Regentag überbrücken? Kulturelle Bildung im Tourismus

Thursday, 23. May 2013 um 13:29 Uhr

Das „Must See" im Reiseführer treibt manche Urlauber in ein Museum. Welche Chancen bietet die Urlaubszeit für kulturelle Bildung? Forscher stellen Ende Juni erstmals Ergebnisse über kulturelle Bildung und Tourismus vor und diskutieren diese mit Vertretern aus Kulturinstitutionen und der Tourismuswirtschaft.

Touristen vor dem Schloss Charlottenburg in Berlin. Jene, die an einer Führung teilnehmen, wollen sich daheim weiter damit beschäftigen. Über die Urlaubsreise lassen sich viele Menschen für Kunst und Kultur interessieren, sagt Birgit Mandel, Professorin für Kulturvermittlung an der Uni Hildesheim. Foto: Jana Mandel

„Museumsbesuche und Kulturveranstaltungen werden immer häufiger zum Bestandteil der Urlaubs- und Städtereise – auch bei Touristen, die nicht besonders kulturinteressiert sind", sagt Birgit Mandel, Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement an der Universität Hildesheim. Obwohl nur ca. 5% aller Touristen zu den spezifisch Kulturinteressierten gehören, besuchen ca. 80% aller Urlaubsreisenden gelegentlich kulturelle Sehenswürdigkeiten und Kulturveranstaltungen. Neben Architekturbesichtigungen gehört der Museumsbesuch zur Urlaubsgestaltung vieler Touristen dazu – und sei es nur, um einen Regentag zu überbrücken.

Über die Urlaubsreise lassen sich viele Menschen für Kunst und Kultur interessieren, die in ihrem Alltag keinen Zugang dazu finden, verdeutlicht Mandel. So zeigte etwa eine Befragung von Touristen im Schloss Charlottenburg, dass ein Großteil der touristischen Besucher kaum Vorwissen über und keine Fragen an das dort zu Erfahrene hatte. Das Gesamtambiente und die Markierung „Must See" im Reiseführer trieb sie dort hin. Bei jenen, die an einer Führung teilnahmen, konnte signifikant stärker eigenes Interesse an den Themen geweckt werden. Sie verließen den Ort mit dem Vorsatz, sich daheim weiter damit zu beschäftigen.

Welche Potentiale bieten Urlaubsreisen für kulturelle und interkulturelle Bildung? Auf der Tagung „Kulturvermittlung und Kulturelle Bildung im (Massen-)Tourismus“ am 27. und 28. Juni 2013 in Wolfenbüttel werden empirische Erkenntnisse über kulturtouristische Motive und Aneignungsprozesse vorgestellt, mit Forschungsergebnissen über kulturelle Bildung sowie mit Anliegen der Tourismuswirtschaft und der Kulturinstitutionen zusammengebracht. Wie gehen Tourismusunternehmen mit Erlebnisreisen, Cluburlauben und Kreuzfahrten auf das potentielle Interesse von Touristen ein, sich im Urlaub auch mit Kunst zu beschäftigen?

Erstmalig diskutieren Experten aus der Tourismuswirtschaft mit Vertretern von Kulturinstitutionen und Wissenschaftlern aus dem Bereich der Kulturellen Bildung. Unter anderem sprechen Marion Glasmeyer, Leiterin des Bereichs Entertainment der TUI AG, dem Marktführer im Tourismus, sowie Angelika Müller, verantwortlich für die Reiseleiterqualifizierung bei Studiosus, dem europäischen Marktführer bei den Studien- und Kulturreisen.

Yvonnne Pröbstle von der Hochschule Ludwigsburg stellt Ergebnisse ihrer empirischen Studie zu verschiedenen Motiven für Kulturbesuche im Urlaub und Aneigungsweisen von Touristen vor. Dr. Dieter Brinkmann von der Hochschule Bremen präsentiert Ergebnisse einer empirischen Studie, die zeigt, dass und wie in populären touristischen Erlebniswelten wie etwa dem Europapark Rust „emotionales Lernen" stattfindet.

Wie gehen Kulturinstitutionen auf die wachsende Anzahl von Touristen ein, die nicht als Fachbesucher sondern während einer Urlaubsreise kulturelle Angebote erleben wollen? Welche neuen Marketing- und Vermittlungskonzepte entstehen? Silke Hollaender, die bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg für Tourismusmarketing zuständig ist, stellt Vermittlungsprogramme für touristisch sehr stark frequentierte Museen vor – wie sie etwa für Schloss Sanssouci in Potsdam entwickelt wurden. Sie erklärt, wie es gelingt, für weniger bekannte Kultur-Orte Interesse zu schaffen.
Dr. Michael Prieß, Leiter des Bereichs „Inszenierte Bildung" der Autostadt Wolfsburg – ein beliebtes „Kurzurlaubsziel" und meistbesuchtes Museum Norddeutschlands – spricht über die Vermittlungskonzepte der Autostadt, um Menschen unterschiedlicher Bildungsmilieus und Altersgruppen zu erreichen. Am Ende der Tagung können die Teilnehmer dies vor Ort überprüfen.

In den letzten Jahren entstanden neue „interkulturelle Tourismusformen" wie das informelle Couch-Surfing, wo vor allem junge Reisende über private Kontakte und Wohnen in privatem Umfeld eine Stadt oder ein Land kennenlernen. In sogenannten Dritte Welt Ländern wurden „Slum-Touren“ oder „Town-Ship-Führungen“ als non-profit-Projekte entwickelt. Touristen werden von einheimischen Besuchern durch ihre Lebens-Orte geführt. Was lässt sich aus diesen Trends für die Zukunft von kulturtouristischen Anbietern, ebenso wie für die Vermittlung von touristisch relevanten Kultureinrichtungen lernen? Prof. Dr. Christian Antz, Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt, formuliert zum Abschluss der Tagung Kriterien für Kultur-Marketing und Vermittlung, mit denen man Regionen wirtschaftlich und kulturell positionieren und für verschiedene Gruppen kulturtouristisch attraktiv aufbereiten kann.

Veranstalter der Konferenz sind das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Prof. Dr. Birgit Mandel leitet die Konferenz.

Buchtipp – detaillierte Hintergrundinformationen in: Mandel, Birgit: Tourismus und Kulturelle Bildung. Potentiale, Voraussetzungen, Praxisbeispiele und empirische Erkenntnisse. München 2012

Kontakt über die Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-102, 0177.8605905, presse@uni-hildesheim.de).