Der Erste Weltkrieg und der Balkan

19.5.2014 Professor Dr. Wolfgang Uwe Friedrich: Der Erste Weltkrieg und der Balkan

Zum Referenten: Wolfgang-Uwe Friedrich ist seit 2002 Präsident der Universität Hildesheim. Seine akademische Ausbildung erhielt er in Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik an der Universität Göttingen, wo er 1982 promovierte, an der Kliment-Ochridski-Universität Sofija sowie der Istanbul University. Die Habilitation erfolgte an der Universität Hildesheim im Fach Politikwissenschaft 1992. Er hielt sich zu Forschungsaufenthalten in Bonn, Wien, Paris, London, Oxford, Washington D.C., Boston, Atlanta, Simi Valley und Stanford auf; akademische Lehre erfolgte an den Universitäten Hildesheim, Göttingen, Hannover, Greifswald sowie der Arizona State University. Wolfgang Uwe Friedrich gehörte oder gehört unter anderem folgenden Einrichtungen an: Landeshochschulkonferenz Niedersachsen (2005-2008); Affiliated Scholar, Center for European Studies, Harvard University Chair; John F. Kennedy Fellow, Harvard University (1982/83); Atlantik Brücke e. V.; Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft.
 
Für weitere Informationen: http://www.uni-hildesheim.de/ueber-uns/organisation/organe-und-gremien/praesidium/prof-dr-wolfgang-uwe-friedrich/

 Der Referent spricht in seinem Vortrag vier Themenbereiche an:

  1. Der Balkan in historischer Perspektive
  2. Nationalismus und Imperialismus bezogen auf Südosteuropa
  3. Das „Pulverfass Balkan“1908-1912/13
  4. Der Balkan in der Julikrise1914

und zieht im Anschluss daran einige Schlussfolgerungen.

 Eine zeitgenössische Karikatur aus der Satirezeitschrift Punch zeigt „The Boiling Pot“. Männer, die Europas Großmächte symbolisieren, sitzen auf dem überkochenden Kessel, der jederzeit explodieren kann – das Pulverfass Balkan. Es sind die fünf Mächte, die die Geschicke des Balkans wesentlich bestimmten und die in der Julikrise kein erfolgreiches Krisenmanagement betrieben, so dass es zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam.

Die gesamte Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts ist von der Frage mit bestimmt, welchen Zugang Russland durch Bosporus und Dardanellen zum Mittelmeer hat. Das spielt auch heute noch eine Rolle im Syrien-Konflikt, weil Russland nur dort einen sicheren Hafen am Mittelmeer besitzt. Wichtig waren auch die Wege im Landesinneren: die Donau, der Landweg von Nisch nach Saloniki und eine alte Straße quer durch Bulgarien, nach Edirne und bis nach Konstantinopel. Es ist ein gebirgiges Land mit wenigen guten Verkehrswegen. Im 19. Jahrhundert gab es hier wenig Industrie und Bergbau, geringe Bodenschätze aber eine gewaltige Erwartung an reiche Bodenschätze, die sich nicht bewahrheitete. Man lebte hauptsächlich von der Landwirtschaft. Das Handwerk bestimmte die Wirtschaft und geriet in Schwierigkeiten als die Handelsregime der Engländer und anderer um sich griffen. Die Konkurrenz aus den Ländern, die Textilien industriell herstellten war zu stark.

Die Kultur des Balkans war geprägt durch die Volkskultur. Es gab kaum Schrifttum, außer einigen kirchlichen Schriften, aber es gab eine reiche orale Tradition. Von Generation zu Generation wurden vor allem durch das Singen Märchen und Heldensagen weitergegeben. Es gab durchaus ein Geschichtsbewusstsein, eine Erinnerung an das bulgarische Reich des Mittelalters oder an Zar Dušan in Serbien. Die von Klerikern schriftlich gesammelten Chroniken, Sagen etc. fanden im 18. Jahrhundert ein breiteres Publikum und wurden zur Grundlage der nationalen Erweckungsbewegungen nach 1800.

