Juliane Brauer: "Geschichte ist nicht die Vergangenheit, sondern das, was wir über die Vergangenheit erzählen"

Monday, 16. November 2020 um 16:10 Uhr

Professorin Dr. phil. habil. Juliane Brauer forscht und lehrt seit September 2020 am Institut für Geschichte der Universität Hildesheim. Nach Lehraufträgen in Erfurt und Wuppertal sowie einer Gastprofessur in Jerusalem habilitierte sie im Sommer 2019 im Bereich Neuere und Neueste Geschichte. Davor forschte sie zehn Jahre am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung im Bereich „Geschichte der Gefühle“. Derzeit untersucht sie Vorstellungsbilder von Geschichte und die Bedeutung von Imagination im Kontext des historischen Lernens. Außerdem befasst sie sich als Historikerin und Musikwissenschaftlerin mit Themen an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Musik und plant die Entwicklung eines digitalen History Labs, mithilfe dessen Studierende und Schüler*innen sich einen eigenen Sinn aus Geschichte bilden können.

Professorin Brauer, womit beschäftigt sich die Disziplin der Geschichtsdidaktik?

Auf theoretischer Ebene befasst sie sich damit, was in unserer Gegenwart mit der Vergangenheit passiert. Es werden Fragestellungen betrachtet wie: Was ist Geschichtsbewusstsein? Was ist Geschichtskultur? Beispielsweise ist das, was in einem Erklärfilm auf YouTube über die Geschichte des Nationalsozialismus gezeigt wird, Geschichtskultur – genauso wie das, was auf Twitter über Gedenkstättenbesuche getwittert wird. Zum anderen steht die Forschung über historisches Lernen im Fokus. Es wird untersucht, wie Kinder und Jugendliche Sinn aus Geschichte bilden, beispielsweise, wenn sie sich mit einem Schulbuchtext, einer Quelle, einem Bild oder einer Karikatur auseinandersetzen. Zusätzlich geht es in der Geschichtsdidaktik um Methoden für einen guten Geschichtsunterricht und die Frage, wie die Vermittlung von Geschichte an Gedenkstätten, an Erinnerungsorten, in Museen oder anderen Orten der Geschichtskultur gut gelingen kann.  

Was bringen Sie Studierenden in Ihren Lehrveranstaltungen zuerst näher?

In der Einführungsvorlesung zur Geschichtsdidaktik geht es zunächst darum, ein Verständnis für den Unterschied zwischen Geschichte und Vergangenheit zu schaffen. So ist Vergangenheit das, was in den Quellen zu finden ist. Geschichte dagegen ist der Sinn, den wir daraus machen. Geschichte verändert sich so immer wieder, weil immer wieder andere Geschichten über Vergangenheit erzählt werden.

Warum haben Sie sich für Hildesheim als Ort Ihrer zukünftigen Forschung und Lehre entschieden?

Hildesheim bietet viele Möglichkeiten für Koorperationsprojekte, die ich jeden Tag nach und nach regelrecht zu fühlen bekomme. Ich interessiere mich für das Thema Heimat, die Aneignung von Heimat und die Inklusion in neue Heimaten. Das lässt sich mit dem Thema des diversen Lernens gut verbinden, was an der Universität unter anderem am Zentrum für Bildungsintegration vertreten ist. Als Historikerin und Musikwissenschaftlerin bin ich in Hildesheim mit dem Center für World Music ebenfalls sehr gut aufgehoben, denn ich arbeite daran, wie man Lieder und Musik als historische Quelle nutzen kann. Zudem möchte ich mich mit dem digitalen historischen Lernen befassen. Aufgrund der Corona-Pandemie haben wir diesbezüglich einen großen Schub gemacht, aber dies hatte ich bereits vorher überlegt. Ich plane digitale sowie digitalisierte historische Quellen in einem sogenannten History Lab, also einem historischen Labor, digital zusammenführen. In Hildesheim bin ich mit diesem Zugang zum digitalen Lernen besonders gut aufgehoben, weil wir an der Uni das Zentrum für Digitalen Wandel haben und auch in anderen Arbeitsbereichen stark über digitales Lernen nachgedacht wird.

„Historisches Lernen findet zunehmend im digitalen Raum statt.“

Warum möchten Sie gerne ein solches History Lab entwickeln? Was bietet es für Möglichkeiten?

Es ist schon lange nicht mehr so, dass Schüler*innen ausschließlich in der Schule über Geschichte lernen. Historisches Lernen findet zunehmend im digitalen Raum statt. Auf YouTube oder anderen Plattformen gibt es Zeitzeugeninterviews, es gibt Apps auf dem Handy und Einträge auf Wikipedia. Gerade zu der Geschichte des 20. Jahrhunderts existieren viele sogenannte Open Educational Resources im Internet: Zum Nationalsozialismus, zum Holocaust und zur Geschichte des geteilten Deutschlands – also über die großen Themen, die im Unterricht prominent sind. Es gibt alte Filmausschnitte von den Briten oder den Amerikanern als sie die Konzentrationslager in Deutschland befreit haben. Aus den 50er Jahren existieren Fotos und aufgenommene Erinnerungsberichte von Überlebenden, die ebenfalls digitalisiert wurden. Ich möchte Formate ausprobieren, mit denen zuerst Studierende und später auch Schüler*innen Geschichte selbst digital erzählen können, in dem sie die verschiedenen Quellen des History Labs nutzen. So kann ein*e Schüler*in die Überlebendenberichte zusammennehmen, die von Gewalt, Tod und Demütigung handeln und so die Geschichte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen als Gewaltgeschichte erzählen. Ein*e andere*r hat vielleicht mehr Interesse daran, die Geschichte der Befreiung zu beschreiben und wählt Quellen aus, die sich damit befassen, was mit den Menschen nach 1945 passierte.

