Chancengleichheit und frühkindliche Bildung

Saturday, 16. June 2012 um 15:38 Uhr

Ein Gespräch mit dem Hildesheimer Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Cloos. Er ist Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen der Universität Hildesheim, das im Beisein des niedersächsischen Kultusministers in einem Festakt am 29. Juni sein fünfjähriges Bestehen feiert.

Alle Kinder sollen die gleichen Chancen auf Bildung haben – haben Sie diese?

Nein, das haben sie nicht. Kinder haben nicht nur sehr unterschiedliche Chancen auf Bildung, sondern haben auch sehr ungleichen Zugang zu ökonomischen und sozialen Ressourcen.

Und wie äußert sich diese Chancenungleichheit? Welche Faktoren bestärken die Ungleichheit in den Bildungschancen, gerade bei den Unter-Zehnjährigen?

Kinder gehören zu den sozio-ökonomisch benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft, die Armutsrate ist bei Kindern in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen. Erst in den letzten Jahren hat sich diese Kurve wieder abgeflacht. Insbesondere Kinder in kinderreichen Familien und von Alleinerziehenden haben ein erhöhtes Armutsrisiko. Je jünger die Kinder sind, desto eher sind sie von Armut betroffen. Und Kinderarmut ist eng an die soziale Herkunft der Eltern gekoppelt. Lange vor PISA wurde festgestellt, dass die Bildungschancen von Kindern in erheblichem Maße durch ihre soziale Herkunft bestimmt sind.

Sind die Erwartungen, die wir an Kindertageseinrichtungen stellen – insbesondere im Hinblick auf die Chancengleichheit –  erfüllbar? Wer besucht denn die Kita?

Nach PISA wird an das frühkindliche Betreuungssystem zunehmend mehr die Erwartung herangetragen, dass es dazu beitragen soll, soziale und bildungsbezogene Ungleichheiten zu kompensieren. Tatsächlich wissen wir empirisch noch nicht viel darüber, wie gut dies hier gelingt.

In einer Expertise für die Hans-Böckler-Stiftung – die wir im Kontext des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen unter Federführung von Meike Sophia Baader zum Thema „Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung aus der Perspektive sozialer Ungleichheit“ erarbeitet haben – konnten wir den Stand der Forschung aufarbeiten. Die Ergebnisse: Nicht alle Kinder haben die gleiche Chance, Bildung, Erziehung und Betreuung einer Kindertageseinrichtung nutzen zu können. Je höher der Bildungsabschluss der Eltern ist, desto eher besucht das Kind eine Kindertageseinrichtung. Auch Kinder mit Migrationshintergrund nutzen seltener dieses Angebot. Hier muss jedoch mit der Interpretation der Daten sehr vorsichtig umgegangen werden, denn die einzelnen Migrationsgruppen unterscheiden sich in erheblichem Maße. Außerdem scheint der Faktor Bildungsabschluss ein höheres Gewicht zu haben als der Faktor Migrationshintergrund.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass alle Kinder von dem Besuch einer Kindertageseinrichtung profitieren. Die wenigen Daten, die für Deutschland vorliegen, deuten zumindest darauf hin, dass ein längerer Kindergartenbesuch die Chancen erhöht, ein Gymnasium zu besuchen. Das heißt jedoch nicht, dass hierdurch Ungleichheiten kompensiert würden. Im Gegenteil: Einige Studien weisen darauf hin, dass sich die Ungleichheiten eher verstärken, weil Kinder aus Familien mit besseren Ausgangsbedingungen in weitaus höherem Maße von Angeboten der Kindertagesbetreuung profitieren. Wir müssen sehr vorsichtig mit der Interpretation dieser Ergebnisse umgehen. Die Datenlage in Deutschland ist mehr als unzureichend. Wir wissen nicht, wie im Alltag der Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern vor der Schule Ungleichheiten kompensiert oder sogar verstärkt werden.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Tanja Betz von der Goethe-Universität in Frankfurt haben Sie die erste große Fachtagung in der Bundesrepublik zum Thema „Kindheit und Profession“ im März durchgeführt. Wie erklären Sie sich – auch historisch – dass das Forschungsfeld der Kindheitspädagogik erst in den letzten Jahren angemessene Beachtung findet?

