Abstract PD Dr. Andreas Rüther (Bochum): Die mittelalterlichen Kreuzzüge in der westlichen Geschichtsschreibung seit Runciman

Seit Steven Runcimans „A History of the Crusades“, einer monumentalen Meistererzählung aus byzantinischer Perspektive in drei Bänden (1954), hat sich die europäische Geschichtswissenschaft in mehreren Zugängen den Kreuzzügen genähert. Die französische Mediävistik unter Führung von Jean Richard – Le royaume latin de Jérusalem“ (1953) bzw.  „ L’esprit de la croisade“ (1969) – legte epochale Darstellungen des hochmittelalterlichen Phänomens von universalhistorischer Bedeutung vor: den Auf­bruch der „Franken“ nach „Outremer“ zur Befreiung der Heiligen Stätten aus den Händen von Andersgläubigen.  In dieser Tradition eines dualen Verständnisprinzips von Gedanke und Bewegung hat auch Hans Eberhard Mayers klassische Studie „Geschichte der Kreuzzüge“ (1965) die geschichtlichen Ursachen, Grundzüge und Haupt­träger der in sieben Kriegszüge eingeteilten Kreuzfahrerära beschrieben und durch vielfältige Zeugnisse wie Augenzeugenberichten oder Liederdichtung  belegt. Vom Aufruf Urbans II. bis zur Aufgabe Akkons wird diese Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident, der arabisch-muslimischen Welt mit den christlich-europäischen Mächten, an den Kategorien von Ideal und Wirklichkeit untersucht. Peter Thorau berücksichtigt in seiner Einführung in Hintergründe, Geschichte und Auswirkungen der Kreuzzüge (2004) dabei insbesondere den islamischen Blickwinkel.  Der Brite Jonathan Riley-Smith wählt einen multiperspektivischen Zugriff, indem er nach dem Konzept („The first crusade and the idea of crusading“, 1986), den Akteuren („The first crusaders, 1095-1131“, 1997), der Begründung („Kriege im Namen Gottes“, 1999) und der Deutung ("Wozu heilige Kriege? Anlässe und Motive“, 2003) fragt. Neue Impulse hat Nikolas Jaspert mit seiner Abhandlung (2003) der Forschung gegeben, da er genauer Zielgebiete und Verlauf, Voraussetzungen, Organisation, Reaktionen und Folgen betrachtet.  Er erörtert die Relevanz der Kreuzzugsbewegungen, Muslime, Häretiker und Christen als Feinde, die vier christlichen Kreuzfahrerherrschaften bis zum ihrem Fall und wendet sich den Kriegszügen auf der Iberischen Halbinsel zu. Bei der Suche nach Anlass und Auslöser kommt er zur Relativierung vermeintlicher Ziele, unterscheidet fünf Motivationskomplexe und bewertet die Wirksamkeit der Motive, erkennt einen Wandel der Frömmigkeit und wägt das Engagement der Könige ab. Breit einbezogen werden Fremdwahrnehmungen, die islamische Sicht und interreligiöse Kooperation, die Kreuzfahrerstaaten im Vorderen Orient, die ‚faktischen’ Mächte und Ordensgemeinschaften sowie das Wirtschaftsgefüge Mittelmeerraum. Mit einem sozial- und kulturhistorischen Ansatz wird damit die aktuelle Kreuzzugsforschung um die Kategorie der Erfahrung ergänzt. Einer solchen „Relecture“ stehen Arbeiten amerikanischer Historiker wie Christopher Mc Evitt zur Seite, die den offenen Begriff  von Kreuzzug als Konzept, Metapher und Mythos anlegen und weiterführen („Crusades, crusadings, and crusader societies“, 2010).