Vier Minuten Raum fürs Leben

Tuesday, 27. November 2012 um 16:08 Uhr

„Die regelmäßige Förderung, zwei Mal in der Woche in Kleingruppen, hilft meinem Sohn“, sagt Kethees Meyer über das Projekt Lernku(h)lt. Die Universität Hildesheim unterstützt Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen. Über 550 Kinder und Jugendliche und rund 200 Lehramtsstudierende profitieren seit 2006 vom Projekt.

Vier Minuten Raum fürs Leben. Welche Zeilen wählt man, wenn man über sein Leben spricht? Für viele der 15 Kinder, mit denen Rapper Bilal Naji am Samstag in einem Workshop in der Kufa einen Rap über ihr Leben und gemeinsame Lernerfahrungen geschrieben hat, war es die erste Bühnenerfahrung. Der 23-Jährige Northeimer Rapper arbeitet bundesweit mit Kindern. „Ich finde die Arbeit toll, die ihr in der Uni Hildesheim leistet", meinte er. „Den Rest sagen jetzt die Kinder.“

Die Lösung ist simpel und einleuchtend: Am besten, man beginnt mit Fakten: Name, Alter, Wohnort. Dazu Lieblingsessen, Zeilen über gute und schlechte Tage. „Hallo ich bin Rheda und acht Jahre alt, ich wohne in der Nähe vom Hildesheimer Wald, Würstchen und Ketchup esse ich gern [...] und jetzt erzählt meine Schwester was. Mein Name ist Kadisha und ich esse gerne Döner, tanzen find ich schön, aber singen find ich schöner“, lautet eine Passage.

So greift auch Jananan stolz zum Mikrofon. „Ich habe vorher noch nie gesungen, nur mal in der Schule“, sagt der 9-Jährige Grundschüler. Seit drei Jahren ist er bei Lernku(h)lt. „Die regelmäßige Förderung, zwei Mal in der Woche in Kleingruppen, hilft meinem Sohn“, sagt sein Vater Kethees Meyer, der am Samstag im Publikum sitzt. Fortschritte in der sprachlichen Entwicklung stellt er fest, sein Sohn komme mit neuen Wörtern nach Hause, erweitert seinen deutschen Sprachschatz. Zu Hause spricht Kethees Meyer, der vor 20 Jahren aus Sri Lanka nach Hildesheim kam, mit seinem Sohne Tamilisch und Deutsch, seine Frau spricht nur die Muttersprache. Er wünscht sich „mehr Wertschätzung für die Mehrsprachigkeit von Kindern“.

Seit 2006 fördern Lehramtsstudierende der Universität Hildesheim im Projekt „Lernku(h)lt – Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen lernen im Team“ Schülerinnen und Schüler sprachlich und fachlich in Kleingruppen. Zweimal wöchentlich über mindestens ein Jahr. Sie wollen die schulische Situation von Erst- bis Zehntklässlern, vor allem mit Förderbedarf in der deutschen Sprache, in der Region Hildesheim verbessern.

Auch Juliane Belling gehört seit zwei Jahren zu den beteiligten Lehramtsstudierenden. „Der Lernzuwachs in der Eins-zu-Eins-Situation ist enorm“, beginnt sie. Weil das Studium an der Uni Hildesheim praxisnah ist, kam sie aus der Nähe von Magdeburg nach Niedersachsen. In ihrer Fördergruppe hat sie derzeit vier Realschüler aus unterschiedlichen Schulen, 16 und 17 Jahre alt, mit kongolesischer und türkischer sowie ohne Zuwanderungsgeschichte. „Durch das Projekt lerne ich, dass eine Klasse mit 25 Schülern eben aus 25 Einzelnen besteht. ‚Individuelle Förderung‘ geht so leicht über die Lippen, was das wirklich bedeutet, erfahre ich jede Woche im Kontakt mit den Jugendlichen. Von Lehrern erfahre ich mehr über die Lernstände. Die Eltern meiner Förderkinder habe ich zu Hause besucht“, berichtet sie von wertvollen Erfahrungen im Umfeld der Schüler.

Universität zieht Zwischenbilanz nach sechs Jahren

Die studentischen Förderlehrkräfte setzen sich durch die praktischen Erfahrungen in den Fördergruppen gezielter mit theoretischen Inhalten aus dem Studienalltag auseinander, sagt Dr. Yvonne Rechter vom Institut für Erziehungswissenschaften. Die Schülerinnen und -schüler profitieren von der individuellen Ansprache und Unterstützung. „Die beteiligten Schulen melden häufig zurück, dass die geförderten Grundschulkinder durch die Projektteilnahme eine positivere Schullaufbahnempfehlung am Ende der vierten Klasse erhalten haben", so Rechter. 551 Schülerinnen und Schüler und 171 Studierende waren bisher beteiligt.

Mehrere gesellschaftliche Akteure vernetzen sich seit 2006 vor Ort: Schulen, Lehrkräfte, Eltern, Bürger, die Universität und Asyl e.V. Das Projekt Lernku(h)lt ist Teil des Gesamtprojektes „Förderunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund". Neben der Stiftung Mercator wird das Projekt von der Johannishofstiftung der Stadt Hildesheim, dem Landkreis, dem Land Niedersachen, der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung, der Bürgerstiftung Hildesheim, der Richard Borek Stiftung, der Bürgerstiftung Braunschweig mit der IGS Franzsches Feld und Frau Margot Möller-Meyer unterstützt. Aktuell freuen sich die Verantwortlichen über neue Förderer, darunter das Land Niedersachsen (3500 Euro) und der Landkreis Hildesheim (über zwei Jahre, jeweils 5000 Euro).

Wer könnte sich besser bedanken als jene, die es betrifft: „Jojojo wir rocken jetzt das Haus. Manchmal gibt es auch schlechte Laune, doch das ist ganz normal. Denn jeder Mensch auf dieser Welt hat auch mal einen schlechten Tag. Durch den Förderunterricht wird das Lernen leichter. Dafür sagen wir danke, und hoffen es geht weiter“, rappen die Kinder am Samstag.


Im Rap mit Sprache experimentieren: Lehramtsstudentin Juliane Belling und Rapper Bilal Naji mit einem der Grundschüler vom Projekt Lernku(h)lt. Foto: Lange / Uni Hildesheim

Im Rap mit Sprache experimentieren: Lehramtsstudentin Juliane Belling und Rapper Bilal Naji mit einem der Grundschüler vom Projekt Lernku(h)lt. Foto: Lange / Uni Hildesheim Im Rap mit Sprache experimentieren: Lehramtsstudentin Juliane Belling und Rapper Bilal Naji mit einem der Grundschüler vom Projekt Lernku(h)lt. Foto: Lange / Uni Hildesheim