Europa und Palästina von den Kreuzzügen bis 1948. Streiflichter auf eine verflochtene Geschichte

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim

 

 

22.04.2013 – Barbara Haider-Wilson: Europa und Palästina von den Kreuzzügen bis 1948. Streiflichter auf eine verflochtene Geschichte
(Wien)

Europäische Geschichte ist im Kontext des Zusammentreffens mit außereuropäischen Gebieten zu sehen. Palästina, dem Heiligen Land, kommt als ‚Wiege’ der christlich-jüdischen Kultur diesbezüglich eine besondere Stellung zu: Der Bogen reicht von den im historisch-kulturellen Gedächtnis Europas auf besondere Weise verankerten Kreuzzügen ins 19. Jahrhundert, in dem mittelalterliche Motive wieder aufgenommen wurden und zahlreiche Bewegungen auf eine ‚Wiedergewinnung’ Palästinas abzielten. Politik, Kirche/Religion und Gesellschaft verbanden sich jeweils zu einem ambitionsreichen Konglomerat.

Von diesen Manifestationen europäischer Einflussnahme im Heiligen Land ausgehend spannt der Vortrag den Bogen weiter zur britischen Mandatszeit (1922-1948), die ohne Kolonialismus und Imperialismus nicht denkbar ist. Die Verbrechen des Holocaust gaben der „Palästinafrage“ eine dramatische Wendung, die in die Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 mündete. Der Vortrag versucht v. a. der Frage nachzugehen, welche Gesichter Europas in dieser gemeinsamen Geschichte sichtbar werden.

Zur Referentin

Dr. Barbara Haider-Wilson vom Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften promovierte über die Habsburgermonarchie und das Heilige Land 1842-1917 und arbeitete an einer Quellenedition österreichisch(-ungarischer) Konsulatsdokumente aus Jerusalem mit. Weitere Informationen zu ihren Publikationen finden sich unter folgendem Link:
http://histkomm.thinkabit.net/index.php?page=115&menu=259

 

 

Die Referentin Haider-Wilson beginnt ihren Vortrag mit dem Gedankenexperiment, dass eine hier und jetzt durchgeführte Straßenumfrage zu den Beziehungen zwischen Europa und dem Heiligen Land Antworten ergeben würden, die zwischen dem Zionismus, dem britischen Mandat, dem Holocaust und den Kreuzzügen changieren würden. Wahrscheinlich würden auch Bezüge zu den aktuellen Ereignissen in Israel hergestellt werden.

In den folgenden Ausführungen beabsichtigt die Vortragende aufzuzeigen, inwiefern das 19. Jh. als Angelpunkt zwischen den mittelalterlichen Kreuzzügen und den zeitgeschichtlichen Entwicklungen gesehen werden kann. Palästina wurde durch die Jahrhunderte als „durch ein geheimnisvolles Band“ mit allen christlichen Ländern der Erde verflochten betrachtet. Allerdings fällt andererseits die Zeit, in der Jerusalem im Mittelalter wieder in das politische Blickfeld des Abendlandes rückte, mit jener zusammen, in der Rom zum eigentlichen Zentrum der westlichen Christenheit avanciert. Nicht ohne Grund werden die Kreuzzüge als ‚Kriege des Papstes’ gesehen, doch waren sie getragen nicht nur von Fürsten und Rittern, sondern ebenso von den Unterschichten, die in großer Zahl willig das Kreuz nahmen. Den militärischen Kreuzzügen waren friedliche Pilgerreisen vorausgegangen. Diese Pilgerreisen galten als geistiger Weg zu Gott.

Die Terra Sancta wurde als solche betrachtet, seit die Kaiserinmutter Helena (248/250-ca. 330) im 4. Jh. die christliche Topographie Palästinas definierte und das Christentum 380 römische Staatsreligion wurde. Seitdem gab es eine rege Pilgerbewegung ins Heilige Land.

Gleichzeitig mit den Kreuzzügen begann auch im Abendland eine aufkommene Judenfeindschaft. Die Kreuzfahrer sahen in den Juden die Henker Christi, die seitdem verstrichenen Jahrhunderte bedeuteten ihnen nichts.

