Europa-WG

Friday, 30. December 2011 um 08:10 Uhr

Was Europa im Innersten zusammenhält? In der Krise der Währungsunion fällt es immer mehr Menschen schwer, sich mit Europa zu identifizieren, sagen Hannah Pfurtscheller, Pamina Dittmann und Marco Barsda. Mit über 40 Studierenden versuchen sie abseits von politischen Hierarchien ihre eigenen Ideen von grenzüberschreitenden Gemeinschaften zu gestalten. Isa Lange sprach mit den kreativen Köpfen von transeuropa2012 über das Experiment Europa-WG und die Idee des Theater- und Performancefestivals.

2012 wagt transeuropa den Sprung in die siebte Runde. Neu ist eigentlich alles – das Team, das Thema des Festivals, die Ideen, die Infrastruktur, ein Büro im Theaterneubau auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg. „Obwohl wir auf den Erfahrungen des vorherigen Teams aufbauen, fängt man fast bei null an“, erzählt Hannah Pfurtscheller, die für transeuropa die Künstlerische Leitung übernimmt. Die 24-Jährige studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, war neben ihrem Studium als Regie- und Dramaturgiehospitantin am Schauspiel Köln und am Maxim Gorki Theater Berlin tätig und hat bereits 2009 bei transeuropa mitgewirkt. „So professionell das Festival in den vergangenen 17 Jahren geworden ist – transeuropa bleibt ein Probier- und Lernfeld für Studierende. Im Uni-Kontext können wir neue  Formate ausprobieren, das wäre woanders kaum möglich. Es ist eine große Herausforderung und Chance, diese Verantwortung übernehmen zu können“, hebt Pfurtscheller hervor.

Das Festival hat eine lange Tradition, findet seit 1994 alle drei Jahre statt. Es hat sich als wichtige Plattform zum Aufspüren neuer ästhetischer und diskursiver Entwicklungen in der freien Theaterszene in Europa profiliert. Künstlerinnen und Künstler aus 16 europäischen Ländern waren bisher in Hildesheim zu Gast, über 200 Studierende haben mitgewirkt. Die Idee von transeuropa war es, kurz nach dem Fall der Mauer, einen Austausch zwischen der west- und osteuropäischen Kulturszene zu ermöglichen. „Wir haben jetzt das Bedürfnis, die Förderung des Austauschs zu erweitern und haben daher drei Gastländer ausgesucht, die in alle Himmelsrichtungen zeigen“, unterstreicht Pfurtscheller. „Und die drei Länder haben eine unterschiedliche Beziehung zur Europäischen Union“, ergänzt Marco Barsda. Der 24-Jährige ist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie das Sponsoring zuständig. „Portugal im Südwesten ist schon lange Teil der EU, Litauen im Osten erst seit kurzem – und Island im hohen Norden?“ Für Island ist die 23-jährige Pamina Dittmann zuständig. Die gebürtige Schweizerin kuratiert die isländischen Künstlerinnen und Künstler, nachdem sie vor drei Jahren für das Partnerland Türkei als Künstlerbetreuerin zuständig war. „Islands Verhältnis zur EU ist zwiespältig“, erzählt Dittmann. Das hat sie selbst erlebt, um die Künstler für das Festival auszuwählen, reiste sie im August nach Island, sah Plakate mit den Aufschriften „Europa – auf gar keinen Fall!“. Auf der zehntägigen Reise durch Island haben die Studierenden die Künstler persönlich aufgesucht, schließlich laden sie nicht bloß Kulturschaffende, sondern Persönlichkeiten ein. Entstanden ist zudem eine Kooperation mit der Academy of Arts Reykjavik in Island, die einen Studiengang „Theorie und Praxis“ anbieten. Studierende aus Reykjavik und Hildesheim werden jeweils für einige Wochen in das Partnerland reisen und schließlich gemeinsam vier Wochen lang eine Produktion in Hildesheim erarbeiten, die auf dem Festival uraufgeführt wird.

2012 steht das Thema „Gemeinschaften“ im Mittelpunkt. „Wir fragen uns, wie Menschen heute zusammenkommen und erforschen ihre Netzwerke und Kommunikationsstrategien. Dabei nehmen wir die Europäische Union genauso in den Blick wie virtuelle Trauergemeinden im Internet oder die Occupy-Bewegungen“, sagt Barsda. Warum sie sich Gedanken über Europa machen? „In der Krise der Währungsunion fällt es immer mehr Menschen schwer, sich mit Europa zu identifizieren. Wir versuchen abseits von politischen Hierarchien unsere eigenen Ideen von grenzüberschreitenden Gemeinschaften zu gestalten.“, betont Barsda. Das Festival ist auch ein politisches Statement. „Wir möchten den Austausch innerhalb Europas fördern. Was ist denn unsere europäische Identität und eine europäische Gemeinschaft? Diesen Diskurs möchten wir – im Medium der Kunst – fördern, eine Diskussionsplattform schaffen“, erläutert Pfurtscheller. Während des Festivals bilden sie zudem selbst eine multikulturelle Gemeinschaft.