Die Bauten der Region sind geprägt durch die byzantinische und die osmanische Architektur, die bis in die Gegenwart bedroht ist. Bei den Auseinandersetzungen im Kosovo und in Mazedonien wurden osmanische Bauwerke zerstört, weil sie nicht in das nationalistische Geschichtsbild passten. Man denke an die Brücke von Mostar. Sinan, einer der bedeutendsten osmanischen Baumeister des 16. Jahrhunderts, hat auch auf dem Balkan viel gebaut. Davon ist wenig erhalten. Im 19. Jahrhundert kamen Architekten überwiegend aus Österreich, die den damals in Europa üblichen Stil nutzten. Beispiele sind die großen Parlamentsgebäude in Belgrad oder das alte Parlamentsgebäude in Bukarest. Um 1900/1910 kam im Verlauf der Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, eine neobyzantinische Architektur hinzu.

In dieser Region leben mehr als ein Dutzend verschiedene Ethnien. Die größte Gruppe sind die Südslaven (Bulgaren, Serben, Mazedonier). Die Rumänen sind die zweitgrößte Gruppe, dann kommen die Griechen. Es gibt eine große Roma-Bevölkerung, Juden, dann Deutsche und sonstige. Es gibt sehr viele kleine Ethnien, wie die Pomaken, bei denen unklar ist, ob sie eine eigene Ethnie darstellen oder ob sie islamisierte Bulgaren sind, oder die Gagausen. Wie alle Minderheiten haben sie es häufig schwer ihre Rechte einzufordern.

Es gab in den verschiedenen Balkanregionen eine kleine einflussreiche intellektuelle Schicht, die im Westen studiert hatte. In Konstantinopel waren es die Phanarioten, Intellektuelle und Kaufleute, die Gedankengut aus anderen Regionen begierig aufnahmen und versuchten, es mit ihrer eigenen Identität, Nation und Kultur zu verbinden. Das Osmanische Reich war seit langem im Niedergang begriffen und versuchte unter dem Schlagwort „Tanzimat“ Reformen einzuleiten. Doch die auf dem Balkan entstandenen Nationalbewegungen strebten nach Unabhängigkeit. Es waren kulturelle Bewegungen, die sich mit politischen Gruppierungen verbündeten, die überwiegend zunächst Untergrundorganisationen waren.

Russland und Großbritannien machten sich Gedanken darüber wie die Region geopolitisch zu behandeln war. Russland war erst im 18. Jahrhundert an das Schwarze Meer vorgedrungen. Die englischen Interessen waren bestimmt vom Suez-Kanal, von der russischen Möglichkeit durch den Bosporus und die Dardanellen zu fahren, der Entwicklungen in Mittelasien und vom deutschen Vordringen an den Persischen Golf (Bagdad-Bahn).

 Auch die Aufklärung spielte um 1800 eine Rolle in Gestalt von Rhigas Phereias in Griechenland, Sofronig Vračanski in Bulgarien und Vuk Karadžic in Kroatien und Serbien. Sie waren beeinflusst von Herder, der generell eine große Bedeutung für die Slaven hat. Herder befasste sich mit dem Sammeln kroatischer Lieder. Vuk Karadžic ruft als erster auf zu einem Verband aller Südslawen. Rhigas Phereias will die Wiedererweckung eines griechischen Staatswesens in byzantinischer Tradition. Weil sie in der Tradition Herders stehen, den Bezug zur Volksdichtung haben und viel Schwärmerisches in ihren Gedanken war, kann man sie als Romantiker bezeichnen.