Erst das päpstliche Versprechen des Sündenablasses machte die Kreuzzugsbewegung zur Massenbewegung. Zu betonen ist die Internationalität der Kreuzzugsbewegung, was zur Zeit des Lehenswesens ein bemerkenswerter Befund ist. Haider-Wilson fragt, ob wir hier schon vor einer beginnenden inneren Integration Europas stehen, in deren Kontext man auch die Ritterorden verstehen könnte. Römische und karolingische Traditionen trafen hier zusammen, wobei Karl der Große bis ins 16. Jh. für den ersten Kreuzfahrer gehalten wurde.

1099 eroberte der Erste Kreuzzug blutig die Heilige Stadt. 1187 ging Jerusalem wieder verloren, was dem Eroberer Sultan Saladin im Ansehen der Christenheit allerdings keinen Abbruch tat. Der endgültige Verlust des Heiligen Landes 1291 löste im Abendland einen regelrechten Schock aus, und die Kreuzzugsidee bzw. die Erinnerung an das Scheitern der Kreuzzüge blieb in Europa noch lange wach. Insofern stellt dieser Moment geradezu einen europäischen Gründungsmythos dar.

Insbesondere nach den Kreuzzügen wandelte sich das Heilige Land von einem physischen mehr und mehr zu einem transzendenten Ort – was es seit Helena freilich auch vorher immer schon gewesen war. Gerade für das 19. Jh., das im Zeichen des Kolonialismus zu sehen ist, scheint es spannend, den Bezügen auf die Kreuzzüge nachzuspüren, denn nun, so Haider-Wilson, sind die ‚Kreuzzüge’ allgegenwärtig. Das Osmanische Reich war zu dieser Zeit bereits geschwächt, so dass die erneute islamische Expansion einer weiteren europäischen gewichen war. In Europa versuchte insbesondere die katholische Seite eine Wiederaufnahme der Kreuzzüge mit anderen Mitteln. Die ersten christlichen Vertreter vor Ort waren nach 1291 die Franziskaner, die dort sofort mit dem Wiederaufbau einer Ordensprovinz begannen. „Kommissariate des Heiligen Landes“ sicherten die Verbindung nach Europa. Die Initiative zum friedlichen Kreuzzug ging nicht vom Papst aus, doch waren die Päpste der Idee gewogen. Auch die Idee, dass in Palästina wieder Juden siedeln könnten, spielte im 19 Jh. ebenfalls zunehmend eine Rolle, so dass das Bevölkerungskaleidoskop des Heiligen Landes noch bunter wurde: Neben Arabern, Juden, Osmanen gab es dort nun auch wieder europäische Akteure. Auf Jerusalem wirkten damals zahlreiche Missionsbestrebungen ein. Vor allem nach dem Krimkrieg bekam Jerusalem einen zunehmend europäischen Anstrich. Historiker/innen sprechen von einer ‚Wiederentdeckung Palästinas’. Aufmerksamkeit erhielt die Region europäischerseits zunächst aufgrund der ägyptischen Expedition Napoleons, dann aufgrund der – in der katholischen Welt mit Empörung beobachteten – Restaurationsarbeiten der Griechisch-orthodoxen an der Grabeskirche. In den 1830er Jahren schließlich erfuhr das ägyptisch beherrschte Palästina eine weitere starke Europäisierungswelle, was dazu führte, dass es immer wieder Stimmen gab, die forderten, dass Palästina unter europäischer Schutzherrschaft eine eigene staatliche Entität und Jerusalem internationalisiert werden sollte. Im frühen 20. Jh. gab es in Jerusalem katholischerseits bereits 22 Kirchen oder Kapellen, 17 Hospize, zahlreiche Schulen und weitere Einrichtungen. Entscheidend für diese Einflussnahme war die Einrichtung europäischer Konsulate. Besonders vehement wurde die Gleichstellung der nichtmuslimischen Bevölkerung im Osmanischen Reich gefordert. Seit 1535 stand insbesondere Frankreich der katholischen Christenheit im Heiligen Land vor – gefolgt von Österreich als zweiter katholischer Macht. Frankreichs Anspruch auf ein exklusives Recht auf Vertretung aller Katholiken im Orient (die Säkularisation war kein Exportschlager!) wurde im Zeichen des Nationalismus allerdings zunehmend durchbrochen. 1841 wurde zudem ein anglo-preußisches Bistum gegründet, um dadurch dem Protestantismus Einfluss zu verschaffen. Die europäischen Konsuln sorgten dafür, dass fortan auch in Jerusalem die Feiertage ihrer Herkunftsstaaten gefeiert werden konnten. Ihre Macht war immens und wurde sogar größer als jene des örtlichen Paschas eingeschätzt.

