Damit wir Maschinen besser verstehen

Wednesday, 29. March 2017 um 18:20 Uhr

Wer schreibt eigentlich die Bedienungsanleitungen? Ob Energietechnik, Maschinenelemente oder medizinische Geräte: Die Universität Hildesheim bildet in einem Masterstudiengang Fachleute aus, die Technik präzise und verständlich erklären können. Außerdem unterstützt ein Team um Professor Klaus Schubert und Franziska Heidrich den wissenschaftlichen Nachwuchs. Doktorandinnen und Doktoranden der Fachkommunikation tagen in dieser Woche in Hildesheim.

Masterstudiengang „Internationale Fachkommunikation – Sprachen und Technik“

Ein Schwerpunkt am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation in Hildesheim liegt in der technischen Kommunikation. Studentinnen und Studenten aus dem Masterstudiengang „Internationale Fachkommunikation – Sprachen und Technik“ schlagen eine Brücke zwischen Maschinen und Menschen und erklären präzise und verständlich die komplexe Technik. In Vorlesungen und Seminaren lernen sie, über Automatisierungstechnik, Mechanik, Energietechnik, Elektrotechnik und technische Werkstoffe sowie Maschinenelemente zu schreiben.

Die Studierenden stellen technische Sachverhalte für Fachleute und Laien dar; sie schreiben und übersetzen in Hildesheim technische Dokumentationen, etwa Bedienungsanleitungen und Warnhinweise. Dabei finden sie Wege, um technische Inhalte nicht in abstrakt-mathematischer Form, sondern möglichst anschaulich zu vermitteln.

Wer schreibt eigentlich die Bedienungsanleitungen?

„Unsere Absolventen bringen sprachliches und technisches Fachwissen mit und dokumentieren zum Beispiel Geräte in der Medizin- und Sicherheitstechnik, IT, Elektrotechnik und im Maschinenbau“, sagt Professor Klaus Schubert. Die Nachfrage nach Fachleuten sei groß. „Jede Woche erhalten wir Stellenangebote aus der Industrie. Unsere Studenten erhalten schon während des Studiums hervorragende Praktikumsmöglichkeiten“, berichtet der Sprachwissenschaftler. Seit 2009 lehrt und forscht Klaus Schubert an der Universität Hildesheim, der Bedarf an professionellen technischen Texten in mehreren Sprachen sei gestiegen. „Übersetzer und Dolmetscher brauchen wir alle. Sie sorgen dafür, dass man das koreanische Handy auf Deutsch bedienen kann, und dass wir die Filme im Kino und im Fernsehen in deutscher Fassung genießen können.“

„Wir machen genau das Gegenteil von literarischen Texten, wir verwenden für jedes Teil das gleiche Wort, arbeiten mit Wortwiederholungen“, sagt Klaus Schubert über die Ausbildung der technischen Redakteure. Die Hildesheimer Studierenden bauen im Studium ihre Sprachkenntnisse aus. Englisch ist verpflichtende Fremdsprache für alle Studierenden, zusätzlich können sie eine weitere Sprache wählen, Französisch oder Spanisch. Alle Unternehmen, die technische Produkte oder Dienstleistungen anbieten, brauchen Fachleute für die technische Dokumentation. Da die Hersteller für Richtigkeit und Verständlichkeit ihrer Texte haften, stellen sie gern sehr gut ausgebildete technische Redakteure und Übersetzer ein, so Schubert.

Auch der Fachwortschatz ist in Industrie und Gewerbe ein ständiges Thema. Vor Kurzem hat eine Hildesheimer Studentin alle Fachwörter rund um die Autotür ausgearbeitet. Wichtig ist, ein zusammenhängendes System von Bezeichnungen für alle mechanischen und elektronischen Teile zu entwickeln. Schließlich soll dasselbe Bauteil in der Konstruktion, der Fertigung, bei den Verkäufern und auch in der Autowerkstatt immer mit demselben Wort benannt werden.

Sinnvoll aufgebaute Anleitungen in mehreren Sprachen

Die Studierenden wählen im Studium Schwerpunkte und können sich zum Beispiel auf die Fachkommunikation im Bereich Energietechnik oder auf das Übersetzen von Fachtexten in französischer und spanischer Sprache spezialisieren; oder sie wenden Methoden und Werkzeuge der Sprachtechnologie an und befassen sich mit Textkorpora, elektronischen Wörterbüchern und maschineller Sprachverarbeitung.

