Europa im Museum. Akteure, Repräsentationen und gescheiterte Pläne

Europagespräche des Instituts für Geschichte, Stiftung Universität Hildesheim

 

 

24.06.2013 – Stefan Krankenhagen: Europa im Museum. Akteure, Repräsentationen und gescheiterte Pläne (Hildesheim)

 

Es gilt das gesprochene Wort!

Museen verhandeln Vergangenheit und Zukunft. Immer häufiger thematisieren sie dabei Europa und die Europäische Union. Zugleich entdecken europäische Institutionen das Museum als Instrument kultureller Integration. Der Prozess der Europäisierung stellt sich aus dieser Perspektive als eine kulturelle Praxis des europäischen Machens dar und wirft entsprechende Fragen auf: Wer prägt diese Praxis? Wie kann Europa gesammelt werden? Welche Geschichte(n) Europas lassen sich erzählen? Wie werden dessen Grenzen in Museen und Ausstellungen thematisiert? Welche Wechselbeziehungen bestehen übergreifend zwischen Europäisierung und Musealisierung? Der Vortrag „Europa im Museum“ gibt Antworten auf der Basis eines dreijährigen internationalen und interdisziplinären Forschungsprojektes.


Prof. Dr. Stefan Krankenhagen promovierte sich über Darstellungs- und Rezeptionsgeschichte des Holocaust und nahm anschließend 2002-2005 einen Lehrauftrag über Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin wahr. Es folgte ein mehrjähriger Aufenthalt an der Universität Trondheim als Associate-Professor. 2011 wurde er Professor für Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Populärkultur an der Stiftung Universität Hildesheim. Zum hier referierten Thema hat Krankenhagen bereits mehrere Publikationen vorgelegt.

Zum Referenten siehe:
www.uni-hildesheim.de/index.php

 

 

Krankenhagen beginnt seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass er noch vor einigen Jahren angenommen hatte, dass es in Kürze von Museen zu Europa „nur so wimmeln“ würde. Einerseits gab es seit den 70er Jahren einen Museumsboom, der sich bei Weitem nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränkte. Damals gab es in Deutschland bereits ca. 6.000 Museen zu teilweise sehr randständigen Themen. Zweitens war gleichzeitig ein starker Europäisierungsprozess und eine neue Suche nach europäischer Identität zu konstatieren, so dass es nahe lag, dass beide Trends sich vereinigen würden. – Diese Einschätzung musste er mittlerweile revidieren.

Museen demonstrieren, dass Gruppen eine Geschichte haben, dass diese Geschichte bedeutsam ist und dass sie es deshalb auch wert ist, ausgestellt zu werden. Im Vertrag von Maastricht (1992) bekannte die EU sich zu einer gemeinsamen europäischen Geschichte, doch bis heute gibt es kein Museum, das die Geschichte Europas von den Anfängen bis heute darstellt.

Krankenhagen führte ein Projekt durch, um eine Bestandsaufnahme aufzustellen, in dessen zweijährigem Verlauf er ca. 100 Museen zu europarelevanten Themen in 20 Ländern besuchte. Schwerpunkte lagen in Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Staaten sowie in Skandinavien. Doch auch Südost Europa (Slowenien, Serbien), sowie Griechenland und die Türkei wurden bei der Recherche berücksichtigt.

Krankenhagen und seine Mitarbeiter verfolgten bei ihrem Projekt einen interdisziplinären Ansatz bestehend aus Zeitgeschichte, Kulturwissenschaften und europäischer Ethnologie. Vor Ort wurden darüber hinaus über 60 wissenschaftliche Interviews mit Museumsdirektoren und anderen Fachleuten zu Fragen der Europäisierung und Sammlungsphilosophie geführt. Erkenntnisleitendes Interesse war hierbei, wie Europa in diesem Kontext jeweils „gemacht“ wurde. Die untersuchten Prozesse wurden stets als solche betrachtet, die ausgehandelt wurden (also weder top-down, noch bottom-up). Es ging also um Praxisfelder der Europäisierung, wie es beispielsweise auch die Europa-Gespräche sind, in deren Rahmen dieser Vortrag stattfindet.

Welche Akteure spielen für die Europäisierung eine Rolle? Hier wären zunächst die Europäische Kommission und der Europäische Rat zu nennen, aber auch zahlreiche lokale europäische Vertreter sowie Verbünde, die zu europäischen Themen arbeiten. Es handelt sich um ein sehr komplexes Mehrebenensystem, wobei zu erwähnen ist, dass die Kultur immer noch Sache der Mitgliedsländer ist.