„Die Angst im Mittelalter war eine andere Angst als die, die wir heute haben.“

Sie haben lange im Bereich „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gearbeitet. Wozu haben Sie dort geforscht?

Wir sind unter anderem der Frage nachgegangen, wie Geschichte der Gefühle geschrieben werden kann und warum dies überhaupt wichtig ist. Es wird zwar immer gedacht, dass Gefühle uns alle verbindet – und es stimmt, dass wir alle fühlen – aber Gefühle verändern sich. Die Angst im Mittelalter war eine andere Angst als die, die wir heute haben. Auch Heimweh war im 17. Jahrhunderts gar kein Gefühl, sondern eine tödliche Krankheit. Schweizer Söldner, die außerhalb der Schweiz in anderen Armeen dienten, erkrankten und starben dort auch an Heimweh. Erst im Laufe der Jahrhunderte wurde aus dieser Krankheit im gesellschaftlichen Diskurs ein Gefühl für Heranwachsende, die lernen müssen, auch außerhalb ihres geschützten Umfeldes klarzukommen. Auf der Suche nach Arbeit zogen die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren Pferdekarren vom Land in die Städte. Sie verreisten mit Zügen oder fuhren auf Schiffen nach Amerika. In einer globalisierten Welt ist Heimweh kontraproduktiv. Also durften die Menschen damals keins haben, das hätte ihren Lebensentwurf zerstört. Erst nach 1945 durfte und sollte es wiederum Heimweh geben. Es war in der Bundesrepublik Deutschland gesellschaftlich akzeptiert, weil es die Sehnsucht nach einer verlorenen heilen Welt war. So etwas zeigt, dass Gefühle sich im Laufe der Geschichte verändern – was auch eine Schwierigkeit ist, gerade wenn im Geschichtsunterricht über Gefühle gelernt werden soll.

„Wir sind nicht in der Lage, uns in Menschen hineinzuversetzen, die im KZ waren.“

Was sind da die Schwierigkeiten beim historischen Lernen?

In Geschichtsbüchern oder anderen historischen Lernformaten ist häufig die Aufgabe zu finden, dass man sich in die Personen hineinversetzen soll. Viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass sie mit der Schulklasse NS-Gedenkstätten besucht haben und dort Betroffenheit oder Mitleid von ihnen erwartet wurde. Emotionen wird beim historischen Lernen ein Königsweg zugeschrieben. Ich warne sehr oft davor. Wir sind nicht in der Lage, uns in Menschen hineinzuversetzen, die im KZ leiden mussten oder die gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind. Wir können uns dem vielleicht annähern, aber wir können nicht das Gleiche fühlen. Heranwachsende und Lernende reagieren an dieser Stelle auch häufig mit Ablehnung, weil sie genau fühlen, dass sie da etwas fühlen sollen was ihnen eigentlich fern ist – was ihr gutes Recht ist. Sie dürfen selbst entscheiden, ob sie diesem Ort vielleicht nur mit rationaler Neugierde begegnen oder auch mit Ablehnung. Natürlich dürfen sie auch mit den Menschen fühlen, die in den Konzentrationslagern gelitten haben. Es hilft aber nicht, sich mit ihrem Leid zu identifizieren, denn Weinen bildet nicht, wie es so treffend heißt. Unsere Geschichte ist, wie wir mit der historischen Verantwortung umgehen.

Was ist ein bemerkenswertes historisches Detail, von denen die meisten Menschen vermutlich noch nicht gehört haben?

Im KZ Sachsenhausen gab es Sonntagskonzerte mit der klassischen Konzertliteratur. Auch in Auschwitz und in anderen Konzentrationslagern gab es Orchester. Das sind so Dinge, bei denen man sich fragt: Warum? Die Antwort darauf ist sehr komplex und lang.

Wie sind Sie zur Geschichte und zur Musikwissenschaft gekommen?

Mitte der 90er Jahre habe ich in der Oberstufe ein Zeitzeugengespräch mit einem Überlebenden aus Auschwitz geführt. Er hat im KZ Geige gespielt und sich selbst als „der Geiger von Auschwitz“ bezeichnet. Ich habe viel Kontakt mit ihm gehalten, bis er in hohem Alter verstorben ist. Seine Geschichte hat mich sehr fasziniert – und auch, dass Musik in solchen Situationen dafür sorgen kann, dass jemand geistig überlebt. Musik und Geschichte habe ich im Laufe des Studiums immer mehr zusammengebracht und auch heute ist es eins meiner größten Anliegen die beiden Disziplinen stärker miteinander ins Gespräch zu bringen. Musik eignet sich nämlich nicht nur für das historische Lernen, sondern auch dazu, Geschichte oder Geschichte der Gefühle zu schreiben. Ein Beispiel ist das Lied „My Generation“ von „The Who“, was DAS Lied der 60er-Revolte in England war.

Text: Mara Schrey (Pressestelle), Foto: Gabriele Gerner (Pressestelle)