„Sprechen wir besser über eine Verpflichtung zur Wahrnehmung des Impfprivilegs"

Tuesday, 15. March 2022 um 12:25 Uhr

Dr. Alexander Merkl, Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim, plädiert bei der aktuellen Debatte um eine Corona-Impfpflicht für mehr sprachliches Feingespür. Schuldzuweisungen und empfundene oder tatsächliche Zwänge ließen den Widerstand der (noch) Nicht-Geimpften erst recht wachsen, die Diskussion müsse immer auch für fundierte Gegenargumente und Kompromissvorschläge offen sein. Merkls eigene Position indes ist deutlich: „Wir brauchen die Impfpflicht, um aus dem permanenten Notstand rauszukommen. Ethisch ist sie durchaus vertretbar und gut zu begründen."

Dr. Alexander Merkl ist Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim. Fragen der medizinischen Ethik gehören zu seinen Forschungsschwerpunkten. Foto: Ingo Jung

Dass es auch unter Ethikern nicht „die eine Meinung gibt", sagt Prof. Dr. Alexander Merkl, habe der Richtungswechsel des Deutschen Ethikrats gezeigt. Dieser hatte sich zuletzt für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Das Votum war jedoch nicht eindeutig ausgefallen und widersprach der früheren Positionierung. Im Nachgang relativierte der Ehtikrat seine Empfehlung und betonte die Erfordernis einer „Revisionsoffenheit“ in dem sich wandelnden Pandemiegeschehen.

„Die Frage ist immer, welche Alternativen es gibt", sagt Merkl. Wer sich gegen eine allgemeine Impfpflicht ausspreche, müsse Argumente haben, wie stattdessen aus dem aktuellen Dauer-Notstand herauszukommen sei. „Dazu habe ich noch keine wirklich brauchbaren Vorschläge gehört." Und solange gelte aus seiner Sicht, dass der Ruf nach Freiheit und Autonomie des Einzelnen immer dort ende, wo die Freiheit der anderen eingeschränkt werde. „Aus individueller Sicht kann man die Impfung als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit sehen, doch demgegenüber stehen massive Freiheitseinschränkungen durch 2G- und 3G-Regeln, ökonomische Einschränkungen, eingeschränkter Schulbetrieb und eine sich verstärkende Bildungsungerechtigkeit, aber auch medizinische Folgeschäden zum Beispiel durch aufgeschobene Operationen." So weiterzumachen wie bisher scheine daher wenig vertretbar.

Für problematisch hält Merkl allerdings Schuldzuweisungen und harte Rhetorik aller Art und plädiert für semantisches Feingespür in der oft emotional geführten Debatte. So spricht er statt von Impfgegnern lieber von den Noch-Ungeimpften. Und statt des Wortes Impfpflicht, welches Assoziationen von Zwang und Gewalt auslösen könne, greift er einen Begriff auf, den Prof. Dr. med. Jürgen Tebbenjohanns, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin des Helios Klinikum Hildesheim, kürzlich in einer Online-Diskussionsrunde verwendete, an der auch Merkl teilnahm: Impfprivileg.

Eine „Verpflichtung zur Wahrnehmung des Impfprivilegs", wie Merkl es formuliert, müsse immer mit einer Abwägung von Risiken und Verhältnismäßigkeiten einhergehen – nicht nur medizinisch. „Auch in der Ethik hat eine einmal getroffene Aussage keinen Endgültigkeitsanspruch, sondern stellt eine Positionierung zu einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Voraussetzungen und mit einem bestimmten Kenntnisstand dar. Unsicherheiten muss man dabei einkalkulieren.“ Eine Impfpflicht habe eine andere Eingriffstiefe als beispielsweise die Einführung der Gurtpflicht im Auto, die in den 70er-Jahren ebenfalls in Teilen der deutschen Bevölkerung starke Gegenwehr hervorrief. „Eine Impfung hat unbestreitbar ein Restrisiko, wenn auch ein marginales“, sagt Merkl. Doch auf der anderen Seite hat die Corona-Impfung ebenfalls unbestreitbar positive Auswirkungen und die gelte es ins Verhältnis zu setzen. Sowohl zum individuellen Risiko von möglichen Impf-Folgeschäden als auch zum gesellschaftlichen Risiko des „Weiter so“ ohne Impfpflicht. „Gibt es überhaupt eine Alternative zur Impfpflicht?“, ist die offene Frage, die sich aus Merkls Sicht ableitet. Er selbst beantwortet sie mit einem klaren Nein.

Zur Person: Prof. Dr. Alexander Merkl

Dr. Alexander Merkl ist Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim. Er studierte katholische Theologie, lateinische Philologie und Erziehungswissenschaften in Regensburg (mit Auszeichnung), und promovierte 2015 zum Dr. theol. an der Universität Regensburg (summa cum laude). Die Habilitation im Fach Moraltheologie erfolgte im Dezember 2020 an der Universität Bonn bei Jochen Sautermeister mit einer Arbeit zum Thema "Vitia capitalia. Moralhistorische Rekonstruktionen, humanwissenschaftliche Erweiterungen und theologisch-ethische Grundlegungen zu den Sieben Hauptlastern".

Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkte zählen medizinische Ethik, Friedensethik, Ethik der Tugenden und Laster sowie ethische Fragen der Europäischen Union.