Geeignet? Lehrerbildung im europäischen Ausland

Thursday, 11. October 2012 um 15:31 Uhr

Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, wie Theorie und Praxis in der Lehrerausbildung verzahnt und Eignung festgestellt werden kann. Aufschlussreich ist der Vergleich der Lehrerbildungssysteme aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Norwegen. Die Universität Hildesheim betrachtet die schulische Qualitätsentwicklung im internationalen Kontext.

Auf Qualität statt Masse setzt Norwegen

„Nicht die Anzahl der Schulen, sondern ihre Qualität und der Umgang in und mit ihnen ist entscheidend. 40 Studierende, fünf bis sechs Schulen, Lehrer und Wissenschaftler bilden ab dem ersten Studientag eine Partnerschaft auf Augenhöhe", erklärte Prof. Dr. Per Ramberg, Universität Trondheim. Die Universität ist auch für die Weiterbildung der Lehrer an ihren Partnerschulen zuständig.

Norwegen setzt auf Forschungsorientierung im Studium – zu den Höhepunkten von Forschungs- und Entwicklungsprojekten zählt ein dreitägiger Kongress, auf dem Studierende ihre Projekte vorstellen, Feedback von Lehrern und Wissenschaftlern erhalten. Die besten Projekte werden publiziert. Der Wettbewerb schafft Anerkennung und motiviert die Studierenden. So pendeln die Lehrveranstaltungen zwischen Praxis und Theorie, Kontrolle und Autonomie. Finnland ist enorm stark – denn „hier haben die Universitäten seit den 70er Jahren eine forschungsbasierte Lehrerbildung entwickelt, die jedoch nicht die Praxis verlassen hat", so Ramberg. Er fordert eine  „realistische Lehrerausbildung" – statt eines „Übersetzungs-Modells", das dem Credo folge: „Bitte gehen Sie in die Schule und übersetzen Sie die Theorie in die Praxis. Viel Glück."

Auf das Internet in der Berufswahlüberprüfung hofft Österreich

Lehramtsstudierende, die für die Haupt- und Volksschulen ausgebildet werden, studieren an der PH und durchlaufen die Online-Beratung (empfohlen) sowie verpflichtend Orientierungsworkshops und Assessment. Gymnasiallehrer werden hingegen an der Universität ausgebildet – ohne Auswahlverfahren.

„Wenn Sie die hier angebotenen Fragebögen und Checklisten ehrlich bearbeiten, können Sie [...] vielleicht besser abschätzen, ob eine bestimmte Laufbahn im Bildungswesen zu Ihnen passt", heißt es auf der Internetseite von „Career Counseling for Teachers". Diese Online-Beratung hat Prof. Dr. Johannes Mayr, Universität Klagenfurt, entwickelt – er hat auch den Nationalen Bildungsbericht über die österreichische Lehrerbildung vorgelegt. Wie in Deutschland werden zurzeit in Österreich „Schools of Education" gegründet – sie könnten, so Mayr, Professions- und Wissenschaftorientierung verbinden.

Ein Blick in die Schweiz: demografischer Wandel, Migration und Quereinsteiger

Aus ehemals 150 Lehrerseminaren entstanden in der Schweiz seit 2002 Pädagogische Hochschulen mit insgesamt 12 Instituten. Die Kantone schafften den Beamtenstatus ab und einigten sich auf eine einheitliche Studiendauer. Nach dem ersten Studienjahr nimmt jeder angehende Lehrer an einem Eignungsgespräch teil. Über mehr als ein Jahr begleitet jeder Student dann ein Kind in wöchentlichen Fördersequenzen. Im dritten Ausbildungsjahr beweisen Studierende ihr pädagogisches Können und unterrichten ohne Lehrperson – diese absolviert in dem Zeitraum eine Weiterbildung. „Die Erfahrungen sind weitgehend positiv. Wenn es Schwierigkeiten gibt, werden die Studierenden von der Ausbildungsinstitution beraten und unterstützt. Für die Lehrpersonen, die ihre Klassen zur Verfügung stellen, ist dies ein Gewinn. Sie können in einem Fremdsprachenaufenthalt ihre Kompetenzen erweitern, schreiben ihre Masterarbeit oder bereiten ein Projekt vor, das der ganzen Schule zugutekommt. Die Kinder freuen sich über eine junge Lehrperson, die manchmal auch etwas anders unterrichtet. Wenn die Kinder während dieser Zeit gerne zur Schule gehen, dann sind auch die Eltern einverstanden“, erklärt Prof. Dr. Dieter Rüttimann, vom Institut Unterstrass an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Zum Institut gehört eine Schule mit Schülern von 4 bis 16 Jahren. Ebenfalls im letzten Studienjahr übernimmt der gesamte Jahrgang eine komplette Schule und stellt das Lehrpersonal bis hin zum Schulleiter. „So ist eine enge Verbindung von Theorie und Praxis gewährleistet, sei es in der individuellen Arbeit mit einem Kind, mit einer Klasse oder eben mit einer ganzen Schule", sagt Rüttimann.

Zu den Herausforderungen zählen der demografische Wandel und Migration. „Im Jahr 2010 mussten wir in der Schweiz 3400 Lehrer neu einstellen. 2016 werden wir 5000 Lehrer benötigen, noch bis 2020 steigt die Zahl der Schüler, gleichzeitig kommt eine massive Pensionierungwelle auf die Schweiz zu", so Rüttimann. Daher setze man in der Schweiz auf Quereinsteiger, derzeit studieren hochmotivierte Sozialpädagogen, Germanisten, Juristen und auch Banker.

