Jugendforschung: "Die Corona-Projekte kamen on top dazu"

Monday, 14. December 2020 um 15:13 Uhr

Teil 3 der Serie "Forschung in Zeiten der Pandemie": Mit den bundesweiten JuCo- und KiCo-Studien haben Dr. Severine Thomas und ihr Team das Forschungsjahr 2020 zu großen Teilen einem Thema gewidmet, das vor 12 Monaten noch gar nicht absehbar war: den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Menschen. Inzwischen liegen bereits Ergebnisse des zweiten JuCo-Umfragedurchlaufs vor. Trotz der zusätzlichen Aufgaben mussten dafür keine anderen Projekte zurückgestellt werden, sagt die Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin im Interview.

Viele Jugendliche fühlen sich in der Pandemiezeit nicht ausreichend in politische und gesellschaftliche Prozesse einbezogen. Foto: Pixabay

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Corona – anfangs ja noch gar nicht offiziell als Pandemie eingestuft – als gesellschaftliches Thema so groß werden würde, dass Sie ein spezifisches Forschungsprojekt dazu auf den Weg bringen wollten?

Spätestens mit dem ersten Lockdown, als auch die Schulen geschlossen wurden, ist sehr offenkundig geworden, dass die Corona-Pandemie mit Blick auf unsere Forschungs-Themenfelder Kinder, Jugend und Familie eine große gesellschaftliche Tragweite bekommen würde.

Was hat das für Ihre Jahresplanung vor allem mit Blick auf andere Forschungsprojekte bedeutet?

Im Grunde haben wir die Studien JuCo und KiCo aus unserem Forschungsverbund heraus zusätzlich zu den bestehenden Projekten gestartet. Zusätzliche Personalressourcen, vor allem für die Auswertung, haben wir aus Institutsmitteln abgedeckt, das meiste haben wir aber on top gemacht. Die Arbeit in anderen Projekten war davon jedoch nicht beeinflusst – die liefen weiter – wenn auch mit Anpassungen in der Durchführung z. b. durch die Verlagerung von Datenerhebungen oder Veranstaltungen ins Digitale.

Für die JuCo Studie sind wir eine Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung eingegangen, wodurch zusätzliche Auswertungsschritte möglich wurden. Weiterhin haben wir in dieser Kooperation Workshops mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt, in denen wir über die Ergebnisse diskutiert haben. Aus dieser gemeinsamen Arbeit heraus wird noch Ende 2020 eine Publikation entstehen, die die jungen Menschen erarbeitet haben.

Ein weiteres großes Projekt, das zu Beginn der Corona-Krise neu und ad hoc dazugekommen ist, ist das Vorhaben Forum Transfer, eine Austauschplattform für den Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe, die insgesamt rund 20 Millionen Menschen in Deutschland (inklusive Bereitstellung der Kindertagesbetreuung) adressiert. Ziel des durch das Bundesfamilienministeriums geförderten Projekts war es, die Arbeitsfähigkeit der unterschiedlichen sozialen Dienste in Zeiten von Corona aufrechtzuerhalten. Insbesondere der Kinderschutz und die Bereitstellung von Beratung und Freizeitangeboten auch während der Pandemie waren hier wichtige Themen. Diese wurden auch im Rahmen von Online-Expert*innengesprächen bearbeitet und viele Materialien (Dokumente aus der Praxis, Podcasts mit Expert*innen und Erklärvideos) für alle Interessierten zur Verfügung gestellt. In diesem Projekt haben wir mit dem Institut für Sozialpädagogische Forschung in Mainz, der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen in Frankfurt sowie dem Deutschen Institut für Jugendhilfe- und Familienrecht in Heidelberg zusammen.

Es ist schwer zu sagen, aber ich würde schätzen, dass die Forschung zum Thema Corona-Auswirkungen im Verlauf des vergangenen Sommersemesters zeitweilig etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit in Anspruch genommen hat.

Gab es so etwas wie eine Ausgangsthese in Bezug auf die Situation speziell von Jugendlichen in der Krise? Wie lautete diese?