In einer Praxisphase sind die Studierenden „im Feld“ und wenden ihre Kenntnisse an. Eine Studentin hat etwa bei einem Reifenhersteller das Schulungsmaterial erarbeitet, mit dem das Unternehmen neue Mitarbeiter in die Bedienung von Maschinen einarbeitet. Eine andere Studentin hat an der Produktion einer Informationsbroschüre des Bundesfamilienministeriums für Eltern mitgewirkt, in der erklärt wird, wie Mobiltelefone technisch funktionieren und welche Gefahren sie für Kinder bergen.

Eine der Absolventinnen aus dem Masterstudium „Sprachen und Technik“ ist Franziska Heidrich. Die Übersetzungswissenschaftlerin hat nach ihrem Studium an der Universität Hildesheim promoviert und arbeitet nun an ihrer Habilitation. Heidrich möchte in ihrer Forschung verschiedene Sprachformen untersuchen, die bewusst gelenkt werden. „Ich untersuche ‚gestaltete Sprachformen‘. Es geht um Sprache, in die bewusst eingegriffen wird, die verändert wird, damit der Empfänger die Informationen besser aufnehmen kann. Dabei untersuche ich zum Beispiel Texte aus der Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern oder technische Fachtexte, die gezielt so verfasst worden sind, dass der Leser einfach und widerspruchsfrei an die von ihm benötigten Informationen gelangt“, so Franziska Heidrich.

Nachgefragt

„Betrieb, Wartung, Reparatur: Für jede Maschine gibt es eine Anleitung“

Professor Klaus Schubert forscht an der Universität Hildesheim im Bereich Kommunikationsoptimierung und befasst sich mit der Frage, was einen guten Fachtext ausmacht. Dahinter steckt das bewusste Eingreifen in Sprache, um die Kommunikation zu verbessern. Zur Bedeutung von Fachtexten und Bedienungsanleitungen in unserem Alltag sagt Klaus Schubert:

„Wer ein Auto kauft, bekommt auch eine kleine Broschüre, in der erklärt und in Bildern gezeigt wird, wie alles funktioniert. Diese Betriebsanleitung haben technische Redakteure geschrieben und technische Fachübersetzer übersetzt. Diese beiden Berufe gehören zur Fachkommunikation. Eine kleine Broschüre für ein Automodell, das eine Million Mal verkauft wird – das kann ja nicht viel Arbeit sein. Oder doch?

Das Auto muss auch mal in die Werkstatt. Da wartet ein elektronisches Diagnosegerät, das die Betriebsdaten und Fehlermeldungen der Bordelektronik ausliest und den Kraftfahrzeugtechnikern anzeigt. Außer der Betriebsanleitung braucht man also auch noch eine detaillierte Dokumentation der Diagnoseelektronik im Auto, dann eine Betriebsanleitung für das Diagnosegerät in der Werkstatt und schließlich eine Wartungs- und Reparaturanleitung für die Techniker. Wieder viel Arbeit für die Fachkommunikation.

Irgendwann ist das Auto ja auch gebaut worden. Eine Autofabrik besteht heutzutage aus einer Reihe automatisierter Fertigungsstraßen. Diese Aneinanderreihungen hochkomplexer, computergesteuerter Werkzeugmaschinen funktionieren auch nicht, ohne dass es für jede einzelne Maschine eine Betriebsanleitung, eine Installationsanleitung, eine Wartungsanleitung und eine Reparaturanleitung gibt. Noch mehr Arbeit für die Fachkommunikation.

Natürlich kaufen wir nur Autos höchster Qualität, die allen Sicherheits- und Umweltanforderungen genügen. Daher wird jedes einzelne Metallteil, jedes elektronische Bauteil und jeder Gummireifen des Autos einer Qualitätsprüfung unterzogen. Diese Qualitätsprüfungen laufen weitgehend automatisiert. Wieder gibt es Maschinen und Software und wieder Dokumentation, die von technischen Redakteuren und technischen Fachübersetzern erarbeitet werden.

