Literatur als Ereignis

Wednesday, 25. May 2011 um 07:32 Uhr

Vom 26. bis 29. Mai 2011 lädt das größte Festival für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur PROSANOVA nach Hildesheim. Artur Dziuk, Künstlerischer Leiter, sprach über das Programm, das Konzept und die Herausforderungen der Festivalorganisation. Über 70 Studierende der Stiftungsuniversität arbeiten an der Umsetzung des Festivals.

An vier Festivaltagen und in mehr als 30 Veranstaltungen feiert die jüngste Autorengeneration Literatur als Ereignis. Über 80 Künstlerinnen und Künstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum sind zu Gast. Nach dem großen Erfolg des Festivals in den Jahren 2005 und 2008 steht die Lesung als eigenständige Kunstform im Zentrum. Kuratiert wird PROSANOVA von den Herausgeberinnen und Herausgebern der Literaturzeitschrift BELLA triste, die mit ihrer dreißigsten Ausgabe 2011 ihr zehnjähriges Bestehen feiert: Artur Dziuk, Clara Ehrenwerth, Nikolas Hoppe, Victor Kümel und Nadja Wünsche.

Isa Lange: Was sind die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen einer Lesung und dem Lesen eines Buches?

Artur Dziuk: Der entscheidende Unterschied ist die Situation, in der der Text rezipiert wird. Raum, Zeit und Art der Rezeption werden also zu grundlegenden Parametern. Der Leser kann sich aussuchen, ob er einen Roman auf der Hollywoodschaukel oder lieber auf dem Klo aufschlägt, kann sich entscheiden, ob er im Licht einer Kerze oder eines Fernsehers liest, er kann bestimmte Textstellen laut lesen oder das Buch weglegen, sobald es zu spannend wird. Bei einer Lesung ist der Zuhörer dem Veranstalter und dem Autoren ausgeliefert. Die Parameter können von außen gesteuert werden, es kann mit Zeit gespielt werden, und so mit Absicht Langeweile oder Nervosität erzeugt werden. Damit gelten für eine Lesung ähnliche Vorraussetzungen wie für eine Theateraufführung. Die Lesung kann, sofern der Autor und die Veranstalter das wollen, diese Parameter und Vorraussetzungen mitdenken, mit ihnen arbeiten. Auf diese Weise wird eine Lesung zu einem eigenständigen Kunstwerk. Zum Ereignis wird sie dann, wenn sie die Erwartungen des Rezipienten nachhaltig verändert und das ist es, was wir bei PROSANOVA vorhaben.

Bücher überdauern die Lebenszeit des Autors und unsere eigene, sind immer und überall „abrufbar", mittlerweile sogar digital. Die Lesung aber ist einmalig an Ort, Raum und Zeit gebunden. Warum sollte man zum Literaturfestival PROSANOVA kommen?

Eben wegen der Einmaligkeit. Die Zuhörer werden Zeugen und Mitgestalter von literarischen Ereignissen, die es in dieser Form nicht mehr geben wird. Wir haben uns mit den Texten der Autoren beschäftigt und richten die Räume, in denen gelesen wird, den Texten entsprechend ein, erzeugen so eine Atmosphäre, die dem Text gerecht wird und die Lesung zu einem einmaligen Erlebnis macht.

Das deutschlandweit bekannte Literaturfestival findet auf dem Gelände der ehemaligen Mackensen-Kaserne statt. Welche Rolle spielt der Ort bei einer Lesung?