Es gab aktive Personen, die dieses Gedankengut aufgriffen und in ihre politischen Bewegungen einbrachten, die die Unabhängigkeit ihrer Staaten gegenüber dem Osmanen durchzusetzen. Bewaffnete Personen kontrollierten die entlegene Regionen, Straßenpässe und Übergänge,  Teilweise von den Osmanen bezahlt, teilweise aber auch als Räuber. Der Baedeker von 1909 sagt, dass es gefährlich ist allein durch den Balkan zu reisen. In Griechenland hießen sie Kleften, in Bulgarien Hajduki. In dem Moment, wo sie politisch tätig wurden, nannte man sie Freiheitskämpfer oder Freischärler. Bis heute hat „Klefte“ oder „Hajduk“ eine positive Komponente. Das ist folgenreich für das Verständnis irregulärer, militärischer Kräfte.

Das alles verdichtet sich um 1900 zu einer politisch hochbrisanten Entwicklung. Es kommt zur Gründung von Organisationen. Die griechische Philike Hetairia (1814), die Freundesgesellschaft, ist wie der erste Panslawisten-Kongress 1848 noch von der Aufklärung geprägt. Das geheime Mazedonisch Adrianopeler Komitee (1893), später BMORK, wollte durch Bombenterror die Feinde Bulgariens schwächen, die geheime griechische Ethnike Hetairia  (1894) griechische Ansprüche auf Mazedonien durchsetzen. 1908 gründete sich im Zeichen des Niedergangs des Osmanischen Reiches das jung-türkische Komitee İttihat ve Terakki, Einheit und Fortschritt, mit Enver Pascha als einem der Führer und dem jungen Mustafa Kemal. Ebenfalls 1908 entstand die Narodna odbrana, die Volksbewegung in Serbien, deren Auflösung das österreichisch-ungarische Ultimatum im Juli 1914 beinhaltete. Sie hatte einen geheimen militärischen Arm, die Schwarze Hand, Crna ruka, die für das Attentat in Sarajewo verantwortlich war.

Schauen wir uns kurz die Staatsentwicklung an. Aus dem Serbischen Fürstentum entwickelt sich sukzessive ein Staat mit der Aspirationen auf ein Gebiet, das das des späteren Jugoslawien umfasst. 1832 wird das Königreich Griechenland gegründet, das sich weiter ausdehnt. Es gibt die Vorstellung der griechischen Nationalisten das Byzantinische Reich wieder auferstehen zu lassen. Rumänien, ursprünglich die Fürstentümer Donau und Walachei, hat Aspirationen auf Bessarabien, das reiche Weizenanbaugebiet der Dobrudscha, auf Siebenbürgen und den Banat.

Bulgarien, als Fürstentum erst 1878 entstanden, noch in Abhängigkeit vom Osmanischen Reich, annektiert 1885 Ostrumelien und sucht eine Verbindung zur Ägäis. Alle wählten Anknüpfungspunkte aus der Geschichte. So wurde die Wiederherstellung des Zweiten Bulgarischen Großreiches (um 1240) diskutiert. Es handelte sich anfangs um einen „Risorgimento-Nationalismus“. Tatsächlich war Italien das Vorbild: ausgehend von einem Kernland alle die dieselbe Sprache und Kultur haben, in einem Nationalstaat zusammenzufassen. Nachdem die Nationalstaaten gegründet waren schlug das um in einen Expansionismus, der die Grenzen möglichst weit ausdehnen wollte. Die Modernisierung der Staaten vollzog sich krisenhaft, so dass der Nationalismus die beherrschende Ideologie war. Die Geschichtswissenschaft bezeichnet diesen Einfluss nach Carlton Hayes als Integral-Nationalismus, den es in Teilregionen Südosteuropas bis heute gibt. Sein erster Höhepunkt waren die beiden Balkankriege. Zur selben Zeit haben wir in Europa die Expansion der Großstaaten - Großbritannien, Frankreich, Deutsches Reich, Russisches Reich - in andere Weltregionen. Der integrale Nationalismus auf dem Balkan und der Imperialismus der großen Mächte waren die beiden bestimmenden politischen Strömungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Die Tanzimat-Reformen im Osmanischen Reich führten nicht zum Erfolg. Man läd immer mehr ausländische Berater ein. Berühmt ist die deutsche Mission Moltkes, später Liman von Sanders, aber auch die der Engländer, die die Kontrolle über die osmanische Flotte hatten. Ausländische Berater bestimmten über die Finanzverwaltung. Der „kranke Mann am Bosporus“ galt als Auslaufmodell. England besetzte 1882 Ägypten und kontrollierte damit den Suezkanal.

