Sexualität(en) im Diskurs

Veranstaltungsreihe im SoSe 2016 

Das interdisziplinäre Graduiertenkolleg Gender und Bildung begrüßt im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Sexualität(en) im Diskurs" Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Prof. Dr. Heiner Keupp, Prof. Dr. Elisabeth Tuider und Prof. Dr. Melanie Groß.

Am 12.05.2016 14.00-16.00 Uhr ct. (Raum H010) wird Prof. Dr. Heiner Keupp zum Thema "Grenzüberschreitende Normalitäten - Ein sozialpsychologischer Blick auf sexualisierte Gewalt und Missbrauch in katholischen Internaten. Forschung in gesellschaftlichen Tabubereichen" sprechen.

Abstract: Seit 2010 beginnt in der Bundesrepublik endlich die Aufarbeitung eines Kapitels, das Generationen von Kindern und Jugendlichen schwere lebensgeschichtliche Hypotheken aufgeladen hat. Sie haben in Eliteinternaten traumatisierende Erfahrungen mit schwarzer Pädagogik und sexualisierter Gewalt gemacht. Ringe des Schweigens und der Scham haben die Aufarbeitung über Jahre verhindert. Sie hat nun endlich begonnen und wird sowohl als individuelles Leid thematisiert, aber es ist auch ein gesellschaftlich-institutionelles Thema, denn es betrifft kirchliche Träger und reformpädagogische Vorzeigeinternate. Der Deutsche Bundestag hat die Einrichtung einer "Unabhängige Aufarbeitungskommission" beschlossen, die 2016 ihre Arbeit aufnehmen soll. Eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung kommt auch der Forschung zu. Sie kann eine wichtige Funktion hinsichtlich der Bewältigung vergangenen Leids, der Übernahme institutioneller Verantwortung und des Erkennens von Dynamiken und Zusammenhängen als Grundlage für präventives Handeln in der Zukunft. Was können solche Aufarbeitungen konkret leisten? (1) Sie öffnen den Blick in eine lange Zeit verborgen gebliebene Vergangenheit, wobei folgende Leitfragen im Mittelpunkt stehen: Was ist passiert? Welche Entstehungsbedingungen und Begleiterscheinungen von Gewalt können identifiziert werden? Wie war es möglich, dass Gewalt an Kindern/Jugendlichen lange Zeit nicht aufgedeckt/beendet wurde? Die Blickrichtung ist dabei dual: Sie bezieht sich sowohl auf individuelle Betroffenheiten von Kindern und Jugendlichen als auch auf Kontextbedingungen von Gewalt. Der damit verbundene Aufdeckungsanspruch ist sowohl deskriptiv („Was ist passiert?“) als auch erklärend („Warum ist es passiert?“). (2) Sie analysieren den gegenwärtigen Umgang mit vergangener institutioneller Gewalt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich Institutionen gegenüber Ansprüchen, Bedürfnissen und Forderungen der inzwischen erwachsen gewordenen Betroffenen positionieren. In diesem Zusammenhang tauchen Fragen der institutionellen Abwehr oder auch der Reinszenierung von Gewaltdynamiken auf. (3) Sie entwickeln Vorschläge und Empfehlungen für eine institutionelle Zukunft, die sich im Bewusstsein vergangener Missstände dezidiert von Gewalt, ihren Entstehungsbedingungen und Begleiterscheinungen distanziert. Zentral sind hier symbolische Verantwortungsübernahmen (z.B. Mahnmale) und die Implementierung nachhaltig wirksamer Präventionsstrukturen. Grundlegendes Ziel der Aufarbeitung ist das Verstehen. Dieses wird nicht normativ qua wissenschaftlicher Geheimexpertise vermittelt, sondern dialogisch entwickelt.    

Literatur: Keupp, H./Straus, F./Mosser, P./Hackenschmied, G./Gmür, W. (2015). Schweigen, Aufdeckung, Aufarbeitung. Sexualisierte, psychische und physische Gewalt in Konvikt und Gymnasium des Benediktinerstifts Kremsmünster. München: IPP. Verfügbar unter: http://www.ipp-muenchen.de/files/bericht_kremsmuenster_ipp_issn_1614-3159_nr-11.pdf Keupp, H./Straus, F./Mosser, P./Gmür, W./Hackenschmied, G. (2013).

Sexueller Missbrauch, psychische und körperliche Gewalt im Internat der Benediktinerabtei Ettal. Individuelle Folgen und organisatorischstrukturelle Hintergründe. München: IPP. Verfügbar unter: www.ipp-muenchen.de/files/ipp_ettalbericht_2013.pdf

http://www.ipp-muenchen.de/files/ipp_ettalbericht_2013.pdf

 

Wir möchten alle Interessierten herzlichst einladen, an Vortrag und anschließender Diskussion teilzunehmen und freuen uns auf Sie/Euch!

