Deutungshoheit im Netz: Der „Twitter-Krieg“ um Gaza / Antrittsvorlesung am 28. November

Monday, 19. November 2012 um 18:04 Uhr

Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen zeigt, wie das Internet von einem Nebenschauplatz des Nahostkonflikts zu einer zentralen Arena der Auseinandersetzung geworden ist. Ein Kommentar von Prof. Dr. Thomas Demmelhuber, Universität Hildesheim.

Das Internet entwickelt sich zunehmend zu einem eigenständigen Feld nationaler Sicherheit und der Kriegsführung. Warum? Es geht einerseits um Deutungshoheit in der multimedialen Öffentlichkeit, darum also wer sich als legitimer, sich selbst verteidigender Akteur verstanden und als Opfer der Aggression des jeweilig anderen gesehen werden will. Andererseits geht es um die Verteidigung nationaler Sicherheit im virtuellen Raum, also um die Verteidigung der eigenen „Territorialität“ im eigentlich grenzenlosen World Wide Web.

So veröffentlichten die israelischen Streitkräfte über ihren offiziellen Twitter-Account (IDF) und Live-Blog (idfblog.com) mit Beginn der Kampfhandlungen Live-Bilder, Nachrichten und Videos, welche die Rechtmäßigkeit der Gewalt als Akt der Selbstverteidigung gegen aus dem Gaza-Streifen auf Israel abgefeuerte Raketen unterstreichen sollten (vgl. „Rocket Counter“ auf idfblog.com).

Gekontert wurden diese sowohl nüchternen als auch martialischen Statusmeldungen von der Hamas und ihr nahestehenden Gruppen mit Darstellungen von verletzten Kindern, Opfern unter der Zivilbevölkerung oder zerstörten zivilen Zielen inklusive martialischer Vergeltungsabsichten – ebenfalls über lebhafte Zuhilfenahme von Web 2.0-Medien und Plattformen.

Der Konflikt im Netz ist in diesem Fall ein Spiegelbild der physischen Auseinandersetzung zu Boden oder zu Luft und wird letztere in Zukunft auch nicht ersetzen. Dennoch zeigt die Nutzung von Web 2.0-Medien in der Kriegsführung, dass das Netz ein neutrales Medium ist und keine „Befreiungstechnologie“. Jeder kann sich dieses Mediums bedienen, egal ob regimeloyale oder regimekritische Gruppe, staatlicher oder nicht-staatlicher Akteur, Freund oder Feind und das unabhängig des jeweiligen meist nicht verifizierbaren Aufenthaltsort der Protagonisten.

Gleichwohl ist – trotz voreiliger Klassifizierungen des Konflikts als „Twitter-Krieg“ (spiegel.de, 15.11.2012) – die breite Wirkung von Web 2.0-Medien immer noch abhängig von einer Übernahme durch traditionelle Massenmedien (bspw. al-Jazeera) in der Region und darüber hinaus, um überhaupt eine massenmediale Öffentlichkeit zu erreichen. Erstens findet dadurch eine Überlappung von analoger und digitaler Öffentlichkeit statt, welche vor dem Hintergrund variierender und im Regionaldurchschnitt immer noch sehr niedrigen Internet-Penetrationsraten von entscheidender Bedeutung ist. Zweitens bleiben traditionelle Massenmedien unerlässlich in ihrer Rolle als Filter für den komplexen von Web 2.0-Medien generierten Inhalt, inklusive ihrer meist in der Region oder vor Ort agierenden Korrespondenten.

Zum Autor:

Prof. Dr. Thomas Demmelhuber ist seit 2012 Juniorprofessor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internet und Politik an der Universität Hildesheim. Seit 2005 war er mehrfach für Forschungsaufenthalte im Nahen Osten und verfolgt auch vom Hildesheimer Büro aus u.a. arabischsprachige Medien, blogs, Twitter. Er untersucht, welche Rolle „neue Medien“ in politischen Wandlungsprozessen im Nahen und Mittleren Osten spielen. An der Universität Hildesheim untersucht die Forschergruppe „Politik und Internet“ welchen Einfluss neue Medien auf politische Prozesse haben.

Antrittsvorlesung am 28. November

Am 28. November 2012, 18:15 Uhr, hält Thomas Demmelhuber seine öffentliche Antrittsvorlesung „Frühlingsgefühle im Nahen Osten – eine zeithistorische Einordnung von Protest und seiner medialen Ausdrucksform" (Hörsaal 2, Marienburger Platz 22, 31141 Hildesheim).


Live-Bilder und Statusmeldungen – Web2.0-Medien in der Kriegsführung im Nahen Osten: „Der Konflikt im Netz ist ein Spiegelbild der physischen Auseinandersetzung", sagt Prof. Dr. Thomas Demmelhuber von der Forschergruppe „Politik und Internet" an der Universität Hildesheim. (Screenshots: Twitter und blog)

Live-Bilder und Statusmeldungen – Web2.0-Medien in der Kriegsführung im Nahen Osten: „Der Konflikt im Netz ist ein Spiegelbild der physischen Auseinandersetzung", sagt Prof. Dr. Thomas Demmelhuber von der Forschergruppe „Politik und Internet" an der Unive Live-Bilder und Statusmeldungen – Web2.0-Medien in der Kriegsführung im Nahen Osten: „Der Konflikt im Netz ist ein Spiegelbild der physischen Auseinandersetzung", sagt Prof. Dr. Thomas Demmelhuber von der Forschergruppe „Politik und Internet" an der Universität Hildesheim. (Screenshots: Twitter und blog)