Wir-Gefühl durch Filmprojekt

Tuesday, 28. August 2012 um 20:25 Uhr

„Unser Stadtteil kann auch anders!“. Zusammen mit rund 450 Bewohnern der Hildesheimer Nordstadt zeichnen Kulturwissenschaftsstudierende und -absolventen der Universität Hildesheim ein bisher unbekanntes Bild des bunten Viertels. Die Inszenierung des Alltags beginnt beim Konzept – nicht Schauspieler, sondern die Bewohner selbst geben einen Einblick in ihren Stadtteil.

„Fährst du mit dem Zug von Frankfurt Main nach Ost-Berlin / Und steigst auf halber Strecke aus. / Geht’s vorne in die City, für Touristen Richtig Dom, / Doch willst du mehr, geh lieber hinten raus“, singt Nordstadt-Rapper Ceyhun Yildirim im schwarzen Sportwagen. Denn dort beginnt das wahre Leben. „Nordstadt bewegt / Sich bei jedem Schritt mit uns mit“, stimmen die Bewohner auf der Straße, im Rollstuhl, im Bus und im Park mit ein. „Multi-Kulti wo du bist, das Leben hier ist bunt / Wie Graffitis an der Wand. / Egal ob Cześć, Ciao, Selam oder Guten Tag / Die Menschen verstehen sich hier auch einfach mit nem ‚Was geht ab?‘“, rappen sie.

Die Sportlerinnen des Türk Gücü schießen auf eine Torwand, die Notenträumer singen im Chor und Pflegerinnen des Caritas Pflegeheims machen eine Frau im Rollstuhl wieder fit. Senioren sitzen am Stadtrand auf Rollatoren und freuen sich, ihre Wasserpistolen einzusetzen. Andere haben ihre Kaffeetafel an eine Ampelkreuzung, die Kita-Gruppe ihr Spielzimmer auf eine Wiese verlegt. Das Intersound Media Studio hat die WG-Küche und das Bad im Friedrich-Nämsch-Park aufgebaut. Am Ende stürmen Kinder der durch Migration geprägten Nordstadt jubelnd der Kamera entgegen.

Ein besseres Stadtteil-Marketing könnte es kaum geben, als die Stadt aus der Brille ihrer Bewohner vorzustellen, ungewöhnlich, vielfältig. Hier möchte man leben.

Ohne Bruch, ein Stadtteil. Entstanden ist ein Film der Bevölkerung. Dabei wählten die Verantwortlichen eine neue Form des Musikvideos: „Lipdup“. Der jeweils im Bild zu sehende Hauptdarsteller singt den Songtext lippensynchron. Aus Passau und den USA kennt man diese Videoformate. „Wir haben das Video an einem Stück gedreht. So konnte jeder unserer Darsteller ganz frei, nach seinen Mitteln und Möglichkeiten, das Nordstadt-Video mitgestalten“, erklärt Regisseur Martin Zepter. „One-Take“ – sieben Minuten ohne Schnitt sind eine dramaturgische Herausforderung. „Professionelles Handwerk ist die Grundlage. Das Filmprojekt war nur im großen Team machbar.“ Das studentische Filmteam um Kameramann Marco Müller – der während des Studiums an der Uni Hildesheim mit Dominik Wiedemann und Martin Jehle die Produktionsfirma „anachrom“ gegründet hat – fährt beim Dreh auf einem improvisierten Kamerawagen von John Deere. Die Route führt vom Bahnhof über die große Kreuzung zwischen Peiner-Straße und Sachsenring bis in den Friedrich-Nämsch-Park. Über Monate haben die Nordstadt-Bewohner mit den Theaterpädagoginnen Nicole Baumann und Suse Wessel den Drehtag vorbereitet. Jeder Mitwirkende hat im Video seinen Part und muss zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Straßenecke die passende Performance hinlegen.

Warum das Ganze? „Wir wollten Berührungspunkte zwischen Menschen schaffen, Gruppen bündeln, die vorher nicht unbedingt miteinander zu tun hatten. Und dabei hat sich schnell gezeigt: Die Nordstadt hat eine starke Nachbarschaft“, sagt Max Balzer. Er studiert „Kreatives Schreiben“ und hat gemeinsam mit Andy Kreichelt die Öffentlichkeitsarbeit für das Filmprojekt übernommen. „Das soziokulturelle Projekt hat hervorragend funktioniert. Ein Wir-Gefühl ist im Stadtteil entstanden, so etwas lässt sich natürlich nicht planen.“ Zudem sind Personen auf der Leinwand zu sehen, so Balzer, die sonst wie die Senioren des Altenheims Teresienhof in der Gesellschaft weitgehend unsichtbar bleiben. Da macht „Nordstadt in Bewegung“ schon einen Unterschied. Mittlerweile zählt das Video über 13.000 Klicks auf Youtube.

Eine Botschaft, die ankommt: Bei der nächsten Ankunft am Hauptbahnhof lohnt es sich, statt Richtung Weltkulturerbe den Ausgang „Nordstadt“ zu wählen.

Mitwirkende und Unterstützer

An dem Filmprojekt beteiligten sich 450 Menschen unterschiedlicher Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Musik- und Sportvereine, Gemeinden, Begegnungsstätten, Alten- und Pflegeheime sowie zahlreiche Bewohner der Hildesheimer Nordstadt. Für das Video wurde der Song „Nordstadt bewegt" geschrieben.

Künstlerische Leitung: Martin Zepter | Produktionsleitung: Aune Stern |  Musikalische Leitung: Siggi Stern | Filmische Umsetzung: Anachrom ug | Making Of: Michael Reumann und die KulturwerKer | Pädagogen: Nicole Baumann (Tanzpädagogin) und Suse Wessel (Theaterpädagogin) | Ausstattung: Paula Reissig und Caroline Jansky | Aufnahmeleitung: Sophia Schroth und Isabel Schwenk. Unter den Verantwortlichen sind viele Kulturwissenschaftsstudierende und Absolventen der Universität Hildesheim.

„Nordstadt in Bewegung“ ist ein Projekt des KulturFabrik e.V. in Kooperation mit Nordstadt.Mehr.Wert. Gefördert durch die Stiftung Niedersachsen, das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung, die Friedrich Weinhagen Stiftung, den Landschaftsverband Hildesheim und die Stadt Hildesheim.

Video: Nordstadt in Bewegung


Filmprojekt von Kulturwissenschaftsstudierenden der Universität Hildesheim: Ungewohnte Einblicke. Die Inszenierung des Alltags beginnt beim Konzept – nicht Schauspieler, sondern die Bewohner selbst geben einen Einblick in ihren Stadtteil. Fotos: Nathalie Bär

Filmprojekt von Kulturwissenschaftsstudierenden der Universität Hildesheim: Ungewohnte Einblicke. Die Inszenierung des Alltags beginnt beim Konzept – nicht Schauspieler, sondern die Bewohner selbst geben einen Einblick in ihren Stadtteil. Fotos: Nathalie Filmprojekt von Kulturwissenschaftsstudierenden der Universität Hildesheim: Ungewohnte Einblicke. Die Inszenierung des Alltags beginnt beim Konzept – nicht Schauspieler, sondern die Bewohner selbst geben einen Einblick in ihren Stadtteil. Fotos: Nathalie Bär