vor allem aus der tschechischen Intelligenz erschossen. Der tschechische Widerstand konnte von der Gestapo und ihren vielen Spitzeln unterdrückt werden. Die Inanspruchnahme des Protektorats Böhmen und Mähren für die deutsche Kriegswirtschaft funktionierte dank Mitarbeit der tschechischen Manager, Ingenieure und Arbeiter beinahe bis zum Kriegsende. Diese Besatzungspolitik war vor allem auf die Strategie des Sudetendeutschen Karl Hermann Frank zurückzuführen, der als Höherer SS- und Polizeiführer sowie als Staatsminister nach Heydrich praktisch zum Alleinherrscher aufgestiegen war.

 

Die deutsche Besatzungspolitik in Jugoslawien fiel wegen des bewaffneten Widerstands der Partisanen und Četnici wesentlich härter aus, führte zu massenhaften Geiselerschießungen und Aussiedlungen von Zehntausenden Serben und Slowenen. Ab 1942 wurde vor allem Bosnien und die Herzegowina zum Schlachtfeld verschiedenster bewaffneter Verbände, die sich zum Teil wechselseitig bekämpften: Ustaše, Četnici, Partisanen, Muslime, Italiener, Deutsche. Daher wurde auch die Beurteilung der Kriegsverbrechen im „Unabhängigen Staat Kroatien“ immer schwieriger. Von einer Einhaltung der Haager Landkriegsordnung war von April 1941 an nicht die Rede, als die Ustaša-Miliz mit Pogromen gegen Serben, Juden und Roma begann. Aber auch Četnici, Italiener, Partisanen und Deutsche machten sich schwerer Kriegsverbrechen schuldig. Insgesamt wurden wohl mehr als 200 Dörfer liquidiert und verloren über eine halbe Million Menschen gewaltsam ihr Leben.

 

Am Rande der deutschen Besatzungspolitik wurde der Völkermord an den Juden vollzogen: In den böhmischen Ländern waren zwei Drittel der Juden betroffen (Theresienstadt, Auschwitz), in der Slowakei vier Fünftel (Auschwitz), in Serbien und Kroatien ebenfalls vier Fünftel (Jasenovac und Auschwitz). Führte die Deportationen und Exekutionen in Theresienstadt und Auschwitz die SS durch, so half in der Slowakei die Hlinka-Garde mit, in Serbien die Wehrmacht, in Kroatien die Ustaša. In der Batschka führte die ungarische Gendarmerie und die Armee Pogrome durch. Hitler persönlich erkundigte sich bei Tiso und Pavelić mehrmals nach dem Fortgang der Deportationen, was seinen „Judenhass“ bestätigte.

 

8. Wie weit Kollaboration möglich war, hing vom NS-Regime ab. Im Protektorat Böhmen und Mähren versuchten sowohl die Reichsprotektoren als auch die SS-Kommandeure, vor allem die tschechischen Manager, Ingenieure, Arbeiter und Bauern mit sozialen und wirtschaftlichen Zusicherungen zur Mitarbeit zu bewegen. Auch die tschechische Protektoratspolizei machte unter deutschem Kommando weitgehend mit. In der Slowakei funktionierte die Kollaboration des Tiso-Regimes mit den Deutschen im Wesentlichen bis August 1944, bis zum Slowakischen Nationalaufstand. Schwieriger war die Kollaboration von Beginn an in Serbien auf Grund der bewaffneten Widerstandsaktionen und der brutalen Repressalien gegenüber der Zivilbevölkerung. Ab Mitte 1943 bemühte sich aber der ehemalige Wiener Bürgermeister Neubacher im Auftrag Hitlers Kollaborateure unter den Nedić-Anhängern und den Četnici zu gewinnen. In Kroatien stellte zwar das Ustaša-Regime ein Kollaborationsregime dar, zerstörte aber mit seinen Verfolgungsmaßnahmen gegen Serben, Juden und Roma jedes Sicherheitskonzept. So funktionierte nicht einmal eine Zusammenarbeit mit der italienischen Besatzungsmacht. Ein Sonderfall war auch Slowenien, wo es eine gewisse Zusammenarbeit des katholischen Lagers und ihm nahestehender militärischer Kräfte mit den Italienern und später mit den Deutschen gegen die kommunistisch orientierte „Befreiungsfront“ gab.  

