Kulturpolitik: Professor Julius Heinicke

Tuesday, 08. September 2020 um 17:37 Uhr

Seit dem Sommersemester 2020 forscht und lehrt Prof. Dr. Julius Heinicke am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Der Wissenschaftler wurde auf die Professur für Kulturpolitik berufen. Heinicke befasst sich als Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls „Cultural Policy for the Arts in Development“ mit der Rolle der Künste innerhalb gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse.

Julius Heinicke forscht und lehrt am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Foto: die hoffotografen

„Als Kulturpolitikwissenschaftler beschäftigt mich die Frage, auf welche Art und Weise kulturelle Strategien, Traditionen, Wissens- und Denkweisen politisch und gesellschaftlich wirkungsmächtig werden“

Interview mit Prof. Dr. Julius Heinicke

Herr Professor Heinicke, wie erleben Sie das erste Semester an der Universität Hildesheim? Aufgrund der Coronavirus-Pandemie lehren Sie digital.

Die Corona Epidemie stellt nicht nur den Kulturbereich – insbesondere auch internationale Kooperationen, um deren Bestehen ich mich einsetze und sorge –, sondern auch die Lehre auf den Kopf. Ich habe mich sehr auf die Arbeit auf dem Kulturcampus gefreut, den gegenseitigen Austausch,  das Wahrnehmen und Erleben von Kunst, Diskussionen und Gesprächen. In der Online-Lehre versuche ich, so viel Informationen wie möglich im Vorfeld bereitzustellen, damit die Unsicherheit im digitalen Aufeinandertreffen nicht zu groß ist. Ich stelle für jede Sitzung Arbeitspapiere bereit, welche die Leitthemen, Fragen und Literatur der Sitzung  umreißen, das gibt ein wenig Sicherheit, wenn mal nicht alles technisch so funktioniert. Ich versuche, die Sitzungen abwechslungsreich zu gestalten, aber ich denke, wir alle können in bestimmten Situationen diesen Bildschirm, mit dem wir nun auch noch sprechen müssen, nicht mehr sehen. Wir lernen viel dazu und die Situation schweißt zusammen, das leibhaftige Miteinander ist jedoch – das zeigt sich deutlich – digital nicht ersetzbar.

Sie wurden zum 1. März 2020 auf die Professur für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim berufen. Was macht man eigentlich als Professor für Kulturpolitik? Worum geht es in Ihrem Beruf?

Als Kulturpolitikwissenschaftler beschäftigt mich einerseits die Frage, auf welche Art und Weise kulturelle Strategien, Traditionen, Wissens- und Denkweisen politisch und gesellschaftlich wirkungsmächtig werden. Die Künste und ihre Ästhetiken bilden als kulturelle Ausdrucks- und Reflexionsformen einen Schwerpunkt, jedoch gehe ich von einem sehr weit gefassten Verständnis von Kunst bzw. Ästhetik aus, welches durchaus kulturelle Rituale, Zeremonien und Traditionen einschließt. Diese Öffnung vermag es, westlich tradierte Vorstellungen, die tendenziell exkludierend wirken können, zu befragen und zu öffnen.

Andererseits betrachtet die Kulturpolitik Rahmenbedingungen und strategische Konzeptionen künstlerischen und ästhetischen Schaffens. Welche Strategien und Muster verbergen sich hinter den Arbeitsweisen von Kulturinstitutionen und Kulturszenen und deren Förderprogrammen? Welche Änderungen und Neuausrichtungen fordern gesellschaftliche, soziale und kulturelle Wandlungsprozesse ein?  Welche politischen Aufgabenfelder und Herausforderungen stellen sich ihren Akteur*innen?

In der heutigen Zeit, welche Aufgaben hat die Kulturpolitik, können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?

Zurzeit findet innerhalb der Kultur- und Kunstlandschaften ein Paradigmenwechsel statt, innerhalb dessen Kulturpolitik eine Schlüsselrolle einnimmt: Debatten um Präsenz von Vielfalt im Theater, neue Leitungsmodelle, Rückgabeforderungen und die Frage nach Provenienz in Museen, das Kulturschutzgesetz, Kürzungsforderung in den Landtagen und Stadträten, die Diskussionen um Diskurshoheit, Austausch auf Augenhöhe, Good Governance, Demokratisierung und Krisen- und Konfliktprävention, der Wettbewerb um politisch-nationale Narrative in der internationalen Kulturarbeit, reaktionäre Einflussnahmen und die Reaktionen „Der Vielen“; mit alledem muss sich die Innen- und Außenkulturpolitik zurzeit auseinandersetzen.

