„Die meisten Künstler waren dem großen Publikum unbekannt“ / Rolle von Kultur in Konflikten

Thursday, 27. February 2014 um 10:40 Uhr

Wie Dokumentarfilmer, Graffiti-Künstler, Schauspieler und Autoren gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben, diskutieren Künstler aus arabischen Ländern in dieser Woche in Berlin. Forscher der Universität Hildesheim untersuchen die Rolle von Künstlern in Umbrüchen. Politikwissenschaftler weisen auf die elementare Bedeutung von Kunst hin.

Seit den politischen Umwälzungen in Nordafrika werde stärker über kulturpolitische Rahmenbedingungen und die Freiheit der Künste gesprochen, so Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider, hier während der Fortbildung in Berlin. Fotos: Uni Hildesheim

Experten der Kulturszenen aus den Ländern Algerien, Ägypten, Jemen, Jordanien, Libanon, Libyen, Mauretanien, Marokko, Syrien und Tunesien kommen in dieser Woche in Berlin zusammen. Darunter sind 20 Mitglieder der „Arab Cultural Policy Group“, die sich 2009 auf Initiative von Al Mawred unter Leitung von Basma El Husseiny formiert hat. „Die politischen Umwälzungen seit Anfang 2011 haben in den meisten Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens dazu geführt, dass auch über kulturpolitische Rahmenbedingungen, die Freiheit der Künste und die Verbindung von Kulturszene und gesellschaftspolitischer Gestaltung neu nachgedacht wird“, sagt der Hildesheimer Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider. Dies geschieht gerade außerhalb von Regierungsinstitutionen durch Akteure der Zivilgesellschaft. 

Die Beteiligten des Forschungsateliers diskutieren in dieser Woche in Berlin vergleichend zur kulturpolitischen Rahmengestaltung in der Bundesrepublik Ansätze für weitere Wege in den Ländern der beteiligten Gäste. Neben Gesprächen über theoretische Modelle suchen die Kulturschaffenden die Berliner Kulturszene auf. Dabei befassen sie sich auch mit dem Zugang zu den Künsten. Die Kulturschaffenden arbeiten an Konzepten, wie Infrastruktur für die Künste aufgebaut, wie Künstler unterstützt und wie die Teilhabe an Künsten gemanagt werden kann. Die Fortbildung wird vom Institut für Kulturpolitik der Uni Hildesheim in Kooperation mit dem ägyptischen Kulturforschungsinstitut Al Mawred veranstaltet. Das Goethe Institut Kairo unterstützt das Treffen mit Mitteln der Transformationspartnerschaften des Auswärtigen Amtes. 

„Seit dem ersten Tag der Revolution waren Künstler dort draußen, in Tahrir Square, Bourguiba Street, Sahat al-Taghyir und den anderen ikonischen Orten des Aufstands. Die meisten Künstler waren zuvor dem großen Publikum unbekannt. Sie waren keine Stars der kommerziellen Filmindustrie und sie wurden von Arbeit, Medienauftritten und Reisen ausgeschlossen, die das Kulturministerium so lange nur einem bestimmten Teil der Kunstszene ermöglichte“, sagt Basma El-Husseiny zum Auftakt des Forschungsateliers in Berlin.

Am UNESCO-Lehrstuhl der Universität Hildesheim – dem jüngsten von nur zehn in Deutschland – befasst sich ein Team um Prof. Dr. Wolfgang Schneider mit Kulturvermittlung, kultureller Vielfalt und kultureller Bildung im Mittelmeerraum, im südlichen Afrika und Nordafrika. Gemeinsame Ausbildungsprogramme im Kulturmanagement sollen entwickelt werden. Die Forscher untersuchen die Rolle von Künstlern in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen und von Kultur in Konflikten.

So werden etwa die Umbrüche in Nordafrika auch kulturell gestaltet: Dokumentarfilme, Graffitis, Musik und Performances zeigen, wie lebendig der politische Aufbruch in den nordafrikanischen Ländern ist. Das Forschungsatelier in Berlin wird so auch den Dokumentarfilm ART WAR zusammen mit dem Regisseur Marco Wilms diskutieren. Die Promovenden des internationalen Promotionskollegs „Kulturvermittlung", das an den Universitäten Hildesheim und Aix-Marseille jüngst gestartet ist, setzen an diesen Forschungsschwerpunkten an.

„Kunst und Kultur spielen eine elementare Rolle in den Ländern des Arabischen Frühlings. Sie sind Ausdrucksform von Protest und konkreten politischen Forderungen. In Ägypten finden wir eine höchst lebhafte Kulturszene vor, die sich mit dem erfolgreichen Protest von 2011 weiter ausdifferenziert und auf eine schon in den Jahren zuvor sich etablierende 'freie' Kulturszene außerhalb des staatlich organisierten Kulturbetriebs zurückgreifen konnte, vor allem in den urbanen Zentren Kairo und Alexandria. Kunst und Kultur waren eine wichtige Ressource des Protests gegen Mubarak 2011“, sagt Thomas Demmelhuber von der Universität Hildesheim. Der Juniorprofessor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politik und Internet spricht während des Forschungsateliers am Donnerstag. „Wirkmächtige 'rote Linien' des Erlaubten im Kulturbetrieb waren mit dem Zusammenbruch des Mubarak-Regimes plötzlich Makulatur. Seit dem zweiten Regimewechsel im Juli 2013 und dem Sturz des 2012 gewählten Präsidenten Mursi ist aber ein wieder verstärktes staatliches Vorgehen gegen einzelne Akteure der Kultur- und Künstlerszene, gegen politisierte Kulturinhalte und für eine Deutungshoheit eines staatlich organisierten und beeinflussten Kulturbetriebs zu beobachten“, so Demmelhuber.

Info: Weltkongress der Kulturpolitikforschung im September 2014

Eine der größten Konferenzen für kulturpolitische Forschung macht im Herbst in Niedersachsen Station: Vom 9. bis 12. September 2014 richtet die Universität Hildesheim auf dem Kulturcampus den Weltkongress der Kulturpolitikforschung aus. Bis heute wurden rund 400 Bewerbungen von Forschern aus rund 70 Ländern eingereicht. Dabei befassen sich die Forscher mit der Rolle von Kultur in Transformationsprozessen und welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit Künstler gesellschaftliche Wirkung erzielen können.

Mit Blick auf die Bundesrepublik befassen sich die Forscher mit der Frage, wie Kunst und Kultur zum Bestandteil im Alltag von Kindern und Jugendlichen werden kann. Besonders der Schule wird eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Das größte Modellprogramm in Deutschland ist das Projekt „Kulturagenten für kreative Schulen". Seit 2011 sollen mit dem Programm der Bundeskulturstiftung und der Stiftung Mercator langfristige Kooperationen zwischen Künstlern und Kultureinrichtungen sowie 138 Schulen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg und Thüringen aufgebaut werden. Dabei kommen fast 50 Kulturagenten zum Einsatz, die die Zusammenarbeit begleiten. Das Institut für Kulturpolitik der Hildesheimer Uni untersucht nun die Wirkung und Qualität dieser Kooperationen in einer mehrjährigen Begleitforschung. Erste Ergebnisse sollen auf der Konferenz vorgestellt werden. Auf der Konferenz befassen sich die Fachleute mit Strategien im Kulturmanagement, um Menschen unterschiedlicher Millieus zu erreichen. Studien zur Kulturnutzung in mehreren Ländern werden vorgestellt, etwa aus Großbritannien („New Audience Program“).