 

9. Am Ende des Krieges waren seitens der Emigrationspolitiker und des Widerstands Rache und Vergeltung gegen die Deutschen und Magyaren, im südslawischen Bereich auch gegen die Italiener angesagt. Möglichst im Rahmen von militärischen Operationen sollten die Minderheiten gewaltsam vertrieben werden. Außerdem sollte nach kommunistischer Vorstellung die nationale mit einer sozialen Revolution verbunden werden.

Rache und Vergeltung nahmen durchaus vergleichbare Formen an wie sie zuvor die deutschen Besatzer gezeigt hatten. Beim Prager Aufstand im Mai 1945, der nicht nur spontan entstand, sondern von den führenden Emigrationspolitikern angefacht wurde, haben Angehörige der tschechoslowakischen Armee, der Revolutionsgarden, befreite Gefangene und Rotarmisten in Selbst- und Lynchjustiz Tausende wirkliche und vermeintliche Nationalsozialisten hingerichtet. Insgesamt wurden bereits vom Mai bis Anfang August 1945 ca. 700.000 Sudetendeutsche nach Deutschland und Österreich vertrieben.

In Jugoslawien gab es nach dem Einmarsch der Roten Armee (und der Befreiung Belgrads!) schon im Herbst 1944 größere Racheaktionen, als nach der Roten Armee die Partisanen ungefähr 7000 deutsche Zivilisten liquidierten, aber auch Tausende Magyaren und Serben. Aus den donauschwäbischen Lagern wurden 8000 Frauen und 4000 Männer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Von den etwa 150 000 donauschwäbischen Männern, Frauen und Kindern in den „Todes“lagern überlebten ca. 50 000 nicht, vor allem alte Leute und Kinder.

 

10. Die Vertreibungen und Aussiedlungen wurden vor allem von den Emigrationspolitikern und den Widerstandsorganisationen verlangt, waren aber auch im Sinne der Alliierten, vor allem der britischen Führung (Churchill). Auf Grund der Erfahrungen nach dem I. Weltkrieg und des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs 1922/23 meinte man, dass der sogenannte Transfer von nationalen Minderheiten solche Probleme künftig vermeiden könnte. Bei Kriegsende aber waren die Alliierten ob des allgemeinen Chaos unsicher. Mit dem Potsdamer Abkommen vom 2.8.1945 wurde u.a. versucht, die „wilden“ Vertreibungsaktionen aus Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien zu stoppen. Nun wurden „ordnungsgemäße, humane“ Transfers angeordnet – was sie jedoch nicht sein konnten, schon gar nicht im Winter 1945/46. Welcher Geist hinter den Aussiedlungen stand, hat der tschechoslowakische Innenminister Nosek unfreiwillig erkennen lassen, als er vor dem Parlament sagte, es werde der ewige Traum von Generationen verwirklicht: der Abschub der Deutschen.

Für Vertreibungen der Volksdeutschen aus Jugoslawien gab es keinen vergleichbaren Plan. Im Durcheinander bei Kriegsende wurde ein Teil der Deutschen evakuiert, ein Teil wurde umgebracht, einen Teil ließ man verhungern und ein Teil wurde in die Sowjetunion deportiert. Die jugoslawische Regierung stellte an die Potsdamer Konferenz auch keinen Antrag wegen der Aussiedlung der Deutschen. Als Tito dann 1946 dieses Anliegen den Alliierten unterbreitete, lehnten die USA und  Großbritannien ab, weil gerade die Massentransporte aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn anzurollen begannen und sie weitere Versorgungsprobleme fürchteten. Auch Marschall Žukov verweigerte die Aufnahme weiterer Vertriebener in der SBZ.

