Wer entscheidet? Eltern, Verdienst, Fach?

Friday, 08. February 2013 um 17:11 Uhr

Um Jugendliche in der Region Hildesheim frühzeitig bei der Studienwahl zu unterstützen, entwickeln Studierende derzeit im Projekt „Uni-APP“ ein Beratungsprogramm. Die Universität Hildesheim will damit auch jenen helfen, die als erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen wollen. Nun läuft die heiße Phase der Studienwahl und -beratung.

Vorher informieren ist leichter gesagt als getan. Bei über 16.000 Studiengängen in der Bundesrepublik verlieren viele bei der Studienwahl den Überblick. „Es gibt kein standardisiertes Informationsverhalten, Berufswahl ist ja ein Thema in der Schule, wenn Berufsberater in die 9. Klassen gehen. Ab der 10. Klasse binden Schulen vermehrt Universitäten mit ihren Beratungs- und Informationsangeboten ein. Bis zum Abi stößt das meist auf wenig Interesse“, beobachtet Martin Scholz. Der Leiter der Zentralen Studienberatung der Uni Hildesheim erlebt seit Jahren, dass sich die überwiegende Zahl der Schüler erst ein halbes Jahr vor Studienbeginn, zwischen Abi-Phase und Stichtag 15. Juli, ernsthaft mit der Studienwahl befasst. „Eine frühere Auseinandersetzung wäre sinnvoll“, so Scholz.

Deshalb baut die Universität Hildesheim derzeit im Projekt „Uni-APP“ (Anker-Peer-Programm) ein „Anker-Zentrum" auf. Das Besondere: Studentische Beraterinnen und Berater tragen etwas zur Studienorientierung bei. „Wir wollen Jugendliche in der Region Hildesheim frühzeitig bei der Studienwahl unterstützen – und zwar auf Augenhöhe. Unsere Studierenden wissen am besten, welche Fragen in dieser Lebensphase aufkommen“, erklärt die Projektleiterin Anna-Elise Weiß. Die ersten acht Studierenden wurden im Herbst 2012 angestellt, bis Ende 2013 kommen ein Dutzend weitere hinzu. Sie werden geschult und entwickeln gerade ihr eigenes Beratungsprogramm. Statt der üblichen Vorträge bieten sie im Sommersemester 2013 zum Beispiel Workshops mit theaterpädagogischen Methoden an. Statt in Gymnasien wollen sie auch in Berufsschulen, Jugendzentren oder in andere soziale Räume gehen, in denen Fragen zur Studienorientierung aufkommen können.

Mit „Uni-APP“, das vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium gefördert wird, möchte die Universität Hildesheim Schüler oder Studieninteressierte mit Berufserfahrung unterstützen, die als erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen wollen. Nur etwa ein Viertel aller Kinder aus Familien ohne akademische Familientradition schaffen bisher den Sprung an die Hochschule.

Wer entscheidet? Eltern? Verdienstperspektiven? Fachliches Interesse?

Martin Scholz beschreibt die Rolle der Eltern bei der Studienwahl als ambivalent. „Viele Studieninteressierte denken bei der Studienwahl die Verwertung mit und erwarten hier auch zählbaren Erfolg. Was kann ich hinterher damit machen und verdiene ich ausreichend?“, das seien neben der eigentlichen Studienwahl häufige Anliegen in der Studienberatung, sagt Scholz. Er nennt das „Werkzeug-Denken“. Studien- und Berufswahl werden eng miteinander verknüpft. Wenngleich das persönliche Interesse am Fach immer noch im Vordergrund steht, nimmt der „Verwertungsaspekt“ viel Raum ein. „Hier spielen auch die Eltern eine Rolle. Sie begleiten ihre Kinder in der Studienwahlphase. Welches Elternteil hört es nicht gern, wenn das Kind sich Gedanken über das spätere finanzielle Auskommen macht?“, sagt Scholz.

Infotage an der Uni

Studieninteressierte haben die Möglichkeit, während der Infotage „Abi! Und dann…?“ vom 11. bis zum 13. Februar die Uni Hildesheim „live“ zu erleben. Schülerinnen und Schüler können sich über Studieninhalte und Finanzierungswege informieren, kommen mit Studierenden und Lehrenden sowie den Anker-Peers ins Gespräch und erhalten einen ersten Überblick vom Uni-Alltag. Am Montag, 11. Februar, und Dienstag, 12. Februar, wird das Studienangebot im Bereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Lehramt, Sprach- und Informationswissenschaften sowie Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften vorgestellt. Am 13. Februar informiert die Uni über Studienfinanzierung, Studienplatzbewerbung und Stipendienprogramme. Bereits in dieser Woche war der Infotag „Kultur studieren!“ mit 90 Teilnehmern vor allem aus anderen Bundesländern stark nachgefragt.