Wie in vielen anderen europäischen Ländern stellt die Migration und damit die Vielfalt im Klassenzimmer eine besondere Herausforderung dar. Das Institut Unterstrass hat deshalb verbindlich für alle Studierenden zwei Studienschwerpunkte gesetzt: intensive Förderung der vier- bis achtjährigen Kinder und ein wirksamer Umgang mit Heterogenität. In der Weiterbildung gibt es einen Masterstudiengang in enger Zusammenarbeit mit der Universität Hildesheim („Inklusive Pädagogik und Kommunikation“), um Lehrpersonen mit langjähriger Berufserfahrung mit neueren Ansätzen in Didaktik und Kommunikation vertraut zu machen.

Und in Deutschland? 

Unterrichten, Erziehen, Beurteilen, Innovieren. „Damit Lehrer diesen Anforderungen, formuliert als Standards für die Bildungswissenschaften von der Kultusministerkonferenz im Jahre 2004, gerecht werden können, müssen sie grundlegende psychosoziale Kompetenzen entwickeln", sagte Prof. Dr. Dorit Bosse, Universität Kassel. Dazu gehören Kontaktfähigkeit, Teamorientierung, Reflexionsfähigkeit und Empathie. In Kassel absolvieren alle Lehramtsstudierenden zu Beginn des Studiums ein eineinhalbtägiges Seminar, um sich in berufsrelevanten Handlungssituationen hinsichtlich basaler Fähigkeiten zu erproben. So erhalten je 12 Studierende, begleitet von zwei Seminarleitern, die Möglichkeit, sich beim Auftreten vor einer Gruppe oder beim Lösen eines Problems im Team zu erleben und Feedback von Kommilitonen und Dozenten zu bekommen. Anschließend folgt ein Gespräch über die Studien- und Berufsperspektive. Denn, so Dorit Bosse, es gebe auch viel Praxis an der Uni. Die Studierenden müssen für die Abklärung der Berufseignung nicht erst bis zu den Schulpraktika warten. Durch dieses verpflichtende Studienelement kann es bereits zu Studienbeginn zu ersten Vorklärungen kommen, wo bei einzelnen Studierenden besonderer Entwicklungsbedarf besteht. „Die Frage der Eignungsabklärung hat Signalwirkung und führt zur Aufwertung des Lehrerberufs", so ihr Ausblick auf die Lehrerbildung in Deutschland.

Einig waren sich die Referenten hinsichtlich der „herausragenden Bedeutung der Lehrperson für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler". Ob dieser Feststellung mag man sich die Haare raufen um auszurufen: Natürlich spielt der Lehrer eine entscheidende Rolle. Der Blick in andere Berufsstände verrät, wie wichtig der Mensch und seine Professionalität – die unter anderem auf qualitativ hervorragender Ausbildung und Weiterbildung beruht – ist: Kaum einer würde auf den Gedanken kommen, der Pilot, der Arzt oder der Feuerwehrmann würde keine große Rolle spielen, damit das Flugzeug sicher landet, die Operation gelingt oder die Brandkatastrophe verhindert wird. Nun, beim Pädagogen muss man aussprechen, was selbstverständlich sein sollte: Auf den Lehrer kommt es an.

Über die Tagung

Mehr als 120 Wissenschaftler, Lehrer und Verantwortliche aus Ministerien und Schulbehörden nahmen aus allen Teilen des Bundesgebiets und dem europäischen Ausland an der Lehrerbildungstagung in Hildesheim teil. Sie wurde vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) und dem Kompetenzzentrum für regionale Lehrerfortbildung der Universität Hildesheim ausgerichtet. Das NLQ startet damit eine Serie in Zusammenarbeit mit den Kompetenzzentren für regionale Lehrerfortbildung. Die nächste Tagung „Lehrerbildung zwischen Unterrichtsforschung und Unterrichtsentwicklung“ findet vom 28.02 bis 01.03.2013 an der Stiftungsuniversität Hildesheim statt.

Lehrerbildung an der Universität Hildesheim

An der Universität Hildesheim dient das erste Studienjahr der möglichst frühen Berufswahlüberprüfung. Lehramtsstudierende beobachten und analysieren bereits im ersten und zweiten Semester jeden Freitagvormittag Unterricht. Sie werden in Kleingruppen von Lehrern und Wissenschaftlern begleitet, die Unterrichtserfahrungen werden in Seminaren reflektiert. 250 Partnerschulen aus Niedersachsen ermöglichen 2400 Studierenden Schulalltag von Studienbeginn an zu erleben und die Berufswahl zu überprüfen. Ab November starten etwa 500 Erstsemesterstudierende wieder in ihre „ersten Schultage".


Lehrerbildung in Norwegen: Nicht die Anzahl der Schulen, sondern ihre Qualität ist entscheidend. Studierende, Schulen, Lehrer und Wissenschaftler bilden ab dem ersten Studientag eine enge Partnerschaft. An der Universität Hildesheim diskutierten Wissenschaftler aus der Schweiz, Österreich, Norwegen und Deutschland die Lehrerbildung, Theorie-Praxis-Verzahnung und Eignungsfeststellung in diesen Ländern.

Lehrerbildung in Norwegen: Nicht die Anzahl der Schulen, sondern ihre Qualität ist entscheidend. Studierende, Schulen, Lehrer und Wissenschaftler bilden ab dem ersten Studientag eine enge Partnerschaft. An der Universität Hildesheim diskutierten Wissensch Lehrerbildung in Norwegen: Nicht die Anzahl der Schulen, sondern ihre Qualität ist entscheidend. Studierende, Schulen, Lehrer und Wissenschaftler bilden ab dem ersten Studientag eine enge Partnerschaft. An der Universität Hildesheim diskutierten Wissenschaftler aus der Schweiz, Österreich, Norwegen und Deutschland die Lehrerbildung, Theorie-Praxis-Verzahnung und Eignungsfeststellung in diesen Ländern.