 

11. Die Verbrechen der Nationalsozialisten sollten gesühnt werden. Dabei gingen die westlichen Staaten eher von einer Individualschuld aus, die östlichen von einer Kollektivschuld. Nicht nur in Prag und in Bratislava, sondern auch in Belgrad, Zagreb und Laibach gab es Prozesse gegen höchst- und hochrangige NS-Funktionäre (Frank, Pfitzner, Turner, Rainer, Kasche etc.) und Wehrmachts- und SS-Offiziere (Löhr, Kammerhofer, Rösener, Wisliceny etc.) mit einer Reihe von Todesurteilen. In Bratislava wurden aber auch Präsident Tiso und Ministerpräsident Tuka hingerichtet, in Belgrad General Mihailović, in Zagreb Ministerpräsident Mandić und in Laibach General Rupnik. Über die Beneš-Dekrete (u.a. Enteignung und Ausbürgerung der Deutschen und Ungarn in der Tschechoslowakei) gibt es bis heute viele Diskussionen. Tatsache ist, dass die völlige Enteignung der Deutschen und Magyaren und im Fall Jugoslawien auch der Italiener herbeigeführt werden sollte, dass die Auslegung aber unterschiedlich war. Wo die Beschlüsse unbestimmter waren, besteht gerade heute wieder eine gewisse Chance auf Restitution, so in Slowenien und Kroatien, während man sich in Tschechien und in der Slowakei nach wie vor hinter den Beneš-Dekreten verschanzt.

 

12. Es gab immer Diskussionen über die Opferzahlen. Die Tschechoslowakei hatte vor dem Münchener Abkommen 15 Mio. Einwohner, davon kamen 600.000 gewaltsam ums Leben, davon 270.000 Juden, 75 % der tschechoslowakischen Juden von 1938. An zweiter Stelle, wenn man die gefallenen Soldaten (190.000) dazu nimmt, standen die Sudeten- und Karpatendeutschen mit 220.000 Toten, dann erst die Tschechen mit 40-45.000 und die Slowaken etwa 30.000 Toten. Entscheidend war, dass die Tschechen keinen Kriegsdienst leisten mussten, da sie von Hitler in der Kriegsindustrie eingesetzt wurden.

Jugoslawien hatte von den 15,9 Mio. Einwohner 1941 1,2 Mio. Tote zu beklagen, davon 530. 000 Serben, über 300.000 Kroaten, je fast 100.000 Muslime und Slowenen, 50.000 bis 70.000 Juden und insgesamt 85.000 Jugoslawiendeutsche. Von wem wurden die hohen Opferzahlen verursacht? Sie sind, wie man heute weiß, eher auf die vielen „Bruderkriege“ als auf die Besatzungen zurückzuführen.

 

Am Jahrestag des Kriegsendes 2005 stellte Reinhart Koselleck eine bis heute nicht ausreichend beantwortete Frage: Welche Folgen ergeben sich aus dem Befund, dass wir in Europa zwar eine gemeinsame Geschichte haben, aber keine gemeinsamen Erinnerungen?

Die einen reden von den Soldatenverlusten, die anderen von Konzentrationslagern, vom Widerstand, von der Vertreibung usw. Auch hinsichtlich der Vertreibung gab es nach dem Krieg missverständliche Äußerungen. Präsident Václav Havel hat sich im März 1993 klar geäußert: Die Vertreibung von Millionen Menschen aus rein nationalen Gründen nach dem Prinzip der Kollektivschuld ist eine moralisch fehlerhafte Haltung. Zu diesem Satz haben sich nicht viele bekannt – bis heute: noch 2002 wurde in Prag eine Statue für Edvard Beneš aufgestellt.

Um das Trennende in der ost-, mittel- und südosteuropäischen Beziehungsgeschichte zu überwinden, bedarf es auf allen Seiten der Einsicht, dass in die eigene Erinnerung nicht nur das erlittene, sondern auch das zugefügte Leid aufzunehmen ist. Die Erinnerung an das begangene Unrecht und die öffentliche Anerkennung der Opfer ist der Lackmustest für die innere Verwandlung eines Staates und seiner Gesellschaft, das notwendige Zeichen für die Aufkündigung schlechter historischer Kontinuitäten.

 

Diskussion

 

Diskussionsbeitrag: Auf welcher Basis beruhen ihre Opferzahlen? Gibt es Statistiken?

