Von der Kanzlei auf den Schulhof

Sunday, 22. July 2012 um 10:57 Uhr

Von der Schule ins Studium zurück in die Schule? Das muss nicht der einzige Weg zum Lehrerberuf sein. Viele Lehramtsstudierende der Universität Hildesheim stehen mitten im Leben, bringen Berufserfahrung als Programmier oder Rechtsanwaltsgehilfin mit ins Klassenzimmer – und sind hochmotiviert. Die frühe Praxiserfahrung („Hildesheimer Modell") lockt Lehramtsstudierende aus dem gesamten Bundesgebiet nach Hildesheim. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt eine Hildesheimer Studentin vor.

Von der Kanzlei auf den Schulhof

Katrin Hummel hat ihre Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten erfolgreich absolviert und als Rechtsanwaltsgehilfin gearbeitet. „Als ich nach dem Realschulabschluss die Entscheidung treffen musste, das Abitur oder eine Ausbildung zu machen, habe ich mich für die Ausbildung entschieden“, blickt die 27-jährige Magdeburgerin zurück. So konnte sie, fern vom Elternhaus, lernen „auf eigenen Beinen zu stehen“ und ihr eigenes Geld verdienen. „Doch nach der Ausbildung konnte ich mir nicht vorstellen, den Rest meines Lebens in einer Kanzlei zu arbeiten und habe lange eine Möglichkeit gesucht, auch ohne Abitur das Lehramtsstudium aufnehmen zu können“, erzählt Katrin Hummel. Diese Möglichkeit habe sie durch die Immaturenprüfung für Studieninteressenten ohne Hochschulzugangsberechtigung wahrnehmen können. „Die nötigen Voraussetzungen, die Berufserfahrung, konnte ich vorweisen.“ Seitdem studiert sie Grund- und Hauptschullehramt mit den Fächern Deutsch und Theologie an der Universität Hildesheim und steht kurz vor dem Master-Abschluss. „Mir macht es Freude zu Unterrichten, mit Kindern auch gemeinsam neue Dinge zu lernen und ihnen etwas beibringen zu können", sagt sie.

„Zu oft werden die Falschen Lehrer. Das liegt auch daran, dass viele Studenten erst spät richtige Praxiserfahrung sammeln. Es geht auch anders", unterstreicht Lisa Becker im Artikel „Gute Lehrer braucht das Land" (21./22.07.2012) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt vier universitäre Ausbildungskonzepte aus München, Bochum, Frankfurt und Hildesheim vor. Lehramtsstudierende erklären, was eine gute Lehrerausbildung ausmacht – darunter eine Studentin der Uni Hildesheim. Über das hiesige Studium urteilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „An manchen Hochschulen bemüht man sich um mehr Praxisbezug. In Hildesheim gehen zum Beispiel die Studierenden schon im ersten Semester für einen Tag in der Woche in die Schule. Bald soll es im Master-Studium ein ganzes Praxissemester geben. [...] Dass [Katrin Hummel] schon viel Erfahrung in der Schule sammeln konnte, ist Teil des ‚Hildesheimer Modells'." Studierende „beobachten Lehrer und Schüler im Unterricht, besprechen mit den Lehrern, was sie beobachtet haben, und arbeiten anschließend alles theoretisch auf", schreibt die FAZ.

Erst Programmierer und Informatikkaufmann, künftig Lehrer

Mark-Alexander Reimann hat nach seinem Wehrdienst eine Ausbildung zum Fachinformatiker abgeschlossen und vier Jahre in diesem Beruf gearbeitet, zuletzt als Programmierer. Der 31-Jährige studiert an der Universität Hildesheim Mathe und Sachunterricht im zweiten Master-Semester. Damit ist er oft acht Jahre älter als Kommilitonen, kann aber in Seminardiskussionen die Berufsperspektive einbringen. Warum er sich für Hildesheim als Studienort entschieden hat? „Die Uni ist bekannt für die frühe Praxiserfahrung im Studium. Ich erfahre nicht erst nach drei Jahren, was es eigentlich bedeutet, vor einer Schulklasse zu stehen“, so der gelernte Fachinformatiker. „Dabei ist die Verknüpfung von Theorie und Praxis ein langer Prozess, wenn ich am Mittwochmorgen eine Vorlesung höre oder ein Buch über Mathedidaktik lese, würde ich sagen: ‚Ja klar, genau so sollte der Unterricht ablaufen.‘ Und dann stelle ich am Freitagvormittag in der Schule fest, wie komplex der Schulalltag doch ist.“

Welche Rolle die Berufserfahrung als Informatikkaufmann in seinem Lehramtsstudium spielt – war es vertane Zeit? „Keineswegs“, unterstreicht Jörn Schwerdt. Er hat nach seiner Ausbildung zum Informatikkaufmann zwei Jahre bei einem großen Telekommunikationsunternehmen gearbeitet, unter anderem das Funknetz betreut. Nun geht es doch in die Schule, seit 2007 studiert er an der Uni Hildesheim Geschichte, Englisch und Politikwissenschaften mit dem Ziel, Hauptschullehrer zu werden. „In den studienbegleitenden Schulpraktika konnte ich Lehrkräfte im Bereich Medienkompetenz unterstützen, im Computerraum Software installieren. Künftig werden die Neuen Medien im Unterricht eine stärkere Rolle spielen – da bin ich durch meine Berufserfahrung fit.“ Der Familienvater hat neben seinem Beruf ehrenamtlich mit Jugendlichen in sozialen Brennpunkten gearbeitet, u.a. in der Alkoholprävention unter Jugendlichen in Hannover. „Gerade die Bildungschancen Jugendlicher in Deutschland – mit und ohne Migrationshintergrund – und der gefühlten gesellschaftlichen Sonderstellung der Haupt- bzw. Oberschule, treiben mich an, mein Referendariat in dieser Schulform zu absolvieren“, bekräftigt er seine Entscheidung für den Lehrerberuf.