An den Heiligen Stätten gab es Machtkämpfe einerseits zwischen den Europäern und dem Osmanischen Reich, andererseits jedoch zwischen den europäischen Mächten untereinander. Penibelste Regelungen bezüglich der jeweiligen Rechte waren vonnöten. Das Heilige Land gelangte durch das gesteigerte europäische Interesse zunehmend in den Fokus Konstantinopels. Im osmanischen Palästina kam es nach dem Krimkrieg nie zu einem Blutvergießen zwischen Christen und Moslems.

 

Der erste Indikator für die neue Sehnsucht nach Jerusalem in Europa ist im dort wiederaufkommenden Pilgerwesen zu sehen. Über dessen Umfang sind für das 14. und 15. Jh. nur Schätzungen möglich. Am Ende des 19. Jhs. kam es mit der Einrichtung der je ca. 500 Pilger und Pilgerinnen umfassenden „Volkswallfahrten“ zu einer unvorhersehbaren Entwicklung. Die Dimensionen des russisch-orthodoxen Pilgerwesens, das jährlich in die Zehntausende ging, wurden aber nie erreicht; auch die russische Bevölkerung wurde durch verschiedene Publikationen mobilisiert. In einem entsprechenden Artikel hieß es zu Beginn des 20. Jhs., dass die französischen Pilgerreisen Mittelalterspektakeln glichen, die an die Kreuzzüge erinnern sollten. Auch Fürsten und gekrönte Häupter pilgerten in dieser Zeit nach Jerusalem, so z. B. die Kaiser Franz Joseph und Wilhelm II. Letzterer präsentierte sich als Kreuzfahrer. Diese Pilgerreisen des 19. Jhs. entfalten für uns ein ganz eigentümliches Stück Kulturleben. Die Selbstpräsentation der Europäer im Orient erlaubt Rückschlüsse auf deren damaliges Eigenverständnis. Palästina gehörte als Land der Bibel so sehr zum geistigen Kulturgut Europas, dass es fast fraglich scheint, inwieweit es als außereuropäisch gelten konnte.

Bereits im frühen 19. Jh. erschienen zahlreiche französische und englische Reiseberichte. Generell wird in dieser Quellengattung deutlich, dass dem Heiligen Land stets mit bestimmten Bildern im Kopf begegnet wurde und man über das tatsächlich Vorgefundene zumeist entsetzt war. Viele Einschätzungen beruhten dabei auf Missverständnissen und mangelnder Vorbildung.

Der Erste Weltkrieg stellte in vielerlei Hinsicht im Verhältnis Palästinas zu Europa einen Bruch dar. Die Westmächte hatten an lokale Akteure Zusagen gemacht, die sich mit ihren eigentlichen Interessen und gegenseitigen Absprachen nicht vereinbaren ließen. So sagten die Deutschen 1917 der zionistischen Bewegung ihre Unterstützung zu. Auch seitens der Entente wurden Zusagen gemacht, diese betrafen die Gründung eines arabischen Staates auch in Palästina und Syrien, doch auch gegenüber dem Zionismus gab es große Sympathien. Briten und Franzosen hatten Pläne, die Gebiete Syriens, des Libanons und Palästinas aufzuteilen, wobei letzteres einen neutralen Status erhalten sollte.

1897 notierte Theodor Herzl, dass er nach dem in diesem Jahr in Basel stattgefundenen ersten Weltkongress des Zionismus überzeugt sei, dass er dort den neuen Judenstaat gegründet habe. 1948 sollte sich diese Einschätzung bestätigen. Zuvor hatten die Briten unter General Allenby 1917 – wieder unter Rückgriff auf die Kreuzzugsmetapher – die osmanische Vorherrschaft über Jerusalem beendet und durch eine eigene Mandatsregierung abgelöst. Diese Phase war von Beginn an von einer Spirale der Gewalt zwischen den religiös-kulturellen Gruppen des Landes geprägt. Im Grunde handelte es sich, so Haider-Wilson, um eine Kolonialherrschaft in neuem Gewand.

Zunächst ging es für die Briten darum, die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung trotz der bestehenden Spannungen zu verbessern. Die politische Desillusionierung der Zionisten und Araber führte jedoch dazu, dass sich die Verhältnisse in Palästina weiter zuspitzten. Die Judenfeindlichkeit in Europa und die entsprechende Auswanderung ins Heilige Land trugen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Schließlich kam es zum arabischen Aufstand gegen die britische Mandatsregierung, der erst 1939 niedergeschlagen werden konnte. Bereits damals gab es den Plan, einen jüdischen und einen arabischen Staat zu schaffen, Jerusalem jedoch einen neutralen Status zu verschaffen. Dies jedoch heizte den Aufstand nur noch weiter an. Schließlich kam es zu einer Internationalisierung des Konflikts, wobei sich die Zionisten zunehmend an die USA anlehnten.

Der Zweite Weltkrieg brachte für Araber und Juden sehr unterschiedliche Erfahrungen. Der Holocaust bestärkte das Vorhaben unter den Juden, sich in Palästina eine eigene, sichere Heimstatt zu schaffen. Um jedoch die Spannungen dort nicht weiter steigen zu lassen, verhängten die Briten einen Einreisestopp für Juden und steckte Illegale in Internierungslager. 1947 schließlich wurde dennoch beschlossen, den Juden die Gründung eines eigenen Staates zu ermöglichen. Für die Briten war das Land damals fast schon unregierbar geworden.

Ben Gurion verlas 1948 noch vor Abzug des letzten britischen Soldaten in Tel Aviv die Unabhängigkeit, und in der Folge wurde der neue Staat von allen seinen arabischen Nachbarstaaten angegriffen.

 

Zum Schluss fasst die Rednerin einige Punkte nochmals zusammen:

1. Das Heilige Land ist auch in der Neuzeit für Europa ein Bezugspunkt, der nicht außer Acht gelassen werden kann. Jerusalem war ein emotionales Zentrum, an das in immer neuer Weise angeknüpft werden konnte.

2. Die Unterschiede und Feindschaft zwischen der Latinitas und den Orthodoxen waren sehr früh spürbar und zeigten sich im Heiligen Land unmittelbarer als jene zwischen Christen und Muslimen.

3. Ohne monarchisches Papsttum, aber auch ohne Verankerung in der Bevölkerung hätte es keine Kreuzzüge gegeben. Während des Mittelalters galt Jerusalem als die Mitte der Welt; im 19. Jh. wurde es erneut zum Zentrum europäischer Ambitionen, im 20. Jh. schließlich zum britischen bzw. globalen Krisenherd.

4. Die Kreuzzugsbewegung bereitete die europäische Expansion vor, auch wenn die Kreuzzugszeit selbst kaum als kolonial anzusprechen ist.

5. Das Nachwirken der Kreuzzugsidee auch in der Neuzeit belegt, dass durch sie die Moderne Europas mit geschaffen wurde. Der Anspruch auf Europäisierung der Welt entstand in Folge der Kreuzzüge. Mit Jerusalem wählte sich Europa einen geistigen Mittelpunkt, der außerhalb seiner selbst lag – kein anderer Kulturkreis konnte damit aufwarten.

 

 

Dem spannenden Vortrag folgte eine längere Diskussion. Auf die Frage, ob die Europäer in Palästina schlichtweg gescheitert seien, antwortet Haider-Wilson, dass man das in der Tat so sagen könnte. Die Probleme vor Ort scheinen heute unlösbar. Konflikte bestehen immer aus sehr vielen Fäden, und zur Lösung eines Konflikts muss man die Hintergründe erforschen, um möglichst viele von diesen in die Hand zu bekommen. Im Zusammenhang weiterer Fragen präzisiert die Vortragende, dass sie die wachsenden Probleme in Palästina nicht so sehr durch die vermehrte jüdische Einwanderung per se bedingt sieht, sondern durch die widersprüchlichen Versprechungen der Westmächte an die lokalen Bevölkerungsteile im 20. Jh. Auf Meinungsäußerungen zur aktuellen Lage mag sie sich als Historikerin nur vor dem Hintergrund historisch weitreichender Analysen einlassen. Sehr wohl kann man sagen, dass die Entwicklungen des 19. Jhs. langfristige Auswirkungen zeitigten. Das damals trotz allem in der Regel friedliche Zusammenleben ist nicht zuletzt durch die Hospitäler gefördert worden. Selbst die konfessionell gebundenen Hospitäler haben, wie die Quellen zeigen, Patienten jeder Konfession und Herkunft behandelt.

 

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