Antwort: Das ist ein schwieriges Thema; die Beweislage ist nicht für alle Zahlen gleich. Für die Tschechoslowakei sind die Zahlen ziemlich genau erhoben worden, etwa wie viele Juden gewaltsam ums Leben kamen. Man weiß genau, wie viele Juden es vor dem Münchener Abkommen gab, wie viele nach Theresienstadt deportiert wurden und von dort oder aus dem Land direkt nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager. Das heißt die Gesamtzahl von 270.000 ermordeten Juden ist bis auf wenige Tausend eine wirklich harte Zahl. Unsicherheiten gibt es nicht hinsichtlich der Zahl der ermordeten Juden in Böhmen, Mähren und der Slowakei sondern in der Karpato-Ukraine, die zwischen 1939 und 1945 zu Ungarn gehörte.

Bei den Sudetendeutschen weiß man ziemlich genau die Gefallenenzahlen, ungefähr 190 000.

Die Zahl der Vertreibungsopfer ist aber nach wie vor in Diskussion. Ich rechne hier auch die Aufstandsopfer hinein und sage mindestens 30.000, es könnten auch 40 oder 50.000 sein, aber nicht 130.000, wie es das deutsche Bundesarchiv noch vor 25 Jahren veröffentlicht hat.

Bei den Tschechen und bei den Slowaken konnte man die Zahl  mit 40.000 bis 45.000 bzw. ungefähr 30 000 doch ziemlich eingrenzen.

In Jugoslawien ist es viel schwieriger. Tito hat gleich nach Ende des Krieges, um die Reparationsforderungen in die Höhe zu treiben, zu seinen Statistikern gesagt: geht von 1,7 Millionen aus. Wie er darauf kam, konnte mir niemand sagen. Ich habe mit einem damaligen Mitarbeiter gesprochen, der Tito noch kannte, Historiker und Demographen, die gleich nach 1945 für diese Berechnungen eingesetzt wurden, hatten den Auftrag, auf 1,7 Millionen zu kommen. Später errechnete man geringere Zahlen, aber Tito rückte von den 1,7 Mio. nicht ab, und die Zahl steht bis heute in den Geschichtsbüchern, auch in westlichen. Dabei kam es schon in den 1980er Jahren zu unterschiedliche Berechnungen eines kroatischen und serbischen Demographen, die erstaunlicherweise nahe bei einander lagen, jeweils bei knapp über 1 Million. Doch beide Wissenschaftler haben die Minderheiten nicht oder nur teilweise mit eingerechnet, Deutsche, Magyaren, Italiener, Albaner usw. Man muss aber von der Gesamtbevölkerung im März 1941 ausgehen, wie es die Franzosen, Russen, Amerikaner, Briten, Italiener auch tun. So komme ich in meinen Berechnungen auf ungefähr 1,2 Millionen.

Die größte Veränderung in den letzten 20 Jahren gab es bei den Slowenen. Es war immer von ungefähr 50.000 gewaltsam ums Leben Gekommenen die Rede. Das slowenische Parlament vergab Forschungsaufträge, die auch Exhumierungen umfassten, u.a. von Panzergräben. Die slowenischen Kollegen sagen, sie seien nun knapp an der 100.000er Grenze angelangt. Wir wissen aber nicht genau, ob es sich bei den aufgefunden Toten um Slowenen, Kroaten, Serben, Muslime oder Deutsche handelt, solange wir nicht einen militärischen Gegenstand finden. In Serbien, vor allem in der Vojvodina, versucht man ähnliche Exhumierungen, steht aber erst am Anfang.

 

Diskussionsbeitrag: Hitler hat den Angriff auf die Tschechoslowakei mit der Lage der Deutschen dort begründet. Können Sie sagen wie das Verhältnis der Deutschen und Tschechen von der Gründung der Tschechoslowakei an bis zu diesem Zeitpunkt war?