Wir sind in dem Forschungsverbund Kindheit-Jugend-Familie in der Corona Zeit sehr ergebnisoffen gestartet, waren uns aber schnell einig, dass junge Menschen in der Öffentlichkeit in Bezug auf ihr Verhalten in der Pandemie generell in einem eher schlechten Licht dargestellt wurden. Da war viel von Missachtung der Abstandsregeln die Rede und von Corona-Partys. Dazu war unsere Vermutung, dass wir dieses Bild so nicht bestätigt finden, wenn wir die Jugendlichen selbst befragen. Und das hat sich auch bestätigt. Junge Menschen setzen sich, so die Ergebnisse unserer Studie, sehr ernst und differenziert mit den Lebensbedingungen während der Pandemie auseinander. Ebenso zeigte sich, dass sich junge Menschen bei politischen Entscheidungen zu wenig einbezogen fühlen. Auf die Frage „Fühlst du dich gehört?“ haben wir sehr differenzierte Antworten bekommen.  

Welche der bisherigen Ergebnisse haben Sie besonders überrascht?

Überrascht hat mich, welche hohe psychische Belastung die Pandemie für viele junge Menschen mit sich bringt. Viele haben das gar nicht nur auf sich selbst bezogen, sondern ihre Ängste und Sorgen im Kontext ihrer familiären Situation beschrieben. Jugendliche stehen eben nicht als Solitär für sich, sondern sind in soziale Strukturen eingebunden. Sie machen sich Sorgen um Angehörige – um deren Gesundheit, in manchen Fällen auch um den Verlust des Arbeitsplatzes ihrer Eltern. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen insgesamt, nicht nur ihre eigenen Lebenswelten, haben die jungen Menschen im Kopf.

Sie haben mit Freitext-Passagen gearbeitet – einige Zitate daraus sind in Ihren beiden Kurzberichten zu JuCo1 und JuCo2 nachzulesen. Gab es eine Äußerung, die Sie ganz persönlich besonders berührt hat?

Es gab mehrere, die mich beschäftigt haben. Einige der Studienteilnehmer*innen haben zum Beispiel sehr gravierende psychische Probleme benannt. Eine Antwort lautete sinngemäß: „Ich bin froh, dass wir jetzt den Lockdown haben, denn ich habe eine Sozialphobie und fühle mich besser, weil es nun gesellschaftlich akzeptierter ist, nicht vor die Tür zu gehen.“ Es gab weitere Beispiele, die ähnlich lauteten. Es gibt auch junge Menschen mit einer Depression, für die nun der Kontakt zum Therapeuten oder zur Therapeutin erschwert ist. Oder Jugendliche, die sich sehr einsam fühlen, aber gleichzeitig auch sagen, ihren Eltern bestimmte Dinge nicht anvertrauen zu können.  In den Freitext-Antworten haben wir eine sehr dankbare Resonanz bekommen, sich über diesen Fragebogen überhaupt zu der eigenen Situation äußern zu können. Insofern sind die JuCo-Studien auch als politisches Instrument zu sehen, jungen Menschen in der derzeitigen Krise eine Stimme zu verleihen.

Auf welchen Kanälen haben Sie die Studien-Teilnehmer angesprochen?

Wir haben unsere eigenen Fachverteiler genutzt, dazu in kleinem Umfang Instagram und Facebook, aber auch private Kontakte – im Grunde hat sich das wie ein Schneeballsystem fortgesetzt. Etwa ein Drittel der Umfrageteilnehmer*innen stammte aus Niedersachsen, auch Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg waren stark vertreten, aber wir haben tatsächlich Menschen in allen 16 Bundesländern erreicht.

Sie haben ein Durchschnittsalter von 19 Jahren und einen Frauenanteil von zwei Dritteln ermittelt. Die in den Kurzberichten zitierten Freitext-Formulierungen legen eher ein höheres Bildungsniveau nahe. Können Sie sagen, inwieweit das Teilnehmerfeld repräsentativ für die Gesamtheit der Altersgruppe ist?

Eine repräsentative Studie sind die JuCo-Studien nicht, dafür hätten wir ein ganz gezieltes Sampling machen müssen. Wir haben viele junge Menschen erreicht, die auf Gymnasien gingen – so deuten es zumindest die Freitexte an. Hier wurde oft auf die Befürchtung Bezug genommen, das Abitur vielleicht nicht zu schaffen.  Und natürlich haben wir über unsere eigenen fachlichen Kontexte auch zahlreiche Studierende erreicht. Wir hatten der JuCo 1 Studie einen sehr geringen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, da haben wir in JuCo2 durch andere Strategien der Verteilung noch einmal nachgesteuert. Wir haben auch entschieden, den Fragebogen zusätzlich in leichter Sprache anzubieten. Davon haben etwa neun Prozent der Befragten Gebrauch gemacht. Aber ein echter Querschnitt durch die Altersgruppe ist das Datensample dennoch nicht.

