Wer in Museen, Konzertsälen und Theatern nicht auftaucht

Thursday, 09. January 2014 um 13:24 Uhr

Kulturvermittlung – herkömmliche Formen wie Museumsführungen und Publikumsgespräche erreichen vor allem ohnehin an Kultur Interessierte, sagt Prof. Dr. Birgit Mandel. Auf einer Konferenz der Kulturloge Berlin und der Universität Hildesheim befassen sich Fachleute mit Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten. Sie werten empirische Erkenntnisse über kulturelle Teilhabe etwa von Jugendlichen, von Menschen mit geringen Einkünften, mit Migrationserfahrungen und Behinderung aus. Und suchen nach Lösungen, um Zugangsschwellen zu Konzerthäusern, Theatern und Museen abzubauen.

Kulturvermittlung – das können Museumsführungen und Workshops sein. Oder Apps, Computerspiele und Schautafeln. Herkömmliche Formen der Kulturvermittlung wie Führungen und Publikumsgespräche erreichen jedoch vor allem ohnehin an Kultur Interessierte. Ein Weg könne sein, stärker in Stadtteile zu gehen, in denen sozial benachteiligte Menschen mit geringeren Einkünften leben, sagt Birgit Mandel, Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim, anlässlich einer kulturpolitischen Konferenz in Berlin. Auch Schulaufführungen könnten in Kultureinrichtungen stattfinden, um erste Zugänge zu schaffen. Notwendig sei, so Mandel, vor Ort die Bevölkerung zu fragen: Was sind eure kulturellen Interessen?

Wie kann es gelingen, mehr Menschen am kulturellen Leben zu beteiligen? Etwa 120 Fachleute befassen sich am 9. und 10. Januar 2014 im Deutschen Theater Berlin mit Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und „niedrigschwelliger Kulturvermittlung“. Birgit Mandel und Thomas Renz vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim haben die Tagung „Mind the Gap“ gemeinsam mit der Kulturloge Berlin organisiert. Auch die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. und der Paritätische Wohlfahrtsverband sind mit im Boot. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien fördert die Konferenz.

„Wir bringen Wissenschaft und Praxis zusammen, um zu ermitteln, welche Barrieren bestehen und diskutieren die kulturpolitischen Konsequenzen“, sagt Thomas Renz. Die Fachleute zeigen Wege auf, welchen Beitrag Kulturvermittlung leisten kann, um Zugangsschwellen zu Konzerthäusern, Theatern und Museen abzubauen.

Am ersten Konferenztag werten Forscher empirische Erkenntnisse über kulturelle Teilhabe etwa von jungen Menschen, von Menschen mit geringen Einkünften, mit Migrationserfahrungen und Behinderung aus. Warum besuchen sie klassische Kultureinrichtungen selten? Welche kulturellen Interessen haben sie stattdessen?

Der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Ulrich Khoun, eröffnet die Konferenz. Anschließend befragt Birgit Mandel Intendant Barry Koskie von der Komischen Oper, wie es ihm gelingt, ein traditionelles „Hochkulturformat" wie die Oper zu „popularisieren" und wie unterhaltsam „Hochkultur" sein darf. Prof. Dr. Max Fuchs von der Universität Duisburg-Essen spricht über Kunst als Abgrenzungsmerkmal. Prof. Dr. Susanne Keuchel stellt Ergebnisse des zweiten Jugendkulturbarometers zu Barrieren von jungen Menschen gegenüber klassischen Kulturangeboten vor. Anne Torregiani lenkt den Blick auf England: Sie entwickelt für den Arts Council England Projekte, mit denen es gelingt, auch solche Gruppen der Gesellschaft in das öffentlich finanzierte Kulturleben einzubinden, die normalerweise keinen Zugang haben. Praxistauglichkeit auf dem Prüfstand –  in einer Abschlussdiskussion geht es um kulturpolitische Konsequenzen und Vermittlungsstrategien, moderiert von Prof. Dr. Wolfgang Schneider. Studierende der Hildesheimer Universität „trainieren für die Zukunft“ und haben  „niedrigschwellige Kulturvermittlung“ entwickelt. Laut Renz wollen die Studenten und Studentinnen das klassische „langweilige“ Tagungsformat aufbrechen und „kreative Vermittlungsformate“ verwirklichen – beispielsweise beim inszenierten Festessen mit „persönlichem Schlüsselerlebnis“.

Die Kulturloge Berlin setzt sich seit 2010 aktiv für kulturelle Teilhabe ein, indem sie nicht verkaufte Kulturplätze kostenlos an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt. Im persönlichen Telefongespräch werden sie beraten und informiert. Etwa 7.200 Menschen nutzen derzeit das kulturelle Angebot der gemeinnützigen Initiative, die von 300 Kulturpartnern und 130 sozialen Partnern unterstützt wird.

Seit 1978 bietet die Universität Hildesheim mit ihren kulturwissenschaftlichen Studiengängen – etwa dem Bachelor Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis und dem Master Kulturvermittlung – den ältesten und größten Ausbildungsbereich der außerschulischen Kulturvermittlung in Deutschland an. Besonders ist die Anbindung an die Künste. An der Hildesheimer Uni lehren Professoren für Kulturpolitik, Kulturmanagement und Kulturelle Bildung. In enger Kooperation mit Kulturinstitutionen und Kulturverwaltung führen die Forscher Projekte im Bereich der Kulturvermittlung durch. Das Institut für Kulturpolitik hat die erste Forschungsplattform für Kulturvermittlung in Deutschland gegründet: Auf www.kulturvermittlung-online.de werden auch die Ergebnisse dieser Tagung dokumentiert.

Interview mit Prof. Dr. Birgit Mandel (online)

Abi, und dann... Kultur studieren? Infotag für Studieninteressierte auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg am 5. Februar.


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