Ein großes Problem war Mazedonien, eine typische Mischsiedlung. 1905 wurde in den drei Regierungsbezirken Saloniki, Monastir und Kosovo ein Zensus durchgeführt mit bemerkenswertem Ergebnis: 650 000 Griechen, das sogenannte Rum-Millet, 560 000 Bulgaren, 170 000 Serben, 77 000 andere, also Juden, Roma etc. Tatsächlich hatte man all jene die griechische Schulen besuchen oder mit griechischen Verwaltungsbeamten irgendwie zu tun hatten, als Griechen gezählt, sodass 650 000 Griechen ausgewiesen wurden. Auch das bulgarische Millet hatten die Mazedonier wegen der sprachlichen Verwandtschaft dazugezählt.

Das sorgte für Unruhe, förderte die Frage nach der eigenen Identität und machte die Geheimorganisation zum Sammelbecken Unzufriedener. Mazedonien war kein Schmelztiegel, sondern ein Konfliktfeld, wo unterschiedliche Nationalitäten um ihre Identität kämpften.

1908 kam es zur Annexionskrise. Österreich-Ungarn hatte nach dem Berliner Vertrag 1878 die Kontrolle über Sarajewo und Bosnien-Herzegowina gewonnen und dort einiges für die Modernisierung getan, es aber nicht verstanden, der indigenen Bevölkerung eine Habsburger Identität zu vermitteln. Die muslimischen Bosnier fühlten sich unterdrückt und die Südslawen diskutierten, ob ihre Zukunft in einem Habsburger Reich mit einem gestärkten südslawischen Element liegen solle, in einem unabhängigen Staat oder mit den Serben zusammen in einem Staat. Die Situation war auch hier geprägt durch integralen Nationalismus; die Schwarze Hand war hier sehr aktiv.

1908 trafen der österreichische Außenminister Ehrental und sein russischer Kollege Iswolski eine geheime mündliche Absprache. Österreich-Ungarn sollte mit Billigung Russlands Bosnien-Herzegowina annektieren, während Österreich-Ungarn zusagt, dass es der freien Durchfahrt russischer Schiffe durch Bosporus und Dardanellen zustimme. Als die Londoner Regierung erfuhr, dass Österreich für eine Öffnung der Meerengen ist, legte sie 1908 ihr Veto ein. Die Meerengen sollten für alle Kriegsschiff geschlossen bleiben. In dieser Situation annektierte am 5. Oktober 1908 Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina. Der Bosporusdeal war fehlgeschlagen. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen erklärt der deutsche Reichskanzler von Bülow im Reichstag, das Deutsche Reich stehe in Nibelungentreue zu Österreich-Ungarn. Damit haben wir die Blockbildung: Auf der einen Seite Deutschland und Österreich-Ungarn. Auf der anderen Seite England, Frankreich und Russland soweit es der Gegner Österreich-Ungarns ist.