Es kann also durchaus behauptet werden, dass in Kunst- und Kulturszenen aktuelle politische und gesellschaftliche Fragen an Brisanz gewinnen und somit auch die Forschung und Lehre der Kulturpolitik herausfordern. Die öffentliche Förderung von Kultur gerät zunehmend in das gesellschaftspolitische Spannungsfeld. Einerseits ist Kultur- und Kunstschaffen aufgrund des Potenzials, gesellschaftliche Vielfalt zu verhandeln und erlebbar zu machen, wichtiger denn je. Andererseits wird dies auch infrage gestellt und eher auf die Förderung bzw. den Schutz einer essentialistischen Vorstellung von Kultur gepocht. Mit diesen Themenfelder muss sich die Kulturpolitikwissenschaft heutzutage auseinandersetzen.

Warum haben Sie sich für Hildesheim und das Institut für Kulturpolitik und den Kulturcampus Domäne Marienburg als künftigen Ort Ihrer Forschung und Lehre entschieden?

Der Kulturcampus und das Institut für Kulturpolitik bieten ideale Voraussetzungen. Wolfgang Schneider hat Kulturpolitik in ihren gesellschaftlichen Dimensionen und politischen Ausdrucksformen entscheiden geprägt und bietet vielerlei Anknüpfungspunkte. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Studiengänge, die Breite an ästhetischen Fächern, aber auch die Verbindung mit angewandten, sozialen, vermittelnden und pädagogischen Formaten erscheinen für mich richtungweisend, denn meines Achtens können Kultur- und Kunstinstitutionen sich nur im engen Austausch mit sozialen und gesellschaftlichen Räumen und ihren Akteur*innen den gegenwärtigen Fragen und Herausforderungen stellen.

Die Insellage des Campus macht ein intensives Arbeiten möglich und gibt Freiraum für Experimente. Allerdings birgt sie auch Gefahr, einer zu homogenen Ausrichtung, eines In-sich-Abschließens und der Dominanz einzelner Diskurse. Andererseits ist das Institut für Kulturpolitik bekannt und im positiven Sinne berüchtigt für seine internationale Ausrichtung, insbesondere seit der Etablierung des UNESCO-Lehrstuhls. Dies ist eine Chance, regionale Themen und Arbeitsweisen der Kulturpolitik mit internationalen, globalen oder einfach anderen lokalen Praktiken und Theorien zu konfrontieren, diskutieren und analysieren. Ich bin ein großer Verfechter der internationalen Ausrichtung akademischer Institutionen. Denn so schmoren sowohl theoretisch-methodische als auch praktische Formen des Wissens und Vermittelns nicht im eigenen Saft, sondern müssen sich mit anderen Ansätzen auseinandersetzen und neue Modelle und Lösungen finden. Diese „internationale“ Kompetenz und Erfahrung sollte meines Achtens ein jede*r Hochschulabsolvent*in mitnehmen dürfen. Damit dies gelingen kann, nehme ich meine Lehre, aber auch die Vermittlung der eigenen Forschungen in die Pflicht.

Welche Forschungsfrage steht aktuell im Mittelpunkt Ihrer Arbeit – welchem Problem sind Sie gerade auf der Spur?

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Frage, auf welche Art und Weise Kultur- und Kunstlandschaften dazu beitragen, Orte der Aushandlung und des Erfahrens von Diversität zu sein. Das heißt eben auch, die unbequemen Seiten des Miteinanders in den Blick zu nehmen: das Aushalten und Verhandeln von Verschiedenheit, die eigene Verantwortung hierfür, die Frage nach Respekt und Toleranz, gleichzeitig das Wahren von Grund- und Menschenrechten. Ich suche weltweit nach kulturpolitischen Konzepten, welche ähnliche Verhandlungsprozesse beschreiben. In den Forschungen zu meiner Habilitationsarbeit bin ich auf ein Konzept von Achille Mbembe gestoßen, welches er „Entähnlichung“ nennt. Anders als Strategien der Assimilation setzt Entähnlichung auf das bewusste Erleben von Verschiedenheit, das durchaus gemeinschaftlich erfahren werden kann und somit eine Form der Gesellschaftsbildung ist.

