Die Komplexität sozialpädagogischer Beziehungen verstehen
Dienstag, 23. September 2025 – 11:29 Uhr
„Die Kernaufgabe von Sozialpädagogik ist die Vermittlung im Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft“, betont Prof. Dr. Sarah Henn. Seit April 2025 ist sie Professorin für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Methoden und Verfahren an der Universität Hildesheim. In diesem Themenfeld forscht sie zu Professionalisierung Sozialer Arbeit und untersucht organisationale Bedingungen, die Fachkräfte dabei unterstützen, komplexe Anforderungen zu bewältigen. Professionalität bedeutet in diesem Kontext, dass Fachkräfte mit Aufgaben konfrontiert sind, für die es keine standardisierten Lösungen gibt: „Soziale Berufe setzen zwar eine Ausbildung voraus, die Fachwissen und methodisches Handeln vermittelt, doch in der Praxis begegnen die Fachkräfte immer wieder individuellen Situationen, die neue, oft kreative Lösungen erfordern. Darin zeigt sich Professionalität: im reflektierten Umgang mit komplexen, offenen und nicht planbaren Anforderungen“, erläutert die Professorin.
Henn studierte von 2005 bis 2011 Sozialpädagogik und Psychologie auf Lehramt für Berufskolleg an der TU Dortmund. Nach ihrem Studium entschied sie sich bewusst gegen die schulische Lehre und für die Forschung. Von 2011 bis 2014 war sie Mitglied in einem Promotionskolleg der Hans-Böckler-Stiftung und begann ihre Dissertation an der Universität Duisburg-Essen. Im Zentrum ihrer Forschung stand das Thema „Professionalität und Teamarbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ (2020). Die Erziehungswissenschaftlerin untersuchte, wie Teamarbeit und professionelle Reflexion in der stationären Kinder- und Jugendhilfe zusammenhängen. Anhand qualitativer Analysen von Teamgesprächen rekonstruierte sie, wie Fachkräfte ihre pädagogischen Aufgaben gemeinsam verhandeln und welche Dimensionen der Jugendlichen sie berücksichtigen, wenn sie pädagogische Handlungen planen. Dabei ging es auch um gegenseitige Kritik und wie damit umgegangen wird. Ein zentrales Ergebnis ihrer Forschung ist, dass gelingende Reflexion maßgeblich von der sozialen Dynamik im Team abhängt: „Wenn das soziale Miteinander nicht gut läuft, dann funktioniert auch die Reflexion nicht“, erzählt Henn. Ihre Forschung zeigt: Wo Konflikte das Team belasten, leidet oft auch die pädagogische Qualität, denn professionelle Entscheidungen entstehen im gemeinsamen Austausch.
Während ihrer Zeit im Promotionskolleg gründete Henn gemeinsam mit Kolleg*innen die Initiative „Gewerkschaft und soziale Arbeit“, aus der ein zweiter Forschungsschwerpunkt zu den Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit hervorging. In diesem Zusammenhang entstand 2017 die Publikation „Arbeitsbedingungen als Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung Sozialer Arbeit“. Im Rahmen dieses Projekts wurden Erkenntnisse über Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit generiert, um daraus berufspolitische und gewerkschaftliche Schlussfolgerungen ziehen zu können.
Aktuelle Projekte und die Forschung in Hildesheim
Aktuell plant Henn ein ethnografisches Forschungsprojekt zu pädagogischen Beziehungen in der Kinder- und Jugendhilfe unter dem Schwerpunkt „Passungsverhältnisse“. Ziel ist es, konkrete Situationen in Einrichtungen zu beobachten, in denen Fachkräfte zwischen individuellen Bedürfnissen von Jugendlichen und gesellschaftlichen Anforderungen vermitteln: „Ich würde gerne über einen längeren Zeitraum beobachten, wie sozialpädagogische Beziehungen tatsächlich erarbeitet werden.“ Darüber hinaus leitet Henn gemeinsam mit Fabian Kessl ein Forschungsprojekt zu Leitungskräften im sozialen Bereich an der Bergischen Universität Wuppertal. In diesem Projekt wird untersucht, wie Leitungskräfte, insbesondere im Umgang mit Gewaltkonstellationen und Verdachtsfällen von sexualisierter Gewalt Verantwortung übernehmen. Dabei zeigt sich, dass Leitungen je nach Hierarchiestufe ganz unterschiedliche Vorstellungen ihrer eigenen Verantwortung im Umgang mit Gewalt haben.
Was macht Sozialpädagogik so komplex?
Was sie an der Sozialpädagogik besonders bewegt, fasst Henn so zusammen: „Mich fasziniert, dass die Sozialpädagogik so unterschiedliche Dimensionen miteinander verbindet, das Mikro- und das Makrosoziale, Interaktionen, Beziehungen, Organisationen, Sozialpolitik, gesellschaftliche Verhältnisse: Alles greift ineinander und bedingt sich gegenseitig. Es geht darum die Vielschichtigkeit der Widersprüche sichtbar zu machen. Genau das macht es für mich spannend, Zusammenhänge zu entdecken, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. Das bedeutet auch, die Angst vor der Komplexität abzubauen, damit mehr soziale Gerechtigkeit möglich wird.“