Die Balkanstaaten befanden sich im Windschatten der großen Mächte. Es gelang dem russischen Gesandten in Belgrad, Hartwig, im März 1912 eine Allianz zwischen den eigentlich verfeindeten Staaten Serbien und Bulgarien herbeizuführen. Griechenland und Montenegro schlossen sich an, und im ersten Balkankrieg 1912 geht man gemeinsam gegen die Osmanen vor. Das Osmanische Reich kapitulierte; im Frieden von London (Mai 1913) wird das Gebiet aufgeteilt. Serbien verdoppelte seine Fläche, Bulgarien bekam unter anderem einen Hafen an der Ägäis. Das Osmanische Reich war praktisch auf den Großraum Konstantinopel beschränkt. Albanien war erst im Entstehen begriffen, Griechenland war relativ schlecht weggekommen. Die Folge war der zweite Balkankrieg. Griechenland dehnte sich nach Norden aus und bekam Teile Mazedoniens. Bulgarien musste Thrakien wieder aufgeben, verlor die Dobrudscha an Rumänien und die Gebiete an der Vara an Serbien, das seine Eroberungen behaupten konnte. Ein albanischer Staat entstand. Das ist die Ausgangssituation für die Julikrise 1914. Bulgarien befand sich in Gegnerschaft zu all seinen Balkannachbarn, vor allem zu Serbien. Es wollte Gebiete von Griechenland und Rumänien zurück, Edirne und einen Hafen an der Ägäis. Auch die anderen Länder waren nicht saturiert. So stand fast jeder gegen jeden und die Großmächte waren aufgerufen das Feld neu zu sortieren. Sie knüpften an das an, was sie in der politischen Geschichte des Balkans vorfanden. Russland wies darauf hin, dass die Slawen sich unter seiner Führung einigen müssten. Der Exarch der bulgarisch-orthodoxen Kirche erklärte im Januar 1914 die Rettung des bulgarischen Volkes liege in der in der Orthodoxie und im Slawentum, an dessen Spitze das große Russland stehe. In viel stärkerer Form fand sich das in Serbien und in Montenegro. Russland war gesetzt als Ordnungsmacht auf dem Balkan.

 Zum Schluss lässt sich Folgendes bilanzieren:
1. In der Julikrise haben wir das Zusammenwirken von integralem Nationalismus auf dem Balkan und dem Imperialismus der großen Mächte, gestützt auf moderne Verkehrsmittel wie die Flotte und die Eisenbahn.

2. Das in Bewegung geratene System bestand aus zwei Blöcken. Deutschland und Österreich auf der einen Seite, Italien war unsicher, Großbritannien, Frankreich und Russland auf der anderen. Das System geriet in Bewegung durch Geheimverträge, Zusatzabkommen, Absprachen etc. Es wurde ein Automatismus in Gang gesetzt, bei dem jede Seite der Meinung war, wir werden angegriffen. Egal wer den Krieg als erster erklärt, wir führen einen Präventivkrieg. Das Attentat von Sarajewo war lediglich der Auslöser.

 Als Historiker würde ich sagen, man soll mit Vergleichen äußerst sparsam umgehen, als Politikwissenschaftler, dass es gerade die Herausforderung ist, systemische Ähnlichkeiten herauszuarbeiten und zu fragen: Was könnte sich wieder zu einer ähnlichen Krise verdichten?
Auf dem Balkan ist heute nach wie vor ein starker Nationalismus vorhanden, wie auch in anderen Regionen der Welt. Wir haben einen neuen Pan-Russismus, einen integralen russischen Nationalismus. Im Gegensatz zum Juli 1914 glaubt heute niemand mehr, dass ein Krieg fröhlich und kurz sein kann. Die Erfahrung eines Krieges, selbst wenn Sie ihn nicht selbst erlebt hatten, gehört zum kollektiven Gedächtnis der meisten europäischen Völker.

Wer ist mächtig genug, um seine Interessen militärisch durchzusetzen. Diese Frage wurde in den letzten 20 Jahren in Europa lebhaft diskutiert. Die Balkan-Staaten sind Mitglied der Nato. Die Ukraine und Georgien sind es aufgrund des Widerspruchs der Bundesrepublik Deutschland und Frankreichs nicht geworden. Welche Allianzen gibt es heute, welche gab es damals?

Wichtig sind auch Institutionen. Das internationale System hatte damals kaum Institutionen. Es gab die Donauregie, es gab die Rheinregie, dort fand unter internationaler Kontrolle freie Schifffahrt statt. Aber wir haben zur Organisation der Politik auf dem Balkan oder zur Meerengen-Frage keine internationalen Institutionen gehabt, die Kontrolle hätten ausüben können, sondern wir haben Abkommen, Geheimabkommen und geheime Absprachen.
Schließlich das Krisenmanagement: Es wurde 1914 in der Julikrise sehr viel kommuniziert, aber es wurde nicht effektiv kommuniziert, nicht offen und teilweise nicht umfassend. Das Krisenmanagement wurde von einer relativ kleinen Gruppe, 30 bis50 Akteure, gemacht.

