Asylpolitik auf der Bühne

Saturday, 01. June 2013 um 13:39 Uhr

Während der Integrationsgipfel in Berlin sich mit Migranten auf dem Arbeitsmarkt befasst, holt das Türkisch-Deutsche Theater in Hildesheim die Asylpolitik auf die Bühne. Seit 20 Jahren befassen sich Studierende der Uni Hildesheim und Bürger mit und ohne Zuwanderungsgeschichte mit dem Alltag in Einwanderungsländern. Ein Blick in den Probenraum eines der längsten freien Theaterprojekte in Niedersachsen. Und Forscher monieren: „Die integrative Kraft von Kunst und Kultur wird zu wenig erkannt. Politik gewährt ihr nicht die angemessene Beteiligung."

Meltem Esentac und Rahna Abraha haben das Grundgesetz durchforstet, mit Integrationslotsen, Politikern, Abschiebebegleitern und Asylsuchenden gesprochen.

Die deutsche Asylpolitik steht auf der Bühne, 20 Jahre nachdem 1993 die Drittstaatenregelung für Asylbewerber eingeführt wurde. Dafür wurden Interviews geführt – mit Integrationslotsen, Lehrern von jungen Asylsuchenden, mit Vertretern des Flüchtlingsrats, Politikern, Abschiebebegleitern, Lehrern für Deutsch als Fremdsprache und mit Asylsuchenden. Aus diesen Begegnungen und den persönlichen Biographien haben die 20- bis 65-jährigen Macher des Türkisch-Deutschen Theaters das künstlerisch-dokumentarische Stück „Das Grundgesetz sehr sehr frei nach...“ entwickelt. Die Premiere ist am 30. Mai, weitere Theaterabende folgen im Juni.

„Das Grundgesetz ist eine Arbeitsgrundlage für unsere Produktion. Wir haben Stellen über Einwanderung mit Beispielen aus der Realität verknüpft“, sagt Isabel Schwenk. Die Kulturwissenschaftsstudentin an der Universität Hildesheim leitet gemeinsam mit Lara-Joy Hamann das Türkisch-Deutsche Theater. „Der Schutz der Familie steht im Gesetz. Familien werden auseinandergerissen. Wie passt das zusammen?“ Psychologiestudentin Azime Bekil ergänzt: „Wir diskutieren auf der Bühne auch Vorurteile gegenüber Deutschen, ihre Pünktlichkeit, Genauigkeit und die häufig als kühl empfundene Art.“ Rene Basse sagt: „Vor allem setzen wir uns in Beziehung zu dem, was wir da sagen. Es sind unsere Geschichten, die wir auf der Bühne erzählen.“ Der Landwirtschaftstechniker ist erstmals dabei.

Die Zuschauer erleben Stationen der Asylsuche und springen zwischen Lagerhalle und Bürotrakt. „Die Spieler nehmen ihre Familienmitglieder und den Zuschauer an die Hand und laufen los. Du wirst vor die Entscheidung gestellt, ob du deinen Pass zeigst oder Gerüchten glaubst und ihn lieber verschwinden lässt. Du wirst über Stacheldrahtzäune und Abgründe zwischen Eltern und ihren Kinder springen. Du wirst durch deutsche Gesetzesbücher und bürokratische Räume laufen, entscheiden müssen, welchen Weg du wählst. Dein bester Freund wird einen anderen Abend erleben als du. Deine Oma auch“, kündigt Isabel Schwenk an.

Wie reagieren Theaterhäuser und Kulturinstitutionen auf Zuwanderung? „Publikum, Produktionen und Personal müssen widerspiegeln, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Vorbilder können freie Bühnen sein – wie zum Beispiel das Türkisch-Deutsche Theater", sagt Wolfgang Schneider, Kulturpolitikprofessor an der Universität Hildesheim, und moniert: „Die integrative Kraft von Kunst und Kultur wird zu wenig erkannt. Politik gewährt ihr nicht die angemessene Beteiligung.“ Das Institut für Kulturpolitik untersucht im Forschungsschwerpunkt „Theater und Migration“ Strukturveränderungen im europäischen Theater.

Das Türkisch-Deutsche Theater hat sich bundesweit gegen 60 Mitbewerber durchgesetzt und wird gefördert über den Bund Deutscher Amateurtheater aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. „Besonders spannend ist, dass die Zuschauer mit entscheiden, wie es weiter geht auf dem Weg zur Aufenthaltsgenehmigung. So kann Theater zu einer Plattform werden, um über Politik nachzudenken“, lobt die Jury.

„Das Grundgesetz sehr sehr frei nach...“

Premiere am 30. Mai um 20:00 Uhr. Weitere Vorstellungen: 1./.2.Juni und 7./.8./.9. Juni, jeweils um 20:00 Uhr. Veranstaltungsort ist der Stammelbachspeicher (Wachsmuthstraße 19, Hildesheim).

Von und mit: Rahua Abraha, Imke Bachmann, René Basse, Azime Bekil, Denise Biermann, Mehmet Çetik, Arzu Çetin, Neclâ Eberle-Erdógan, Meltem Esentaç, Johannes Felbermair, Annemarie Fülling, Lara-Joy Hamann, Derya Kaptan, Manuel Melzer, Simon Niemann, Michael Reinhold, Manuel Rodríguez Nuñez, Paul Röwert, Isabel Schwenk, Jan Siefer, Benjamin Wenzel, Markus Wenzel, Matthias Wieprecht.

Info: Türkisch-Deutsches Theater

Das Türkisch-Deutsche Theater wird seit 1990 von Studierenden der Universität Hildesheim und Bürgern aus der Region Hildesheim geleitet und ist damit eines der längsten freien Theaterprojekte in Niedersachsen. Damals wollten sie einen Raum schaffen, um künstlerisch „über das Verhältnis von Einheimischen und Fremden“ nachzudenken, indem sie die „Probleme und Möglichkeiten des Zusammenlebens“ darstellten, so der Gründer und Regisseur Sebastian Nübling. Während in den Anfangsjahren Integration direkt auf der Bühne behandelt wurde, findet sie inzwischen ganz praktisch hinter der Bühne statt. „Wir sind extrem gemischt: Männer, Frauen, Ältere, Jüngere, unterschiedliche Berufsgruppen und eben auch Herkunftsländer“, sagt Arzu Çetin. Die 21-jährige Studentin der Universität Hildesheim gehört zu den 20- bis 65-jährigen Schauspielern, die unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe mitbringen. „Aus der Freude am Theater spielen haben sich enge Freundschaften gebildet.“ Jeden Montagabend finden die Proben auf der Studiobühne der Uni Hildesheim statt.

Kontakt über die Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 0177.8605905, 05121.883-102).


„Es sind unsere Geschichten, die wir auf der Bühne erzählen.“ Neclâ Eberle-Erdógan spielt seit 20 Jahren beim Türkisch-Deutschen Theater. Fotos: Andreas Hartmann