Antwort: Das Verhältnis war in den Anfangsjahren ein sehr zwiespältiges und misstrauisches, weil ja die überwiegende Zahl der Deutschen nicht in den tschechoslowakischen Staat aufgenommen werden wollte; es gab viele Memoranden dagegen. Die Amerikaner und auch einige Briten wollten immerhin die Abtretung des Egerlandes an Deutschland oder des Gebiets von Reichenberg bis zur sächsischen Grenze oder im schlesischen Bereich. Es gab solche Vorschläge, aber dann ergab die Diskussion: wenn wir damit anfangen, landet zum Schluss halb Böhmen und halb Mähren beim Deutschen Reich, dann hat Deutschland den Krieg gewonnen. Es gab den Vorschlag von Plebisziten, doch davor hatte man Angst.

Auf der anderen Seite muss man sehen, dass die wirtschaftliche Lage in der Tschechoslowakei von Beginn an viel besser war als in Österreich, Ungarn oder Polen, was auch mit der raschen Währungsreform im Februar 1919 zu tun hatte. Die tschechoslowakische Krone hat dann sofort an Wert gewonnen, sodass ihr Wert zu Weihnachten 1919 bereits doppelt so hoch war wie der der österreichischen Krone. Wenn ein Sudetendeutscher nun sein Kronen-Konto mit dem seines Verwandten in Wien verglich, so sah er sich im klaren Vorteil und blieb politisch vorläufig ruhig. Das galt vor allem für die Wirtschaftskreise, die ja mehr Kronenbestände hatten. Dennoch blieb das Verhältnis zu den Tschechen misstrauisch und schlecht, auch auf Grund der Nostrifizierungen in der Industrie. Die Prager Regierung sagte, die Industrie der Tschechoslowakei muss in tschechoslowakische Hände kommen oder man muss jedenfalls in den Aktiengesellschaften eine Mehrheit haben, der Generaldirektor muss ein Tscheche sein, in Prag leben und nicht von Wien aus den Betrieb dirigieren. Dann kamen die Bodenreformen, und es gab unter den Großgrundbesitzern mehr Deutsche. Aber es waren nicht nur Deutsche, es waren Aristokraten, die eigentlich weder Deutsche noch Tschechen waren. Die Familie Schwarzenberg zum Beispiel hat sich gar nicht so deutsch gefühlt, jedenfalls nicht der regierende Fürst. Er hat dann auch die Tschechoslowakei unterstützt und ist von den Nationalsozialisten vertrieben worden. Dennoch sind in Böhmen, Mähren und der Slowakei hunderttausende Hektar beschlagnahmt und an tschechische und slowakische Bauern verteilt worden.

Dann gab es Diskussionen um die Umsetzung der Minderheitenrechte. Es gab eigentlich kein schlechtes Gesetz, aber es gab diese kleinen „Nationalisierungen“, wie z.B.: Der Vater war Direktor im Wasserwerk in Budweis, Staatsbeamter. Es wurde ihm nahe gelegt, dem zweitgeborenen Sohn, der erste war vor dem Krieg geboren, einen Vornamen zu geben, der nicht zu deutsch klingt, muss nicht gerade tschechisch sein, kann auch französisch sein; und es wäre nicht schlecht, wenn wenigstens ein Kind in die tschechische Volksschule ginge. Das sind Dinge, die man als Historiker sehr schwer erfassen kann, da muss man sich auf persönliche Erinnerungen stützen, die stimmen oder nicht stimmen. Allerdings sind diese persönlichen Erfahrungen für das nationalpolitische „Klima“ wichtig. Die deutsche Minderheit hatte jedenfalls nicht dieselben Rechte wie die Tschechen vor 1914 in der Habsburger Monarchie. Das sage ich auch tschechischen Kollegen, und das hören viele nicht gern, jedenfalls die alte Generation. Doch es ist leicht nachweisbar: das Gesetz von 1867 hat alle Nationalitäten in Österreich im Prinzip völlig gleichgestellt, und für die Umsetzung sorgten auch die Höchstgerichte in Wien, die keinesfalls deutschnational orientiert waren.