Ich untersuche, welche Rolle Kunst- und Kulturräume und deren Akteur*innen für das Schaffen von Sphären der Entähnlichung spielen. Ich frage mich, ob ein solcher Ansatz der Reflexion von Vielfalt als kulturpolitisches Konzept international verhandelbar ist und gleichzeitig in der Region, in der unmittelbaren Umgebung, eine Rolle zu spielen vermag.

Die globale Welt bricht ja über die verschiedensten Kanäle und Medien in unsere Wahrnehmung hinein. Wahrscheinlich braucht es eben gerade eine Konzeption von Räumen leibhaftigen Zusammenkommens, die Kultur- und Kunstinstitutionen und deren Szenen ja zweifelsohne sind, welche die Menschen unterstützen, dies fassen, begreifen uns reflektieren zu können.

Inwieweit spielt die empirische Forschung in Ihrem Alltag eine Rolle?

Eines der ersten Seminare meines Studiums der Kultur- und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität lautete „Lebensstile: Theorie und Empirie“. Das Beobachten und Befragen von kulturellen Wirkungsweisen und Strategien wurde mir praktisch in die akademische Wiege gelegt. Mich haben zum Beispiel schon immer die Hierarchien im klassischen Theater gestört, von Anfang an. Empirisch ist dies auf allen Ebenen nachweis- und auswertbar, in den Entscheidungen, während der Proben, der Bezahlung etc. Die Herausforderung, mit der ich mich seitdem konfrontiert sehe, ist das Abstrahieren dieser Beobachtungen, dabei sind empirische Methoden der Datenerhebung zum Teil hilfreich, aber nicht nur. Meiner Erfahrung nach sollte dies stets mit theoretischen Methoden und Analysen einhergehen, ob nun diskurs- oder dispositivanalytisch oder aber vielleicht auch im Sinne einer art based research. So verbergen sich hinter den Hierarchien im Theater natürlich gendertheoretisch relevante Mechanismen, eine ganz bestimmte Vorstellung von Ästhetik und einer Autonomie von Kunst, in welcher Konzepte und Vorstellungen zum Beispiel der Aufklärung wirkungsmächtig werden, die wiederum koloniale Züge tragen können. Dies zu entdecken und zu analysieren gelingt nur auf transdisziplinäre Weise. Ich weiß, das ist ein wissenschaftliches Minenfeld, dem wir uns jedoch stellen müssen, auch im Sinne einer postkolonialen Verantwortung der Wissenschaften und ihrer Methoden.

„In den Seminaren erarbeiten wir in einer Werkstatt Modelle und Visionen für die Region, eine große Rolle spielt die Hildesheimer Bewerbung Kulturhauptstadt Europa 2025“

Was kennzeichnet Ihre Lehre – womit werden Sie und Ihre Studentinnen und Studenten sich demnächst zum Beispiel beschäftigen?

Auf die Lehre und die gemeinsame Arbeit mit den Studierenden freue ich mich sehr. In den letzten drei Jahre arbeitete ich im Coburger Weg, einem Projekt des Qualitätspakts Lehre, in welchem wir Formate wie problemorientiertes Lernen, interdisziplinäre Lehre, aber auch Projektwerkstätten erprobt und entwickelt haben, einige Impulse nehme ich mit nach Hildesheim. In den Seminaren erarbeiten wir in einer Werkstatt Modelle und Visionen für die Region, eine große Rolle spielt natürlich die Hildesheimer Bewerbung Kulturhauptstadt Europa 2025. Studierende haben viele spannende Ideen, wie sie sich die Kulturlandschaft in Zukunft vorstellen, diese werden wir gemeinsam entwerfen, diskutieren und analysieren. Es wird aber auch eine Einführung in die Methodik und Theorie der Kulturpolitik geben – dieses Feld ist, in der Wissenschaftslandschaft noch weitgehend unberührt. Auch in dem eher historisch ausgerichteten Seminar „Kulturpolitische Linien seit der Antike“, werden verschieden Wirkungsweisen befragt und analysiert, auch jenseits Europas. Im Master konzentriere wir uns auf internationale Strategien der Kulturpolitik vor dem Hintergrund postkolonialer Theorie.   

