Modernisierung der Bildung

Tuesday, 02. November 2004 um 00:00 Uhr

Hocschulen und Schulen benötigen unterschiedliche Reformansätze

Die Internationale Akademie zur Humanisierung der Bildung, die ca. 200 Hochschullehrer aus 21 Nationen zu ihren Mitgliedern zählt, hielt ihren Kongress 2004 im russischen Nowgorod an der dortigen Staatlichen Universität ab. Akademie-Präsident ist der Hildesheimer Erziehungswissenschaftlicher Prof. Dr. Rudolf W. Keck. Er reiste gemeinsam mit einer Delegation des Instituts für Angewandte Erziehungswissenschaft und Allgemeine Didaktik nach Russland, um den internationalen Bildungsdialog zu führen.

In Nowgorod stand die "Modernisierung der Bildung" auf der Tagesordnung. Die Teilnehmer unterstrichen grundsätzlich die Notwendigkeit einer Modernisierung des Hochschulwesens. Vor allem wirtschaftliche Effizienzgründe seien es, die die europäische Hochschullandschaft derzeit unter Reformdruck setzen. Angestoßen durch den so genannten Bolognaprozess der EU werden alle Studiengänge neu strukturiert. Bachelor und Master heißen die neuen Abschlüsse, die das Diplom und den Magister an den Hochschulen mit dem Ziel einer internationalen Vergleichbarkeit, ablösen.

Entgegen dem begrüßten Reformkurs an den Hochschulen wurde die Modernisierung an Schulen im Rahmen der Tagung nur verhalten in den internationalen Kontext gestellt. Der Bildungsauftrag der Schule, also gegenüber einer meist noch nicht mündigen Schulklientel,habe zuberücksichtigen, dass das Hineinwachsen in die Erwachsenengesellschaft besonders begleitet werden muss. Vor allem Angst- und Gewaltfreiheit und die Vermittlung von gesellschaftlichen und kulturellen Werten sind zu berücksichtigen. Kurzum: "Erziehender Unterricht" in Schule darf nicht nur nach wirtschaftlicher Effizienz betrachten werden. Als Negativbeispiel diente die Praxis in England, wo Rankingskalen die Schulbezirke vornehmlich nach wirtschaftlichen Kriterien abbilden und dabei die soziale Bildungsverantwortung des Staates vernachlässigt wird. In Deutschland gälte es – nach dem und trotz des Pisaschocks – der Verführung zu falsch verstandener Modernisierung der Schule zu widerstehen, so Appell und Fazit der Hildesheimer Delegation.

Buchtipp
Vor zwei Jahren haben sich die Mitglieder der Akademie in Bozen getroffen. Unter dem Titel "Schule in der Fremde – Fremde in der Schule" wurde der Kongressband in diesem Jahr veröffentlicht.

Schule in der Fremde – Fremde in der Schule. Heterogenität, Bilingualität – kulturelle Identität und Intergration. Herausgegeben von Rudolf W. Keck, Margitta Rudolph, David Whybra, Werner Wiater. LiT 2004. ISBN 3825873021. 24,90 Euro.

 


Die Internationale Akademie zur Humanisierung der Bildung ist eine Wissenschafts-Initiative, die 1995 mit dem Ziel gegründet wurde, den Diskussions- und Entwicklungsprozess zu fördern, der nach der Perestroika in der ehemaligen Sowjetunion und den Ostblockstaaten einsetzte. Die Akademie versteht sich dabei als Brücke hin zur Demokratisierung und Humanisierung von Bildungs- und Erziehungsbemühungen, zur Implementierung und Orientierung beim Wertewandel und nicht zuletzt als Motivation für eine gemeinsame Reflexion über individuelle und kollektive Identitäten überall auf der Erde. Die Mitglieder der Akademie kommen aus europäischen, nord- und lateinamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Ländern und Regionen. Der Diskussionsprozess wird deshalb global definiert und auf der Grundlage einer mehrsprachig ausgerichteten Kommunikation an den Werten und Normen orientiert, wie sie in der von den Vereinten Nationen 1948 formulierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufgeschrieben wurden.