Das junge, europäische Theater- und Performancefestival wird von einem achtköpfigen studentischen Kernteam organisiert, in einer Lehrveranstaltung bereiten sie das Festival derzeit zusammen mit ca. 35 Kommilitonen und Kommilitoninnen vor und investieren all ihre Zeit in die Organisation. Zu dem Kernteam, das seit eineinhalb Jahren zusammen arbeitet, gehören auch Marleen Wolter, Aishe Spalthoff, Kristin Grün, Michael Kranixfeld, die alle Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studieren, sowie Stefanie Hartung, die im Masterstudiengang Inszenierung der Künste und Medien studiert. Professoren und Mitarbeiter des Instituts für Medien und Theater und des Instituts für Kulturpolitik beraten und unterstützen die Studierenden, bieten Lehrveranstaltungen an. Förderer des Festivals sind bisher die Stiftung Niedersachsen, Friedrich Weinhagen Stiftung, Stiftung Niedersächsischer Volksbanken, die Bürgerstiftung Hildesheim sowie die Universität Hildesheim. Auf weitere Unterstützer hoffen die Organisatoren, ob Unternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen. Das Budget muss noch etwas anwachsen, um die innovativen Konzepte der Festivalmacher auch in die Realität umsetzen zu können und als herausragendes Festival im deutschsprachigen Raum wahrgenommen zu werden. „Unser Festival soll der ganzen Stadt zugänglich sein. Wir freuen uns auf den Austausch mit den Hildesheimer Bürgerinnen und Bürgern, entwickeln auch spezielle Vermittlungsformate“, sagt  Dittmann. Mit Absolventen der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst – Quintessenz – kooperieren die jungen Kulturwissenschaftler, sie entwickeln das Corporate Design für das Festival. „Passend zu unserem Thema möchten wir Gemeinschaften mit den Hochschulen, der Stadt, den Schulen, den Bürgern eingehen. Wir möchten ausschwärmen, in die Stadt hinein wirken“, hebt Pfurtscheller hervor.

„Was wir machen, ist eine forschende Praxis. Ein reflektieren über die Praxis – zum Teil bereits in der Aufführung. Wir sind stark geprägt von der Hildesheimer Schule. Als Kuratoren und Kuratorinnen suchen wir nach mutigen Formaten, die Ereignisse auf der Bühne erzeugen und die Funktion des Zuschauers einbeziehen. Wie können gemeinschaftliche Ereignisse auch für den Zuschauer hergestellt werden?“, fragt Dittmann.

Während des Festivals werden acht Gastspiele aus den Partnerländern Island, Litauen und Portugal sowie dem deutschsprachigen Raum nach Hildesheim eingeladen. Zudem werden vier Eigenproduktionen speziell für das Festival entwickelt, und in der Festivalwoche uraufgeführt – darunter die Produktion der Studierenden aus Reykjavik und Hildesheim. Die Künstlerinnen und Künstler werden vier Wochen vor Festivalbeginn nach Hildesheim eingeladen und erhalten neben Unterkunft und Probenraum auch eine Produktionsassistenz. „Mit ‚living room‘ starten wir eine europäische Wohngemeinschaft in Hildesheim. Eine Europa-WG, in der das Zusammenleben thematisiert wird. Aus jedem Land wird ein Künstler oder eine Künstlerin anreisen, in einer Wohnung werden sie zusammen leben und arbeiten“, erläutert Pfurtscheller.

In Kooperation mit der Jungen Presse Niedersachsen hat das Team von transeuropa einen Blog im Internet gestartet: Junge Journalisten aus ganz Europa schreiben zum Thema Gemeinschaften (we swarm). Neben dem Probieren neuer Gesprächsformate über das Festivalthema und die gezeigten Theaterformen veranstaltet transeuropa eine Diskussion zur Nachwuchsförderung und ein Bankett für Festivalforschung, an dem Kuratorinnen und Kuratoren aus Europa teilnehmen.

Alle sind eingeladen im kommenden Mai Theater zu erleben, sich im pulsierenden Festivalzentrum zu treffen, den inspirierenden Austausch zu genießen und außergewöhnliche Partys zu feiern.

transeuropa2012 findet vom 12. bis 19. Mai 2012 in Hildesheim statt. www.transeuropa-festival.de

Lesen Sie den Artikel über transeuropa2012 im Uni-Journal, Ausgabe Dezember 2011


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