Corona – und dann? Bildungssoziologin Prof. Dr. Janna Teltemann im Interview

Monday, 23. August 2021 um 13:30 Uhr

Die Corona-Pandemie wirkt wie eine Lupe, die uns zeigt, wo wir weiterhin mit den Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft stehen, sagt Prof. Dr. Janna Teltemann. Die Bildungssoziologin vom Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim erforscht die Ursachen von Bildungsungleichheit. Das Interview ist Teil der crossmedialen Serie „Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“.

Janna Teltemann forscht und lehrt als Professorin für Bildungssoziologie an der Universität Hildesheim. Foto: privat

Alle Beiträge der crossmedialen Serie
„Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“
finden Sie hier.

Frau Professorin Teltemann, Sie erforschen Ungleichheiten im Bildungsbereich. Worin liegt ihr Erkenntnisinteresse?

Teltemann: Mich interessiert zunächst einmal das Ausmaß von Bildungsungleichheit. Wenn Bildungsungleichheit beobachtet werden kann, dann gilt es zu untersuchen, welche Bereiche betroffen sind und wer konkret benachteiligt wird.

Ich untersuche insbesondere die Ursachen von Bildungsungleichheit, die darin bestehen, dass zum Beispiel Schulen oder das Bildungssystem auf eine bestimmte Weise organisiert sind, die dafür sorgt, dass mehr oder weniger Bildungsungleichheit zu beobachten ist. Ich untersuche, wie Ungleichheit zustande kommt. Wir leben in einer Gesellschaft, die zu guten Teilen auf der Idee basiert, dass jeder, der sich anstrengt, gesellschaftlich attraktive Positionen einnehmen kann – zum Beispiel durch Bildungserfolg. Warum beobachten wir Bildungsungleichheit dennoch vor dem Hintergrund, dass dieses Phänomen nicht gewollt sein kann? Wenn jemand weniger Möglichkeiten hat, weil er oder sie einen Migrationshintergrund oder ein bestimmtes Geschlecht hat, dann sorgt das für einen Konflikt und stört sozusagen die Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Wie würden Sie einer fachfremden Person die Begrifflichkeit „Bildungsungleichheit“ beschreiben?

Teltemann: Es ist bekannt, dass es unterschiedliche Bildungsergebnisse in der Bevölkerung gibt: Nicht alle erreichen das Abitur, nicht alle erreichen einen Studienabschluss. Es gibt zufällige Unterschiede, die sich zum Beispiel nach Talent, Fähigkeiten oder Interessen verteilen. Wenn aber systematische Unterschiede beobachtbar sind, die mit bestimmten Merkmalen von Personen – wie zum Beispiel Geschlecht oder Migrationserfahrung – einhergehen, dann würde ich dies als Ungleichheit bezeichnen.

„Die Schule ist ein Stück weit ein ‚Gleichmacher‘.
Je länger die Schüler*innen zuhause bleiben müssen, desto eher müssen wir wieder davon ausgehen, dass sich die Scheren auseinanderentwickeln.“

Wie blicken Sie als Bildungssoziologin auf die Corona-Pandemie, die uns mittlerweile seit ein eineinhalb Jahren begleitet? Das ist ein langer Zeitraum in den jungen Biografien, die Sie im Blick haben…

Teltemann: Mit großer Sorge und Frustration. Viele Schüler*innen, die lange Zeit nicht regelmäßig zur Schule gehen konnten, mussten dementsprechend mehr Zeit in ihren Elternhäusern verbringen. Diese Elternhäuser sind in unserer Gesellschaft aber zum Teil sehr unterschiedlich ausgestattet im Hinblick auf die Möglichkeiten, die Schüler*innen zu unterstützen. Die Eltern, die im Home Office gearbeitet haben, stöhnten über die Mehrbelastung. Und die Eltern, die nicht im Home Office waren und vor Ort gearbeitet haben, hatten vermutlich noch weniger Zeit, um ihre Kinder zu unterstützen.