Vom Fernverkehr ins Klassenzimmer

„Wahrscheinlich wird mein betriebswirtschaftliches Fachwissen besonders bei der Tätigkeit als Schulleiter einer Grundschule helfen“, sagt Clemens Wiedel. „In der Schule sind Kenntnisse im allgemeinen Management, in der Organisation, im Teambuilding, im Marketing und im Finanzbereich notwendig, damit eine Schule erfolgreich funktioniert.“ Der 34-jährige Familienvater hat bei der Deutschen Bahn in Hannover eine Ausbildung zum Kaufmann im Eisenbahn- und Straßenverkehr absolviert, als Zugbegleiter im Fernverkehr gearbeitet. In Worms und Ecuador schloss er anschließend sein Studium als Diplom-Betriebswirt mit dem Schwerpunkt Marketing ab. Während der Arbeitssuche absolvierte er ein mehrmonatiges Praktikum an einer Grundschule. Und hat sich für den Lehrerberuf entschieden. Seit drei Jahren studiert Clemens Wiedel an der Universität Hildesheim Englisch und Sachunterricht mit dem Bezugsfach Wirtschaft. „Die vielen studienbegleitenden Schulpraktika in Hildesheim bestätigen meinen Berufswunsch. Wie plane ich Unterricht, was passiert alles im Klassenzimmer? Ich erlebe vom ersten Semester an Schulsituationen und weiß, worauf ich mich einlasse, wenn ich in Seminaren sitze. Die Theorie kann ich in Hildesheim unmittelbar in der Praxis reflektieren.“

Besonders fit ist Clemens Wiedel im Fach Wirtschaft, berichtet Grundschülern aus der beruflichen Praxis. „Wirtschaft ist keine abstrakte Theorie.“ Komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge möchte er Kindern früh und „didaktisch klug durch spielerische Situationen im Alltag“ vermitteln. „Aktuelle Themen aus der Wirtschaft sollten viel stärker in der Grundschule integriert werden“, unterstreicht der angehende Lehrer. Obwohl das Studium mit zwei Kleinkindern „oftmals einen Spagat zwischen Uni und Familie bedeutet“, freut er sich, bald diesen Beruf ausüben zu können. „Außerdem herrscht an Grundschulen ein akuter Mangel an männlichen Lehrkräften“, begründet Wiedel seine Entscheidung für die Grundschule.

Lehrerbildung an der Universität Hildesheim

Hildesheimer Studierende lernen in mehrmonatigen Praxisphasen ab dem ersten Semester in Hospitationen früh den Schulalltag und die Unterrichtspraxis kennen. So sind sie im ersten und zweiten Semester in Kleingruppen jeden Freitagvormittag in der Schule, sie beobachten und analysieren Unterricht. Dabei werden sie von Wissenschaftlern der Universität und Lehrern der 250 Partnerschulen begleitet. Die Praxis wird an der Universität intensiv vor- und nachbereitet. 2400 Lehramtsstudierende und Nachwuchswissenschaftler profitieren von der Anbindung an mehrere bildungswissenschaftliche Forschungszentren. Studierende bearbeiten im Studium Forschungsfragen und können zum Beispiel auf ein Video-Fallarchiv zurückgreifen, um Unterricht zu analysieren.

Die Lehrer von morgen – Serie startet

In einer neuen Serie berichten Lehramtsstudierende, Absolventen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ab sofort über Chancen und Herausforderungen des Lehrerberufs. Sie möchten Einblick in das Lehramtsstudium, die Lehre, Schulpraxis und Forschung geben? Wenden Sie sich gerne an die Pressestelle (Isa Lange, presse[at]uni-hildesheim.de). 


Das „Hildesheimer Modell": Lehramtsstudierende lernen ab dem ersten Semester den Schulalltag aus einer neuen Perspektive kennen. In Kleingruppen beobachten und analysieren sie jeden Freitagvormittag Unterricht. Dabei werden sie von Wissenschaftlern und Lehrern begleitet.

Das „Hildesheimer Modell": Lehramtsstudierende lernen ab dem ersten Semester den Schulalltag aus einer neuen Perspektive kennen. In Kleingruppen beobachten und analysieren sie jeden Freitagvormittag Unterricht. Dabei werden sie von Wissenschaftlern und Le Das „Hildesheimer Modell": Lehramtsstudierende lernen ab dem ersten Semester den Schulalltag aus einer neuen Perspektive kennen. In Kleingruppen beobachten und analysieren sie jeden Freitagvormittag Unterricht. Dabei werden sie von Wissenschaftlern und Lehrern begleitet.