Das Verhältnis zwischen Tschechen und Deuetschen hat sich in den 1920er Jahren mit der guten Wirtschaftslage verbessert. Die Tschechoslowakei hat sehr viel exportiert, auch die sudetendeutsche Industrie hat floriert, der Exportweg war sehr günstig über die Elbe nach Hamburg und dann in die ganze Welt. Dann kam die Weltwirtschaftskrise und man hat gesehen, dass die Industriestrukturen der beiden größten Nationalitäten ganz unterschiedlich sind. Da die Tschechen eher in der Rohstoff- und der Landwirtschaftsindustrie tätig waren, konnten sie ihre Arbeiter weiter beschäftigen, während die Beschäftigung der Sudetendeutschen in der Konsumgüterindustrie, der Leichtindustrie und dem Bädertourismus sofort einbrach. In einer Krise kaufen die Leute nicht unbedingt Glaswaren und fahren auch nicht in die Bäder. Das war schlagartig weg und die Arbeitslosenzahlen stiegen in Prozentsätze, die wir uns gar nicht vorstellen können: bis zu 40% in einigen Bereichen, unter 20% nirgends, und das nicht mit der Arbeitslosenunterstützung, die wir heute haben; für die Jungen, die nie im Arbeitsprozess waren, gab es überhaupt keine. Stellen Sie sich vor: Sie sind 20-25 Jahre alt, haben eine gute Schule besucht, vielleicht sogar studiert, und sind mehrere Jahre arbeitslos, und dann kommt über den Volksempfänger die tägliche Propaganda, im „Reich“ sei alles besser, die Prager Regierung tue nichts für uns. Und diese Situation dauerte nicht nur ein Jahr, sondern mindestens fünf Jahre. So kam es zum Erdrutschsieg der Sudetendeutschen Partei im Mai 1935.

 

Diskussionsbeitrag: Kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen?

Antwort: Vor 1938 eigentlich nicht. Mir haben Egerländer, Budweiser, Znaimer und Olmützer erzählt, bis zum „Anschluss“ Österreichs sei das Nebeneinanderleben relativ friedlich gewesen, das Miteinanderleben habe einigermaßen funktioniert. Mit dem „Anschluss“ hat sich die NS-Propaganda verstärkt, dann kam der Parteitag in Karlsbad, das sogenannte Karlsbader Programm, und dann wurde es schon unangenehm: dann wurde den Kindern gesagt, ihr spielt nicht mehr mit den tschechischen/deutschen Kindern, es begannen Feindseligkeiten; im September herrschte an einigen Orten schon Bürgerkriegsstimmung. Aber ich betone nochmals: das interessierte Hitler nicht, es war für ihn nur ein Vorwand, auch sein Schreien auf dem Nürnberger Parteitag und im Reichstag. Hitler hat angeblich nach dem Münchner Abkommen gesagt, wenn mir noch einmal so ein Schuft einen Kompromiss vorlegt, den schmeiß‘ ich hinaus. Er war mit dem Münchner Abkommen überhaupt nicht zufrieden, es war ihm viel zu wenig. Im Übrigen: Der Kompromiss war aus britischen und deutschen Regierungskreisen Mussolini zugespielt worden, der ihn an Hitler weiterleitete.

                        

Diskussionsbeitrag: Um mit meinen tschechischen Nachbarn zu reden, ist mir der Beneš nicht sehr angenehm. Kann ich mit dem Staatsgründer Masaryk mehr anfangen?

Antwort: Masaryk hat sich im I. Weltkrieg propagandistisch mindestens so einseitig verhalten wie Beneš, gegenüber der Habsburger Monarchie eigentlich noch abschätziger, obwohl er österreichischer Professor mit sämtlichen Privilegien gewesen war. In Masaryks Schriften ist zwischen Lüge und Wahrheit nicht immer eine Trennlinie zu finden, daher ist er auch vom bekannten tschechischen Historiker Pekař schon vor 1914 scharf kritisiert worden. 

Diskussionsbeitrag: Obwohl er hochgeehrt ist?