Die Tagung war ein großer Erfolg, ein Forum, auf dem wir Grundfragen einer kindheitspädagogischen Professionsforschung weiterentwickeln konnten. Die Frage, warum das Forschungsfeld der Kindheitspädagogik in Deutschland vor PISA so wenig Beachtung gefunden hat, hängt sicherlich mit den historischen Entwicklungen von Betreuungssystemen, wie sie zum Beispiel Kirsten Scheiwe als Mitglied des Kompetenzzentrums im europäischen Vergleich herausgearbeitet hat, zusammen. Entscheidend ist heute sicherlich, dass die Frage nach dem angemessenen System frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung in Zusammenhang auch mit ökonomischen Faktoren gesehen wird: der demografische Wandel, die Sicherung von Arbeitsplätzen für Frauen, die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Die gesellschaftlichen Ansprüche an die Erziehung und Betreuung der Jüngsten haben sich stark gewandelt, welche Erwartungen werden Kindertagesstätten und Erzieherinnen und Erzieher heute gerichtet?

Ja, mit der erhöhten Aufmerksamkeit wuchsen auch die Erwartungen – jedoch ohne dass sich viel an den Rahmenbedingungen vor Ort verbessert hat. Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen stehen unter erhöhtem Professionalisierungsdruck. Sie sollen Bildungsexperten für unterschiedlichste Bildungsbereiche sein, sie unterstützen – vernetzt mit der Schule und anderen Institutionen und in Zusammenarbeit mit den Eltern – die Bildung und Erziehung der Kinder. Sie sollen Beobachtungs- und Diagnoseverfahren anwenden, aufmerksam und sensibel das Wohlergehen, die Bedürfnisse und Interessen der Kinder beachten. Sie sind Partizipations-, Kinderschutz-, Pflege- und Gesundheitsexperten. Sie gestalten positive Rahmenbedingungen für das Aufwachsen aller Kinder. Sie arbeiten in multiprofessionellen Teams und bilden sich ständig fort. Das machen die Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen mit hohem Engagement.

Mittlerweile wächst aber auch der Unmut. Was sollen sie noch alles tun auf Grundlage einer geringen Bezahlung, mit wenig Vorbereitungszeit, geringer gesellschaftlicher Anerkennung und geringen Aufstiegschancen?

Und wie können Erzieherinnen und Erzieher diesen Erwartungen begegnen? Wie müssen sie vorbereitet werden?

Aus der Forschungsperspektive geht es zunächst darum, die bestehenden Wissenslücken zu schließen. Zum Beispiel: Welche kognitiven Kompetenzen haben Kinder im Übergang vom Kindergarten in die Grundschule? Dies untersucht zurzeit Claudia Mähler als Mitglied des Kompetenzzentrums und des Forschungsverbundes frühkindliche Bildung und Entwicklung Niedersachsen. Vanessa Reinwand fragt zum Beispiel, wie in Zusammenarbeit von Fachkräften und Künstlern in Kindertageseinrichtungen ästhetische Bildung im Übergang zur Grundschule gelingen kann. Peter Frei und Katrin Hauenschild untersuchen mit einem Kletter- und Umweltturm wie Kinder dabei gefördert werden können, körperlich-sportive mit eigenständig erfahrbaren Umweltphänomenen zu verknüpfen.

Aus meiner Perspektive sollten wir nicht nur die Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen, sondern das gesamte System der Bildung, Erziehung und Betreuung von jungen Kindern in den Blick nehmen. Es geht ebenso um die Weiterentwicklung der Weiterbildung und der Ausbildung, sowohl im Bereich Fachschule und Hochschule, um die Verbesserung der Rahmenbedingungen und um die Stärkung der Organisationen durch die Professionalisierung von Fachberatung, durch Qualitäts- und Konzeptentwicklung.

Wir müssen zudem die Gesamtheit der Einrichtungen und Angebote anschauen, die Familien und Kinder neben Kindertageseinrichtungen nutzen. In einem von Wolfgang Schröer geleiteten Projekt wird in diesem Sinne von einem „Educational Mix“ gesprochen. Und wir können untersuchen, wie sich die Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern verändern, wie Startchancen für alle Kinder verbessert werden können. 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Festakt am 29. Juni 2012: Fünf Jahre Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Cloos ist Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen der Universität Hildesheim. Im Rahmen eines Festakts am 29. Juni 2012 anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Kompetenzzentrums sollen die erzielten Forschungsergebnisse erstmals kompakt einem interessierten Publikum aus Politik, Wissenschaft und Fachpraxis vorgestellt werden. Niedersachsens Kultusminister Dr. Bernd Althusmann wird den Festakt mit einem Grußwort eröffnen.

Das Zentrum hat sich seit seiner Gründung 2007 durch Prof. Dr. Baader, Prof. Dr. Cloos und Prof. Dr. Schröer zu einem interdisziplinären Forschungszentrum mit acht Forschungseinheiten aus fünf Instituten entwickelt. Es ist überregional in Deutschland und Niedersachsen aktiv.