Musikalisch mehrsprachig

Sunday, 24. February 2013 um 15:15 Uhr

„Die Vielfalt der Kulturen sollte in der Bildungslandschaft stärker als Potential verstanden werden", so der Generalsekretär des Deutschen Musikrats. Der Studiengang musik.welt – Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung setze „richtungsweisende Impulse“. Vor einem Jahr startete das Pilotprojekt der Stiftung Niedersachsen und der Universität Hildesheim mit 20 Studierenden im Alter von 25 bis 60 Jahren. Nun gibt es erste sichtbare Ergebnisse. Und hörbare.

Musikalisch mehrsprachig – statt Querflöte spielt Jana Lipnicki auf der türkischen Längsflöte Ney. Yusuf Sengör hat seine Saz mit einer Gitarre ausgetauscht und probt Akkordgriffe. Die beiden gehören zu den 20 Studierenden des berufsbegleitenden Studiengangs musik.welt – Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung. Seit Januar 2012 lernen sie innerhalb von zwei Jahren ein Instrument aus einer anderen Kultur zu spielen. Erstmals zeigten sie am Freitag in einer Werkschau ihr Können. Im „Center for World Music“ erklangen mehr als 15 verschiedene Instrumente – Mbira, Balafon, Tabla, Klavier, Saz, Darbuka, Ney, Blockflöte, Klarinette, Sitar.

Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, betont: „Die Vielfalt der Kulturen ist ein unermesslicher Reichtum, der in der Bildungslandschaft viel stärker als Potential für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft verstanden werden sollte. Insofern setzt der Studiengang musik.welt – Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung richtungsweisende Impulse.“

„Die aus europäischer Sicht oft immer noch als ‚primitiv‘ abgewerteten Instrumente anderer Kulturkreise sind hochgradig komplex“, unterstreicht Kurt Klose, der das Modul „Instrumentalunterricht“ leitet und mit dessen Hilfe die Studentengruppe in den vergangenen Monaten zum Ensemble wurde. „Die große Neugier unserer Studenten ist beeindruckend, sie sind offen für alle kulturellen Einflüsse von der ‚anderen‘ Seite.“ Die Studierenden arbeiten künftig mit Jugendlichen und Erwachsenen zusammen, „um musikalische Vielfalt zu transportieren“. „In unseren Klassenzimmern kommen die Klänge und Instrumente aus anderen Kulturkreisen zu selten vor“, sagt Klose.

„Ich habe lange gebraucht, um mit der türkischen Ney einen ersten Ton zu erzeugen“, berichtet Studentin Lipnicki. Die Kulturwissenschaftlerin spielte zuvor schon seit vielen Jahren Querflöte und hat sich in das orientalische Tonsystem, in die Melodien und Spielweise der Ney eingearbeitet. „Ich bin noch ein Anfänger, aber seit einem Jahr hat sich viel getan. Von meinem musikalischen professionellen Niveau auf der Querflöte musste ich runterkommen und mit Geduld Tonleitern üben“, sagt sie mit großem Respekt vor ihrem Instrument. Jana-Kerstin Lipnicki spricht von einer „grundlegenden Erfahrung“. „Unabhängig vom Arbeitsalltag ist es bereichernd, sich außerhalb des Systems einer westlich-klassischen Ausbildung zu bewegen. Das gilt für die Musik, fürs Sprachenlernen und das ganze Leben", sagt sie. Lipnicki arbeitet bei der Landesmusikakademie Niedersachsen als Bildungsreferentin für vokales Musizieren.

Jeder Student führt im Studium ein „Praxisprojekt" durch. In Hannover startet zum Beispiel das Projekt „Saz trifft Geige". Die 28-Jährige Lipnicki hat die Veranstaltungsreihe „Transkulturelle Matinée“ entwickelt. Von Februar bis April werden Musiker in Wolfenbüttel Lieder aus dem Nordiran, Georgien und Brasilien vortragen und mit dem Publikum darüber ins Gespräch kommen. 

„Mit Musik kann man in der Integrationsarbeit viel erreichen. Musik verbindet Menschen gleich welcher Herkunft“, sagt Yusuf Sengör, der seit der Kindheit Saz spielt. Seit einem Jahr hat er wöchentlich Gitarrenunterricht und lernt Noten zu lesen. Seit 30 Jahren arbeitet Sengör als Lehrer für herkunftssprachlichen Türkischunterricht an niedersächsischen Schulen mit Kindern, von denen bis zu 60 Prozent eine Zuwanderungsgeschichte haben – und mit unterschiedlichen Klängen, Rhythmen und Melodien aufgewachsen sind.

Kulturelle Vielfalt in der musikalischen Bildung

In Deutschland leben viele Menschen aus anderen Kulturen, die teilweise hoch entwickelte musikalische Kenntnisse haben, die sie weitergeben könnten. Oft wird diese Vorbildung bei uns nicht anerkannt. Hier setzt ein Weiterbildungsstudiengang an, den die Stiftung Niedersachsen und die Stiftungsuniversität Hildesheim unter dem Titel „Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung" entwickelt haben.

Die 20  Studierenden erhalten seit Januar 2012 eine zweijährige musikethnologische und -pädagogische Ausbildung am Center for World Music. Dazu gehören der Umgang mit Medien, die Entwicklung eines eigenen Praxisprojektes und das Erlernen eines Instruments der jeweils anderen Kultur. Die Hälfte der Studierenden – darunter Musiker, Lehrkräfte, Elektrotechniker und Sozialarbeiter im Alter von 20 bis 60 Jahren – kommt aus Ländern wie Georgien, Marokko, Türkei, Russland, Iran, Deutschland.

Wie Musik zur Fremdsprache wird, Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 21.02.2013