Antwort: Ja, damit habe ich zunehmend Probleme bekommen, je mehr ich von ihm gelesen habe. Dies gilt in erster Linie für seine Propagandaschriften während des Krieges. Als Präsident hat sich Masaryk dann mehr um Versöhnung bemüht als Beneš, aber sein politischer Einfluss hat natürlich abgenommen. Er war der Vater der Republik, war auch schon ein alter Herr, geboren 1850, und hatte auch noch politischen Einfluss, aber in die Tagespolitik hat er sich nicht mehr eingemischt. Auch der ganz große Durchblick kam ihm um 1930 abhanden, aber er war kein Heißsporn, er hat zu vermitteln versucht, doch wirklich gute politische Akzente sind ihm eigentlich nicht mehr gelungen.

 

Diskussionsbeitrag: Wie weit kann man Beneš wirklich festmachen für dieses ethnic engineering?

Antwort: Eindeutig.

Diskussionsbeitrag: Wann kann man das zeitlich ansetzen? Schon während des Krieges, vor dem Krieg?

Antwort: Das hat unser Kollege Detlef Brandes sehr genau nachvollzogen. Beneš beginnt damit sicher im Sommer 1938, vielleicht schon im Frühjahr, und im September 1938, als es schon sehr kritisch wird, gibt er seinem Sozialminister einen geheimen Plan mit, den sogenannte fünfte Plan, in dem er den Franzosen vorschlägt, dass man eine Grenzberichtigung vornehmen soll, dafür aber ungefähr 1 Mio. Sudetendeutsche aussiedeln soll – kein wirklich faires Geschäft. Beneš war nie fair und das führe ich darauf zurück, dass er in Paris 1919 zu gut behandelt wurde. Er hat nie verstanden, dass er in Paris eigentlich zuviel bekommen hat.

Wenn ich offizielle Zahlen, die auf dem Tisch liegen, und ich weiß, sie stimmen, manipuliere und sage in Böhmen leben nicht 2,4, sondern nur 1,5 Mio. Deutsche – dann ist das eine offene Lüge. Das haben noch nicht viele deutschsprachige Professoren gesagt, vor allem nicht nach 1945. Mein historiographischer Zugang war hier immer: Wir können uns in der Erörterung von Kriegs- und Nachkriegszeiten nicht mit Verniedlichung und Schönreden helfen.

 

Diskussionsbeitrag: Ihr dreibändiges Werk trägt den Titel „Hitler-Beneš-Tito“. Wie war das Verhältnis dieser drei? Wie haben sie sich wahrgenommen, haben sie sich gehasst? Gibt es Quellen, die das belegen?

Antwort: Hitler und Beneš haben sich zweifellos gehasst, und als Beneš dann als Nachfolger Masaryks  Präsident wird, wird es zunehmend ein Duell. Im September 1938 hat Hitler bei seiner Sportpalastrede sinngemäß gesagt, hier stehe ich und dort steht Beneš, jeder soll sich entscheiden; wenn Beneš nicht nachgibt gibt es Krieg. Da ist schon ein duellhafte Charakter vorhanden, der sich bis zum Ende hält. Sie haben sich nie getroffen, aber das kann man aus vielen Äußerungen der beiden festhalten. Selbstverständlich war Hitler für Beneš der Hauptfeind.

Tito spielte in einer ganz anderen Liga, wurde lange Zeit in Berlin überhaupt nicht registriert. Erst mit dem bewaffneten Widerstand ab Juli 1941 werden die Nationalsozialisten auf ihn aufmerksam, setzen auf die Gefangennahme Titos ein Kopfgeld aus. Ab Mitte 1942 wird er auch von der deutschen Führung ernst genommen. 1944 sagt dann Himmler sinngemäß, es ist unglaublich, natürlich sind die Partisanen Banditen, aber gut bewaffnet und geführt, sie machen uns die größten Schwierigkeiten und haben Disziplin. Tito wird als militärisches Gewicht anerkannt. Bei Tito spielt auch eine Rolle, dass er ideologisch natürlich viel weiter weg von Hitler war als Beneš. Immerhin hat es Tito verstanden, in seiner Partisanenbewegung auch einen beachtlichen Internationalismus einzupflanzen. So bekam er Zuzug von Serben, Montenegrinern, Kroaten, Slowenen, Makedoniern und sogar Albanern sowie einigen Deutschen, Magyaren und Italienern.

 

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