Postdoktorandin Wiebke Hiemesch: "Wir wollen die Quellen im Original erforschen"

Thursday, 03. December 2020 um 13:00 Uhr

Teil 2 der Serie "Forschung in Zeiten der Pandemie": Um Kinderzeichnungen und heimlich von Hand geschriebene Schulbücher aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück geht es im Projekt "Paradoxe Bildung – Widerstand – Überleben". Doch die Originalquellen befinden sich in Schweden.

Post-Doktorandin Wiebke Hiemesch bereitet die Arbeit an den Originalen derzeit digital vor. Fotos (2): Isa Lange

Ravensbrück im Norden Brandenburgs: In einem ab 1938/39 von der SS errichteten Frauenkonzentrationslager leisteten hier die Inhaftierten Zwangsarbeit. Bis 1945 wurden in Ravensbrück und seinen Außenlagern etwa 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche aus 30 Nationen als Häftlinge registriert. Zehntausende starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente – oder wurden in dem ab 1941 zur Hinrichtungsstätte umgebauten Lager gezielt ermordet.

Von einem heimlichen Alltag unter Bedingungen extremer Gewalt zeugen handschriftlich angefertigte Schulbücher, die bei der Evakuierung und späteren Räumung des Lagers erhalten blieben, und sich heute im schwedischen Lund befinden. Ebenfalls die Zeit überdauert haben rund 50 Zeichenblätter der 1944 im Alter von 14 Jahren inhaftierten Polin Krystyna Zaorska. Ihre detailgenauen Bilder, vielfach Frauenporträts, Alltagsszenen oder Darstellungen polnischer Traditionen, befinden sich in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Diese Zeitdokumente mit Blick auf ihre besondere Entstehungsgeschichte zu erschließen, zu analysieren und zugleich auch dazu beizutragen, die methodischen Ansätze zur Interpretation solcher Quellen voranzubringen, das ist das Ziel des Projekts „ Paradoxe Bildung – Widerstand – Überleben. Der geheime Unterricht und Kinderzeichnungen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück“ von Prof. Dr. Meike Baader und Dr. Wiebke Hiemesch (Institut für Erziehungswissenschaften). Doch die Corona-Pandemie erschwert momentan sowohl den Zugang zum Untersuchungsmaterial als auch den angestrebten interdisziplinären Austausch.

„Geplant waren eigentlich drei große Präsenz-Workshops mit Expert*innen aus den Bereichen Kunstgeschichte, Traumatherapie, Kunstdidaktik, Bildungsgeschichte und Literaturwissenschaft“, sagt Wiebke Hiemesch. „Der erste Workshop mit polnischer und schwedischer Beteiligung sollte ursprünglich bereits in diesem Jahr laufen, stattdessen planen wir nun für März/April 2021 eine digitale Veranstaltung.“ Vielleicht, so hofft die Nachwuchswissenschaftlerin, kann dann zumindest die Folgeveranstaltung im kommenden Sommer in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück wieder in Präsenz laufen.

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hatte Hiemesch Interviews mit Überlebenden des Lagers Ravensbrück geführt beziehungsweise bereits vorhandene Interviews ausgewertet, darunter auch eines mit der Polin Krystyna Zaorska. „Darüber bin ich auf ihre Zeichnungen gestoßen, und später auch auf die Unterrichtsmaterialien.“ Schnell war klar, dass sich daraus über das Promotionsthema hinaus Forschungsansätze ergeben würden, an denen sie gemeinsam mit Meike Baader weiter forschen wollte. Obwohl das aktuelle, von der DFG geförderte Projekt – bedingt durch eine Teilzeit-Arbeitsregelung – immerhin auf vier Jahre angelegt ist, gerät der Zeitplan durch die eingeschränkten Reisemöglichkeiten schon im jetzt laufenden ersten Jahr unter Druck. „Eine Arbeit am Original ist im Moment nicht möglich“, bedauert Hiemesch, „aber positiv ist immerhin, dass man in Schweden sehr weit ist mit der Digitalisierung, und ich die Möglichkeit habe, mit hochaufgelösten Scans zu arbeiten.“ Dies ist allerdings kein Ersatz für die weiterhin ausstehende Begutachtung der Materialien vor Ort, ihrer Herstellungsart und der Gebrauchsspuren. Aber immerhin eine Möglichkeit, diese Quellenarbeit gut vorzubereiten. „Ich mache mir Notizen, was ich mir dann an den Originalen genauer ansehen möchte.“

Wann unter den derzeitigen Bedingungen ein Forschungsaufenthalt in Schweden überhaupt wieder möglich sein wird, ist momentan noch ungewiss. Innerhalb Deutschlands stehen die Chancen dagegen besser. Im Februar möchte Wiebke Hiemesch im Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an den Zeichnungen von Krystyna Zaorska arbeiten. Wenn nichts dazwischenkommt.

Text: Sara Reinke

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Ihr Forschungsprojekt ist ebenfalls durch die Corona-Pandemie in besonderer Weise beeinträchtigt und Sie möchten davon berichten? Nehmen Sie gern Kontakt auf unter: wissendigital(at)uni-hildesheim.de

In Teil 1 der Serie "Forschung in Zeiten der Pandemie" berichtet Prof. Dr. Martin Sauerwein aus dem Fachbereich Geographie


Prof. Dr. Meike Baader leitet das Forschungsprojekt Paradoxe Bildung - Widerstand - Überleben.

Vokabelübungen - Quelle Universiätsbibliothek Lund.

Handschriftlich angefertigtes Lehrmaterial - Quelle Universiätsbibliothek Lund.