Das Institut für Kulturpolitik hat sich bisher intensiv mit der Freiheit der Künste und der Rolle von Künstlerinnen und Künstlern in politischen Umbrüchen befasst. Der UNESCO-Lehrstuhl hat etwa in den vergangenen Jahren unter dem Motto „Arts Rights Justice“ (Künste, Recht, Gerechtigkeit) ein Fortbildungsprogramm für verfolgte Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturmanager gestartet. Ich habe in Ihrer Publikationsliste gelesen, dass Sie sich zum Beispiel mit dem Theater in Zimbabwe im politisch-ästhetischen Spannungsfeld befassen. Wird die internationale Analyse von Kunst und Kultur in Krisenzeiten weiterhin ein Forschungsthema der Hildesheimer Kulturpolitik sein? Mit welchen Forschungsfragen befassen Sie sich zum Beispiel?

Seit fast zwanzig Jahren arbeite und forsche ich im südlichen Afrika, vor allem in Südafrika und Zimbabwe. In beiden Ländern werden Kunst- und Kulturpraktiken eingesetzt,  um sich den enormen gesellschaftlichen Herausforderungen aufgrund politischer Umbrüche und Neuanfänge zu stellen. Ich sage bewusst nicht Krisen, denn die sind allseits bekannt. Vielmehr habe ich innovative Techniken und Fragestellungen in diesen Ländern beobachten können und habe einige Wirkungsweisen hierzulande erst durch die Perspektive anderer Kulturen begriffen. Die Bedeutung der sozialen Felder für Kunstschaffen, die politische Kraft von Kulturarbeit (auch in Krisenzeiten), die Rolle der Kunst in der Schaffung von Sphären zur Aushandlung und Versöhnung sind Themen, die mich seitdem beschäftigen.

Analysen von Kulturpolitik im internationalen Vergleich werden weiterhin für das Institut grundlegend sein. Wolfgang Schneider und sein Team – so Daniel Gad mit dem Arts Rights Justice Programm – haben viele wichtige Projekte und Publikationen hervorgebracht, an die ich gut anknüpfen kann. Ich werde verstärkt auch der Frage nachgehen, welche kulturpolitischen Narrative und Strategien im internationalen Kontext noch ungehört sind, aber wertvolle Hinweise geben. Immer mehr Autor*innen mit neuen Blickwinkeln kommen zu Wort – hier gibt es noch viele zu wenig wahrgenommene Stimmen und Fragestellungen, dich ich in meiner Forschung aufgreifen möchte. Letzte Woche (Anmerkung: Das Gespräch wurde im Frühjahr vor der Coronavirus-Pandemie geführt) war ich mit der Graduiertenschule „Performing Sustainability“ in Ghana. Ich habe dort also meinen ersten Arbeitstag an der Uni Hildesheim verbracht. Die ghanaischen und nigerianischen Master- und PhD-Studierenden haben spannende Sichtweisen auf die Rolle von Kultur auch in Fragen der Nachhaltigkeit vorgestellt. Diese Perspektiven aufzugreifen und zu diskutieren, auch in Hildesheim, ist eine Aufgabe der internationalen Arbeit des Instituts.

„Es ist eine große Ehre, den UNESCO-Lehrstuhl übernehmen zu dürfen"

Ein weiterer Blick in die Zukunft: Das Institut für Kulturpolitik erreichte jüngst die Neuigkeit aus Paris, dass der UNESCO-Lehrstuhl „Cultural Policy for the Arts in Development“, der sich seit 2012 mit der Kulturpolitik für die Künste innerhalb gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse auseinandersetzt, verlängert wird. Die 3. Phase des UNESCO-Lehrstuhls beginnt im Mai 2020 und läuft bis Mai 2024. Das Präsidium der UNESCO hat Sie als Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls vorschlagen. Zum Semesterstart kam die Bestätigung von der UNESCO aus Paris, dass Sie der neuer UNESCO-Lehrstuhlinhaber sind. Welchen Auftrag hat der UNESCO-Lehrstuhl, was ist das Ziel dieser Arbeit?

Es ist eine große Ehre, den UNESCO-Lehrstuhl übernehmen zu dürfen. Im Verlauf des Interviews deutete es sich vielleicht schon an: viele meiner Vorstellungen über Lehre und Forschung fließen in dem Lehrstuhl zusammen. Der UNESCO Chair in Cultural Policy for the Arts in Development hat nach meiner Interpretation den Auftrag, international kulturpolitische Denk- und Handlungsräume zu erschaffen, in welchen Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und kulturpolitische Akteur*innen gesellschaftliche Transformations- und Wandlungsprozesse mittels Kunst- und Kulturarbeit initiieren, begleiten und analysieren. Der Lehrstuhl fungiert also einmal als Ideenschmiede und Thinktank, als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen, aber auch als wissenschaftlicher Begleiter und Erschaffer von Metaebenen, die es ebenso braucht.