 

Diskussion

Diskussionsbeitrag: Ist der integrative Nationalismus der Balkanländer auch eine Folge dessen, was John Hobson mit der imperialistischen Invasionsthese meint – das Invasions-Bedürfnis der westeuropäischen Großmächte zur Sicherung des investierten Kapitals?

Antwort: Die Imperialismustheorien von Hobson und anderen sind hochinteressant aber monokausal. Deshalb stimme ich der Kritik an diesen These zu, wie sie etwa Mommsen oder Robinson formuliert haben, die sagen, es ist kein monokausaler Vorgang, sondern wir haben auch endogene Faktoren, die in diesen Regionen wachsen und als Stimulus wirken. Ich habe die Geheimorganisationen genannt. İttihat ve Terakki entwickelt eine eigene türkische Ideologie, die konträr war zu allem, was damals diskutiert wurde. Sie wollten ein Großreich bis nach Kasachstan. Da gibt es eine interessante Parallele zur Gegenwart und zu Aussagen des Außenministers Davutoğlu, vor etlichen Jahren formuliert, von der Türkei als Ordnungsmacht im Mittleren Osten. Die beherrschenden Mächte waren die imperialistischen Mächte, aber sie waren sich nicht immer einig. Es kam darauf an, wer „the men on the spot“ waren, die Leute vor Ort. Konnten die in ihrem eigenen Terrain gestalten? Innerhalb der Nationalstaaten haben die Serben, Bulgaren und Griechen das getan, die Osmanen scheiterten aus vielen Gründen. Ich stimme der These von Hobson nicht zu. Es ist ein interdependenter Vorgang, eine Geschichte der Wechselbeziehungen.

Noch ein Wort zum Finanzimperialismus. Bis 1912 arbeiteten auf dem Finanzmarkt Balkan/Naher Osten deutsche und französische Banken eng zusammen; große Konsortien waren beteiligt. Der Vorstand der Deutschen Bank schreibt im Verlauf der Julikrise 1914 an den Vorstand der Banque de Paris: ‚Bis 1912 konnten wir unsere Geschichte selber machen. Jetzt fängt die Politik an dazwischen zu funken.‘ Nach den Balkankriegen funktioniert die Kooperation zwischen den Banken nicht mehr.

Die Vorstellung, dass die großen Mächte alles kontrollieren könnten, ist falsch. Die Vereinigten Staaten können nicht die israelische Politik bestimmen, obwohl Israel ökonomisch völlig von den USA abhängt. Auch die Franzosen können in ihren ehemaligen Kolonien in Afrika nicht die Politik bestimmen – zu viele „men on the spot“, die über beschränkte aber eigene Machtmittel verfügen und ihre eigene Sache machen. Ich bin davon überzeugt, dass der russische Geheimdienst in der Ukraine sehr aktiv ist, aber auch davon, dass Putin nicht bestimmen kann, was jeder einzelne Kalschnikowträger in Donezk tut.

Diskussionsbeitrag: Warum haben Sie die USA nicht erwähnt, die damals sehr die Politik bestimmt haben, zum Beispiel durch den Verkauf von Waffen? Der Zar war auf den I. Weltkrieg nicht vorbereitet und wollte in den USA Waffen kaufen, was nicht gelang. Auf zehn Soldaten kamen 1914 drei Gewehre. Nach dem I. Weltkrieg schreibt Solschenizyn, die Europäer haben sich gegenseitig entmachtet und die USA übernahmen die Macht.

