Bildungswege nach der Flucht: Sprachkurs bereitet auf das Studium vor

Friday, 25. November 2016 um 18:19 Uhr

Auf dem Weg in das Studium: Während sich die ersten Studieninteressierten ihre sprachprüfung absolvieren, starten drei weitere Sprachkurse. Die Universität, die Hochschule HAWK und die Volkshochschule kooperieren und unterstützen junge Erwachsene dabei, ihre Bildungswege in Deutschland fortzusetzen.

Ein Team um Anna Pulm (rechts) vom International Office der Universität Hildesheim berät junge Erwachsene auf ihrem Weg an die Universität. Viele haben in ihrem Heimatland bereits studiert und möchte nun Studium fortsetzen. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Die Universität Hildesheim, die Hochschule HAWK und die Volkshochschule Hildesheim haben in einer Feierstunde die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Intensivsprachkurses verabschiedet. In den letzten Monaten haben sich 15 junge Erwachsene täglich auf eine Sprachprüfung vorbereitet, mit dem Ziel, ein Studium aufzunehmen. Alle Kursteilnehmer sind Gasthörer und können im Wintersemester Fachveranstaltungen belegen und erste Credits erwerben. Derzeit warten sie auf die Ergebnisse ihrer Sprachprüfung. „Wir unterstützen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Weg, sich für ein reguläres Studium zum Sommersemester 2017 oder Wintersemester 2017/18 zu bewerben und sich um ihre Studienfinanzierung zu kümmern“, sagt Anna Pulm, Mitarbeiterin im International Office.

Nun starten 60 neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei zehn- bzw. sechsmonatigen Sprachkursen. Erstmals arbeiten die HAWK und die Universität hierbei mit der Volkshochschule zusammen. Die Absolventen aus dem ersten Jahrgang sollen nun zu Paten der neuen Kursteilnehmer werden und ihre Erfahrungen teilen. „Sie haben erfahren, wie es an deutschen Hochschulen aussieht und können den ‚Neuen‘ helfen, natürlich auch durch ihre Sprachkenntnisse“, sagt Frauke Drewes von der HAWK.

Die Grundlage der Zusammenarbeit zwischen der Universität Hildesheim, der Hochschule HAWK und der Volkshochschule ist das gemeinsame Interesse, die jungen Erwachsenen darin zu unterstützen, ihre Bildungsbiografien in Deutschland fortzusetzten. Dazu sollen durch passende Beratungs- und Weiterbildungsangebote Brücken in das deutsche Bildungssystem gebaut werden, sagt Alexey Ponomarev von der Volkshochschule. Diesem Zweck dient das vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Projekt „Intensivsprachkurse (Deutsch) für höherqualifizierte Flüchtlinge“, so Ponomarev. Das Ziel dieser Arbeit seiist, dass die Teilnehmer nach der Qualifizierungsmaßnahme das für eine Ausbildung oder Hochschulstudium erforderliche Sprachniveau erreichen, eine klare Berufs- und Bildungsperspektive haben und die dafür erforderlichen Kompetenzen erlangen.

 

Nachgefragt

„Ich habe viel Zeit verloren und möchte endlich wieder lernen“

Majed, möchte an der Universität in Hildesheim Informatik studieren. Er hat sich sechs Monate lang täglich im Intensivsprachkurs auf eine Sprachprüfung vorbereitet. Nun wartet er auf die Ergebnisse der Prüfung.

„Ich habe Informatik studiert. Ich möchte wieder Informatik studieren, weil ich mein Studium in Syrien nicht fortsetzen konnte. Ich habe viel Zeit verloren und möchte endlich wieder lernen“, sagt Majed.