Die Forschung hat für Deutschland gezeigt, wie sehr schon im frühen Kindesalter, ab dem Alter von sieben Monaten, die Fähigkeiten und Leistungen der Kinder aus unterschiedlichen Elternhäusern auseinander gehen. In der Schule wird dies nicht aufgehoben, aber die Unterschiede entwickeln sich immerhin nicht weiter auseinander. Das deutet darauf hin, dass die Schule ein Stück weit ein „Gleichmacher“ ist, weil die Kinder dort eher gleichen Bedingungen ausgesetzt sind als zuhause. Je länger die Schüler*innen zuhause bleiben müssen, desto eher müssen wir wieder davon ausgehen, dass sich die Schere weiter öffnet.

„Die Corona-Pandemie hat uns in Bezug auf die Bemühungen für mehr Bildungsgerechtigkeit zurückgeworfen“

Vergleichsstudien zu Schülerleistungen – wie zum Beispiel PISA – zeigen, dass gute Ergebnisse oft mit sozialer Herkunft zusammenhängen.

Teltemann: Wenn man sich die letzten PISA-Studien von 2018 sowie andere Erhebungen anschaut, wird deutlich, dass die Bildungsungleichheit in Deutschland immer noch stark ausgeprägt ist.

Zum Beispiel – das hat PISA immer wieder gezeigt – erkennen wir beim Lesen Kompetenzunterschiede von Schüler*innen im Alter von 15 Jahren. Wenn man Kinder von Eltern, die Berufe wie den des Maurers oder des Bäckers ausüben mit Kindern von Eltern, die Zahnärzte oder Richter sind, vergleicht, dann liegen diese ungefähr 80 Punkte auf der PISA-Skala auseinander. Das entspricht ungefähr zwei Schuljahren. Ebenso haben Akademiker*innen-Kinder im Vergleich zu Kindern von Nicht-Akademiker*innen nach wie vor eine dreimal so hohe Chance ein Studium aufzunehmen. In den letzten 20 Jahren haben wir versucht da besser zu werden, aber die Corona-Pandemie hat uns zurückgeworfen.

Seit Frühjahr 2020 konnten Kinder und Jugendliche nicht mehr anhaltend im schulischen Lernbetrieb lernen. Hat die COVID-19-Pandemie die Ungleichheiten möglicherweise verstärkt? Wie werden in der Bildungssoziologie diese Entwicklungen erfasst?

Teltemann: Es gibt mehrere Studien, die in Deutschland in den letzten 20 Jahren eingeführt worden sind, um regelmäßig den Entwicklungsstand und Kompetenzstand der Schüler*innen zu sammeln und nachzuweisen. Zum Beispiel die sogenannten Bildungstrends, Ländervergleiche und Studien wie PISA und IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung). Die Studien finden nicht so häufig statt, sodass keine kurzfristigen Ergebnisse vorliegen. Es liegen außerdem kleinere Studien vor wie zum Beispiel Befragungen von Lehrkräften und Studien aus anderen Ländern, auf die wir unsere Forschung stützen.

Um die Bedeutung des Schulbesuchs zu untersuchen, können zum Beispiel Kompetenztests mit Schüler*innen vor den Sommerferien, nach diesen Ferien und einige Wochen nach Beginn des Schulbetriebs durchgeführt werden. Solche Studien gibt es zum Beispiel in den USA und sie zeigen, dass über die großen Ferien alle Kinder weniger lernen – aber das Dazugelernte sich zwischen den verschiedenen Schichten unterscheidet. Die Ungleichheit wird also durch die unterschiedlichen Lebenssituationen erzeugt.

Von all dem, was wir bereits aus unseren bisherigen Befunden wissen, können wir sehr plausibel herleiten, was wir in den nächsten ein oder zwei Jahren in den großen Studien wie PISA und IGLU sehen werden: Es werden sich im Zuge der COVID-19-Pandemie verstärkt Ungleichheiten ausgebildet haben.

Was können wir aus Perspektive der Bildungssoziologie aus dieser Pandemie lernen?

Teltemann: Wir haben leider gelernt, dass Familie, Kinder und Bildung zumindest nicht an vorderster Stelle stehen. Das Wechselmodell oder Schulschließungen sind sehr frustrierend – für die Eltern und die Kinder, aber auch aus Sicht der Bildungssoziolog*innen.

Es ist vielsagend, dass schon lange nicht flächendeckend daran gearbeitet wurde, Konzepte für die Schulen zu entwickeln, die verhindern können, dass Lerndefizite und insbesondere die Ungleichheit in diesem Maße auftreten. Abgesehen von dem verpassten Lernstoff wurden den Jugendlichen und Kindern im Lockdown vielfältige Erfahrungsräume und Teilhabemöglichkeiten genommen und viel zu wenig anerkannt, auf was sie verzichten mussten.