Antwort: Die USA haben auf dem Balkan und in der Orientfrage so gut wie keine Rolle gespielt. Ich habe auf den Imperialismus der großen Mächte hingewiesen und gesagt, dass der Balkan eigentlich in eine große geographische Kette gehört, die bis Afghanistan reicht. Afghanistan war das Konfliktfeld zwischen dem britischen und dem russischen Imperialismus. Die USA waren erst in China präsent. Sie spielten auch im Hinblick auf das Osmanische Reich keine oder eine ganz untergeordnete Rolle. Es gibt zwei Ausnahmen: Die Carnegie-Foundation wird 1913 auf den Balkan geholt, um auf eigene Rechnung die Vorwürfe es habe Massaker gegeben zu untersuchen. Der Bericht ist im Internet zugänglich. Es sind entsetzliche Massenmorde während der Balkankriege passiert. Der zweite Punkt: Tabak war ein ganz wichtiges Exportgut und die Staaten hatten unterschiedliche Vorstellungen in Bezug auf Tabak. Der British-American-Tobacco-Trust gründete sich am Vorabend des I. Weltkriegs. Es ging darum den europäischen Markt für Virginia-Tabak zu erschließen und auf den orientalischen Markt zu kommen.

Lassen Sie sich nicht von Solschenizyn beeinflussen. Er war ein slawophiler Ideologe. Es gibt heute ähnliche. Sie stehen in der Tradition Dostojewskis mit Vorbehalten gegenüber dem Westen, vor allem den USA. Die USA treten nach dem I. Weltkrieg auf dem Balkan in Aktion, dann sehr massiv, und in der Gegenwart sowieso.

Diskussionsbeitrag: Hat sich Russlands Interesse 1912/14 von Bulgarien Richtung Serbien verlagert? Der natürliche Verbündete Russlands wäre sicher Bulgarien gewesen.

Antwort: Zumal Bulgarien seine Unabhängigkeit einem russischen Feldzug verdankt. Bulgarien ist das einzige Land auf dem Balkan, das bis heute ein Zarendenkmal hat, für Alexander II., den Befreier; es steht gegenüber dem Parlament in Sofia. Es gab damals eine heftige Diskussion, ob in Bulgarien die Germanophilen oder die Russophilen die Macht übernehmen sollten, wobei der bulgarische Zar Ferdinand von Sachsen-Coburg-Gotha diese Festlegung eigentlich nicht wollte. Aber in den Parteien gab es unterschiedliche Strömungen, bedingt durch Russlands sehr starke Unterstützung Serbiens. Es wäre eine Chance gewesen zu vermitteln, aber Russland hatte keine politischen Führer. Das schlechteste politische Establishment war in St. Petersburg. Wir haben in Österreich sehr problematische Figuren, aber auch moderate Personen, wie der ermordete Franz Ferdinand, die ganz gute Ideen hatten, wie die Befriedung gelingen könnte. Auch führende Diplomaten in Deutschland sahen Gefahren und Risiken. Man hätte viel tun können.

Diskussionsbeitrag: Sie haben den Nationalismus sehr stark hervorgehoben. Welches Gewicht würden Sie auf dem Balkan den verschiedenen Ethnien und den Religionen beimessen, mit Blick auf die Eskalation im Juli 1914? Im Vorfeld des Krimkriegs erhob Russland Anspruch  auf die Schutzherrschaft über die Orthodoxen.

Antwort: Dazu kann ich wenig sagen.  Einen Religionsstreit gab es bei den Serbokroaten ˗  Orthodoxe gegen Katholiken. Die Bulgaren hatten ihre orthodoxe, aber autokephale Kirche in Sofia, unabhängig vom Patriarchat in Konstantinopel. Die Griechen hatten eine enge Beziehung zu Konstantinopel, Rumänien wiederum eine eigene orthodoxe Kirche. Die Vorstellung, dass in Konstantinopel und wahrscheinlich auch in Sarajewo, ebenso wie in Toledo um 1000, alle harmonisch miteinander lebten, stimmt nicht. Es gab immer latente Spannungen. Die Osmanen hatten durch die Millet-Verfassung und dadurch, dass sie Christen und Juden als Buchreligionen eine besondere Stellung gaben, das Kunststück fertig gebracht, ihnen eine relativ geschützte Stellung zu geben.