 

Sexualität(en) im Diskurs - Veranstaltungsreihe SoSe 2016

Den Auftakt der Reihe machte Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, der am 28.04.16 (14 Uhr c.t., Raum H010) einen Vortrag zum Thema "Geschlechter- und sexuelle Verhältnisse der Menschen im Kapitalismus: Zum Werden 'des Mannes'" hielt.

Abstract: "Der Mann", wie er auch heute – noch immer, bei allen Veränderungen – verhandelt wird, stellt lediglich ein geronnenes Ideal dar. Gefüllt mit vielfältigen Vorstellungen, ist dieses Konzept der bürgerlichen Gesellschaft stets labil gewesen und wurde nur einigermaßen fest in ein Herrschaftssystem aus Rassismus, Geschlecht und Klasse eingewoben. Gleichwohl scheint es zunehmend an seiner Grundanlage zu scheitern: Die vielfältigen Lebensweisen, die individuellen Unterschiede in Merkmalen, in "Stärken" und "Schwächen" scheinen sich immer schwieriger in das klare Muster "Mann" fügen zu wollen. Heute ist von Flexibilisierung und Individualisierung der Lebensweisen die Rede, es wird von der Pluralform, von "den Männlichkeiten" statt "der Männlichkeit", gesprochen. "Der Mann", erst durch Kategorisierung und Kanonisierung bestimmter Merkmale (beim Weglassen anderer) und durch Disziplinierung und Zurichtung hergestellt, scheint zu verschwinden. Die Veränderung passt gut zu den sich wandelnden Anforderungen des im globalen Norden stärker dienstleistungsorientierten Kapitalismus. Heinz-Jürgen Voß zeichnet in seinem Vortrag die Klassifizierung und Kategorisierung der Menschen nach, die mit der europäischen Moderne verbunden sind. Er geht dabei insbesondere auf die Genese "des Mannes" ein und diskutiert die Möglichkeit seines Verschwindens.  

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß: Studium der Diplom-Biologie in Dresden und Leipzig. Promotion 2010 zur gesellschaftlichen Herstellung biologischen Geschlechts. Seit Mai 2014 Professur für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg, gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexuelle Gewalt in pädagogischen Einrichtungen. Forschungsschwerpunkte: Sexualwissenschaft (sexuelle Bildung, sexuelle Gewalt), biologisch-medizinische Geschlechtertheorien, Geschichte und Ethik der Medizin und Biologie, Queer-feministische und kapitalismuskritische Theorien.

Wichtige Publikationen: Making Sex Revisited (2010), Geschlecht: Wider die Natürlichkeit (2011), Biologie & Homosexualität (2013) und Queer und (Anti-)Kapitalismus (mit Salih Alexander Wolter, 2013). Kontakt: voss_heinz@yahoo.de / www.heinzjuergenvoss.de .

Offizieller Start in die "2. Runde"

Die Auftaktveranstaltung des Kollegs, die am 6. November 2015 in der Aula des Hohen Hauses auf der Domäne Marienburg stattfand, war ein erfolgreicher Start für die Kollegiat_innen und ihre Gäste. Begrüßungsworte gab es vom Vizepräsidenten Prof. Dr. Martin Schreiner und der Gleichstellungsbeauftragten Dr. Silvia Lange, gefolgt von einer inspirierenden Rede zu den kommenden drei Jahren der gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit von Prof. Dr. Toni Tholen, einer der Sprecher_innen des Kollegs. Die Keynote von  Prof. Dr. Kerstin Palm unter dem Titel "Naturwissenschaften und Gender Studies - ein kompliziertes Verhältnis von Konflikt und Kooperation" widmete sich dem komplexen Thema der Inter- bzw. Transdisziplinarität und griff dabei eine bereits zum Abschluss des ersten Kollegs stattgefundene Debatte auf, die sich im Sammelband "Bilder - Selbst(bild) - Geschlechterbilder" wiederfindet.

Unter dem Titel "Garduiertenkolleg startet" findet sich auf der Homepage der Universität ein ausführlicher Artikel zum Kolleg und dem Start in die 2. Runde. Zum Artikel bitte hier klicken.

 

Prof. Dr. Kerstin Palm

Auftaktveranstaltung und Launch Sammelband

Am 6. November 2015 findet die Auftaktveranstaltung der 'zweiten' Runde des interdisziplinären Graduiertenkollegs Gender und Bildung statt. Die Einladung zur Veranstaltung und Informationen zur Anmeldung finden Sie hier. Im Rahmen der Veranstaltung bieten wir auch eine Kinderbetreuung an. Informationen hierzu ebenfalls unter obigen Link.

Im Rahmen dieser Veranstaltung findet auch die offizielle Launch des Sammelbandes "Bildung - Selbst(bild) - Geschlechterbilder" statt. Das gut 450-Seiten umfassende Buch ist das Ergebnis der gleichnamigen Veranstaltungsreihe der 'ersten' Runde des Kollegs.

Genaue Literaturangabe: Bueschges, Kerstin (Hg.). 2015. Bildung - Selbst(bild) - Geschlechterbilder. Reihe Focus Gender. Bd. 17. Berlin/Münster: LIT Verlag.