Für Kinder und Jugendliche wurden Einschränkungen in wichtigen Phasen ihrer sozialen, körperlichen und persönlichen Entwicklung getroffen. Über längere Zeiträume mussten sie in ihrem Alltag auf Aktivitäten und Erfahrungen verzichten, die für die Herausbildung von unterschiedlichen Fähigkeiten unabdingbar sind. Neben den ausgefallenen Lerngelegenheiten, die Prüfungs- und Zukunftsängste zum Teil deutlich erhöht haben, dürfen wir die Folgen für die psychosoziale Entwicklung nicht vergessen. Verschiedene Studien haben zum Beispiel die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten, Ängsten und Symptomen von Depression unter Kindern und Jugendlichen feststellen können.

Es ist meiner Meinung nach noch nicht abzusehen, was das zum Beispiel für das zukünftige politische und gesellschaftliche Engagement der jüngeren Generationen, aber auch ihre psychische und physische Gesundheit und ganz allgemein ihre gesellschaftliche Teilhabe bedeutet.

„Das ist das eigentliche Ziel von Bildung:
Wir bilden unsere Kinder, damit sie eigenständig an der Gesellschaft teilhaben können“

Was gilt es zu beachten für die Zeit nach Corona? Wie gehen wir als Gesellschaft mit dieser Situation um? Beobachten Sie Wege, die Ungleichheit in Bildungseinrichtungen auszubalancieren?

Teltemann: Es gibt viele Konzepte und Maßnahmen, die versuchen, konkret an den verpassten Lerngelegenheiten und den nicht erworbenen Kompetenzen anzusetzen. Es wird über Nachhilfe an den Wochenenden oder in den Ferien diskutiert und darüber gesprochen, Kindern das Wiederholen eines Schuljahrs zu ermöglichen. Ich möchte das nicht herunterspielen, es gibt viele Kinder, für die das wichtig und hilfreich sein kann, zum Beispiel verspätet eingeschult zu werden. Die Verlängerung eines Schuljahrs für alle – oder die flächendeckende Wiederholung einer Klassenstufe ist allein mit Blick auf das Lehrpersonal gar nicht stemmbar.

Es muss jetzt neben dem Nachholen von Lernstoff aber auch mehr daran gedacht werden, wie man die jüngeren Generationen auch jenseits von der Schule wieder adressiert und miteinbezieht. Es geht doch langfristig darum, dass ihre gesellschaftliche Teilhabe gesichert ist.

Das ist das eigentliche Ziel von Bildung: Wir bilden unsere Kinder, damit sie eigenständig an der Gesellschaft teilhaben können. Und wenn das unser Ziel ist und die Schüler*innen ein halbes oder ganzes Schuljahr verloren haben und ihre Teilhabe gefährdet ist, kann das auch auf andere Weise als mit „Nachsitzen“ kompensiert werden. Zuallererst könnte man die Kinder und Jugendlichen ansprechen: „Ihr habt ganz viel erdulden müssen und beigetragen und ihr werdet noch mit den langfristigen Folgen zu tun haben. Wir sehen das und wir versuchen euch dabei zu helfen. Und wir möchten euch zuhören und euch in die Bewältigung dieser Folgen mit einbeziehen.“

An der Universität Hildesheim haben wir die FuNah-Initiative des Teams um Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Vera Volkmann. Das Projekt kombiniert das Lernen mit weiteren Angeboten, in diesem Fall mit dem Sport. Aus Sicht der Bildungssoziologie ist diese Kombination möglicherweise ein gewinnbringender Ansatz, wie man Kinder wieder aus dieser schwierigen Situation herausholen kann.

Teltemann: Dies sind Projekte, die Kinder über die Vermittlung von Sachinhalten hinaus in ihrer Persönlichkeit stärken. Motivation und das eigene Selbstbild sind ganz wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen, daher sind solche Projekte enorm wichtig.