In der Bukowina werden im ausgehenden 19. Jahrhundert Theater gebaut. Man hatte ein österreichisches Verwaltungsgebäude, eine Bahnstation ˗ aber ein deutsches Theater, ein ruthenisches, ein ukrainisches, ein jüdisches. Jeder hatte seine eigene kulturelle Einrichtung. Wenn wir nicht nur eine evangelische, eine orthodoxe Kirche und eine Synagoge haben, sondern die Trennung bis in die Kulturvereine reicht, ist die Frage, wieviel sie doch voneinander getrennt hat.

Die Schutzherrschaft ist etwas anderes. Russland hat sie instrumentalisiert, wie die Franzosen den Schutz über die Katholiken.

Diskussionsbeitrag: Ihr Buch trägt den Untertitel: Ein Beitrag zur Weltkriegs- und „Imperialismus“geschichte. Es ist ja auch ein Krieg der „Imperien“, die alle vier untergehen. Imperien hatten eine enorme Integrationskraft, die aber offensichtlich versiegt.

Antwort: Ich würde bei dem Untertitel bleiben. Ich befasse mich mit der Gesellschaft nur so weit, als sie Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen in dieser Zeit hatte. Eine spannende Frage ist das Eliteversagen 1914. Sie waren alle ähnlich ausgebildet, sprachen alle Französisch, hatten einen ähnlichen kulturellen Horizont, eine ähnliche Vorbildung, was Geschichte angeht, und trotzdem kommunizierten sie nicht effektiv.

Diskussionsbeitrag: Sagen Sie etwas zur aktuellen Lage?

Antwort: Die ist sehr prekär, denn was an offiziellen Aussagen aus Russland kommt, ist integraler Nationalismus. Putin hat in seiner Rede im Kreml im Zusammenhang mit der Annexion der Krim gesagt, Russland ist für alle Untertanen verantwortlich, egal wo sie sind. Er hat auch einige positive Dinge gesagt, zum Beispiel die Verfolgung der Krim-Tataren angesprochen. Das ist nicht selbstverständlich.

Wir haben eine Partnerschaft mit der Universität Nowgorod; ich war vor Weihnachten dort. Es war der Gouverneur dort, der Metropolit, Universitätslehrer und Studenten. Vaterland, Vaterland, Vaterland – es war eine Stunde des Nationalismus.

Diskussionsbeitrag: Sie haben das österreich-ungarische Kaiserreich als Auslaufmodell bezeichnet. Warum hat die Habsburgermonarchie solange funktioniert? Hätte sie noch eine Chance gehabt etwas länger zu existieren als bis 1918?

Antwort: Die Habsburgermonarchie war aus der Sicht der Akteure ein Auslaufmodell. Jeder ging davon aus, dass solange Franz-Josef regiert nichts passieren kann ˗ und meinte, es wird nichts passieren. Man traute dem Reich nicht zu, eine politische Bewegung in Richtung Modernisierung des Systems zu schaffen. Die Annexionskrise von 1908 ist ein Beleg dafür, auch der Wortlaut des kaiserlichen Manifests. Ein bewundernder Leser von Joseph Roth, Arthur Schnitzler und Manès Sperber wird den Untergang Österreich-Ungarns etwas mit Wehmut verfolgen. Aber der Versuch ein multinationales Reich in die Moderne zu führen ist 1914/18 gescheitert. Das Osmanische Reich ist ein anderes Kapitel, weil es gar nicht die Grundlage eines modernen Staates hatte. Österreich-Ungarn hatte ein parlamentarisches System; es waren elf Sprachen zugelassen. Ist unter den Bedingungen effektive Kommunikation möglich? In der Wahrnehmung der Zeitgenossen war es ein Auslaufmodell. Christopher Clark nennt Österreich-Ungarn ein Reich ohne Eigenschaften.

 

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