Der Ort hat natürlich einen großen Einfluss auf die Atmosphäre des Festivals. Die Mackensen-Kaserne eignet sich sehr gut für PROSANOVA, weil sie viele unterschiedliche Atmosphären bietet, mit denen wir arbeiten können. Verwaltungsräume zum Beispiel, eine Reithalle, in der man fast noch die Pferde riechen kann. Hallen, in denen früher Panzer geparkt wurden, aber auch grüne Wiesen, auf denen während des Festivals gezeltet werden kann. Die Autoren müssen mit diesen Atmosphären umgehen. Für die Autoren der Hauptveranstaltung, die von uns den Auftrag bekommen haben, ihre perfekte Lesung auf PROSANOVA umzusetzen, stellte sich schon sehr früh die Frage, auf welchem Gelände und in welchem Raum die Lesungen stattfinden, denn der Raum ist ein Faktor, der Einfluss nimmt auf alle anderen ästhetischen Überlegungen.

Wie unterschiedlich können Lesungen sein?

In der Veranstaltung „Behördengang" lesen Hendrik Jackson, Svenja Leiber und Leif Randt; hierbei entsteht aus dem Zusammenspiel von Text und Raum eine einzigartige Atmosphäre. Im „Fadenspiel" wird Lino Wirag durch Interaktion mit dem Publikum einen Text live entwickeln, Andre Rudolph und Uljana Wolf werden diesen dann kürzen und schneiden, und mit diesem Verfahren Lyrik entstehen lassen. Sie bieten also Einblick in ihren Produktionsprozess. In den Dunkellesungen werden Guy Helminger, Dieter M. Gräf und Annika Scheffel in einem völlig abgedunkeltem, von äußeren Störungen befreiten Raum lesen. Das Publikum kann sich also voll und ganz auf die Stimme des Autors und seinen Text konzentrieren.

Über 70 Studierende der Stiftung Universität Hildesheim bilden das Team von PROSANOVA. Wie haben Sie sich organisiert?

Die Künstlerische Leitung von PROSANOVA hat letztes Semester an der Universität ein Seminar und Übungen zu den verschiedenen Posten angeboten, also Organisation, Finanzen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Raumgestaltung und Rahmenprogramm. In diesen Übungen haben wir das Festival konzipiert und in Fahrt gebracht, dieses Semester setzen wir es in vielen kleinen Arbeitsgruppen um. Es arbeiten so viele Studierende und andere Helfer mit, dass man irgendwann den Überblick verliert, was alles gleichzeitig passiert. Während eine Gruppe 2000qm Teppich verlegt, um die Akustik in einigen Räumen in den Griff zu kriegen, machen andere den Kartenvorverkauf in unserem Festivalbüro. Das Team arbeitet auch außerhalb der Seminarzeiten an dem Festival, eigentlich Tag und Nacht, ohne diese Aufopferung wäre die Realisierung eines Festivals in dieser Größenordnung nicht möglich.

Was raten Sie Jemandem, der noch nie bei PROSANOVA dabei war. Welche Veranstaltung bietet einen guten Einstieg?

Ich persönlich freue mich am meisten auf die Hauptveranstaltungen, bin mir aber sicher, dass jede Veranstaltung ein Stück PROSANOVA-Gefühl aufkommen lässt. Dieses Gefühl ist schwierig in Worte zu fassen und entsteht eigentlich aus allem, was das Festival bietet: Auf dem Festivalgelände werden Autoren, Musiker, Journalisten, Studierende und Literaturinteressierte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum versammelt sein. An allen Ecken und Enden inner- und außerhalb der Kaserne werden aufregende Dinge passieren. Die Lounges bieten Raum um in Ruhe zu lesen oder Filme zu schauen, auf der Litradio-Chaiselounge werden Künstler interviewt. Literaturinstallationen können besucht, es kann gegessen und getrunken werden. Es wird Tischtennis oder Kicker gespielt, dann natürlich die Lesungen! Abends die Konzerte und nachts das Tanzen und Feiern. Das und vieles mehr ist PROSANOVA.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihr Festival!

 

PROSANOVA 2011 wird am Donnerstag, 26. Mai 2011, um 18:00 Uhr in der Mackensen-Kaserne eröffnet. Weitere Informationen: www.prosanova.net

Prosanova Festivalzeitung