Wir haben hier am Institut für Sozialwissenschaften auch Forschungen zu dem Konzept einer „Generation Corona“. Der Gedanke bei der Generationsforschung ist, dass eine bestimmte Altersgruppe eine lebenslange Prägung durch einschneidende gesellschaftliche Entwicklungen erfährt. Und wenn wir uns klar machen, was jetzt in die verschiedenen Altersgruppen an prägenden Erfahrungen eingeschrieben ist, dann müssen wir uns damit beschäftigen. Das fängt zum Beispiel damit an, dass wir uns die Frage stellen müssen: Was haben diese jungen Leute jetzt für eine Erfahrung von Solidarität gemacht? Sie haben sich oft sehr solidarisch verhalten, haben aber nicht unbedingt erfahren, dass das anerkannt wird. Das sind Generationen, auf die wir in den nächsten Jahrzehnten als Gesellschaft angewiesen sind, deshalb ist es wichtig, sich mit diesen Erfahrungen und Folgen auseinanderzusetzen.

Sie befassen sich in ihrer Forschung international vergleichend mit den Eigenschaften von Bildungssystemen, etwa im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „SysteMig – Bildungssysteme und migrationsspezifische Bildungsungleichheit: Harmonisierung von Kontextdaten aus internationalen Schulleistungsstudien zur Analyse von Bildungssystemeffekten auf die Entwicklung migrationsspezifischer Kompetenzungleichheiten“ (2020-2023).

Ein Ergebnis Ihrer Forschung sattelt auf der Erkenntnis auf, dass der Schlüssel zur Integration eine erfolgreiche Bildungsbeteiligung sei. Gilt dies in der Corona-Pandemie mehr als zuvor? Wie blicken Sie auf Ihre Forschungsergebnisse aus dem DFG-Projekt vor dem Hintergrund der Pandemie und der Auswirkungen auf die Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen?

Teltemann: Es hat sich immer wieder gezeigt, dass Bildung ein wichtiger Schlüssel zur Integration sein kann. Das ist ein Forschungsergebnis, auf dem wir aufsatteln. Es geht in unserer Forschung um die Frage, inwiefern Bildungssysteme dazu beitragen, dass wir mehr oder weniger Bildungsungleichheit beobachten. Auch arbeiten wir daran, solche Fragestellungen mit internationalen Datensätzen noch besser beantworten zu können. Wir werten dafür Datensätze aus den letzten 20 Jahren neu aus. Insofern sind wir in unserer Forschung nicht direkt mit Corona in Kontakt.

„Die Corona-Pandemie wirkt wie eine Lupe, die uns zeigt, wo wir weiterhin mit den Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft stehen.“

Welche Forschungsfragen werden Sie weiter verfolgen?

Teltemann: Wir haben uns aktuell eine andere Dimension von Bildung als die üblichen Kompetenzen angeschaut: Mit welchen Einstellungen und Erfahrungen lernen Schüler*innen? Fühlen sie sich in der Schule gut aufgehoben und der Schule zugehörig? Negative Erfahrungen in diesem Bereich können dazu führen, dass Schüler*innen die Schule eher abbrechen oder sich gegen eine weiterführende Schulkarriere entscheiden. Beobachten wir auch hier Ungleichheiten, die mit den familiären Hintergründen der Kinder zusammenhängen und ist das somit möglicherweise eine weitere Quelle von Bildungsungleichheit?

Das große Problem, mit dem wir im Bereich Bildung im internationalen Vergleich konfrontiert sind, ist, dass keine längsschnittlichen Studien vorliegen, was der „Goldstandard“ ist, um Aussagen über den Einfluss von Bildungssystemen treffen zu können. In unserem DFG-Projekt versuchen wir daher, uns diesem Goldstandard anzunähern, indem wir die bestehenden Daten aufarbeiten, über die Zeit vergleichbar machen und auf spezielle Weise neu auswerten.

Wenn man sich mit den vielfältigen Bildungsungleichheiten befasst, kann man feststellen, dass Corona wie eine Lupe gewirkt hat – insbesondere zum Beispiel bei der Geschlechterungleichheit. Corona hat uns sehr konkret gezeigt, wie Lebenschancen und Belastungen verteilt sind. Insofern wäre das einzig Optimistische über Corona aus meiner Sicht zu sagen, dass die Pandemie vielleicht das gesellschaftliche Bewusstsein in diese Richtung verstärkt hat – was hoffentlich das Bemühen um mehr Chancengleichheit verstärkt.

Frau Professorin Teltemann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Isa Lange.


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