Obwohl Sie ausdrücklich eine schnelle Herausgabe erster Ergebnisse der ausführlichen Analyse vorangestellt haben, leiten Sie daraus schon die klare Empfehlung ab, nicht von einer „Generation Corona“ zu sprechen. Weil Sie eine self-fulfilling prophecy befürchten?

Nach einem Dreivierteljahr Pandemiezeit finde ich es verfrüht, einer ganzen Generation auch mit Blick auf deren zukünftige Erfahrungen schon diesen Stempel aufzudrücken. Damit nimmt man den jungen Menschen die Selbstwirksamkeit, die Option, Prozesse in ihrem Leben selbst zu gestalten, und unterstellt der aktuellen Situation eine Bedeutung, die sie vielleicht gar nicht haben wird.  Zudem ist die Gruppe der jungen Menschen auch sehr heterogen und sie insgesamt als „Generation Corona“ anzusprechen, finde ich schon fast fahrlässig verkürzt. Ich finde es fast wichtiger, mit jungen Menschen über ihr aktuelles Lebensgefühl im Gespräch zu bleiben.

Ist nicht zwangsläufig ein Zeitraum von mittlerweile neun Monaten „Pandemiezeit“ prägend für jemanden in der ja doch recht sensiblen Zeit des Übergangs zum Erwachsensein?

Die Erfahrungen machen sich nicht generational fest, sondern treffen alle Menschen, von Kindergartenkindern bis zu Senior*innen. Die Jugendlichen trifft es in einer besonderen Phase, aber die Spuren dieser Zeit, von der wir noch gar nicht wissen, wie lange sie dauern wird, tragen wir alle.

Lesen Sie auch Hinweise darauf heraus, dass die momentane Situation positive Effekte auf junge Menschen haben könnte? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

Was wir in den Fragebögen sehen, ist eine hohe soziale Sensibilität unter den Jugendlichen. Ob das ein neuer Effekt ist, kann man natürlich schwer beurteilen. Aber sehr viele machen sich Gedanken, wie es anderen gerade geht, Menschen die finanziell schlechter gestellt sind beispielsweise. Auffallend ist auch der Respekt gegenüber anderen Wahrnehmungen und Einstellungen zu den Gegebenheiten dieser Krise, da können wir von den Jugendlichen noch einiges lernen.

Gibt es weitere Schlussfolgerungen, die Sie aktuell schon absehen können?

Für die verschiedenen Formen von Jugendbeteiligung muss gewährleistet sein, dass diese auch in Krisenzeiten funktionieren. Auch in einer Situation wie der jetzigen dürfen junge Menschen nicht einfach auf die Plätze verwiesen werden, unter dem Motto „Das lasst mal lieber die Erwachsenen entscheiden“. Im Moment zeigt sich jedoch sehr stark, wie fragil die Jugendrechte da tatsächlich sind.

Und als zweite Schlussfolgerung: Es muss eine Erreichbarkeit der für Kinder und Jugendlichen wichtigen Organisationen, von der Kita über die Schulen bis hin zu den Jugendzentren und Sozialarbeiter*innen, auch und gerade in solchen Ausnahmesituationen sichergestellt werden. Zusammen mit den Partner*innen aus Forum Transfer wollen wir dazu ein Projekt auf den Weg bringen, welches sich intensiv mit der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe befassen würde. In diesem Projekt soll es darum gehen, wie bestimmte Angebote niedrigschwelliger zugänglich gemacht und die entsprechenden Infrastrukturen für Familien verbessert werden können. Digitale Formen von Beratung, Hilfe und auch Jugendarbeit wird dabei zukünftig eine wichtige Rolle spielen.

Wie werden Sie jetzt wissenschaftlich bei der Auswertung der Fragebögen weiterarbeiten? Was sind die nächsten Schritte?

