Jeder ist mal Beobachtungskind: Wie Lernprozesse in Kitas dokumentiert werden

Friday, 15. March 2013 um 12:33 Uhr

Die Orientierungspläne der 16 Bundesländer empfehlen, Bildungsprozesse von Kindern zu beobachten und zu dokumentieren. Wie das tatsächlich stattfindet, was mit den Dokumenten geschieht – darüber war bisher wenig bekannt. Erziehungswissenschaftler der Universität Hildesheim haben in einer Studie untersucht, wie pädagogische Fachkräfte die Lernentwicklung von Kindern im Kindergarten dokumentieren.

Pädagogische Fachkräfte registrieren, für was sich Feliz interessiert, welche Entwicklungsschritte bei Anna anstehen. Ob Paul krabbelt und dabei mit Bauklötzen hantiert, und wie Michael mit einem Wollknäul und einer Schere hantiert – all das kann in standardisierten Arbeitsblättern notiert, mit Checklisten ausgewertet, im Kita-Team besprochen, an Eltern zurückgemeldet werden. Jedes Kind ist einmal „Beobachtungskind“, das ist häufig in einem Wochenplan festgelegt. Ist es krank, wird der Beobachtungsprozess „nachgearbeitet“. Nicht, weil das Kind in dem Moment etwas lernt, sondern, weil „etwas dokumentiert werden muss“. Erzieherinnen und Erzieher betreuen längst nicht mehr Kinder, sondern begleiten Bildungsprozesse – und dokumentieren sie.

„Bildungs- und Lernprozesse von 3- bis 6-Jährigen systematisch zu beobachten und zu dokumentieren wurde in den letzten zehn Jahren erheblich ausgeweitet“, sagt Dr. Marc Schulz. Empfehlungen dafür sind in allen Bildungs- bzw. Orientierungsplänen der sechzehn Bundesländer enthalten, Beobachtungsverfahren wurden entwickelt. Zwar sind diese Pläne für Kitas nicht rechtsverbindlich; doch sehen alle eine individuelle Beobachtung und Dokumentation kindlicher Bildungs- und Lernprozesse vor. 2011 besuchten über 94% der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren frühpädagogische Einrichtungen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011). Nahezu alle Kinder dieser Altersgruppe werden vermutlich beobachtet.

Wie das tatsächlich stattfindet, was mit den Dokumenten geschieht – darüber war bisher wenig bekannt. Marc Schulz hat deshalb mit Prof. Dr. Peter Cloos, Professor für Pädagogik der frühen Kindheit an der Uni Hildesheim, den Tagesablauf in 18 Kindertageseinrichtungen in Niedersachsen von der Öffnung am Morgen bis zum späten Nachmittag begleitet. Vier Kitas, deren Fachkräfte sich am Konzept der „Bildungs-  und Lerngeschichten“ oder am „Early-Excellence“-Konzept orientieren und auf eine längere Erfahrungspraxis zurückblicken, wurden über einen Zeitraum von jeweils bis zu drei Monaten intensiv beobachtet. Außerdem wurden Gespräche mit Kindern, Fachkräften, Eltern geführt. Die Studie „Professionelle Begleitung von Bildungs- und Lernprozessen in Kindertagesstätten“ (2008 – 2013) weist erstmals empirisch nach, wie für die Fachpraxis entwickelte Beobachtungsverfahren im Kita-Alltag schrittweise eingesetzt werden.

Was ein Kind schon kann: Kleine Prozesse werden sichtbar

Ein Vorteil der bildungsbegleitenden Beobachtungsverfahren: Beiläufige, kleine Prozesse werden sichtbar „Das ist ideal, um Eltern plastisch zu zeigen, was ein Kind schon alles kann“, so Schulz. „So können Eltern für die Lernprozesse ihres Kindes einen Blick entwickeln, zum Beispiel welche Fähigkeiten dazugehören, wenn ein Kind unter den Tisch krabbelt und dabei Bauklötze stapelt. Wie Fachkräfte aus den Beobachtungen geeignete Fördermaßnahmen ableiten, ist jedoch undeutlich. Die Verfahren leiten zwar an, wie beobachtet, aber nicht wie daraus eine sinnvolle Förderung abgeleitet werden soll“, kritisiert Schulz.