„Die Universität in meiner Heimatstadt ist groß, die Universität in Hildesheim ist klein. Ich finde das gut. Ich persönlich habe einen Plan, Schritt für Schritt: Erst muss ich die deutsche Sprache besser sprechen und schreiben. Ich möchte gut in der Sprache sein. Dann möchte ich mein Studium abschließen und einen Beruf finden. Ich habe zufällig über eine Freundin von dem Intensivsprachkurs erfahren – das ist ein großes Glück. Das Uni-Angebot ist selten, ich kenne viele Freunde, die keinen Sprachkurs machen und sich nicht auf ein Studium vorbereiten können. Ich mache mir aber Sorgen, wie ich mein Studium finanzieren kann. Wir gehen Ende August mit den Uni-Mitarbeiterinnen zur Beratung vom Studentenwerk. Außerdem lerne ich hier: Wie kann ich die Bibliothek benutzen? Wie kann ich Bücher ausleihen?“ Majed lebt seit eineinhalb Jahren in Deutschland.

„Das war ein Glück, dass ich von diesem Sprachkurs erfahren habe“

Sajadeh, 31, möchte Grundschullehramt studieren, bereitet sich im Intensivsprachkurs in Hildesheim auf das Studium vor.

„Der Aufwand lohnt sich“, sagt Sajadeh. Täglich fährt die 31-Jährige vier Stunden – zwei hin, zwei zurück. 05:30 Uhr, eine kleine niedersächsische Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern, Sajadeh steigt in einen Bus ein – weiter geht es über Hannover bis nach Hildesheim. Ihr Ziel: der Sprachkurs an der Universität.

Zum Sprachkurs gehört auch ein Programm zur Studienvorbereitung an der Universität, eine individuelle Beratung zu Themen wie Bewerbung, Finanzierung und Stundenplangestaltung. Außerdem gehören Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten, Treffen mit Studierenden und Ausflüge dazu.

Sajadeh interessiert sich für Bildungswege von Kindern und Jugendlichen und möchte in der Zukunft in einer Bildungseinrichtung arbeiten. „Ich möchte unbedingt weiter studieren. Das war ein Glück, dass ich von diesem Sprachkurs erfahren habe. Ich habe ein Praktikum an einer Grundschule in Hannover gemacht. Ich möchte Lehrerin werden und an der Universität in Hildesheim Grundschullehramt studieren.“ Sajadeh lebt seit fast drei Jahren in Deutschland.

„Es ist schön, wieder zur Universität zu gehen“

Nareen, 24, bereitet sich auf das Studium der Informatik und Mathematik an der Universität in Hildesheim vor. Seit ihrer Kindheit ist sie fasziniert von der Logik der Mathematik.

Als Nareen vor eineinhalb Jahren in Hildesheim ankam, war der Wunsch groß, wieder zu lernen. Die 24-Jährige hat in ihrer syrischen Heimatstadt sechs Semester an der dortigen Universität studiert. „Wegen des Krieges konnte ich das Studium nicht fortsetzen.“ Seit dem ersten Tag in Deutschland denkt sie darüber nach, wie sie wieder die Verbindung zum akademischen Alltag aufnehmen kann.

Seit dem Frühjahr geht Nareen zur Universität in Hildesheim, besucht jeden Tag mit weiteren Studierenden einen Intensivsprachkurs. „Ich gehe zu Grundlagen-Vorlesungen in Informatik und Mathematik. Es ist schön, wieder zur Uni zu gehen“, sagt Nareen. „Jeder hat ein Ziel, man muss sich bemühen, um sein Ziel zu erreichen.“ Beruflich interessiert sie sich für Mathematik und IT, sie höre aber auch gerne Musik. „Wenn ich Musik höre, dann bin ich in einer anderen Welt. Ich mag klassische, ruhige Musik, ich vergesse dann alle Sorgen“, sagt Nareen.

Wie sie die Uni gefunden hat? In einem Beratungsgespräch hat ein Mitarbeiter des Migrationsvereins Asyl e.V. von Nareens Wunsch erfahren und den Kontakt zur Uni hergestellt. „Wir sind mit der Universität vernetzt, wir bauen in Hildesheim eine akademische Willkommenskultur auf“, sagt Daoud Naso von Asyl e.V.

Wege in die Universität

Studium am Center for World Music

Aufzeichnungen: Isa Lange

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de).