Eine ausführliche Auswertung für JuCo1 liegt vor, ist aber noch nicht veröffentlicht. Im neuen Jahr werden wir auch JuCo2 noch detaillierter auswerten, auch über deskriptive statistische Aussagen hinaus. Zum Beispiel können wir über Gruppenvergleiche ggf. noch Auswirkungen für einzelnen Teilgruppen besser sichtbar machen. Dazu wird es sicher noch weitere Veröffentlichungen geben. Auch das Interesse an Fachveranstaltungen über die Ergebnisse der Studien im kleinen wie im großen Rahmen ist groß, das wird im kommenden Jahr sicherlich auch weiterhin so bleiben. In der Öffentlichkeitsarbeit erreichen wir außerdem ein Publikum weit über die wissenschaftliche Community hinaus.

Nun scheint ein Ende der Pandemie aktuell noch nicht in Sicht. Ist eine Fortsetzung der Studie, eine JuCo3-Folge, geplant? Falls ja, in welchen Punkten würden Sie die Befragung  nach den jetzt vorliegenden Erkenntnissen erneut anpassen?

Ich könnte mir für eine dritte Erhebung nach dem Ende der Pandemie einen Rückblick auf den gesamten Zeitraum vorstellen. Aber noch wissen wir ja nicht, wann dieses Ende erreicht sein wird – oder ob die Situation vorher vielleicht nochmal dramatisch schlechter wird. Die weitere Entwicklung ist entscheidend dafür, wie eine mögliche dritte Erhebung angelegt sein sollte. Die Befragung in gleichem Stil immer wieder neu aufzulegen, scheint mir auf Dauer nicht ausreichend zu sein. Da werden wir im Team des Forschungsverbundes aber weiter gemeinsam dranbleiben.

Letzte Frage: Wenn Sie einen ganz konkreten Wunsch frei hätten, um die Situation der Jugendlichen in der momentanen Lage zu verbessern, an wen würden Sie diesen adressieren – und wie lautet er?

Der naheliegendste Wunsch wäre es, dass die jungen Menschen wieder in einen Alltag zurückfinden, der natürlich nicht wieder der alte Alltag sein wird, sondern ein neuer, mit neuen Erfahrungen, ohne Corona. Institutionen von der Musikschule über Kunstprojekte bis zum Sportverein, müssen sich unter dem Eindruck der jüngsten Erfahrungen neu aufstellen, und künftig dazu beizutragen, das Erlebte aufzuarbeiten, sei es nun therapeutisch, künstlerisch, sprachlich oder in anderer Form. Das findet meiner Ansicht nach bisher noch viel zu wenig statt. Aber es ist sehr wichtig, dass die Jugendlichen Orte finden, wo sie mit ihren Themen auch über die Krise hinaus ernstgenommen werden und sich mitteilen können.

 

Interview: Sara Reinke

 

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Zum Hintergrund

Dr. Severine Thomas ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik und forscht zu den Themen „Care Leaver“, Kinder- und Jugendhilfe, Übergangsforschung, Beteiligung, Familienbildung. Sie ist Mutter von fünf Kindern im Alter zwischen acht und 18 Jahren.

Die in diesem Jahr durchgeführten Studien JuCo1, JuCo2 und KiCo beleuchten die Situation und gesellschaftliche Einbindung von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie. Die Studien sind entstanden im Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“, an dem auch die Universitäten Frankfurt und Bielefeld beteiligt sind.

Eine weitere Studie, die bundesweit Aufmerksamkeit erzielt hat, ist die Studie Stu.diCo – Studieren digital in Zeiten von Corona. Diese Studie hat Frau Dr. Thomas gemeinsam mit einem Team im Rahmen des Projekts Fachstelle CareHOPe – Care Leaver an die Hochschulen in Niedersachsen. Online-Peerberatung im Juli 2020 durchgeführt.

 

Weiterführende Links:

Die Studien im Überblick

Politisches Papier JuCo/KiCo

Aktuelle Pressemitteilung zu JuCo2

 

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Ihr Forschungsprojekt ist ebenfalls durch die Corona-Pandemie in besonderer Weise beeinträchtigt und Sie möchten davon berichten? Nehmen Sie gern Kontakt auf unter: wissendigital(at)uni-hildesheim.de

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Dr. Severine Thomas