Interview mit Professor Wolf Schünemann über Hassrede im Internet

Wednesday, 27. November 2019 um 09:33 Uhr

Prof. Dr. Wolf Schünemann forscht und lehrt seit 2016 als Juniorprofessor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politik und Internet am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim. Im Interview gibt der Wissenschaftler Einblicke in seine aktuelle Forschung.

NDR Fernsehen, 24.11.2019
Hass gegen Politiker: Viele Abgeordnete betroffen
Gespräch mit Prof. Dr. Wolf Schünemann, Universität Hildesheim

Herr Professor Schünemann, in den letzten zwei Jahren haben Sie sich in einem Forschungsverbund mit der online geführten politischen Kommunikation auseinandergesetzt. Sie haben Facebook-Daten aus dem Bundestagswahlkampf 2017 analysiert. Mit welcher Forschungsfrage befassen Sie sich aktuell?

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen mehrerer Fachdisziplinen befasse ich mich nun in dem EU-Projekt „DeTACT“ mit der Detektion und möglichen Bekämpfung von Hassrede im Internet.

Wer ist an diesem Projekt beteiligt?

Die Medienlinguistin Dr. Sylvia Jaki hat maßgeblich die Partnerschaft zu den Computerlinguisten der Universität Antwerpen aufgebaut. Gleichzeitig ist die Computerlinguistik hier in Hildesheim beteiligt, Professor Ulrich Heid und Johannes Schäfer. Und von der politikwissenschaftlichen Seite sind Stefan Steiger und ich beteiligt.

Was genau untersuchen Sie in dem EU-Projekt? Wie blickt die Politikwissenschaft auf Hasskommentare, auf diese Entwicklung in unserer Gesellschaft?

Zunächst interessiert uns der politische Gegenstand: Bei Hasskommentaren, die sich gegen Politikerinnen und Politiker richten, haben wir einen besonderen Gegenstand zu fassen, der weitere Grenzen des Sagbaren zulässt als im privaten Bereich. Die Politikerinnen und Politiker bewegen sich als Personen öffentlichen Lebens in einem politischen Kampf. Da werden zum Teil aggressivere Statements gebracht, als wir sie gewohnt sind. Es werden Anfeindungen und Beleidigungen sichtbar, die von dem parteipolitischen Konflikt dann auch auf die Person abstrahlen. Die PolitikerInnen müssen sich also generell mehr gefallen lassen. Wir blicken in dem EU-Projekt auf diese politische Kommunikation. Da Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook untereinander diskutieren, mag da sehr viel andere Hassrede auffällig werden, dieser Herausforderung wollen wir in dem Projekt begegnen. Im Rahmen des EU-Projekts sollen Personen geschult werden, die bereit sind, in solchen Online-Foren aufzustehen und zu sagen: Das überschreitet eine Grenze, diese Hassrede geht zu weit, und eine Gegenrede entwickeln. Als Politikwissenschaftler sind wir an der Vorbereitung dieser Schulungsmaterialien beteiligt: Was ist eigentlich die politische Rede? Was ist schädliche Sprache im politischem Diskurs? Und wie sind die gesetzlichen Regelungen, was ist in Deutschland verboten und was ist in anderen Ländern verboten? Insgesamt betrachten wir sechs Länder der Europäischen Union – die Niederlande, Großbritannien, Ungarn, Frankreich, Deutschland und Belgien – in einer vergleichenden Analyse dessen, was an Internetinhalten erlaubt ist und was nicht.

Wie ist der Hass gegenüber Politikerinnen und Politikern zu erklären?

Jedenfalls nicht durch das Netz. Das wäre zu einfach, die Verantwortung an dieser Entwicklung bei strukturellen Veränderungen politischer Kommunikation zu suchen. Ohne eine über lange Zeit angewachsene, undifferenzierte Politik- und Politikerverdrossenheit wäre der Hass aus meiner Sicht nicht zu erklären. Durch die direktere Netzkommunikation gehen die PolitikerInnen diesbezüglich ein höheres Risiko ein. Und der Hass wird für ein größeres Publikum sichtbar.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kurz erklärt:

Data Science Lab

Das Data Science Lab ist ein Labor für datenwissenschaftliche Studien an der Universität Hildesheim. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bearbeiten hier große Datenbestände digitaler Kommunikation (Metadaten und Inhaltsdaten). Das Labor am Uni-Hauptcampus kann für Forschungsprojekte, Workshops und die Lehre in Kleingruppen eingesetzt werden. Es steht Forschenden des Fachbereichs Erziehungs- und Sozialwissenschaften und weiteren Fachdisziplinen nach Absprache und Anmeldung offen. Ansprechpartner sind Prof Dr. Wolf Schünemann (wolf.schuenemann@uni-hildesheim.de) und Stefan Steiger (stefan.steiger@uni-hildesheim.de).

„Wir analysieren hier große Datenmengen, man kann etwa bei der Auswertung von Kommunikation auf Facebook qualitativ einiges lesen, aber man kann nicht alles lesen. Wenn man große Datenbestände hat, in unserem Projekt zum Bundestagswahlkampf waren das 2,9 Millionen Beiträge, dann ist es nicht mehr möglich, das alles zu lesen. Dann helfen uns die Computer dabei, die Daten korpuslinguistisch aufzubereiten und trotzdem einen qualitativen Eindruck der Debattenlage zu bekommen. Bei der strukturierten Analyse großer Datenbestände helfen uns diese rechnergestützten Verfahren enorm“, sagt Stefan Steiger, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Data Science Lab.

In dem EU-Projekt analysiert der Politikwissenschaftler die Regulationsbestrebungen für die Online-Kommunikation in sechs Mitgliedstaaten und was diese zur Bekämpfung von Hassrede im Netz legislativ verabschiedet haben, um dann auch die „Upstanders“, die Menschen, die in dem EU-Projekt geschult werden, um Hassrede aktiv zu begegnen, zu informieren. Die technische Aufbereitung der Daten im DeTACT-Projekt erfolgt in Antwerpen.


Professor Wolf Schünemann und Stefan Steiger im Data Science Lab der Universität Hildesheim. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim