Imperien in der Weltgeschichte

Monday, 27. January 2014 um 10:33 Uhr

Die Geschichte der Imperien bestimmen Männer. Ausnahmen sind die ägyptische Königin Hatschepsut und die russische Zarin Katharina die Große. Das ist lange her. Auch heute gibt es solche „Weltreiche“ – in der Massenkultur sind das mächtige Marken wie Coca Cola, Apple oder Google. Bisher wurden Imperien meist isoliert voneinander analysiert. Historiker der Universitäten Hildesheim und Innsbruck betrachten erstmals diese Gebilde epochenübergreifend. Imperienforschung auf mehr als 1700 Seiten: das zweibändige Mammutwerk „Imperien und Reiche in der Weltgeschichte" erscheint 2014.

„Das flächenmäßig kleinste Imperium ist der Vatikan, ein geistiges Zentrum mit weltgeschichtlicher Dimension", sagt Geschichtsprofessor Michael Gehler von der Universität Hildesheim. Imperien können innerhalb weniger Jahre zerfallen oder über Jahrhunderte schleichend niedergehen.

Die Geschichte der Imperien bestimmten Männer, etwa Augustus, Trajan, Napoléon oder Stalin. Ausnahmen sind die ägyptische Königin Hatschepsut und die russische Zarin Katharina die Große. Das ist lange her. Auch heute gibt es solche „Weltreiche“ – in der Massenkultur sind das mächtige Marken wie Coca Cola, Apple oder Google.

Doch zurück zur Geschichte: Bisher wurden Imperien meist isoliert voneinander betrachtet, ohne die epochenübergreifenden, gesamthistorischen Komplexitäten und machtgeschichtlichen Konsequenzen einzubeziehen. Dabei ging es zum Beispiel um das Osmanische und das Habsburger Reich. Historiker der Universitäten Hildesheim und Innsbruck untersuchten nun Fallbeispiele nach einheitlichen Kriterien und stellen die Imperien zum ersten Mal in einen welthistorischen Rahmen.

Imperienforschung auf mehr als 1700 Seiten, mit über 200 Abbildungen, 39 Karten, in 60 Beiträgen: das zweibändige Mammutwerk „Imperien und Reiche in der Weltgeschichte" betrachtet erstmals diese Gebilde epochenübergreifend und globalhistorisch.

Wie entstehen Imperien, wie zerfallen sie? „Imperien sind großflächige Gebiete mit einem hohen Maß an Macht, die allerdings nicht immer an einem Zentrum festzumachen ist. Sie können innerhalb weniger Jahre zerfallen oder über Jahrhunderte schleichend niedergehen. Imperien sind in der Lage, verschiedene Ethnien unter einen Hut zu bringen und dabei auch Autonomie zu gewährleisten. Es müssen nicht zentralistische Staaten sein. Imperien sind von den Herrschaftsformen unabhängig – Monarchien, Aristokratien, Diktaturen, präsidiale Demokratien“, sagt Geschichtsprofessor Michael Gehler von der Universität Hildesheim. Imperien werden nicht gegründet, sie entwickeln sich und wachsen. Ein formeller Gründungsakt wie bei Nationalstaaten ist ihnen fremd – so ist etwa das britische Weltreich zunächst über private Handelskompanien entstanden. Im Nachhinein wird „ein Gründungsmythos hergestellt“, etwa bei Romulus und Remus. Das flächenmäßig kleinste Imperium sei, so Michael Gehler, der Vatikan, ein geistiges Zentrum mit weltgeschichtlicher Dimension.

„Gebietsmäßige Expansion, kriegerische Eroberung und militärische Gewaltanwendung sind Machtmittel der Imperien. Viele Imperien ragen durch schiere Größe und ‚unendliche’ Weite hervor und sprengen damit die gängigen zeittypischen Raumdimensionen wie das British Empire oder die Vereinigten Staaten durch ihr weltweites Netz von Militärstützpunkten und Verbündeten“, sagt Gehler.

Im Jahr 2010 – anlässlich 1000 Jahre Sankt Michaelis – haben Historiker der Universitäten Hildesheim und Innsbruck die einwöchige Konferenz „Großreiche und Imperien der Weltgeschichte" in Hildesheim abgehalten. Das Ergebnis ist ein epochenübergreifende Werk in zwei Bänden, das 2014 im Harrassowitz Verlag erschienen ist, herausgegeben von den Professoren Michael Gehler und Robert Rollinger. Teil 1 behandelt Imperien des Altertums, Mittelalterliche und frühneuzeitliche Imperien; in Teil 2 geht es um Imperien in Theorie, Geist, Wissenschaft, Recht und Architektur, Wahrnehmung und Vermittlung. Es geht um moderne, antike, außereuropäische und europäische Imperien. Der zeitliche Bogen reicht von den altvorderasiatischen Schriftkulturen bis in die Gegenwart. Kartenmaterialien, Register und Literaturverzeichnisse runden das enzyklopädische Gesamtwerk ab, mit dem die Imperienforschung auf eine neue Grundlage gestellt wird. Eine Buchvorstellung mit inhaltlicher Debatte findet am 28. Januar 2014 in Hannover in den Räumen der Stiftung Niedersachen im Künstlerhaus statt. Die Stiftung Niedersachsen unterstützte die Tagung und die Publikation mit 35.000 Euro.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Gehler befasst sich am Institut für Geschichte der Universität Hildesheim mit Aufstieg, Krisen und Niedergang von Imperien, forscht zur Europäischen Integration sowie untersucht die Umbrüche in Mittel- und Osteuropa 1989 und den Zerfall der Sowjetunion aus der Sicht diplomatisch-politischer Beobachter und Zeitzeugen. So bietet etwa die öffentliche Vorlesungsreihe seines Instituts „Europagespräche" Raum für historische und aktuelle Europafragen.

Prof. Dr. Robert Rollinger forscht am Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik der Universität Innsbruck; derzeit Finland Distinguished Professor am Department of World Cultures der Universität Helsinki. Er leitet das Projekt „Intellectual Heritage of the Ancient Near East”. Arbeitsschwerpunkte sind Kulturkontakte und Globalisierungsphänomene in der Alten Welt sowie die antike Historiographie.