2014/15 soll in Brüssel ein House of European History entstehen. Wie sind die entsprechenden Pläne zustande gekommen? – Hier haben Politik, Wirtschaft und Kultur nach Meinung Krankenhagens strategisch klug zusammengearbeitet. In der Museumswelt operieren eine ganze Reihe musealer und museumspolitischer Netzwerke. V.a. Hans-Gert Pöttering war derjenige, der die seit langem kursierenden Ideen zum Haus gebündelt und ab 2007 in einem derartigen Mikronetzwerk lanciert hat. Die konkreten Pläne arbeitete er gemeinsam mit dem Politologen Ludger Kühnhardt und Hans Walter Hütter (Direktor des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) aus. Alle drei waren katholische CDU-Mitglieder des westdeutschen Grenzlandes, die dort leitende Funktionen ausübten. Ihre Verbündeten suchten sich Pöttering und seine Mitstreiter zur Verwirklichung der Idee strategisch sehr sorgfältig und geschickt aus.

www.europarl.europa.eu/visiting/en/visits/historyhouse.html

Alles, was wir in den letzten Jahren an ähnlichen Museumsprojekten wahrnehmen konnten, so Krankenhagen, ist über ganz ähnliche Mikronetzwerke entstanden. Auf diese Weise wurde z.B. auch die online-Plattform zu europäischen Museumsobjekten Europeana aus der Taufe gehoben.

www.europeana.eu/portal

Relevant werden seit Neuestem auch Sammlungen zeitgenössischer Kunst, die mit europäischer Geschichte zu tun haben. Selbst Kuratoren historischer Ausstellungen eröffnen bisweilen mit Kunstwerken, was Krankenhagen mit einigen konkreten Beispielen und entsprechende Abbildungen belegt. Die Kunst vermag hier viel auszudrücken und zu bündeln, ohne sich auf das europäische „Schlachtfeld der Erinnerungen“ einlassen zu müssen.

Als Beispiel eines gescheiterten Projekts nennt Krankenhagen das Musée de l´Europe (Brüssel), dessen ältere Pläne trotz prominenter Unterstützung letztlich nicht verwirklicht werden konnten. In diesem Fall lag ein Schwerpunkt auf Zeitzeugenaufnahmen. Hier wurden wichtige Vorarbeiten zum House of European History geleistet. Schließlich erwähnt der Vortragende noch gescheiterte Pläne eines südeuropäisch dominierten Museumsprojekts zur Geschichte Europas, um zu demonstrieren, wie vielfältig derartige Ansätze gestaltet sein können und inwiefern die Geschichte Europas noch der gemeinsamen Aushandlung bedarf.

 

 

Dem anregenden Vortrag folgte eine längere Diskussion mit dem Publikum. Auf Nachfrage präzisiert Krankenhagen zu den Gründen, aus denen das im Vortrag nur beiläufig erwähnte Museum bzw. Diskussionsforum zur europäischen Identität 2006 in Aachen („Bauhaus Europa“) gescheitert ist, dass den Aachener Bürgern der dafür vorgesehene architektonische Entwurf im Zentrum der historischen Altstadt absolut nicht zusagte.

www.bauhaus-europa.eu

Den Vorwurf der politischen Einflussnahme auf das Projekt der House of European History hält Krankenhagen für nicht unbegründet aber gleichzeitig auch nicht als besonders erwähnenswert: jede Aushandlung nationaler, und somit auch supranationaler, Erinnerungsdiskurse und ihrer Verortung (man denke an das Holocaust Mahnmal in Berlin) obliegt der öffentlichen Diskussion, die über traditionelle Machtkanäle beeinflusst wird; daran ändere auch Einsetzung einer vom Anspruch her unabhängig zusammengesetzten (und prinzipiell sinnvollen) Kommission nichts. Bemerkenswert sei, dass das Projekt von deutscher Seite her initiiert wurde. Von französischer Seite kommt im kulturpolitischen Bereich auf europäischer Ebene hingegen derzeit nur wenig, als Ausnahme nennt der Redner Europeana, weil die Franzosen Google als „imperialistischen Angriff“ seitens der USA auf Europa verstanden, dem man etwas entgegensetzen wollte. Spannend wird sein, wie nach 2014/15 die zahlreichen EU-Mitgliedstaaten auf die Ausstellungskonzeption des House of European History reagieren werden.

In der weiteren Diskussion kommt Krankenhagen auf den Effekt der Debatten um europäischen Museen zu sprechen, dass sie – als Reaktion – nationale Museumsprojekte anstießen. So geschehen in Frankreich, wo Sarkozy mit einem entsprechenden Vorschlag scheiterte. Gehler ergänzt, dass die großen französischen Europa-Historiker mittlerweile tot sind. Es gebe auch kaum mehr Jean-Monnet-Chairs in Frankreich. Transnationale und Globalgeschichte seien hingegen derzeit im Aufwind.

Im Unterschied zu herkömmlichen, nationalen Museen stellte Krankenhagen fest, dass die Europamuseen keine objektbasierten Häuser sind, sondern stattdessen Ideen ausstellen. Zuerst werde die Hülle entworfen, d.h. der architektonische Bau, dann werde ein Konzept erdacht – d.h. „Europa gedacht“. Dann erst stellt sich die Frage, was ausgestellt werden soll. Paradigmatisch hierfür wäre ein blauer Mülleimer aus Novosibirsk als ‚europäisches Objekt’, wie er sich in einer europäischen Meta-Sammlung befindet (www.icom-europe.org) das natürlich nichts aus sich heraus sagt, sondern erklärt sein will.

Das Ansinnen, ein aus seiner Sicht ideales Museum für Europa zu beschreiben, weist Krankenhagen zurück. Ein ideales Museum gebe es nicht: „Wie soll es das geben können. Gibt es denn ein ideales Buch?“

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