Der Erziehungswissenschaftler hat auch herausgefunden, dass, je näher der Übergang in die Grundschule tritt, desto häufiger werden Beobachtungen mit Schule in Verbindung gebracht. Es wird darauf geschaut, ob das Kind die nötigen Vorläuferkompetenzen fürs Rechnen, Schreiben, Lesen entwickelt hat. „Die Verfahren bilden das kindliche Lernen nicht einfach nur ab. Vielmehr kommt hier ein komplexer Prozess in Gang. Innerhalb dieses Prozesses werden Kinder zu lernenden Kindergartenkindern gemacht und Lernen bzw. Bildung wird dabei als Leistung des Kindergartens praktisch hergestellt“, fasst Schulz die Studienergebnisse zusammen.

Doch wer wird wann warum beobachtet? Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass in Wochenplänen einzelne Kinder als „Beobachtungskinder“ benannt werden. Konkrete Beobachtungsorte werden nicht festgelegt. „Dadurch, dass einzelne Kinder oder Fachkräfte krank sind, entstehen laufend Veränderungen“, sagt Schulz. „Die Erzieher arbeiten vor und nach – sie beobachten also nicht nur, weil die Kinder etwas ‚Bildungs- oder Lernrelevantes‘ tun, das dokumentiert werden soll. Sondern Kinder werden beobachtet, weil sie beobachtet werden sollen.“

Auffallend ist, dass die schriftlichen Beobachtungen in Teamsitzungen und Elterngesprächen mündlich ergänzt und damit verändert werden. „Mit den Beobachtungsverfahren produzieren Fachkräfte kein objektives Wissen“, sagt Schulz. Die Verfahren formulieren den Anspruch der „ressourcenorientierten, wertneutralen Beobachtung“. „Bereits während des Notierens wird selektiert. De facto leitet der Beobachtungsbogen das Handeln der Fachkräfte an und filtert ihren Blick – so sollen sie zum Beispiel gezielt auf Körpersprache, Mimik, wörtliche Rede, Beziehungen achten. Beobachtungs-, Beschreibungs- und Interpretationsleistungen müssen synchron vollzogen werden“, fasst Marc Schulz die komplexe Aufgabe zusammen.

Wie Kinder auf Beobachtung reagieren

Die Studie zeigt, wie die Beobachtungsverfahren auf Kinder wirken: Fachkräfte beobachten die „Beobachtungskinder“ aus einer großen Nähe und schreiben dabei. „Die Bögen sind dabei wichtige Co-Akteure, da sie öffentlich für alle Anwesenden sichtbar machen, dass eine ‚Beobachtung‘ geschieht. Dabei sind die Kinder höchst aktiv. Sie fragen nach oder erklären, was sie gerade machen‘“, sagt Marc Schulz. Werden sie gefragt, was die Fachkräfte machen, sagen sie bspw. „Natascha will kucken, was Paul lernt!“. Schulz spricht von „öffentlichen Aufführungen“: „Kinder erleben in diesen Situationen, dass zwischen Beobachtungskindern und Zuschauerkindern unterschieden wird und innerhalb des Bühnengeschehens etwas Bedeutungsvolles passiert, welches die Fachkräfte mit Lernen in Zusammenhang bringen. Sie erfahren also für sich, was der Kindergarten unter 'Lernen' versteht – und was die Erwachsenen von ihnen wollen.“

Die Studie wird im Forschungsverbund „Frühkindliche Bildung und Entwicklung Niedersachsen“ durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur mit Mitteln aus dem VW-Vorab gefördert. Prof. Dr. Peter Cloos und Dr. Marc Schulz leiten das fünfjährige Projekt an der Universität Hildesheim.

Kontakt zu den Forschern: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 0177.8605905, presse@uni-hildesheim.de)