Die Universität Hildesheim bietet mit ihrem Masterstudiengang ‚Internationale Fachkommunikation – Sprachen und Technik‘ eine Studienmöglichkeit an, deren Absolventen praktisch eine Arbeitsplatzgarantie haben. Die allermeisten Studierenden wählen sich aus mehreren Stellenangeboten eines aus, ehe sie ihr Zeugnis von der Uni in der Hand halten.

Die Fachkommunikation ist ein Schnittbereich aus den vier Wissensgebieten Technik, Sprache, Kommunikationsmedien und Arbeitsprozessorganisation. Um die Studierenden auf 40 oder 45 Jahre Berufspraxis vorbereiten zu können, muss die Universität Hildesheim in der Fachkommunikation wissenschaftlich tätig sein und durch ihre Forschungsarbeit neue Entwicklungen vorbereiten.“

Wissenschaftlicher Nachwuchs tagt in Hildesheim

Die Tagung „Fachkommunikation – die wissenschaftliche Sicht“ [Programm als PDF] führt am 31. März 2017 Doktorandinnen und Doktoranden der Universität Hildesheim mit erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus nah und fern zusammen. Ziel ist es, für die jungen Wissenschaftler der Fachkommunikation fachliche Kontakte, eine berufliche Vernetzung und Denkanstöße für die eigene Arbeit zu schaffen.

Die Teilnehmerzahl der Tagung ist auf 40 begrenzt. Die Zuhörer kommen aus den Universitäten und Hochschulen in Hannover, Wolfenbüttel, Gießen, Flensburg, Berlin, Essen, Köln, Magdeburg, Merseburg, Würzburg und aus dem belgischen Antwerpen. Auch Teilnehmer aus Unternehmen sind dabei. Die vortragenden Professorinnen und Professoren kommen von den Universitäten Graz und Krems (beides Österreich) und der Hochschule Hannover.

Die Doktoranden der Fachkommunikation promovieren oft neben einer Berufstätigkeit im Unternehmen oder an einer Hochschule. Die in Hildesheim vortragenden Doktoranden kommen von der Volkswagen AG, der Universität Genf (Schweiz), der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur (Schweiz), der Hochschule Flensburg und der Universität Hildesheim. Linda Hujer, Doktorandin an der Universität Hildesheim, untersucht am Beispiel von Volkswagen die „Kommunikative Effizienz von Text und Bild: eine empirische Untersuchung von Werkstattinformationen“. Swenja Schum, Doktorandin an der Universität Hildesheim, befasst sich in ihrer Forschung mit dem Thema „Barrierefreiheit als Herausforderung in der Fachtextübersetzung“.

Kurz erklärt: Übersetzungswissenschaft in Hildesheim

Das Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation bildet weitere Übersetzungsprofis aus: Im Bachelorstudiengang „Internationale Kommunikation und Übersetzen“ lernen Studentinnen und Studenten die Grundlagen des Übersetzens und der internationalen Kommunikation. Nach einem Studienjahr geht der gesamte Jahrgang für ein Semester ins Ausland – etwa nach Mexiko, Spanien, Frankreich, Indien oder in die Türkei. Im Masterstudiengang „Medientext und Medienübersetzung“ spezialisieren sich Studentinnen und Studenten auf Textarbeit in den Medien. Sie untertiteln Filme, übertiteln Theaterstücke und übersetzen Nachrichten und Rechtstexte in Leichte Sprache.

Hildesheimer Studentinnen und Studenten sind übrigens auch bei einem der größten Übersetzungsdienste der Welt tätig: bei der EU-Kommission in Brüssel. Hier tragen sie dazu bei, dass Papiere, Vorlagen und Beschlüsse in 24 Sprachen übersetzt werden. Absolventen des Master-Studiengangs „Internationale Fachkommunikation – Sprachen und Technik“ arbeiten weltweit als Fachübersetzer, technische Redakteure und Experten für mehrsprachige Fachkommunikation für Industrieunternehmen oder für Dokumentations- und Übersetzungsdienstleister.


„Wir machen genau das Gegenteil von literarischen Texten, wir verwenden für jedes Teil das gleiche Wort, arbeiten mit Wortwiederholungen“, sagt Professor Klaus Schubert über die Ausbildung der technischen Redakteure an der Universität Hildesheim. Die Übersetzungswissenschaftlerin Franziska Heidrich hat in Hildesheim „Sprache und Technik“ studiert, ihre Promotion abgeschlossen und arbeitet nun an ihrer Habilitation. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim