Sprachliche Seiteneinsteiger

Tuesday, 19. February 2013 um 13:25 Uhr

„Wir starten mit der Schule, bauen den Wortschatz dann im Themenfeld Familie, Freizeit und Freunde auf“, sagt Christina Kellner. Seit Februar fördert sie Erst- und Zweitklässler, die erst seit wenigen Monaten in Deutschland leben, beim Sprachenlernen und will daraus ein Forschungsprojekt entwickeln. „Im Schulsystem müssen mehr Lehrer arbeiten, die im Bereich Deutsch als Zweitsprache ausgebildet sind, und dass nicht nur im Deutschunterricht."

Christina Kellner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim hat zwei Jahre in den USA Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Nun sattelt sie um, die deutsche Sprache als Zweitsprache steht im Fokus ihrer Forschung. „Während der Betreuung der Lehramtsstudierenden und den wöchentlichen Unterrichtsbesuchen fallen einige Kinder auf. Sie sind sprachliche Seiteneinsteiger“, sagt Kellner. Da ist das arabischsprachige Geschwisterpaar, das erst im November 2012 nach Deutschland kam. „Er, der direkt in der zweiten Klasse startete, braucht besondere Hilfe. Er kann nach wenigen Wochen schon Vorlesen, aber versteht nicht die Bedeutung der Wörter. Wir müssen den Wortschatz aufbauen, was im regulären Unterricht mit einer Lehrkraft kaum zu leisten ist“, beobachtet Kellner. Und da sind die beiden Zweitklässlerinnen aus der Türkei, die seit einem Jahr in Hildesheim leben. „Eine der beiden kann nach einem Jahr Grundschulunterricht noch nicht fließend lesen.“

Seit Februar fördert Christina Kellner die Hildesheimer Erst- und Zweitklässler in Kleingruppen – morgens, parallel zum regulären Unterricht – um ihr Forschungsprojekt nicht am Schreibtisch, sondern „aus dem Alltag heraus zu entwickeln“. Und um den Kindern beim Sprachenlernen zu helfen. „Sie sollen nichts lernen, was sie nicht nutzen können“, lautet die Devise. „Deshalb starten wir mit pragmatischen Handlungen zum Thema Schule, bauen den Wortschatz dann im Themenfeld Familie, Freizeit und Freunde auf.“

„In Deutschland werden sprachliche Seiteneinsteiger dem Alter entsprechend eingestuft. Auch wenn sie die Sprache nicht beherrschen“, sagt Kellner. Die Konsequenz? „Im Schulsystem müssen mehr Lehrer arbeiten, die im Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) ausgebildet sind, und dass nicht nur im Deutschunterricht. Zwei Fortbildungsseminare reichen nicht aus. Viele Lehrer fühlen sich auf das Thema nicht vorbereitet.“ Falls eine Förderung im Klassenverbund nicht möglich ist, sei die Alternative, ausgebildete DaZ-Lehrkräfte in die Schulen zu holen.

„Sprachförderung darf keine Frage des Zufalls sein, sie muss an allen Schulen stattfinden“, meint Kellner. In Niedersachsen schließen sich Lehrkräfte und besonders betroffene Schulen im „DaZNet“ zusammen.