Nehmen wir ganz konkret die UNESCO Convention on the Protection and the Promotion of the Diversity of Cultural Expressions aus dem Jahre 2005: Eine Aufgabe des Lehrstuhls ist es, nicht nur in verschiedenen lokalen, regionalen und  internationalen Gesellschaftskontexten Debatten zu initiieren, welche kulturellen Ausdrucksweisen „geschützt“ und welche innovativen „gefördert“ werden sollten, was ja je nach Region und Anliegen ganz unterschiedlich sein kann. Darüber hinaus hat der UNESCO Chair jedoch den Auftrag, diese vielfältigen Debatten zusammenzubringen, den Austausch zu fördern und dies zu analysieren und wissenschaftlich auszuwerten.

Der Kulturcampus spielt hier eine entscheidende Rolle. Er ist ein idealer Ort für internationale Tagungen und Workshops, welche die Studierenden mitgestalten können und auf Akteur*innen aus aller Welt stoßen. Gleichzeitig können sie in der Studienvariante „Kulturpolitik im internationalen Vergleich“ an den internationalen Partnerinstitutionen des Lehrstuhls die Vielfalt der Interpretationen und Konzepte der Kulturpolitik erfahren. In ähnlicher Weise verstehe ich meinen Auftrag als Lehrstuhlinhaber. Die Diskussion mit den weltweiten Partner*innen, die Unterstützung von Programmen und Initiativen, welche sich eben den Prinzipien der „Protection and Promotion of Diversity of Cultural Expressions“ verpflichtet fühlen, die wissenschaftliche Begleitung derlei Initiativen, oder aber auch die kritische Reflexion dieser. Sicherlich ist das internationale Handeln und Verhandeln nicht frei von Hierarchien und kolonialen Strukturen, westlich-abendländische Sichtweisen dominieren immer noch die Verbünde und Kooperationen. Auch hier wird sich der UNESCO Chair verhalten müssen, kritische Methoden entwickeln und nachhaltige Konzepte erarbeiten. Wir haben viel vor, aber ich denke, der Kulturcampus und die Stiftung Universität Hildesheim sind der ideale Ort dafür.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Das Gespräch wurde zu Beginn des Sommersemesters 2020 geführt.

Mehr erfahren über die Studienvariante: Bachelor Plus „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis – Kulturpolitik im internationalen Vergleich“

UNESCO-Lehrstuhl am Institut für Kulturpolitik

In Hildesheim ist ein Zentrum für kulturpolitische Forschung in Deutschland entstanden: Hier lehrt und forscht der erste und bisher einzige Universitätsprofessor für Kulturpolitik. Die UNESCO hat 2012 die Arbeit von Professor Wolfgang Schneider mit einem UNESCO-Lehrstuhl „Cultural Policy for the Arts in Development“ (Kulturpolitik für die Künste innerhalb gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse) ausgezeichnet. Seit 2020 ist Professour Julius Heinicke der Nachfolger und hat den UNESCO-Lehrstuhl inne.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Hildesheim untersuchen mit Partnern aus dem Mittelmeerraum, afrikanischen und arabischen Ländern die Rolle von Künstlerinnen und Künstlern in politischen Umbrüchen. Sie befassen sich in Forschung und Lehre mit der Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, mit dem Schutz und der Förderung von künstlerischen Ausdrucksformen, mit künstlerischen Freiheitsrechten und Menschenrechten sowie kulturpolitischen Rahmenstrukturen für kulturelle Bildung. Die Zielsetzungen der UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt stellen hier einen wesentlichen Bezugspunkt dar.

Das Institut für Kulturpolitik bildet den Nachwuchs in den Studiengängen „Kulturvermittlung“ und „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ aus. Studentinnen und Studenten können den Schwerpunkt „Kulturpolitik im internationalen Vergleich“ wählen und innerhalb des vierjährigen Bachelor Plus-Studiums für ein Jahr an Partnerhochschulen in Marseille/Frankreich, Istanbul/Türkei, Vilnius/Litauen, Pretoria/Südafrika oder Casablanca/Marokko gehen. Die Forschungsprojekte der Studentinnen und Studenten im Masterstudium „Kulturvermittlung“ führen die Studierenden regelmäßig in alle Weltregionen. Geschäftsführer des UNESCO-Lehrstuhls ist seit 2012 der Kulturwissenschaftler Dr. Daniel Gad.